Dienstag, 25. September 2018

Die erste Woche – der Weg zum Nichtraucher ist steinig und schwer …

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 29. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. DafĂŒr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fĂŒhlt. Sie schreibt ĂŒbers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ĂŒbers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drĂŒcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche HĂŒrden sie dabei zu ĂŒberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch fĂŒr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrĂŒcken“. Die erste Woche – als Fast-Nichtraucher.

Von Marietta Herzberger

Nur dieses eine Mal ...

Haben auch Sie Angst, aufzuhören? Das Rauchen sein zu lassen und sich keine mehr anzustecken? Finden Sie tausend verschiedene GrĂŒnde, weiter zu rauchen? Willkommen im Club der Meister der SelbstlĂŒge.

Ein Beispiel, wie sehr sich der Mensch selbst und mit wachsender Begeisterung in die Tasche lĂŒgen kann, ist Karla.

Sie ist eine entfernte Verwandte von mir und schon seit ich sie kenne mal mehr, mal weniger ĂŒbergewichtig und Raucherin. Sie erzĂ€hlte mir, dass sie irgendwann mal aufgehört und spontan fĂŒnf Kilo zugenommen hatte. Dann fing sie wieder an, um nicht weiter Gewicht aufzubauen. Damals fragte ich sie, ob sie die fĂŒnf Kilo wieder abgenommen hĂ€tte. Nein, hĂ€tte sie nicht. Aber zugenommen habe sie seitdem auch nicht mehr. Deswegen wĂŒrde sie ja rauchen, um essen zu können.

Sie raucht also, um essen zu können? Um ruhig zu bleiben. Um sich zu konzentrieren. Umñ€©

Wir Menschen sind Meister, wenn es darum geht, uns selbst in die Tasche zu lĂŒgen.

Diese Ängste waren immer mein Hemmschuh auf den halbherzigen Wegen zum Nichtrauchen. Ängste, die mich Dinge glauben ließen wie: Ich genieße es. Ich rauche gerne. Es beruhigt michñ€©

Diese Ängste sind auch heute noch stellenweise bei mir und dicke befreundet mit Zoppo, meinem Rauchelf, der alles versucht, mich wieder an die GiftstĂ€ngel zu fesseln.

Nur dieses eine Mal …

Sie flĂŒstern mir dann Dinge in mein offenes Ohr wie: „Komm. Wenn du jetzt keine rauchst, dann isst du diesen Schokoriegel. Denke dran: Wenn du diesen Schokoriegel isst, dann wirst du zunehmen! Das ist echter Hunger. Kein Hunger auf Nikotin. Vertreibe ihn, den echten Hunger. Komm, nur ein paar ZĂŒge. Du kannst es doch jederzeit wieder lassen. Nur dieses eine Mal.“

Vor einigen Tagen hastete ich durch Termine verschiedenster Art, meine Tochter bekam spontan schulfrei, mein Hund musste zum Tierarzt, mein Auto ging nicht mehr an, es regnete in Strömen, der Akku meines Notebooks gab den Geist auf und meine Kaffeedose war leer. Mein Mann war beruflich unabkömmlich und die Großeltern meines Kindes in Urlaub. Und was tat ich?

Ich lief auf Notstrom. Was tat ich in solchen Situationen sonst noch? Richtig. Runterkommen. Sammeln. Fokussieren. Erst mal Pause machen. Sprich: Eine rauchen. Und ich tat es. Bis zur HĂ€lfte. Dann ging es mir besser. Blöd, war aber so. Warum ging es mir dann besser? Keine Ahnung. Wahrscheinlich das GrundbedĂŒrfnis, etwas Vertrautes als Trösterchen zu nutzen, wenn alles um einen herum augenscheinlich im Chaos versinkt. Leider hielt dieses GefĂŒhl: „Mir geht es jetzt besser“ nur so lange an, bis ich die Zigarette ausgedrĂŒckt hatte. Dann Ă€rgerte ich mich ĂŒber mich selbst.

Ich Ă€rgerte mich so sehr, dass ich am Abend auf einem Konzert dem Caipirinha dankbar zusprach und dazu rauchte. So war es gut, so war es schon immer und morgen wĂŒrde ich das wieder lassen. Der Selbstbetrug ging so weit, dass ich den Abend richtig genoss.

Tröste mich Zigarette, ich hatte einen Scheißtag!

Der fahle Geschmack am nĂ€chsten Morgen war ekelhaft. Das GefĂŒhl, versagt zu haben, noch schlimmer. Das Wissen, dass ich diesen RĂŒckschritt niederschreiben sollte, machte meine Laune nicht wirklich besser.

Was habe ich nun davon?
Entzugstechnisch befinde ich mich wahrscheinlich wieder auf Tag Eins. Auf alle FĂ€lle fĂŒhlt es sich so an.

Und ich nehme mir vor: Bis auf weiteres werde ich bei FestivitÀten eher dem Wasser als dem Alkohol zusprechen.

Der Weg zum Nichtraucher ist steinig und mit vielen persönlichen und ganz individuellen Steinen gepflastert. Manchmal ist man zu mĂŒde und die Beine zu lahm, um sie noch ĂŒber die Steine zu heben. Dann latscht man einfach drauf oder stolpert, statt anzuhalten, kurz Luft zu holen, um Kraft zu sammeln und dann das Bein zu heben. Gehen Sie zurĂŒck auf „Los“!

ZurĂŒck auf „Los“? Eigentlich nicht. Ich mache dort weiter, wo ich vor dem „Rauch-Ausrutscher“ war. Beim Nichtrauchen.

Im August werde ich in Urlaub gehen und mein Tagebuch nur fĂŒr mich schreiben. Es wird seit sehr langer Zeit ein rauchfreier Urlaub werden. Darauf freue ich mich. Ich freue mich darauf, ganz entspannt am Flughafen auf den Flug zu warten. Ich werde nicht ĂŒberlegen mĂŒssen, wo ich im Flughafen rauchen kann. Nicht panisch werden mĂŒssen, weil ich im Flieger keine rauchen kann. Ich werde die Reise einfach genießen können. Darauf freue ich mich. Ich werde ab Mitte September wieder berichten. Schonungslos ehrlich.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. DarĂŒber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang schrieb sie tĂ€glich, spĂ€ter immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Jetzt geht sie erst mal in Urlaub und wir sind schon gespannt, was sie uns danach berichten wird.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.