Mittwoch, 26. September 2018

Gabis Kolumne: Der Betrieb einer Handtasche sitzt auf dem 2. X-Chromosom

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Guten Tag!

Heddesheim, 30. November 2009.

FĂŒr MĂ€nner bleibt es ein Mysterium oder auch eine Horrorshow – das Innere der Handtasche einer Frau. Sicher, es gibt sehr gut organisierte Handtaschen – aber es gibt viel mehr „kreative“ Handtaschen, hat zumindest Gabi recherchiert. Wie auch immer: Gabi®s Tochter hat auch schon eine – damit ist sicher gestellt, dass die metaphysische Bedeutung eines der letzten unerklĂ€rbaren Geheimnisse der Menschheit weiterleben wird…

FĂŒr MĂ€nner ist sie ein Ort des Grauens, fĂŒr Kinder eine WundertĂŒte und fĂŒr Frauen eine Notwendigkeit – die Handtasche. Sie sollte möglichst groß und gerĂ€umig sein, viele FĂ€cher haben und natĂŒrlich richtig hĂŒbsch aussehen.

„Schatz, dein Handy klingelt“, sagt mein Mann und ich rufe ihm zu: „Das ist in meiner Handtasche.“

Seine Hand wĂŒhlt sich unwillig in die Tiefen des Unbekannten und was er zutage fördert, ist fĂŒr ihn – natĂŒrlich, denn er ist ja ein Mann – ein Mirakel. Hier treffen sich TaschentĂŒcher gebraucht und neu, Kaugummipapier, Lippenstift, ein SchlĂŒsselbund, Rechnungen, Kekse, eine Sonnenbrille, Tampons, die Handschuhe meiner Tochter, ein Geldbeutel und ganz unten, da findet er vielleicht das Handy. Ganz sicher aber zu spĂ€t – spĂ€testens jetzt klingelt es nicht mehr.

Meine Handtasche hat ein Handyfach – mein Handy ist immer irgendwo sonst.

„In dem Chaos kann man ja nichts finden“, murmelt er. Und erklĂ€rt mir, dass die Tasche doch so viele tolle einzelne FĂ€cher habe – wie auch die Extra-Innentasche fĂŒr das Handy: „Ich verstehe ĂŒberhaupt nicht, warum Du es nicht da rein tust. DafĂŒr ist doch genau dieses Fach da? Warum ist es nicht da drin?“

gabishandtasche
Das ist eine gute Frage. Aber was weiß er schon von den Unwegbarkeiten des Alltags, wenn alles ganz schnell gehen muss und es keine Zeit dafĂŒr gibt, Dinge an den richtigen (mĂ€nnlichen) Platz zu tun?

Ich erinnere mich an Zeiten, als meine Kinder noch klein waren, verbargen sich an diesem Ort alle lebensnotwendigen Utensilien, der Schnuller, Windeln und FeuchttĂŒcher, Kekse und GummibĂ€rchen zur Beruhigung, Tempos fĂŒr TrĂ€nen und Pflaster fĂŒr kleine Verletzungen.

In meiner Handtasche sind die wichtigen Dinge des Lebens.

In Urlauben versammeln sich hier die ReisefĂŒhrer und Straßenkarten, Schokoriegel fĂŒr den kleinen Hunger und bei Flugreisen die Reiseunterlagen und PĂ€sse. Befreit von allem LĂ€stigen schlendert meine Familie durch die Welt, wissend, dass sich in meiner Obhut, die wichtigen Dinge des Lebens befinden. In meiner Handtasche.

Das leuchtet ihm auch alles ein, „aber, was macht der ganze MĂŒll in Deiner Tasche?“. Na, wie ist das bei Ihnen meine Damen, wenn Sie mit Ihren Kindern unterwegs sind. Gut erzogen werfen sie kein Kaugummipapier oder gebrauchtes Tempo auf die Straße, ein MĂŒlleimer ist meist nicht zur Hand, also bekommen Sie den Abfall entgegengestreckt und wo landet er – richtig, in der Handtasche.

„Aber das kann man doch auch alles wieder rausrĂ€umen“, merkt mein Mann ganz „logisch“ an.

Ja, kann man und das ist dann auch immer ein großer Moment. Die Tasche wird leer gerĂ€umt und es entstehen HĂ€ufchen mit MĂŒll, alten Kino- und Eintrittskarten, Rechnungen und Unterlagen, die abgeheftet werden wollen und GegenstĂ€nden, die wieder zurĂŒck an den Ort ihres Ursprungs kommen – und anderen, bei denen ich keine Ahnung habe, wie sie in meine Handtasche gekommen sind.

Meine Handtasche ist ein Quell von ÃƓberraschungen.

Und dann gibt es noch die großen ÃƓberraschungen, die Haarspange meiner Tochter, die sie schon lange gesucht hat, die neue Handynummer einer Freundin oder der Gutschein fĂŒr die Eisdiele, der aber leider abgelaufen ist, weil er nur diesen Sommer galt und wir jetzt Herbst haben.

„Möchtest du daran denn nichts Ă€ndern?“, fragt mein Mann sichtlich fassungslos.

Nein, ĂŒberlege ich, daran möchte ich nichts Ă€ndern. Denn meine Handtasche ist mein persönliches Zentrum aus Chaos und Ordnung – meine Handtasche ist so etwas wie die ÃƓbersichtlichkeit ÃƓbersinnlichkeit des Universums. Wir wissen, dass es das gibt, aber niemand versteht es. Eine Handtasche ist wie die Reise durch eine unendliche Galaxie. Meine Handtasche ist ein tĂ€gliches Abenteuer.

Ich allein beherrsche meine Handtasche oder sie mich – das aber ist egal.

Manchmal finde ich mein Handy nicht rechtzeitig, manchmal suche ich endlos nach meinem SchlĂŒssel und manchmal bringe ich das Universum durch gnadenloses Ausmisten wieder in einen kurzen Zustand der StabilitĂ€t. Wann und ob ich das tue, ÃƓberraschungen erlebe, das bestimme ich und das ist gut so. Denn damit beherrsche ich allein dieses Universum – das mein Mann und die meisten anderen auch – nie verstehen werden.

Mir ist kĂŒrzlich aufgefallen, dass meine Tochter immer hĂ€ufiger mit Handtasche das Haus verlĂ€sst, wobei mein Sohn immer noch lastenlos durch die Welt schreitet.

Und ich bin mir sicher, der Besitz und der Betrieb einer Handtasche sitzt zweifellos auf dem zweiten X-Chromosom – denn das erste teilen wir mit den MĂ€nnern, die vom zweiten keine Ahnung haben.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.