Sonntag, 20. August 2017

Nach der Insolvenz von Billigstromanbieter Flexstrom erhalten Kunden nun Ersatzversorgung

Niemand sitzt im Dunkeln, aber die „Verbraucher sind die Dummen“

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Flexstrom_flyer

Mit diesem Spruch warb FlexStrom. Jetzt ist der Billigstromanbieter pleite. (Quelle: flexstrom.de)

Rhein-Neckar, 30. April 2013. (red/aw/tegernseerstimme.de) Der Billigstromanbieter FlexStrom musste Insolvenz anmelden. Von der ZahlungsunfÀhigkeit sind deutschlandweit rund 500.000 Haushalte betroffen, auch in der Metropolregion. Allein im Netzgebiet der MVV sind es etwa 1.200 Kunden. Doch was passiert nun? Bleiben die Kunden auf ihren Kosten sitzen und stehen trotzdem bald ohne Strom da?

Aus und vorbei. Mit FlexStrom und dessen Tochtergesellschaften sind erneut sogenannte Billigstromanbieter pleitegegangen. Bereits 2011 war es Teldafax Ă€hnlich ergangen. Die Dummen sind in diesen FĂ€llen immer die Kunden. Sie bleiben auf ihren Kosten sitzen, vor allem wenn sie sogenannte „vergĂŒnstigte“ Vorkasse-Tarife abgeschlossen haben. Gleichzeitig mĂŒssen sie sich einen neuen Anbieter suchen.

Bereits am 18. April haben Flexstrom und die Tochterunternehmen OptimalGrĂŒn und Löwenzahn aufgehört, Strom zu liefern. Im Dunkeln und Kalten werden die betroffenen Verbraucher aber nun trotzdem nicht sitzen mĂŒssen. Die ehemaligen FlexStrom-Kunden erhalten jetzt den Strom von den Ersatzversorgern. Allerdings zum Grundversorgungspreis. Und der ist meist alles andere – nur kein SchnĂ€ppchen.

Ersatzversorgung gesetzlich vorgeschrieben

Die MVV Energie teilte mit:

Wir stellen bei Bedarf jederzeit eine lĂŒckenlose Stromlieferung sicher.

Aufatmen also, fĂŒr etwa 1.200 Kunden im Netzgebiet Mannheim. Entlang der Bergstraße – in Hirschberg, Schriesheim, Ladenburg, Ilvesheim und Dossenheim – sorgt die EnBW fĂŒr die Ersatzversorgung. Im hessischen Viernheim springen, ebenso wie in Weinheim, die Stadtwerke ein.

„Wir informieren die betroffenen Kunden jetzt schriftlich ĂŒber die Ersatzversorgung durch uns und das weitere Prozedere“, erklĂ€rt Peter KrĂ€mer, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Stadtwerke Weinheim.

Es handelt sich in unserem Gebiet um 175 Strom- und 26 Gaskunden der drei insolventen Anbieter.

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Stadtwerke-Chef Peter KrÀmer garantiert den Flexstrom-Kunden eine Ersatzversorgung.

Peter KrĂ€mer bittet diese, umgehend ihre ZĂ€hlerstĂ€nde abzulesen und diese den Stadtwerken Weinheim mitzuteilen. Das sei wichtig fĂŒr eine korrekte Abrechnung. Der Haken: Der Grundversorgertarif ist der Standardtarif des Stromnetzbetreibers und deshalb im Vergleich zu Billigstromanbietern teurer. Die Ersatzversorgung ist gesetzlich vorgeschrieben. Da sie fĂŒr die Grundversorger mit einem hohen Aufwand verbunden ist, ist sie teurer als die Versorgung zu Sondertarifen der Strom- und Gasanbieter.

Bei Lieferproblemen oder einem Konkurs des Versorgers sind immer die Verbraucher die Dummen, das hat man schon bei der Pleite von Teldafax gesehen und auch bei der von EnerGen SĂŒd im vergangenen Jahr,

betont der Stadtwerke-Chef und meint weiter, „ein solches GeschĂ€ftsmodell ist unseriös und kann einfach nicht aufgehen!“

„GeschĂ€ftsmodell ist unseriös“

In der Tat hatten Firmen wie FlexStrom oder auch Teldafax stets versucht, neue Kunden mit besonders gĂŒnstigen Einstiegsangeboten oder Bonuszahlungen anzuwerben. Gerade letztgenanntes Bonussystem wurde jĂŒngst vor Gericht fĂŒr rechtswidrig erklĂ€rt. FlexStrom versprach seinen Neukunden bei Vertragsabschluss eine Einmalzahlung von 40 Euro. Als einige Verbraucher ihren Kontrakt Ende des Jahres auflösen wollten, verweigerte der Anbieter die fĂ€llige Auszahlung.

In den Augen der Richter ein rechtswidriges Verhalten. Nur so und durch die teure Paketbezahlung können diese Anbieter auch solche Dumpingpreise aufrufen, wie das Urteil deutlich macht. Und auch bei Stiftung Warentest kommen die VerbraucherschĂŒtzer zum selben Fazit: „Es sind vor allem diese Boni, die den FlexStromtarif so preisgĂŒnstig gemacht haben.“

Die Stadtwerke Weinheim weisen betroffene Verbraucher darauf hin, dass sie bei LieferausfĂ€llen ihrer Versorger – wie also jetzt bei FlexStrom, Löwenzahn und OptimalGrĂŒn der Fall – ein SonderkĂŒndigungsrecht haben und schnell aus ihren VertrĂ€gen herauskommen. Doch auch, wenn die Verbraucher dieses schnell erledigen, bleibt per Vorauskasse bezahltes Geld verloren.

Die Stiftung Warentest sieht das in einer Stellungnahme auf ihrer Homepage Ă€hnlich und betont, dass „eine Teilauszahlung des Guthabens schon aus insolvenzrechtlichen GrĂŒnden nicht infrage kommt.“

So geht’s fĂŒr die Betroffenen weiter

Den grĂ¶ĂŸten Teil des Strompreises – nĂ€mlich rund 50 Prozent – machen bei allen Anbietern die gesetzlich festgelegten Steuern und Umlagen aus. Dazu kommen die Kosten fĂŒr die Netznutzung – auch diese liegen bei fast allen Dienstleistern konstant um 20 Prozent. Lediglich im verbleibenden Vertriebsanteil haben die Anbieter die Möglichkeit, an der Preisspirale zu drehen. Doch was heißt das nun fĂŒr die betroffenen Konsumenten in der Metropolregion?

Die Ersatzversorgung fĂŒr die nĂ€chsten drei Monate ist auf alle FĂ€lle gesichert. In dieser Zeit sollten Verbraucher sich entweder einen neuen Stromanbieter suchen oder aber mit dem Ersatzversorger in Kontakt treten, um einen geeigneten – meist auch gĂŒnstigeren – Stromtarif zu verhandeln. Sollten Kunden bis zum Ablauf der drei Monate keinen Vertrag abgeschlossen haben, werden sie automatisch weiter ĂŒber die Grundversorgung beliefert.

Klar ist derzeit allerdings eines: fĂŒr die Betroffenen wird im Jahr 2013 wohl die höchste Stromrechnung seit Jahren anfallen. Das an FlexStrom vorausbezahlte Geld ist nĂ€mlich bereits weg, und trotzdem mĂŒssen sie fĂŒr den Rest des Jahres eine zweite Stromrechnung begleichen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.