Sonntag, 20. August 2017

SPD: Der Kampf der Systeme hat begonnen

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Guten Tag!

Heddesheim, 29. März 2010. Jürgen Merx hat sich zurückgezogen. Stimmt nicht. Er hat nur den 1. Vorsitz aufgegeben und nimmt nun den 2. Vorsitz wahr. Harry Gimber ist neuer Chef – ohne Erfahrung. Michael Bowien ist „beratendes Mitglied“. Was wird der neue Vorstand leisten? Der Konflikt Bowien – Merx ist programmiert.

Von Hardy Prothmann

Als scheidender 1. Vorsitzender wünscht man sich eine andere Jahreshauptversammlung, als sie Jürgen Merx erlebt hat. Niemand war „voll des Lobes“, wie es in der Lokalpresse immer so schön heißt.

Niemand stand auf und würdigte all die großen Verdienste, während alle anderen nickten und raunten: „So war das.“

Und es waren enttäuschend wenige Mitglieder anwesend.

Keine Ehrerbietung für Merx. Wie bitter für einen, der das braucht.

Als scheidender Vorstand wünscht man sich etwas mehr Ehrerbietung – außer, man wird wieder Vorstand, wenn auch nur zweiter. Und außer, man weiß einen 1. Vorstand vor sich, der keine Erfahrung hat. Und außer, man hofft, andere doch noch zum Raunen bringen zu können, irgendwann.

Damit wird man zum Schattenmann.

Eine Rolle, die Jürgen Merx gut kennt und zuletzt in der vergangenen Gemeinderatssitzung bestätigt hat.

Die Antwort auf die Frage an den CDU-Vorsitzenden Dr. Josef Doll, ob dieser für alle drei Fraktionen (CDU, SPD und FDP) spreche, lies Merx kommentarlos einfach so durchgehen: „Ja“, sagte Doll.

Der Schattenmann.

Merx schwieg. Wie Schattenmänner das so tun.

Der einzige in der SPD-Fraktion, der offen Fragen stellt und sich zutraut, ebenso offen seine Meinung zu sagen, ist Michael Bowien.

Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein.

Merx legt sehr viel Wert auf sein Äußeres und versucht durch „politische“ Texte im Mitteilungsblatt seinen „Weitblick“ zu demonstrieren. Dazu trägt er metallene Armbänder, wie sie in den 70-ern „in“ waren und bunte Armreifen, wie sie vor zehn Jahren „modern“ waren. Der Gang zum Frisör ist Teil seines Lebensgefühls. Seine Reden hält er vom Blatt, holprig, mit wenig Verve und meist staatstragend. Denn Jürgen Merx heischt nach Bestätigung.

Bowien ist meist unauffällig in der Kleidung, manchmal hat er keine Zeit für einen Frisörtermin vor einer Sitzung. Er trägt keinen auffälligen Schmuck. Und wenn er redet, dann frei und auf den Punkt. Er spricht nicht schnell, nicht langsam und sehr überlegt.

Systemunterschiede.

Merx ist kaufmännischer Angestellter – Bowien diplomierter Volkswirt und Prokurist.

Michael Bowien ist Neubürger in Heddesheim. Ein Zugezogener. Der einzige in der SPD-Fraktion. Er hat mit dem Heddesheimer System nichts zu tun. Er ist unabhängig.

Und trotzdem ist Michael Bowien bereit, sich für seine Wahlheimat einzusetzen. Er will sich einbringen. Auch, wenn er dabei sehr alleine ist.

Jürgen Merx hat mit dem Heddesheimer System sehr viel zu tun. Ist stellvertretender Kommandant der Feuerwehr. Seine Frau wird demnächst Sekretärin des Bürgermeisters. Merx duzt die meisten, die im System Heddesheim etwas zu sagen haben. Jürgen Merx weiß nicht, wie abhängig er ist. Oder er tut zumindest so. Jürgen Merx macht alles mit.

Michael Bowien wurde von ganz hinten auf der SPD-Liste überraschend in den Gemeinderat gewählt. Jürgen Merx wurde vorne auf der Liste sicher gewählt.

Michael Bowien interessiert sich für die Arbeitnehmerrechte und gerechte Löhne. Jürgen Merx betont, für ihn sei der „Autobahnanschluss“ für die „Pfenning“-Entscheidung ausschlaggebend gewesen und merkt nicht, dass er noch nicht ein einziges Mal für Arbeitnehmer im Zusammenhang mit der geplanten „Pfenning“-Ansiedlung eingetreten ist und auch nur einen wahrnehmbaren Satz geäußert hat, den SPD-Mitglieder verstehen könnten.

Marketing vs. Haltung.

Jürgen Merx gesteht offen ein, dass die Grünen der SPD „marketingtechnisch“ etwas voraus hätten und handelt nicht.

Michael Bowien kritisiert die mangelhafte Vorbereitung der SPD-Wahlkandidaten und fordert eine bessere Schulung.

Jürgen Merx klebt an der Macht – gibt den 1. Vorsitz ab, um den „2.“ Vorsitz zu übernehmen und damit „alles beim Alten“ zu belassen.

Michael Bowien drängt sich nicht vor – wird aber „beratendes Vorstandsmitglied“ auf Vorschlag des neuen Vorsitzenden.

Jürgen Merx denkt immer noch, dass er „alles im Griff“ hat.

Michael Bowien äußert sich überlegt, analytisch und stringent.

Man darf gespannt sein, was aus der Heddesheimer SPD wird.

Soviel ist klar. Unterschiedlicher als die Systeme Bowien und Merx kann man sich die „innere Verfassung“ einer Partei nicht vorstellen.

Merx wird weiter alles mobilisieren, was er an Hausmacht aufzubieten hat. Das wurde bei der Jahreshauptversammlung bestätigt, wenn auch mit Murren.

Bowien wird weiter auf seinen Sachverstand vertrauen. Den hat er auch im Gemeinderat schon häufig bewiesen.

Haltung vs. Machterhalt.

Dabei hat Bowien zweierlei gelernt.

Bürgermeister Kessler (und die SPD, die CDU und die FPD) ist daran nicht interessiert und bügelt ihn im Zweifel ab. Je genauer die Analyse Bowiens, desto heftiger die Kritik des Bürgermeisters.

In solchen Momenten schweigt Jürgen Merx. Nicht etwa solidarisch mit dem „Genossen“. Sondern klar solidarisch mit dem Bürgermeister.

Für Bowien ist das der Vorbote der Dominanz durch Pfenning.

Merx ist gleichwohl die Heddesheimer Politik schon lange zu provinziell. Deswegen schreibt er irgendwelche Artikel über „Europa“, die er im Heddesheimer Mitteilungsblatt veröffentlicht. Daran kann ihn niemand hindern. Es gibt beim Mitteilungsblatt keine Redaktion, keine Kontrolle – die Veröffentlichung von Gemeinde-Anzeigen und vor allem die von gewerblichen Anzeigen ist hier wichtig. Ein „SPD“-Text fällt eher nicht auf.

Jürgen Merx ist allerdings nicht ganz frei von Erkenntnis. Selbstkritisch hat er auf der Jahreshauptversammlung anerkannt, dass „die Grünen“ der SPD „marketingtechnisch“ etwas voraus haben.

Michael Bowien ist da wenig überraschend schon Monate weiter. Er spricht mit den Grünen, auch mit der CDU.

Und es geht ihm nicht um Marketing, sondern um Argumente und Inhalte.

„Der Kampf der Systeme“ Merx und Bowien war bislang in der Vorbereitung.

Man darf davon ausgehen, dass er nach dieser Jahreshauptversammlung beginnt.

Langsam, stetig und irgendwann heftig.

Keine Informationen gibt es in diesem Zusammenhang zu/von/über Harry Gimber.

Man darf gespannt sein, was daraus wird.

Ãœber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • heddesheimerin

    Exzellente Analyse der Situation bei der SPD! Es wird wieder spannend in der Kommunalpolitik.

    • Argus

      Ob es spannend wird wage ich zu bezweifeln!

      Ein neuer Kopf (hier aber nur ein „halber“,weil Merx 2.Vors. bleibt)bedeutet nicht,dass sich das Verhaltensmuster ändert.
      Der SPD fehlen einige Bowien`s!

  • jawiejetzt?

    Guten Tag,

    die Analyse ist treffend und auch nicht. Es ist nicht ein System „Merx“ das da wohl gegen ein anderes, moderneres System „Bowien“ antritt.

    Da muß der blog Jounalist nochmal ran und tiefer und weiter zurück recherieren. Das alte, bewährte und bis heute praktizierte System, ein, wie man jedes Mal in den Gemeinderatssitzungen sehen kann, sehr problematisches System trägt den Namen „Brunner“.

    Selbiger hat als Fraktionsvorsitzender nachdem er gegen Bürgermeister Alles in der Bürgermeisterwahl 1982 verloren hatte den Annäherungskurs der SPD eingefädelt und die heimliche Koalition mit der CDU und dem CDU Bürgermeister Alles geschlossen. Aus diesen Zeiten stammt die Steigbügelhalterrolle der SPD in Heddesheim und die Niebelungentreue zum jeweils amtierenden Bürgermeister.
    Das Profil der SPD, das sich immer weiter abnutzte und dann schließlich verloren ging, so wie die politische Eigenständigkeit verloren ist, drückten die enttäuschten Bürger, ehemalige SPD Mitgleider und Wähler in dem Satz aus „Wenn die SPD Fraktion geschlossen in die CDU Fraktion eintritt, merkt das kein Mensch. Es geht genau so weiter.“ Prophetische Worte, auch wenn es keinen offiziellen Übertritt gab. Damals wußte man noch nichts von der „Befürworterfraktion“.

    Wie man bereits mehrfach sehen und erleben konnte ist man bei Wahlabsprachen gegen Dritte schnell dabei in der großen Koalition und wie der blog berichtet, spricht Herr Dr. Doll nun auch für die SPD.

    Als ehemaliger SPD Wähler mußte ich herzlich lachen, als ich las, die SPD hätte bei der Kommunalwahl mit Zuwächsen gerechnet.
    Wie es scheint, müßte die SPD in Heddesheim erst einmal eine Bestandsaufnahme machen und der Realität erlauben, mit ihr in Interaktion zu treten. Es täte sich eine wunderbare neue Welt für die Genossen auf, eine Welt, die sie noch gar nicht kennen.

    Ein Systemwechsel oder gar ein Neuanfang war diese Jahreshauptversammlung nicht für die SPD.
    Das war kein Vorwärts und nicht vergessen, worin unsre Stärke besteht. Auch kein stolzes Schreiten Seit an Seit.

    Das ist nur ein lahmes: Und die alten Lieder singen, Genossen.

    Einen schönen Tag noch.

    • lutz

      Ich fand es schon immer befremdlich, wie sich diese Partei so in Abhängigkeit und Nibelungentreue dem politischen Gegner ergeben konnte. Auch das macht die Grünen stärker und stärker.

  • numalangsam

    Hallo zusammen!
    Ich denke Hr. Merx hat den Vorsitz wahrscheinlich deswegen abgegeben weil Ihm die Arbeit als Fraktionssprecher, 1. SPD OV Vorsitzender und noch stellv. Kommandant der Feuerwehr zuviel wurde. Kann man verstehen.
    Auch hat er noch andere soziale Sachen laufen, z. B. den alljährlichen Nikolausmarkt bei dem er auch federführend ist und dessen Erlös auch jedes Mal sozialen Heddesheimer Projekten zugute kommt.
    Aber wie das hier so gehalten wird, wenn es an sachlichen Argumenten fehlt geht’s an die Person.
    Was soll das Geschreibsel über das Äußere von Hr. Merx?
    Über seine angebliche Eitelkeit (früherer Artikel)?
    Über seinen „Gang zum Friseur“?
    Über seine „Armbänder“?
    Das ist doch alles nebensächlich!
    Es bleibt einfach abzuwarten wie die jetzige Konstellation des Vorstandes sich bewährt.
    Da der neue 1. Vorsitzende keine Erfahrung hat kann es nur von Vorteil sein wenn Hr. Merx hier in der zweiten Reihe steht. Ich denke nicht dass der jetzige 1. sich als Marionette erweist. Dieses „Schattenmann“ Gerede entbehrt doch jeder Grundlage und entspringt meiner Meinung nach nur ihrer Phantasie.
    Und dass Sie hier versuchen einen Konflikt Bowien – Merx herbeizureden, na ja, ich vermute Sie wünschen sich einen solchen. Davon abgesehen ist der Hr. Bowien auch „nur“ beratendes Mitglied im Vorstand, vom neuen 1. dazu eingeladen, was soll es da für Konflikte geben?
    Ich denke dass die Stimme des Hr. Bowien im Vorstand schon wertvoll ist, er ist da bestimmt nicht fehl am Platz und vermute das Hr. Merx damit die wenigsten Probleme hat.

    Zu „Merx ist kaufmännischer Angestellter – Bowien diplomierter Volkswirt und Prokurist:
    Anscheinend wollen Sie darauf hinaus dass ein diplomierter Volkswirt einen größeren Weitblick besitzt als ein kaufmännischer Angestellter? Hier könnte man einen gewissen Standesdünkel eines Studierten vermuten.

    Aber nun meine eigentliche Frage:
    Was treibt Sie an?
    Wieso diese Aversion, ich bin fast versucht zu sagen dieser Hass, auf Hr. Merx?

    Auf die Antwort dieser Frage, so sie überhaupt kommt, bin ich wirklich gespannt!

    Einen schönen Tag auch!