Sonntag, 25. Juni 2017

Mariettas Kolumne: Nicht ohne meine Socke! Oder der Gassigang im Regen


Rhein-Neckar, 30. Mai 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der Realit√§t. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich die Sph√§ren. Im Mittelpunkt steht der Mensch – oder auch das Tier – und beide sind immer √ľberraschend. Vor allem der eigene Hund, der so seine Anspr√ľche stellt. Auch, wenn es in Str√∂men regnet.

Von Marietta Herzberger

"... und nicht ohne meine Gummistiefel!"

Lieben Sie Spaziergänge im Regen? Nein? Ich auch nicht.
Das ist normal, so geht es Vielen. Spaziergänge im Regen, insbesondere bei Dauerregen, können bisweilen nicht nur feucht, sondern auch ganz schön lockig werden. Hundebesitzer wissen wovon ich rede.

Solange ich im B√ľro produktiv und konzeptionell t√§tig und kreativ sein kann, st√∂rt mich das Geprassel am B√ľrofenster nur latent. Der kommende Gassigang wird erfolgreich verdr√§ngt. Ich schiebe mein knappes Zeitfenster gedanklich weiter auf und atme tief durch.

Nach Feierabend bleiben mir ziemlich genau zehn Minuten Zeit, mich elfengleich ins Auto zu wuchten, nach Hause zu rasen, meine Gebeine in die „K√∂nnendreckigwerdenweilsieschondreckigsind-Jeans“ zu quetschen, das Riesenzottelvieh von Hund, welches wohlgemerkt schon mit zusammengekniffenen Hinterbeinen und vorwurfsvollem Hundeblick vor der T√ľr steht, zu schnappen und mindestens eine halbe Stunde im str√∂menden Regen √ľber matschige Feldwege zu schlurfen.

Wer zum Henker wollte einen Hund? Ich!

Die den Hundebesitzern schmackhaft servierte k√ľnftige Bewegungsfreude stellt sich bei sch√∂nem Wetter ein. Ansonsten artet es zwei- bis dreimal t√§glich eher in Bewegungszwang aus.
Bei der R√ľckkehr stelle ich fest: Das Hundetrockenrubbel-Tuch ist noch vom Gassigang meines Mannes am Vormittag klitschnass. Egal, dieses Mal tut es das noch und der Rest vom Feld f√§llt dann eben im Laufe des Tages in der Wohnung ab. Also rubbele ich Socke, den Hund, trocken.

Nun ja, vielmehr vermische ich den Matsch gleichmäßig mit dem nassen Fell und bilde mir nur ein, es wäre halbwegs sauber. Dann schäle ich mich aus den nassen Jeans, stelle die Gummistiefel in die Tropfschale, werfe ein tränendes Auge auf meine Joggingschuhe, gebe dem Hund ein getrocknetes Schweineohr, weil er so schön Gassi im Regen war und versuche, mich selbst ebenfalls trocken und sauber zu bekommen. Danach genehmige ich mir etwas Schokolade. Weil ich so schön Gassi im Regen war!

Wie war das nochmal? Es gibt kein schlechtes Wetter …

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung. Recht haben sie, die Optimisten. In diesem Falle gehöre ich definitiv nicht dazu. Auch gute Kleidung wird dreckig und nass und muss gewaschen werden. Gute Kleidung darf man nicht mal in den Trockner geben. Ich bin kein Pessimist Рnur ein bisschen unter permanentem Zeitdruck.

Seit Socke ticken bei uns die Uhren anders. Der Hund muss raus, komme was wolle. Keine Lust, schlechtes Wetter, Schneesturm, Hagel, gebrochenes Bein oder Menstruationsweltschmerz. Egal.
Meine G√ľte! Vorhin waren es noch Profits and Losts. Dann Matsch und Pf√ľtzen.

Was sind wir berufst√§tige M√ľtter doch f√ľr Allrounder! Tausendsassas, Allesk√∂nner, eierlegende Wollmilchs√§ue, stets flexibel und einsatzbereit, nie krank – und wenn doch, dann wird dieser unliebsame Zwischenfall auf Termin zwischen Elternabend und „Anpassen der Zahnspange“ gelegt. Nat√ľrlich erst nach dem B√ľro, dem Gassigang, dem Mittagessen; nach dem t√§glichen Hausaufgabenterror – das hei√üt, wenn dann noch Zeit bleibt. Also eigentlich nie. Wir sind nur w√§hrend des Schlafens krank und da schlafen wir uns gesund.

Manchmal kommt es auf den Hormonzustand an

Wie dem auch sei: Wir lieben Socke. Ohne ihn w√ľrde etwas fehlen. Die nie versiegende Flut von Hundehaaren, welche ganzj√§hrig aus dem Hund f√§llt. Die Sabberf√§den, welche er beim Sch√ľtteln an W√§nden, Heizk√∂rpern und Kleidungsst√ľcken verteilt. Diese Dinge nehme ich je nach Hormonzustand mehr oder weniger gelassen hin.

Immer wieder sch√∂n: Er freut sich wie Bolle, wenn ich zur√ľckkehre, nachdem ich nur kurz den M√ľll raus gebracht habe. Gemeinsam erkunden wir unbekannte Pfade im Odenwald und im Winter zieht er unsere Tochter mit dem Bob √ľber schneebedeckte Wege. Socke ist ein fester Bestandteil unserer Familie, Joggingpartner, Freund, Clown und Besch√ľtzer. Socke ist nicht mehr wegzudenken.

Und nach einem Spaziergang im Dauerregen denke ich mir: „Ohne Socke w√§re ich bei dem Sauwetter garantiert nicht raus gegangen.“ Was soll ich sagen? Auch ein Spaziergang im Regen hat was.

Danke Socke!

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.