Montag, 21. August 2017

„Eines Morgens musste er ein Ventil öffnen, weil es ihn sonst verrissen hätte.“

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Guten Tag!

Heddesheim/Stuttgart, 30. Januar 2010. Das heddesheimblog ist ein lokales Medium. Was in Stuttgart oder in Berlin oder in Washington passiert, interessiert uns erstmal nicht. Weil wir über das Hier und Jetzt berichten. Wir interessieren uns aber für Washington, Berlin oder aktuell Stuttgart, wenn „das da draußen“ uns genau hier einholt. Das ist am 25. Januar 2010 eingetreten. Mit einem Porträt in der Stuttgarter Zeitung: „Rudi macht nicht mehr mit.“

Kommentar: Hardy Prothmann

Bis gestern wusste ich nicht, wer Michael Ohnewald ist.

Das weiß ich bis heute auch nicht so genau, weil ich Herrn Ohnewald nicht persönlich kenne.

Was ich weiß: Er wurde in der Kategorie „Regionales, Autoren“ von einer Journalisten-Jury zum Top-Regionaljournalisten 2009 gekürt. Warum ich das weiß? Weil mich diese Jury auf Platz 3 wählte. (Hier finden Sie alle Platzierungen.)

Diese Auszeichnung hatte ich zunächst überhaupt nicht mitbekommen: Ãœber zwei Wochen lang lag diese Zeitschrift schon auf einem Stapel anderer Zeitschriften. Zufällig entdeckte ich meinen Namen bei Google und las etwas von einer „Platzierung“.

Google brachte die „Erkenntnis“.

In Deutschland gibt es je nach Verbandsschätzung 30-50.000 Journalisten, die mit Journalismus ihr Geld verdienen. Es gibt viele Preise, Würdigungen, Stipendien. Wenn man sich nicht darum kümmert, ist es schwer, einen Ãœberblick zu behalten.

Ein Klick brachte die Erkenntnis: Wochen zuvor wurde ich in der Kategorie „Regionales, Autoren“ als einer von „100 Journalisten des Jahres 2009“ bestimmt, als „Gründer heddesheimblog.de“.

Dazu haben mir viele Leserinnen und Leser nach einer Nachricht hier ihre Glückwünsche übermittelt, wofür ich mich gerne herzlich bedanke.

Doch, was heißt das?

Weder die Redaktion noch die Jury des Mediummagazins haben mich darüber informiert, dass ich zur erlauchten Runde gehöre. Sondern Google.

Das heißt viel.

Dort habe ich zufällig einen Link angeklickt, der mir zeigte, dass ich unter die Top 10 Journalisten 2009 in der Kategorie „Regionales“ gewählt wurde.

Ich war erstaunt, weil ich mit allem, nur nicht damit gerechnet habe. Deshalb habe ich mich erstmal gefreut.

Es ist meine erste „Jury“-Auszeichnung.

Ich habe mich noch nie um Preise bemüht, sondern irgendjemand anderes hat mich vorgeschlagen und dieser Vorschlag hat es tatsächlich aufs „Treppchen“ geschafft.

Als ehrgeiziger Mensch wollte ich natürlich sofort wissen, warum ich nur auf Platz 3 gelandet bin. Das ist vermessen, man möge es mir verzeihen.

Jede Menge Ärger.

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Michael Ohnewald hat ein brilliantes Porträt über den "Schulrebell" Rudolf Bosch geschrieben. Bild: Stuttgarter Zeitung

Ich wollte trotzdem gerne wissen, wer da zwei Plätze vor mir auf dem Siegertreppchen steht.

Michael Ohnewald?

Nie gehört.

Stuttgarter Zeitung. Aha. Was fällt mir dazu ein? Wichtig, alteingesessen, Medien-Union, Ãœbernahme Süddeutsche Zeitung. Meine Gedanken fetzten. Wie ordne ich den ein, den ich nicht kenne?

Ich suche bei Google, was oft mit Recherche verwechselt wird.

Da finde ich wenig. Ich gehe auf die Seite der Stuttgarter Zeitung. Und dort finde ich Texte.

Ich klicke einen an: „Der Rudi macht nicht mehr mit“.

Darüber steht: „Ein passionierter Pädagoge.“

Darunter ein gut fotografiertes Bild. Viel Schatten. Aber klare Schärfen. Vor allem auf die Augen.

Unter dem Bild steht: „Rudolf Bosch mischt sich in die Bildungspolitik ein. Das gefällt nicht jedem.“

Diese Text-Bild-Kombination manipuliert sofort mein Interesse.

Das ist interessant.

Dieser Typ.

Rudi.

Der macht nicht mehr mit.

Dabei sieht er gar nicht so aus, wie jemand, „der nicht mehr mit macht“.

Sein Blick ist klar und doch schaut er in die Ferne.

Die Konturen sind scharf, doch gibt es Schatten.

Schatten der Vergangenheit?

Rudi hat Falten. Rudi hat viel gesehen.

Rudi braucht eine Brille – anscheinend sieht er gut mit der.

Seine Augen sind klar.

Ein wenig wirkt er gar wie Paul Newman auf mich.

Ich will wissen, wer Rudi ist. Rudi, „der nicht mehr mit macht“.

Dabei weiß ich schon viel über den „Rebell aus Schwaben“. Ãœber einen, der es gewagt hatte, seine eigene Meinung zu sagen.

Warum ich über ihn wusste? Ganz einfach: Auch in Heddesheim soll die Johannes-Kepler-Hauptschule in eine Werkrealschule umgewandelt werden.

Ich habe zur Frage Hauptschule-Werkrealschule recherchiert. Wer das tut, stößt unweigerlich auf „Rudi“ – den Rebell.

Am Anfang vieler Recherchen steht google, dann habe ich telefoniert. Dann habe ich mich mit Menschen getroffen. Niemand von diesen kannte Rudi persönlich, aber alle, die mit Hauptschule zu tun haben, wussten von Rudi.

Oder dem, was Rudi sagt.

Das heddesheimblog hat viel über die Problematik Hauptschule-Werkrealschule berichtet.

Michael Ohnewald erzählt mir in seinem Porträt davon, wer Rudi ist. Und erklärt, warum der Experte Rudi die Werkrealschule ablehnt. Und für was Rudi sich einsetzt.

Und warum Rudi „nicht mehr mitmacht“.

„Man kann sich das vorstellen, als würde jemand mit einer stumpfen Nadel gegen einen Luftballon drücken, der bis zum Äußersten gespannt ist. Das geht eine Weile gut. Irgendwann droht das Ding zu platzen.“

Das „Ding“, also alles, was es zu erzählen gibt, ist Rudi.

Der mit dem klaren Blick. Rudi „Newman“.

Und dann folgen Sätze, die ein grandioses Porträt einleiten:

„Es hat sich ganz langsam angestaut bei Rudolf Bosch, der bis vor kurzem ein braver Beamter war, den nur wenige kannten, ein Hauptschullehrer mit Leib und Seele, der seinem Tagwerk leise murrend nachging. Eines Morgens musste er ein Ventil öffnen, weil es ihn sonst verrissen hätte. Seitdem hat der Rektor der Ravensburger Kuppelnauschule eine Menge Ärger und landesweit einen Ruf wie Donnerhall.“

Michael Ohnewald porträtiert einen Mann, der das Schulsystem kennt.

Jahrelang war Rudi das Schulsystem.

Jetzt ist Rudi ein Mann, der sich dagegen auflehnt. Dafür hat dieser Mann „mächtig viel Ärger“ bekommen.

In Heddesheim gibt es keinen Schul-Rudi wie diesen.

Aber auch in Heddesheim gibt es Auflehnung.

Gegen eine desolate Schulpolitik.

Viele Lehrer sind gegen die Reform – sie dürfen als Beamte aber nichts sagen. Sonst droht Ärger.

In Heddesheim gibt es aber den kesslerischen Wunsch, eine „gemeinsame Werkrealschule“ als Lösung aller Probleme zu verkaufen.

Intransparent. Schön geredet. Unehrlich.

In Heddesheim gibt es auf offizieller Seite keinen Rudi, der sagt: „Sie (Anm. d. Red.: Werkrealschule) ist ein Etikettenschwindel und ein flächendeckendes Schulschließungsprogramm, bei dem Kommunen, Schulen und Lehrer gegeneinander ausgespielt werden.“

Denn ein Rudi zu sein bedeutet „mächtig viele Probleme zu bekommen“.

In Heddesheim gibt es keinen Rudi. Dafür aber einen Michael Kessler.

Der ist Bürgermeister, Beamter auf Zeit und weit davon entfernt, ein Rudi zu sein.

Wie Rudi das Schulsystem sieht, beschreibt Michael Ohnewald in einem grandios-nüchternem Porträt, das einem die Tränen in die Augen treibt.

Ich kenne den Journalisten-Kollegen Michael Ohnewald nicht.

Sein Text „Rudi macht nicht mehr mit“ aber ist ein herausragendes Stück.

Ein Beispiel für Qualitätsjournalismus.

Eines, das berührt und nachdenklich macht und sicher über die Region hinausreichen wird.

Sofern eine Jury darauf stößt, wird er damit mit Sicherheit wieder einen Preis oder eine Platzierung gewinnen.

Sicherlich keinen Preis bekommt die Schulpolitik im Lande. Da gilt es „Mauern einzureißen“.

Und alle, die es „besser“ wissen wollen, also die Vertreter von SPD, CDU und FDP in Heddesheim, sollten erst diesen Text lesen, bevor sie weiter irgendetwas zu einem Thema sagen, von dem sie keine Ahnung haben.

Stuttgarter Zeitung, Michael Ohnewald: Der Rudi macht nicht mehr mit.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Ich kenne die hintergründe nicht – schulpolitik usw, aber ich kenne Ihrem blog durch mein freund Marian Semm.. und Sie haben mit diesem artikel eines erreicht: ich werde mich jetzt mit dem thema auseinandersetzen.

    und davon träumen, das irgendwann in naher zukunft nicht nur Ihre artikel gelinkt und archiviert sind, sondern auch die von alle anderen zeitungen.

    journalisten sind unter anderem zeitzeugen, da steht man zu seinem wort.