Donnerstag, 24. August 2017

Gläserner Gemeinderat: Ich bin ein Twitterer

Print Friendly, PDF & Email

Guten Tag!

Heddesheim, 29. Oktober 2010. In der Gemeinderatssitzung vom 28. Oktober 2010 konfrontierte Bürgermeister Michael Kessler den partei- und fraktionsfreien Gemeinderat Hardy Prothmann mit der Frage, ob er aus der Sitzung heraus twittere? Natürlich wusste Bürgermeister Michael Kessler, das dies der Fall ist, wie sonst hätte er auf die Frage kommen können?

Von Hardy Prothmann

Jetzt ist es amtlich – Bürgermeister Kessler lässt einzelne Gemeinderäte in ihrem Kommunikationsverhalten beobachten.

Was soll das?

Und was soll die Einschätzung, wenn Herr Bürgermeister Kessler sagt: „Das ist unanständig.“

Was bitte ist daran unanständig, dass ich über eine „soziale Netzwerk“-Plattform wie Twitter die Öffentlichkeit darüber informiere, was zur Zeit in einer öffentlichen Gemeinderatssitzung wie verhandelt wird? Sind eine Firma wie SAP oder andere Unternehmen alle unanständig, weil sie twittern, um Öffentlichkeit herzustellen?

Nachfolgend sehen Sie das, was aus Sicht von Herrn Kessler unanständig war:

twitter

Twitter - ein Kurznachrichtendienst im Internet.

Ich muss leider vermuten, dass jede Form von Transparenz von Herrn Kessler als „unanständig“ betrachtet wird. All der öffentliche Kram ist ihm ein Greuel. Er hasst nichts mehr als eine öffentliche Auseinandersetzung – das merkt man an seinem Kommunikationsverhalten.

„unverschämt“, „unanständig“, „würdelos“, „stillos“, „unerhört“

Während er ihm gewogene Gemeinderäte reden und reden lässt, schneidet er mir und den Gemeinderäten der Fraktion Bündnis90/Die Grünen regelmäßig das Wort ab: „Ihre Behauptung ist falsch“, ist sein Lieblingskommentar. Wahlweise spricht er gerne von „unverschämt“, „unanständig“, „würdelos“, „stillos“, „unerhört“ und so weiter.

Denn alles was nach kritischen Fragen oder Stellungnahmen klingt, ist für Herrn Kessler nicht nur eine Zumutung, er empfindet das anscheinend sogar als persönliche Beleidigung. Dieses Verhalten ist bei Menschen, die sich für „unfehlbar“ halten, leider immer so.

In einer geregelten Sitzungsleitung kommt jeder Gemeinderat in der Reihenfolge der Meldungen dran – ich werde regelmäßig übergangen. Dazwischen nutze ich die Zeit und twittere ab und zu.

Ausspäh-Kessler sucht den Konflikt.

Herr Kessler stellt nicht ohne Grund fest, dass ich twittere. Und er stellte in der Sitzung auch fest, dass mir das (leider) nicht verboten werden kann, weil es dazu „keine Regelung“ in der Gemeindeordnung und der Hauptsatzung der Gemeinde gibt. (Man darf gespannt sein, ob das ein Anlass für Herrn Kessler sein wird, die Hauptsatzung zu ändern…)

Warum stellt er das dann fest? Ich habe ihm in der Sitzung die Antwort gegeben – weil er vermutlich darauf aus ist, mir eine „Befangenheit“ zu unterstellen. Also einen Konflikt zwischen meinem Ehrenamt als Gemeinderat und meinem Beruf als Journalist.

Das soll Herr Kessler gerne versuchen. Er würde damit ein neues Kapitel aufmachen, dass des Ausspäh-Kesslers. Eines Bürgermeisters, der als Leiter der Verwaltung Mitarbeiter (oder jemand anderen?) anweist zu überprüfen und zu dokumentieren, wie das Kommunikationsverhalten eines Gemeinderats ist.

In meinem Fall kann ich sagen, es ist öffentlich und transparent – ich versende über das Medium Twitter Nachrichten, von denen ich möchte, dass sie gelesen werden. So gesehen mache ich sogar Werbung für die Sitzungen des Gemeinderats. Denn sollte das jemand spannend finden, kommt er vielleicht beim nächsten Mal selbst dazu. Sollte jemand keine Zeit dafür haben oder durch andere Gründe nicht können, kann er zumindest die Sitzungen verfolgen.

Natürlich sind solche Meldungen, die systembedingt nur 140 Zeichen lang sein können, subjektiv verfasst. Das dürfen sie auch, denn Artikel 5 unseres Grundgesetzes erlaubt subjektive Meinungsäußerungen nicht nur, er garantiert dieses Recht sogar.

Was Herr Kessler sich nicht vorstellen kann…

Herr Kessler begründete die mir von ihm vorgeworfene „Unanständigkeit“ damit, dass ich nicht der Diskussion folgen würde und meiner Arbeit nicht nachkäme. Tatsächlich kann ich sowohl twittern als auch zuhören. Ich kann sogar gleichzeitig noch denken – das scheint für Herrn Kessler nicht vorstellbar zu sein.

Ich würde sogar behaupten, dass ich eventuell von allen Gemeinderäten am meisten zu den Diskussionen beitrage, vielleicht liege ich auch nur auf Platz zwei, drei oder vier. In der Länge der Traktate ist sicher Herr Dr. Josef Doll der unangefochtene Spitzenreiter – kein Wunder, darf er doch in beliebiger Länge und ohne Zeitbeschränkung vor sich hinplappern.

Ich versende also Nachrichten, von denen ich möchte, dass sie gelesen werden. Was ich nicht möchte, ist das Gefühl zu haben, dass ein selbstherrlicher Bürgermeister Kessler versucht, mit daraus einen Strick zu drehen. Ich vermute mal, dass Herr Kessler das versuchen wird und sehe dem gelassen entgegen.

Herr Kessler sollte dringend aufpassen, eine Art Restwürde zu bewahren. Sonst droht ihm, als Mr. Big-Brother-Kessler in die Geschichte Heddesheims einzugehen.

Tatsächlich komisch war eine Art „Spiegelkommunikation“ an diesem Abend: Als ich in der Aprilsitzung Herrn Kessler fragte, ob er die Gemeinde sei, was dieser mit ja beantwortete, wurde hier auf dem heddesheimblog daraus eine Ãœberschrift: „Ich bin die Gemeinde“. Gegen dieses „falsche“ Zitat setzte sich Herr Kessler mit enormen Aufwand zu Wehr.

Aktuell hat er mich gefragt, ob ich twittere, was ich mit „Ja“ beantwortet habe. Ich setzte mich nicht zur Wehr, sondern bekenne mich zu dem, was ich tue: „Ja, ich bin ein Twitterer.“

Ich bin nur einer von geschätzt 300.000 in Deutschland – alle „Twitterer“ nutzen das Medium, um sich öffentlich auszutauschen.

Bürgermeister Michael Kessler ist einer von knapp 12.000 Bürgermeistern oder Ortsvorständen in Deutschland.

Der Unterschied zwischen uns beiden ist: Ich nehme als einer unter vielen an einem „sozialen Netzwerk“ Teil und bin überzeugt davon, dass das gut für den Meinungsaustausch ist. Herr Kessler ist überzeugt davon, dass er ist die Gemeinde ist.

hardyprothmann

Anmerkung der Redaktion:
Hardy Prothmann ist partei- und fraktionsfreier Gemeinderat und verantwortlich für das heddesheimblog.

Namen, unter denen Hardy Prothmann twittert:

http://twitter.com/prothmann
http://twitter.com/heddesheimblog
http://twitter.com/hirschbergblog
http://twitter.com/ladenburgblog
und ab November 2010
http://twitter.com/weinheimblog

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • A. Felis

    Also, persönlich denke ich, dass es auch eine Frage der „Höflichkeit“ anderen GR Mitgliedern gegenüber ist, ob man in der Sitzung ständig tippt. Aber vielleicht bin ich für diese technik auch „zu alt“.

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag!

      Sie müssten mal in eine Gemeinderatssitzung kommen, Mitglieder der SPD- und CDU-Fraktion reden ständig miteinander, wenn jemand anderes das Wort hat.
      Dazu werden Faxen und Grimassen gemacht.
      Der Bürgermeister unterbricht ständig – natürlich nicht die CDU, SPD und FDP-Leute.

      Ich tippe nicht ständig, sondern ab und an – und verfolge jederzeit die Diskussion, in die ich mich umfangreich einbringe, wenn ich denn mal drankomme.
      Ansonsten schreibe ich mit, um für mich Notizen zu haben, denn auf das Protokoll kann man sich nur bedingt verlassen.

      Ist mitschreiben auch unhöflich? Oder ist es tatsächlich eine Alters- und Gewöhnungsfrage?

      Beste Grüße
      Hardy Prothmann

      • heddy

        Die Verrohung der Sitten in unserem „ehrwürdigen“ Rat ist nicht zu fassen… aber scheinbar steht ja der Bürgermeister selber für diese Form der Kultur.

      • sven

        Was für Zustände im GR. Man muss sich immer vor Augen halten, dass das die Leute sind die WIR Heddesheimer mehrheitlich gewählt haben…

  • Mhm’er

    Hallo,

    ich denke, man muß sich der Zeit anpassen. Auch ich telefoniere mit dem Headset, während am PC etwas (anderes) tue. Und, willkommen im Club: Ich kann dabei auch noch denken.

    DAS ist nicht außergewöhnlich.

    Vielmehr die Art und Weise in der die Gemeindesitzungen ablaufen. Das muß ja das reinste Tollhaus sein. Wundert mich aber nicht. Die „Vorbilder“ machen es doch vor. Man muß sich nur mal die Reden im Bundestag zb. von Gregor Gysi bei Youtube anschauen. Lauter Zwischenrufe, etliche Politiker unterhalten sich und A. Merkel spaziert von Tisch zu Tisch um sich mit ihren Ministern auszutauschen.

    Möchte gar nicht erwähnen, wieviele Abgeordnete dabei mit ihrem Handy „spielen“. Ob DIE alle zuhören???

    Mein Vorschlag: Stellt die Gemeindesitzung per Livestream online ins Netz. Das wird ja auch bei der Schlichtung Stuttgart21 getan. Denn, abgesehen davon ob es eine öffentliche (mit Zuschauer), oder nicht-öffentliche Sitzung (ohne Zuschauer) ist – sie ist auf alle Fälle nicht GEHEIM.

    Vorteil des Livestreams: Das Protokoll könnte nicht mehr „angepasst“ werden. Und der ein oder andere Gemeinderat würde sich evtl. besser benehmen (denn wer weiß, vielleicht schauen ja die Verwandten oder Freunde zu 🙂

    Grüße
    Mhm’er

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag!

      Hier eine Reportage aus dem Stuttgarter Landtag von unserer Mitarbeiterin Jule Kuhn-Weidler.

      Im Landtag nichts Neues.

      Einen schönen Tag wünscht
      Das heddesheimblog

    • lutz

      Livestream aus dem GR wär schon super! Die Schlichtungsrunden Stuttgart21 werden ja auch im TV übertragen.

      Aber schwer vorstellbar, dass Herr Kessler da mitspielen würde. Dann würde ja die gesamte Gemeinde (und seine – dank heddesheimblog – deutschlandweiten „Fans“) sehen, was für ein Tollhaus er leitet.

  • Der Bürgermeister Kessler wird sich damit abfinden müssen, dass man twittert und SiMSt. Auch in Stadtratsitzungen. Wobei mir scheint, dass hier vieles aufeinander kracht: Eine ältere Generation trifft auf eine jüngere mit anderen Telefoniergewohnheiten, ein geistig-intellektuell nicht ganz so wendiger Politker trifft auf einen umtriebigen Flitzedenker… Ach, was macht Ihr da für Sachen in Heddesheim?
    Problem und Gefahr: Nicht dass am Ende die psycho-persönlichen Grabenkämpfe jegliche politische Sachthemen überlagern, um die es eigentlich gehen sollte. Dass Abgeordnete sich doofdreist lautstark miteinander unterhalten, wenn Politiker der anderen Fraktionen ihre Plädoyers halten, trifft man auch in jeder Ausschusssitzung im Bundestag an. Was die Sache freilich nicht besser macht…

  • Tommes

    Ob nun beabsichtigt oder nicht. Ich habe beim lesen obigen Beitrags Tränen gelacht. Ich glaube ich melde mich direkt heute abend auch da an. Das ist ja mal so richtig spannend. Heute … live aus der GR Sitzung …. die Akteure betreten die Arena… Hege hält sich für befangen … die Partei enthält sich bei der Abstimmung zum Wochenmarkt …. ist eigentlich aber dafür … siehe Ortsblatt … aber auch wieder dagegen …. wegen der Konkurrenz der Einzelhändler und Parteifreund Hege … Klemm wird mit Leserbrief von Doll diskriminiert – unterste Schublade …. Bürgermeister findets klasse und setzt noch einen drauf. Hasselbrink … ja auch noch da…. Moin zusammen. Ach wat is dat schön!

    • sven

      Ich sags ja immer, die Heddesheimer Lokalpolitik ist unterhaltsamer als die beste Seifenoper im TV! Die Charaktere sind einfach unschlagbar! Das Doppel-Pack Doll-Doll etwa kann man nicht erfinden, man muss es einfach nur erleben.

      Kessler sollte Werbung machen und Eintritt verlangen für die GR Shows. Und für das Betreten der vielleicht berühmtesten Provinzgemeinde Deutschlands. Erlebnispark Heddesheim…

      • heddesheimerin

        Manchmal wäre mit ein wenig Aufmerksamkeit für die Gemeinde durchaus lieber! Heddesheim steht so langsam – durch das Blog – für hinterwäldlerischen Provinzialismus in Deutschland (dafür kann die Redaktion natürlich nichts, die handelnden Personen sind nun mal so). Trotzdem beginnt es mich zu ärgern.

        • A. Felis

          Dazu passte diese klein „Anekdote“ die ich gehört habe: Im Sommer ist in der Gemeinde eine E-Mail einer Dame eingangen, die wissen wollte ob es die „Stadt Heddesheim“ wirklich gibt, oder das ganze nur ein „Medien-Gag“ ist!

          Ich weiss nicht, ob und was die Gemeinde geantwortet hat.

        • heddy

          „Im Sommer ist in der Gemeinde eine E-Mail einer Dame eingangen, die wissen wollte ob es die “Stadt Heddesheim” wirklich gibt, oder das ganze nur ein “Medien-Gag” ist“

          *brüll* Heddesheim ist das neue Bielefeld! Ein Medien-Gag!

  • Argus

    Es wird immer klarer der GröBaZ ist ein Kontrollfreak !

    Das er das „Kontrollieren“ nur bei bestimmten GR unterläßt bescheinigt ihm ein defektes Demokratieverständnis.

    Sein Nervenkostüm dürfte nicht mehr das beste sein !

    • Snake Plissken

      Vielleicht gibts ja gute Gründe das sein Nervenkostüm so angeschlagen ist. Vielleicht weiß er ja was, was der Rest der Gemeinde nicht wissen darf. Irgendetwas scheint rein gar nicht so zu laufen wie sich das der werte Herr Bürgermeister vorstellt. Souveränität sieht auch nach au0en auf jeden Fall anders aus.

      • betty

        Naja ihm ist ja nahezu schon alles ausser Kontrolle geraten:

        Pfenning: Viele Fragezeichen. Wie lange wird sich der Konzern das Kasperltheater noch mitansehen, bevor er die Notbremse zieht? Was wenn danach nicht die großen Offenbarungen kommen?

        Gemeinde: Mindestens gespalten. Und die Mehrheit definitiv gegen ihn. Viele Wunden werden nie mehr heilen. Und er wird zum großen Spalter der Region – siehe Hirschberg.

        Blog: Ganz Heddesheim lacht über hier ihn, und in Deutschland amüsiert man sich, wenn man ortsfremden Kommentaren glauben darf. Aber dafür hat er Frau Görlitz und Herrn Doll auf seiner Seite. Glückwunsch!

        Der Mann steht mit dem Rücken zur Wand in fast jeder Hinsicht. Die Nerven liegen blank. Vielleicht gibts bald ein „Endspiel“ in Heddesheim.

        • heddesheimerin

          Kessler wird mit Sicherheit nicht aufgeben sondern bis 2014 durchziehen! Da sollte man sich keine voreiligen Hoffnungen machen.

        • Snake Plissken

          Natürlich wird es durchziehen bis 2014, er muß ja seine garantierten Schäfchen ins Trockene bringen.

  • Heddesheimer

    Der größte Arbeitgeber Heddesheims ist on TWITTER.

  • Köstlich! Jede Sekretärin wird bestätigen, dass Sie gleichzeitig tippen und zuhören kann *lol* Gut, wer 10 Finger-Blind gelernt hat!