Dienstag, 25. September 2018

Mariettas Kolumne: Nicht ohne meine Socke! Oder der Gassigang im Regen

Print Friendly, PDF & Email


Rhein-Neckar, 30. Mai 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der RealitĂ€t. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich die SphĂ€ren. Im Mittelpunkt steht der Mensch – oder auch das Tier – und beide sind immer ĂŒberraschend. Vor allem der eigene Hund, der so seine AnsprĂŒche stellt. Auch, wenn es in Strömen regnet.

Von Marietta Herzberger

"... und nicht ohne meine Gummistiefel!"

Lieben Sie SpaziergÀnge im Regen? Nein? Ich auch nicht.
Das ist normal, so geht es Vielen. SpaziergÀnge im Regen, insbesondere bei Dauerregen, können bisweilen nicht nur feucht, sondern auch ganz schön lockig werden. Hundebesitzer wissen wovon ich rede.

Solange ich im BĂŒro produktiv und konzeptionell tĂ€tig und kreativ sein kann, stört mich das Geprassel am BĂŒrofenster nur latent. Der kommende Gassigang wird erfolgreich verdrĂ€ngt. Ich schiebe mein knappes Zeitfenster gedanklich weiter auf und atme tief durch.

Nach Feierabend bleiben mir ziemlich genau zehn Minuten Zeit, mich elfengleich ins Auto zu wuchten, nach Hause zu rasen, meine Gebeine in die „Könnendreckigwerdenweilsieschondreckigsind-Jeans“ zu quetschen, das Riesenzottelvieh von Hund, welches wohlgemerkt schon mit zusammengekniffenen Hinterbeinen und vorwurfsvollem Hundeblick vor der TĂŒr steht, zu schnappen und mindestens eine halbe Stunde im strömenden Regen ĂŒber matschige Feldwege zu schlurfen.

Wer zum Henker wollte einen Hund? Ich!

Die den Hundebesitzern schmackhaft servierte kĂŒnftige Bewegungsfreude stellt sich bei schönem Wetter ein. Ansonsten artet es zwei- bis dreimal tĂ€glich eher in Bewegungszwang aus.
Bei der RĂŒckkehr stelle ich fest: Das Hundetrockenrubbel-Tuch ist noch vom Gassigang meines Mannes am Vormittag klitschnass. Egal, dieses Mal tut es das noch und der Rest vom Feld fĂ€llt dann eben im Laufe des Tages in der Wohnung ab. Also rubbele ich Socke, den Hund, trocken.

Nun ja, vielmehr vermische ich den Matsch gleichmĂ€ĂŸig mit dem nassen Fell und bilde mir nur ein, es wĂ€re halbwegs sauber. Dann schĂ€le ich mich aus den nassen Jeans, stelle die Gummistiefel in die Tropfschale, werfe ein trĂ€nendes Auge auf meine Joggingschuhe, gebe dem Hund ein getrocknetes Schweineohr, weil er so schön Gassi im Regen war und versuche, mich selbst ebenfalls trocken und sauber zu bekommen. Danach genehmige ich mir etwas Schokolade. Weil ich so schön Gassi im Regen war!

Wie war das nochmal? Es gibt kein schlechtes Wetter …

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung. Recht haben sie, die Optimisten. In diesem Falle gehöre ich definitiv nicht dazu. Auch gute Kleidung wird dreckig und nass und muss gewaschen werden. Gute Kleidung darf man nicht mal in den Trockner geben. Ich bin kein Pessimist – nur ein bisschen unter permanentem Zeitdruck.

Seit Socke ticken bei uns die Uhren anders. Der Hund muss raus, komme was wolle. Keine Lust, schlechtes Wetter, Schneesturm, Hagel, gebrochenes Bein oder Menstruationsweltschmerz. Egal.
Meine GĂŒte! Vorhin waren es noch Profits and Losts. Dann Matsch und PfĂŒtzen.

Was sind wir berufstĂ€tige MĂŒtter doch fĂŒr Allrounder! Tausendsassas, Alleskönner, eierlegende WollmilchsĂ€ue, stets flexibel und einsatzbereit, nie krank – und wenn doch, dann wird dieser unliebsame Zwischenfall auf Termin zwischen Elternabend und „Anpassen der Zahnspange“ gelegt. NatĂŒrlich erst nach dem BĂŒro, dem Gassigang, dem Mittagessen; nach dem tĂ€glichen Hausaufgabenterror – das heißt, wenn dann noch Zeit bleibt. Also eigentlich nie. Wir sind nur wĂ€hrend des Schlafens krank und da schlafen wir uns gesund.

Manchmal kommt es auf den Hormonzustand an

Wie dem auch sei: Wir lieben Socke. Ohne ihn wĂŒrde etwas fehlen. Die nie versiegende Flut von Hundehaaren, welche ganzjĂ€hrig aus dem Hund fĂ€llt. Die SabberfĂ€den, welche er beim SchĂŒtteln an WĂ€nden, Heizkörpern und KleidungsstĂŒcken verteilt. Diese Dinge nehme ich je nach Hormonzustand mehr oder weniger gelassen hin.

Immer wieder schön: Er freut sich wie Bolle, wenn ich zurĂŒckkehre, nachdem ich nur kurz den MĂŒll raus gebracht habe. Gemeinsam erkunden wir unbekannte Pfade im Odenwald und im Winter zieht er unsere Tochter mit dem Bob ĂŒber schneebedeckte Wege. Socke ist ein fester Bestandteil unserer Familie, Joggingpartner, Freund, Clown und BeschĂŒtzer. Socke ist nicht mehr wegzudenken.

Und nach einem Spaziergang im Dauerregen denke ich mir: „Ohne Socke wĂ€re ich bei dem Sauwetter garantiert nicht raus gegangen.“ Was soll ich sagen? Auch ein Spaziergang im Regen hat was.

Danke Socke!

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen ĂŒber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos ĂŒberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer kĂ€mpft, kann verlieren. Wer nicht kĂ€mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir wĂŒnschen unseren Lesern viel Lesespaß mit ihren Texten!

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.