Samstag, 19. August 2017

Gabis Kolumne

Uns Frauen fehlt die Gelassenheit – na und?

Print Friendly, PDF & Email

//

 

Guten Tag!

Heddesheim, 28. Juni 2010. Harmonische Beziehungen? Die gibt es, vielleicht, meint Gabi. Doch dazu gehören immer zwei.

Vielleicht geh√∂ren Sie ja zu den Menschen, die immer eine harmonische Beziehung f√ľhren, „Ja, Schatz, aber gern, Schatz, schon erledigt, Schatz“, ist bei Ihnen an der Tagesordnung. Bei Ihnen werden keine T√ľren geknallt und Sie sind noch nie v√∂llig zerstritten zu einer Einladung von Bekannten gefahren. Beneidenswert. Sie verstehen sich blind.

Diese Art von Harmonie ist mir nicht verg√∂nnt und wenn ich ehrlich bin, kenne ich auch kaum eine Beziehung an der ich dies beobachten konnte. Und wenn doch, denke ich mir meist: „Gut gespielt.“

Es ist ja nicht so, dass ich mir nicht täglich vornehme, verständnisvoll und tolerant zu sein und das geht auch oft einige Tage, manchmal sogar Wochen (eher selten) ganz gut und dann passiert es. Meist ist es nur ein Satz, ein Wort im falschen Moment und schon ist der Streit da.

Es ist ja auch nicht so, dass es nicht vorhersehbar w√§re, denn gebrodelt hat es schon eine ganze Weile und Mann/Frau wei√ü ganz genau: „Wenn ich jetzt ausspreche, was ich denke…“ und dann bricht der Vulkan aus. Die S√§tze beginnen meist mit „K√∂nntest du nicht einmal √Ę‚ā¨¬¶, du h√§ttest doch√Ę‚ā¨¬¶, warum sagst du nie √Ę‚ā¨¬¶, immer musst du, ich habe doch schon so oft√Ę‚ā¨¬¶“

Männer nennen das zänkisch sein oder auch schlicht die weibliche Vorwurfskultur.

Gegenst√§nde des Streits sind meist ganz allt√§gliche Dinge: der nicht raus gebrachte M√ľll, der Besuch der Schwiegermutter, ungeb√ľgelte Hemden, der vergessene Hochzeitstag. Die Liste ist beliebig verl√§ngerbar. „Beliebte“ Streitthemen sind nat√ľrlich auch die Kindererziehung und die ewigen √ÉŇďberstunden in der Firma.

„Kaum habe ich den Satz „du h√§ttest doch einmal√Ę‚ā¨¬¶“ ausgesprochen, m√∂chte ich ihn am liebsten zur√ľcknehmen“, sagte mir k√ľrzlich eine Freundin: „Denn dann geht der Streit los und ich wei√ü, dass wir die n√§chsten Tage kein Wort miteinander reden werden.“

Ja, das kenne ich nur zu gut, die neuralgischen Sätze, die es wahrscheinlich in den meisten Beziehungen gibt und die fast immer in einer Auseinandersetzung enden.

„Mein Mann hilft mir nie, wenn wir Besuch bekommen“, beschwerte sich eine Freundin bei mir √ľber ihren Herzallerliebsten. „Ich schleppe die Getr√§nkekisten herbei, putze das Haus und stehe tagelang in der K√ľche. Er spielt dann den perfekten Gastgeber, wenn die G√§ste ankommen, w√§hrend ich vollkommen abgek√§mpft mir ein L√§cheln abringe. Wenn er dann abends noch sagt, was f√ľr ein sch√∂nes Fest es war und wie schade es sei, dass ich so schlecht drauf war, explodiere ich.“

Das wirkliche Problem, und da geben Sie mir sicher Recht, sind die eingefahren Rollen und Positionen. W√ľrde meine Freundin weder Getr√§nke besorgen, noch putzen und Essen vorbereiten, m√ľsste es ihr Mann √ľbernehmen oder er k√∂nnte am Abend nicht stolz von dem sch√∂nen Fest schw√§rmen. Vielleicht w√ľrde er aber auch nur Bier und Chips von der Tankstelle besorgen und es w√§re dennoch eine tolle Party.

Das gr√∂√üte Problem ist hierbei die Gelassenheit, die den meisten Frauen, und ich gebe es zu, auch mir, vollkommen fehlt. Ich bin gestresst, wenn wir in Urlaub fahren, G√§ste bekommen, die Kinder viele Arbeiten schreiben und, und, und √Ę‚ā¨¬¶ Und je angestrengter ich werde, um so mehr l√§sst mein Mann den Stress an sich abperlen, was nat√ľrlich meinen im Gegenzug erh√∂rt, das wiederum dazu f√ľhrt, dass er mir meine schlechte Laune und meine Gereiztheit vorwirft.

Dilemmata werden erzeugt. Wie denkt Frau? Richtig, warum kann er nicht einmal√Ę‚ā¨¬¶Wie denkt Mann? Tja, wie denkt Mann? Ich vermute, er denkt: „Warum kann sie nicht einmal entspannter daran gehen?“

Wo habe ich angefangen. Ja, richtig, bei harmonischen Beziehungen.

Wenn Harmonie nur zu erreichen ist, wenn ich stets meinen Mund halte, dann kann mir Harmonie gestohlen bleiben.

Was ich dagegen erstrebenswert finde, ist die eingefahrenen Rollen zu verlassen, aber dazu gehören ja schließlich zwei.
gabi

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.