Sonntag, 23. September 2018

Jubel, Bangen, Hoffen, Gewissheit um das Mandat von Uli Sckerl: „Die Kurpfalz lebt!“

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Guten Tag!

Rhein-Neckar/Weinheim, 28. MĂ€rz 2011. (red) Die Wahlparty von BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen werden viele der ĂŒber 200 Teilnehmer nicht vergessen. Immer wieder wurde in der GaststĂ€tte „Zur Pfalz“ in Schriesheim gejubelt – ĂŒber die Ergebnisse der Hochrechnungen. Dann wurde gebangt. Denn die ersten Ergebnisse verschlechterten sich. Dann wurde gehofft. Und es wurde besser. Unklar blieb bis kurz vor 22 Uhr: Schafft es Hans-Ulrich Sckerl wieder in den Landtag? Dann kam die Nachricht und Uli Sckerl sagt: „Die Kurpfalz lebt!“

Von Hardy Prothmann

Was fĂŒr ein „Krimi“. Die ersten Hochrechnungen machen die GrĂŒnen und die SPD zu den Siegern. Dann holen CDU und FDP auf. Ob es die FDP ĂŒberhaupt schaffen wĂŒrde, war lange nicht klar. In Rheinland-Pfalz ist die Partei klar abgewĂ€hlt worden.

Dann geht es hin und her. In der „Pfalz“ in Schriesheim wird immer wieder gejubelt. Aber es wird auch gebangt: „Is der Uli schon drin?“ „Nein, ist noch offen.“ „Der muss es schaffen. Wenn nicht er, wer sonst? Der hat so hart gearbeitet.“ „Uli, Uli“-Rufe gibt es. Uli Sckerl freut sich, beschwichtigt, ist da und doch woanders.

"Bin ich drin?" Uli Sckerl weiß bis kurz vor 22 Uhr nicht, ob er gewĂ€hlt worden ist.

Uli Sckerl hat stĂ€ndig das Handy in der Hand. Er ist nah dran an den Menschen hier. Er freut sich. Macht SprĂŒche: „Hat jemand was anderes erwartet?“ Lacht. In der rechten Hand hat er sein Handy. Schmal und glĂ€nzend. StĂ€ndig streicht sein Daumen drĂŒber. Immer wieder schaut er drauf.

An eine Wand wirft ein Projektor die Fernsehnachrichten – immer wieder schauen die WahlpartygĂ€ste hin, hören zu. Neueste Hochrechnungen. Irgendwann steht es nur noch 69 zu 70 fĂŒr GrĂŒn-Rot. Die Stimmung wird verhalten. Es wird diskutiert.

„Macht euch keine Sorgen, das klappt“, sagt Sckerl.

Er genießt die Situation. Freut sich, was passiert. Dass der Wechsel aus seiner Sicht endlich da ist. Und aus der Sicht seiner Freunde hier auf der Wahlparty. „Ihr glaubt gar nicht, was es bedeutet, so jemanden wie Fadime zu haben.“ Fadime Tuncer ist seine BĂŒroleiterin im Wahlkreis. Sie hat „geschafft, unglaublich viel geschafft“, sagt Sckerl. Fadime freut sich. Alle freuen sich. Uli Sckerl freut sich.

Dann geht er raus. Auf den Parkplatz vor der GaststĂ€tte. Die Straße rauf und runter. Das Handy am Ohr. Er ist ruhig, ernst, konzentriert. Niemand sagt jetzt zu ihm: „Mach dir keine Sorgen, das klappt.“

Er hat das Handy in der Hand. „Winfried…“ Er telefoniert mit dem kĂŒnftigen MinisterprĂ€sidenten. Winfried Kretschmann. 62 Jahre alt. Katholik. ÃƓberzeugter GrĂŒner. Besonnener Mann.

Was die beiden bereden? „GeschĂ€ftliches“.

Langes Warten - Uli Sckerl im GesprĂ€ch mit Freunden, darunter Dr. Fetzner, 1. BĂŒrgermeister in Weinheim.

Uli Sckerl kommt zurĂŒck. Redet mit jungen Leuten. Er lehnt sich an die Wand. „Das ist jetzt ganz hart. Entweder bist du drin oder du bist draußen“, sagt er und guckt aufs Handy. „Das sind drei elende Stunden Warterei.“

Soviel ist klar. Der CDU-Kandidat Georg Wacker hat den Wahlkreis Weinheim (39) gewonnen. Das ist keine ÃƓberraschung. Der Wahlkreis ist „schwarz“, CDU-dominiert. Auch bei der vergangenen Wahl 2006 ist Uli Sckerl nur ĂŒber ein „Zweitmandat“ in den Landtag gewĂ€hlt worden.

„Wenn Du nicht drin bist, bist Du draußen“, sagt er, schaut auf sein Handy. „Das ist einfach so.“

Auch soviel ist klar – Georg Wacker hat wie die CDU „verloren“. Zwar hat die CDU 60 Direktmandate und damit 60 von 120 regulĂ€ren Sitzen. Aber die FDP wird nur sieben Sitze schaffen. Zusammen sind das 67. Die GrĂŒnen schaffen letzlich 36, die SPD 35 und das sind 71 Sitze – die Mehrheit. Schwarz-gelb ist abgewĂ€hlt. GrĂŒn-rot ist gewĂ€hlt. Doch das wird erst spĂ€ter „klar“.

Bei Uli Sckerl ist das kurz vor 22:00 Uhr klar, ob er „drin“ ist. Er freut sich, geht zu den Menschen und steht dann wieder allein im Abseits auf dem Parkplatz oder der Straße. Telefoniert. LĂ€uft auf und ab. Dann ist er wieder im Raum, die Nachricht kommt, der Jubel bricht los. Er hat das Mandat. Er ist „drin“.


(Die Licht- und TonverhĂ€ltnisse waren sehr ungĂŒnstig – wir bitten um Nachsicht…)

„Wir werden in Stuttgart ein Wörtchen mitzureden haben“, sagt er: „Die Kurpfalz lebt und wird Furore machen.“ Die Party-GĂ€ste klatschen und johlen. Auch Uli Sckerl lĂ€chelt. Er ist Profi. Trotzdem merkt man ihm die Erleichterung an. Der Druck ist enorm. Die Freude auch.

Auch Fadime lacht. Und die vielen anderen WahlkÀmpferInnen. Mitglieder der Ortsvereine, Sympathisanten, Gemeinde- und StadtrÀte. Uli Sckerl hat sie alle gelobt und geherzt. Es sind zu viele, um sie alle zu nennen.

BĂŒroleiterin Fadime Tuncer strahlt - die viele Arbeit hat sich "gelohnt". Die GrĂŒnen haben gewonnen und ihr "Chef" Uli Sckerl gehört dazu.

Gegen halb elf fragt er die Bedienung: „Krieg ich noch was zu essen?“ Ein Wurstsalat mit Pommes wĂ€re noch zu haben. „Ja, gerne, nehm ich“, sagt Sckerl, geht wieder rein in den Raum, vor das Notebook seiner BĂŒroleiterin. Scheckt Nachrichten.

Wie geht’s weiter? Wird er Minister?

„Dazu kann ich heute nichts sagen“, sagt er: „Jetzt wird verhandelt.“ Auch vorhin am Telefon wurde bestimmt schon verhandelt.

Dann kommt sein Wurstsalat mit Pommes. Uli Sckerl isst mit Appetit. Er ist hungrig.

Und er weiß, dass er in den kommenden fĂŒnf Jahren das Land mitgestalten wird.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.