Sonntag, 20. August 2017

Generation 60+ im Straßenverkehr: Medikamente und körperliche Defizite häufig Unfallursache

Senioren sind nicht automatisch ein Verkehrsrisiko

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Archivbild

 

Rhein-Neckar, 30. April 2013. (red/ae/aw) Wer F√ľhrerschein und Auto besitzt, ist mobil, unabh√§ngig – und diese Unabh√§ngigkeit wird ungern wieder aufgegeben. Denn Mobilit√§t bedeutet Lebensqualit√§t. Dies gilt auch f√ľr Seniorinnen und Senioren. Doch ab wann ist man zu alt zum Autofahren und sollte die Autoschl√ľssel lieber liegen lassen? Erst gestern verursachte ein 82-j√§hriger Falschfahrer auf der A81 einen Unfall. Er und ein 40 Jahre alter Mann kamen dabei ums Leben. Statistiken zeigen: Es gibt mehr √§ltere Teilnehmer im Stra√üenverkehr, doch ein erh√∂htes Risiko f√ľr Unf√§lle gibt es deshalb nicht unbedingt.

Von Alina Eisenhardt

26. April 2013, Gestern Abend gegen 19.30 Uhr ereignete sich auf der B37 ein Verkehrsunfall, als eine Seniorin das Rotlicht missachtete. Insgesamt wurden f√ľnf Personen verletzt, zwei davon schwer. Es entstand ein Sachschaden von ca. 19.000 Euro.

06. Juli 2012, Ilvesheim: Ein fast 90-j√§hriger Rentner √ľberf√§hrt bei der Ausfahrt aus der Tiefgarage versehentlich seine Frau und verletzt sie schwer.

04. September 2012, Mannheim-Friedrichsfeld: Ein 70-jähriger PKW-Fahrer kommt von der Fahrbahn ab und durchbricht das Tor zu einem Kfz-Handel. Bevor er zum Stillstand kommt, beschädigt er dort mehrere Fahrzeuge, einen Verkaufscontainer, einen Pavillon und eine Hauswand. Der entstandene Sachschaden wird auf mehrere zehntausend Euro geschätzt.

Wir lesen t√§glich die Polizeiberichte und irgendwie stellt sich das Gef√ľhl ein, dass Unf√§lle durch √§ltere Verkehrsteilnehmer zunehmen. Ist das so?

Unf√§lle der √ľber 65-J√§hrigen: Unterproportionale Unfallbeteiligung

Laut der Statistik ‚ÄúUnf√§lle von Senioren im Stra√üenverkehr 2011‚Äú des Statistischen Bundesamtes l√§sst sich das wachsende Verkehrsaufkommen in Deutschland – bei etwa gleichbleibender Bev√∂lkerung – unter anderem darauf zur√ľckf√ľhren, dass auch Senioren im Alter von 65 und mehr noch mobil sind. Als Beteiligte an Unf√§llen mit Personenschaden hatten die √ľber 65-J√§hrigen 2011 trotz erh√∂hter Mobilit√§t aber nur einen Anteil von 11,8 Prozent. Das ist eine unterproportionale Unfallbeteiligung, denn ihr Anteil an der Gesamtbev√∂lkerung liegt derzeit bei fast 21 Prozent.

Senioren sind häufig durch körperliche Defizite, wie zum Beispiel Hör- und Sehschwächen sowie verminderte Reaktionsfähigkeit, eingeschränkt. Oft jedoch kompensieren sie dies durch größere Erfahrung und eine vorsichtigere Fahrweise. So werden zum Beispiel Fahrten bei Nacht oder bei schlechten Wetterbedingungen von vielen älteren Autofahrern gemieden.

Vorausgesetzt, die Betroffenen erkennen ihre Defizite, sind Senioren also per se kein Risikofaktor im Verkehr.

Eher Opfer statt Verursacher

Im Gegenteil: Oft sind √§ltere Menschen nicht die Unfallverursacher, sondern die Opfer. Im Jahr 2011 sind 12,1 Prozent mehr Senioren im Stra√üenverkehr verungl√ľckt als noch 2010. Von insgesamt 45.388 Senioren, die an Verkehrsunf√§llen beteiligt waren, starben 1.044. Das sind 14,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Dar√ľber hinaus ist bei Senioren die Gefahr, bei einem Unfall schwere Verletzungen zu erleiden, mit 25,5 Prozent deutlich h√∂her als bei Verkehrsteilnehmern unter 65 Jahren (16,4 Prozent). Daraus ergibt sich auch eine zunehmende Gefahr, bei einem Unfall im hohen Alter t√∂dlich zu verungl√ľcken.

Das Senioren nicht automatisch ein Risiko im Stra√üenverkehr darstellen, bedeutet aber nicht, dass sie gar keine Gefahr f√ľr die anderen Verkehrsteilnehmer oder sich selbst sind. Denn je √§lter Senioren werden, desto mehr unterliegen sie ihren k√∂rperlichen Defiziten. Welche dann auch die l√§ngere Erfahrung im Stra√üenverkehr nicht mehr ausgleichen kann.

Ab 75 Jahren steigt das Risiko kontinuierlich an

Laut der Deutschen Verkehrswacht sei bei Autofahrern bis zum 75. Lebensjahr kein erhöhtes Verkehrsrisiko zu erkennen. Das Risiko, einen Unfall zu bauen, steige allerdings ab diesem Alter kontinuierlich an. Mit Ende 80 ist das Unfallrisiko, laut Statistik, mit dem eines Fahranfängers vergleichbar.

Es gibt allerdings einen potenziellen Risikofaktor, der nicht nur aber insbesondere Senioren betrifft: Medikamente. Viele allt√§gliche Arzneimittel, wie beispielsweise Grippemittel oder Antiallergika, k√∂nnen die Fahrt√ľchtigkeit beeintr√§chtigen. Auch Medikamente, die typischer Weise von Senioren eingenommen werden, wie Mittel gegen Bluthochdruck, Diabetes, sowie Schmerz- und Schlafmittel, k√∂nnen hinter dem Steuer zur Gefahr werden.

Alle diese Medikamente sind gef√§hrlich, denn sie beeintr√§chtigen das Reaktionsverm√∂gen. Dar√ľber hinaus k√∂nnen sich die Nebenwirkungen negativ auf die Fahrt√ľchtigkeit auswirken. Wenn man zum Beispiel ein Medikament gegen Bluthochdruck einnimmt, dann kann einem schwindlig werden,

erkl√§rt Sandra Nemetschek von der Br√ľcken-Apotheke in Mannheim-Seckenheim. Sie informierte Interessierte bereits bei einer Sicherheitsaktion f√ľr die Generation 60+ des Polizeipr√§sidiums Mannheim.

10 Prozent der Verkehrsunfälle entstehen durch Medikamente

Das Problem dabei ist, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass sie berauschende Substanzen zu sich nehmen, also solche mit erregender oder einschläfernder Nebenwirkung. Somit bilden sie ungewollt Risikofaktoren im Straßenverkehr. Das liege unter anderem daran, dass rechtlich nicht geklärt sei, ab wann man nicht mehr ins Auto steigen sollte, wie es das beispielsweise beim Alkohol der Fall ist, so Frau Nemetschek.

‚ÄúBerauschende Substanzen‚ÄĚ ist ein dehnbarer Begriff. Sch√§tzungen zufolge soll jeder zehnte Verkehrsunfall unter Medikamenteneinfluss entstehen.

Ein Grund, warum es Sandra Nemetschek besonders wichtig, die Betroffenen aufzuklären.

Besonders bei Mitteln gegen Bluthochdruck und Diabetes sollte man sich vorher von seinem Arzt oder Apotheker beraten lassen. Oft verursacht die Ersteinnahme oder ein Medikamentenwechsel eine Beeintr√§chtigung des Patienten, die empfehlen l√§sst, die Autoschl√ľssel ersteinmal liegen zu lassen.

Im Zweifel: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Sobald man Schlafmittel eingenommen hat, sollten auf jedenfall die Packungsvorschriften eingehalten werden. Diese beinhalten meistens, den Hinweis nach der Einnahme kein Fahrzeug mehr zu f√ľhren.

Dabei sollte man aufpassen: Schlafmittel sind auch oft in Grippemitteln enthalten,

r√§t Sandra Nemetschek. Sobald man sich nach Medikamenteneinnahme schl√§frig oder schlapp f√ľhle, sollte man also auf keinen Fallmehr ins Auto steigen.

Leider ist es sowohl f√ľr Au√üenstehende als auch f√ľr Betroffene oft schwer zu erkennen, ab wann eine Fahrunt√ľchtigkeit besteht. Im Zweifel gilt aber: Lieber eine Vorsicht statt einer b√∂sen Nachsicht. Lieber das Auto stehen lassen und ein Taxi rufen.

Da der Anteil der √§lteren Bev√∂lkerung in unserer Gesellschaft derzeit stetig w√§chst, wachsen hier auch Herausforderungen, die es zeitnah anzupeilen gilt. Denn bereits 2020 sollen aktuellen Berechnungen zufolge, 30,5 Prozent der Bev√∂lkerung √ľber 65 Jahre alt sein. Und es ist davon auszugehen, dass auch diese dann noch bis ins hohe Alter mobil und unabh√§ngig bleiben wollen.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.