Dienstag, 27. Juni 2017

„Un Ruh is“ – Pfenning lässt klammheimlich Acker umgraben, auf dem keine Nutzpflanze mehr wachsen wird

Heddesheim, 29. März 2011. (red) Der „gute Nachbar“, der sich so sehr auf Heddesheim freut, ist ein „seltsamer“ Nachbar. Einer, der Dinge tut, die andere nicht verstehen. Aber das ist nicht schlimm – er tut das als „Nachbar“ nur zum besten von allen. Auch wenn man das nicht versteht.

Von Helle Sema

Irgendwann vor über einer Woche zog ein Traktor seine Runden und pflügte und pflügte.

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Rund 200.000 Quadratmeter gepflügte Erde. Zur Saat vorbereitet. Hier wachsen Logistikhallen.

In der ehemalige „Tabakgemeinde“ Heddesheim kennt man das. Der Ort ist umgeben von Feldern, die von ganz wenigen Bauern noch bestellt werden. Es gibt immer weniger Bauern, weil es immer weniger Felder gibt.

An diesem mittelschönen Tag hatte der Bauer, man sagt es sei der „Kemmet“ gewesen, viel zu pflügen. Rund 200.000 Quadratmeter. Dafür sitzt man lang auf dem Trekker. Nördlich der Benzstraße. Da wo früher Tabak gepflanzt wurde und irgendwann mal „Pfenning“ oder was auch immer stehen soll.

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Ungemütlich: Hier siedelt sich weder Hamster noch Vogel an.

Der Bauer zog beharrlich seine Runden und der Pflug warf die Erde auf. Dicke Schollen ließ er zurück. Unebenheit, Unruhe.

Wofür, warum, weshalb?

Wofür? Warum? Weshalb? In der guten Muttererde, einem der besten Böden auf Heddesheimer Gemarkung, wird nie mehr etwas wachsen. Irgendwann wird sie abgetragen und auf irgendeinen Wall geschüttet.

Warum macht der Bauer sich die Arbeit? Ist er sentimental? Hat er den Acker verwechselt? Ist es eine Form von Protest? Vollkommen sinnlos, wie man längst weiß? Oder nur ganz lapidar ein Auftrag? Wie fühlt man sich als Bauer, wenn man einen Acker pflügt, auf dem nur noch Logistik wachsen soll?

Wir haben nicht den Bauern gefragt, der diese blödsinnige Arbeit gegen Geld gemacht hat, sondern diejenigen, die den Bauern diese blödsinnige Arbeit machen lassen. Also den guten neuen Nachbarn, der sich angeblich so sehr auf Heddesheim freut, das Unternehmen „Pfenning“.

„Verschiedene Personen haben berichtet, dass das komplette Gelände der geplanten Ansiedlung gepflügt wurde.

Dafür gibt es sicherlich Gründe.

Würden Sie uns die bitte mitteilen?

Weiter sollten angeblich Mitte März die Bauarbeiten losgehen, tatsächlich scheinen aber die Archäologen bis Anfang Mai auf dem Gelände zu sein.

Können Sie einen Termin angeben, wann die Bauarbeiten tatsächlich beginnen?

Und da wir ja nicht so oft Kontakt haben, gestatten Sie mir noch die Frage, ob Sie vom Regierungspräsidium schon was zum Gleis erfahren haben oder bis wann Sie damit rechnen?“

Das war am 23. März 2011. Eine Woche später haben wir noch immer keine Antwort.

Als wir ein paar Bauern fragen, welchen Sinn es macht, einen Acker zu pflügen, auf dem nie mehr etwas wachsen soll, ist die Antwort eindeutig.

Sinnlos

Wir bekommen sie sofort: „Das ist sinnlos.“

Wir fragen nach: „Naja, vielleicht gibt es irgendein Gesetz?“

Und bekommen eine Antwort: „Man muss die Äcker in Ordnung halten. Aber das ist nicht der Grund.“

Wir fragen: „Was ist der Grund?“

Es gibt eine Gegenfrage: „Was denken Sie?“

Wir sagen: „Keine Ahnung.“.

Vielleicht nistet sich sonst was ein

Die Bauern sagen: „Ist doch klar. Solange man die Möglichkeit hat, das zu machen, macht man es auch. Das ist Bauland. Sonst nistet sich vielleicht was ein, was die Bauarbeiten behindert. Jetzt nistet sich nichts mehr ein.“

Wir sagen: „Achso, ja das macht Sinn. Keine Vögel und so. Oder Hamster.“

Die Bauern sagen: „Genau. Aber das geht auch anders. Ich hätte das nicht so gemacht, denn in der aufgeworfenen Erde zu arbeiten, ist jetzt schwieriger, da kommt man nicht so leicht durch. Und Hamster? Hab ich noch nie gesehen. Früher hießen die bei uns „Konwörmer“.“

Wieso, wollen wir wissen?

Die Bauern sagen: „Halt Kornwürmer, weil da, wo die Gänge waren, kaum Korn gewachsen ist. Früher hieß es: Wond änner sieschd, nemschd de Schbade un Ruh is. Heute ist das anders. Aber Hamster gibt es hier nicht.“

Irgendwie klingt das gar nicht verwunderlich.

Und irgendwie klingt das so, als wenn es weder Hamster noch irgendwelches anderes Viehzeug auf dem Acker geben soll.

„Un Ruh is“

Der Bauer hat seinen „Job gemacht“, dafür Geld bekommen „un Ruh is“.

Spaziergänger, die hier langkommen und sich fragen, was hier wohl „wachsen wird“, werden sich in einigen Monate wundern.

Früher war es Tabak, der zum Wohlstand der Gemeinde Heddesheim beitrug.

Die Zeiten sind vorbei. Morgen wird es Logistik sein, die hier aus dem Boden sprießt.

Angeblich zum Wohl der Gemeinde.

Ach – und als Nachtrag an die Anwälte der Firma Pfenning, die ja schließlich auch das Feld der Abmahnungen bestellen wollen: Wir nehmen nur an, dass ein (ehemaliger) Bauer von Ihnen beauftragt wurde, das „weite Feld“ zu pflügen. Eventuell hat er ja nur den Acker verwechselt oder hat aus nostalgischen Gründen seine Runden gezogen. Quasi als nette Geste, damit der neue, gute Nachbar wegen blöder Hamster oder Vögel auch ja keinen Ärger bekommt.

So ist das in Heddesheim. Hier wird alles klammheimlich vorgepflügt. Seien Sie willkommen.

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Blöde Kurve, da kommt ein 40-Tonner kaum rum. Deswegen macht die Gemeinde die Kreuzung auch besser befahrbar. Denn bald sollen täglich dutzende 40-Tonner möglichst ohne Tempoverlust hier schnell durchkommen.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • hans hoppner

    Guten Tag

    meine Frage ist, wurde das umgepflügte Gelände bereits
    archäoligisch untersucht?

  • Günther Heinisch

    Guten Tag,

    es scheint in der Tat so, als diene das Umpflügen der 20h künftige Logistikfläche dazu, Tatsachen zu schaffen.
    Mit dem Pflug wurden Vegetationsinseln vernichtet, die geschützten Arten Deckung und Zuflucht und – aus Pfenning-Sicht wohl noch schlimmer – Nist-, Bau- und Brutfläche hätten sein können.

    Damit sind wohl Hamster und Rebhuhn als Feinde Nummer 1 ausgemacht, denen das Feld entzogen werden soll.
    Dabei tun diese selten gewordenen Tiere nichts weiter als sich vermehren zu wollen. Das ist halt jetzt so die Jahreszeit dafür. Darüber sollten wir uns eigentlich freuen.

    Aber wo kämen wir hin, wenn 20cm große Tiere 18m lange LKW aufhalten könnten? Das darf nicht sein.

    Wieder einmal wird dokumentiert, wie wenig Vertrauen alle Pfenning-Akteure in die selbst bestellten Gutachten, den eigenen Standpunkt haben. Angeblich kommen Hamster und Rebhuhn ja auf dem Baugelände gar nicht vor und genau so angeblich reichen die geplanten Ausgleichsmaßnahmen aus.

    Die Auftraggeber wissen es besser, deshalb verlassen sie sich auch nicht auf die eigenen Gutachten und das was da zu lesen steht. Die Tricksereien und die Manipulationen um den Bau durchzupeitschen, rächen sich.
    Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß auch die Artenschutzgutachten nichts taugen, hat Nachbar Pfenning den gerade erbracht.

    Mit Geld kann man alles regeln. Zumindest glaubt man das. Da ist es sicher billiger, einen Landwirt als Lohnarbeiter 20ha sinnlos pflügen zu lassen als wegen ein paar ohnehin bald aussterbenden Tieren wesentlich mehr Geld durch Bauverzögerungen zu verlieren.

  • CB

    Guten Morgen!

    Jetzt lassen wir doch mal wieder schön die Kirche im Dorf!
    Wenn Herr Prothmann seinen Rasen daheim – wenn er denn einen hat? – mähen möchte, dann stimmt er das sicher nicht vorher mit der Gemeinde und allen „Nachbarn“ ab, oder?

    Wenn in den verschiedenen Baugebieten gelcihwohl verfahren wird ströt das Herrn Heinisch auchnicht, nur eben bei Pfenning.

    Außerdem noch der Hinweis, dass sich aufeglockertes Erdreich schneller Abtragen lässt und somit sehr wohl ein Nutzen da ist.

    Letztlich ist es im Übrigen doch wohl besser Tiere nicht erst Nisten zu lassen und dann deren Lebensraum zu vernichten, als das sie nun gleich andere Plätze aufsuchen können, um dann dort einen oder mehrere schöne Sommer zu verbringne.

    Vielleicht ja in den Gärten von Heinisch und Prothmann, denn ich habe keine Anfrage zum Mähen oder Umgraben der beiden erhalten!

    Sonnige Grüße!

    • Heddesheimer

      hallo,

      wie soll man diesen Hinweis auf den Nutzen verstehen??

      „Außerdem noch der Hinweis, dass sich aufeglockertes Erdreich schneller Abtragen lässt und somit sehr wohl ein Nutzen da ist.“

    • Günther Heinisch

      Sie haben recht, wenn in anderen Baugebieten so verfahren würde, würde mich das wahrscheinlich weniger stören. Denn dort gibt es keine Feldhamster mehr. Bei Straßenheim und auf dem Pfenning Gelände ist das vielleicht letzte Gebiet in dem es noch Feldhamster in unserer Gegend gibt.

      Hier ein link zu einem der es wissen muß.

      http://www.institut-faunistik.net/feldhamster/verbreitung.html

      Interessant auch die Sicht der scheidenden Landesregierung.

      http://www.landtag-bw.de/wp14/drucksachen/6000/14_6976_d.pdf

      Vor 35 Jahren haben wir als Jugendliche Kastenfallen gebaut und auf den Feldern Richtung Mannheim entlang der OEG und in Richtung Straßenheim Hamster gefangen. Beim wieder freilassen haben wir gelernt, daß die kleinen Nager einem wütenden Dachs in ihrer Kampfeslust nicht nachstehen. Das war manchmal schmerzhaft aber lehrreich.

      Das bräuchte ich heute gar nicht mehr versuchen, denn auf den Ackerflächen auf denen wir als Kinder und Jugendliche herumgestreunt sind, kommt der Feldhamster nicht mehr vor.

      Das ist vielleicht noch viel schmerzhafter. Vor allem ist es erschreckend, daß ein Tier welches den Bauern wegen seiner weiten Verbreitung seiner großen Zahl bei uns als Schädling und Konkurrent um das Getreide galt in nur 30 Jahren vor dem Aussterben steht.

      Anstatt immer nur die Kirche im Dorf zu lassen, wäre es vielleicht nützlicher, Sie kämen aus der Sonne und würden selber aktiv.

      • CB

        Hallo Herr Heinisch,

        warum wurde dann nicht gegen das Wohngebiet in Feld- und westlicher Ortsrandlage protestiert?

        Zu den genannten Quellen folgende Anmerkung:

        Das „Institut“ erklärt den Feldhamster nur noch im Rhein-Neckar-Kreis existent, die Landesregierung sieht aber noch populationen – wenn auch abnehmend – im Main-Tauber-Kreis.

        Des Weiteren werden durch die Landesregierung nur Bauten im Bereich der Gemarkung Ladenburg angeführt.

        So muss ich doch – nach nur kurzer Einsicht der Unterlagen – zum Schluss kommen, dass die Argumente etwaig vorhandener Feldhamster in der Gemarkung Heddesheim vorgeschoben sind!

        Eine schöne Anekdote über ihre Jugend, wenn ich auch jedweden inhaltlichen Bezug vermisse.

        Letztlich noch der Hinweis, dass man nicht nur aktiv wird wenn man mit einem Schild durch die Straße läuft.
        Das Web ist der Platz zum Aktivsein 2.0 🙂

        Sonnige Grüße!

        • heddesheimerin

          Naja anonyme Kommentare im web 2.0 schreiben sich ja immer schnell und einfach. Mit „Aktivsein“ verstehe ich schon etwas mehr. Ich selbst war entsetzt über die geringe Resonanz, die die „Demonstration“ gegen Pfenning im letzten Jahr in der Gemeinde gefunden hat. Hier wäre Sichtbarkeit angebracht und nicht nur im Internet.

  • Horst Berger

    Der Boden ist die wertvollste Ressource. Auf lange Sicht
    wertvoller als Öl und Logistik-Betriebe!

    Wir treten ihn, kehren ihn als Schmutz aus dem Haus und nennen ihn abwertend „Dreck“: den Boden unter unseren Füßen. Dabei muss die dünne Haut der Erde alle menschlichen Zivilisationen tragen – und ernähren!

    Die Erde ist die Grundlage allen Lebens, Aufstieg und Niedergang menschlicher Kulturen hängen daran: Von Anbeginn seiner Geschichte hat der Mensch den Boden genutzt und gebraucht, aber auch zerstört und verwüstet!

    Zur Verwüstung beigetragen hat auch die Pfenning-Ansiedlung. Die Verantwortung dafür tragen insbesondere die Gemeinderäte
    der CDU, SPD und FDP!

    Der CDU-Mann Rainer Hege, ein Industrie-Landwirt, müsste es eigentlich besser wissen! Warum handelt er nicht?
    Gibt es ökonomische Gründe („Pfenning-Reziprozität“)?