Sonntag, 25. Juni 2017

Jubel, Bangen, Hoffen, Gewissheit um das Mandat von Uli Sckerl: „Die Kurpfalz lebt!“

Guten Tag!

Rhein-Neckar/Weinheim, 28. M├Ąrz 2011. (red) Die Wahlparty von B├╝ndnis90/Die Gr├╝nen werden viele der ├╝ber 200 Teilnehmer nicht vergessen. Immer wieder wurde in der Gastst├Ątte „Zur Pfalz“ in Schriesheim gejubelt – ├╝ber die Ergebnisse der Hochrechnungen. Dann wurde gebangt. Denn die ersten Ergebnisse verschlechterten sich. Dann wurde gehofft. Und es wurde besser. Unklar blieb bis kurz vor 22 Uhr: Schafft es Hans-Ulrich Sckerl wieder in den Landtag? Dann kam die Nachricht und Uli Sckerl sagt: „Die Kurpfalz lebt!“

Von Hardy Prothmann

Was f├╝r ein „Krimi“. Die ersten Hochrechnungen machen die Gr├╝nen und die SPD zu den Siegern. Dann holen CDU und FDP auf. Ob es die FDP ├╝berhaupt schaffen w├╝rde, war lange nicht klar. In Rheinland-Pfalz ist die Partei klar abgew├Ąhlt worden.

Dann geht es hin und her. In der „Pfalz“ in Schriesheim wird immer wieder gejubelt. Aber es wird auch gebangt: „Is der Uli schon drin?“ „Nein, ist noch offen.“ „Der muss es schaffen. Wenn nicht er, wer sonst? Der hat so hart gearbeitet.“ „Uli, Uli“-Rufe gibt es. Uli Sckerl freut sich, beschwichtigt, ist da und doch woanders.

"Bin ich drin?" Uli Sckerl wei├č bis kurz vor 22 Uhr nicht, ob er gew├Ąhlt worden ist.

Uli Sckerl hat st├Ąndig das Handy in der Hand. Er ist nah dran an den Menschen hier. Er freut sich. Macht Spr├╝che: „Hat jemand was anderes erwartet?“ Lacht. In der rechten Hand hat er sein Handy. Schmal und gl├Ąnzend. St├Ąndig streicht sein Daumen dr├╝ber. Immer wieder schaut er drauf.

An eine Wand wirft ein Projektor die Fernsehnachrichten – immer wieder schauen die Wahlpartyg├Ąste hin, h├Âren zu. Neueste Hochrechnungen. Irgendwann steht es nur noch 69 zu 70 f├╝r Gr├╝n-Rot. Die Stimmung wird verhalten. Es wird diskutiert.

„Macht euch keine Sorgen, das klappt“, sagt Sckerl.

Er genie├čt die Situation. Freut sich, was passiert. Dass der Wechsel aus seiner Sicht endlich da ist. Und aus der Sicht seiner Freunde hier auf der Wahlparty. „Ihr glaubt gar nicht, was es bedeutet, so jemanden wie Fadime zu haben.“ Fadime Tuncer ist seine B├╝roleiterin im Wahlkreis. Sie hat „geschafft, unglaublich viel geschafft“, sagt Sckerl. Fadime freut sich. Alle freuen sich. Uli Sckerl freut sich.

Dann geht er raus. Auf den Parkplatz vor der Gastst├Ątte. Die Stra├če rauf und runter. Das Handy am Ohr. Er ist ruhig, ernst, konzentriert. Niemand sagt jetzt zu ihm: „Mach dir keine Sorgen, das klappt.“

Er hat das Handy in der Hand. „Winfried…“ Er telefoniert mit dem k├╝nftigen Ministerpr├Ąsidenten. Winfried Kretschmann. 62 Jahre alt. Katholik. ├â┼ôberzeugter Gr├╝ner. Besonnener Mann.

Was die beiden bereden? „Gesch├Ąftliches“.

Langes Warten - Uli Sckerl im Gespr├Ąch mit Freunden, darunter Dr. Fetzner, 1. B├╝rgermeister in Weinheim.

Uli Sckerl kommt zur├╝ck. Redet mit jungen Leuten. Er lehnt sich an die Wand. „Das ist jetzt ganz hart. Entweder bist du drin oder du bist drau├čen“, sagt er und guckt aufs Handy. „Das sind drei elende Stunden Warterei.“

Soviel ist klar. Der CDU-Kandidat Georg Wacker hat den Wahlkreis Weinheim (39) gewonnen. Das ist keine ├â┼ôberraschung. Der Wahlkreis ist „schwarz“, CDU-dominiert. Auch bei der vergangenen Wahl 2006 ist Uli Sckerl nur ├╝ber ein „Zweitmandat“ in den Landtag gew├Ąhlt worden.

„Wenn Du nicht drin bist, bist Du drau├čen“, sagt er, schaut auf sein Handy. „Das ist einfach so.“

Auch soviel ist klar – Georg Wacker hat wie die CDU „verloren“. Zwar hat die CDU 60 Direktmandate und damit 60 von 120 regul├Ąren Sitzen. Aber die FDP wird nur sieben Sitze schaffen. Zusammen sind das 67. Die Gr├╝nen schaffen letzlich 36, die SPD 35 und das sind 71 Sitze – die Mehrheit. Schwarz-gelb ist abgew├Ąhlt. Gr├╝n-rot ist gew├Ąhlt. Doch das wird erst sp├Ąter „klar“.

Bei Uli Sckerl ist das kurz vor 22:00 Uhr klar, ob er „drin“ ist. Er freut sich, geht zu den Menschen und steht dann wieder allein im Abseits auf dem Parkplatz oder der Stra├če. Telefoniert. L├Ąuft auf und ab. Dann ist er wieder im Raum, die Nachricht kommt, der Jubel bricht los. Er hat das Mandat. Er ist „drin“.


(Die Licht- und Tonverh├Ąltnisse waren sehr ung├╝nstig – wir bitten um Nachsicht…)

„Wir werden in Stuttgart ein W├Ârtchen mitzureden haben“, sagt er: „Die Kurpfalz lebt und wird Furore machen.“ Die Party-G├Ąste klatschen und johlen. Auch Uli Sckerl l├Ąchelt. Er ist Profi. Trotzdem merkt man ihm die Erleichterung an. Der Druck ist enorm. Die Freude auch.

Auch Fadime lacht. Und die vielen anderen Wahlk├ĄmpferInnen. Mitglieder der Ortsvereine, Sympathisanten, Gemeinde- und Stadtr├Ąte. Uli Sckerl hat sie alle gelobt und geherzt. Es sind zu viele, um sie alle zu nennen.

B├╝roleiterin Fadime Tuncer strahlt - die viele Arbeit hat sich "gelohnt". Die Gr├╝nen haben gewonnen und ihr "Chef" Uli Sckerl geh├Ârt dazu.

Gegen halb elf fragt er die Bedienung: „Krieg ich noch was zu essen?“ Ein Wurstsalat mit Pommes w├Ąre noch zu haben. „Ja, gerne, nehm ich“, sagt Sckerl, geht wieder rein in den Raum, vor das Notebook seiner B├╝roleiterin. Scheckt Nachrichten.

Wie geht’s weiter? Wird er Minister?

„Dazu kann ich heute nichts sagen“, sagt er: „Jetzt wird verhandelt.“ Auch vorhin am Telefon wurde bestimmt schon verhandelt.

Dann kommt sein Wurstsalat mit Pommes. Uli Sckerl isst mit Appetit. Er ist hungrig.

Und er wei├č, dass er in den kommenden f├╝nf Jahren das Land mitgestalten wird.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.