Dienstag, 27. Juni 2017

Die erste Woche – der Weg zum Nichtraucher ist steinig und schwer …


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 29. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger h├Ârt auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. Daf├╝r schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich f├╝hlt. Sie schreibt ├╝bers Aufh├Âren, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ├╝bers Anfangen, um aufzuh├Âren? Wir alle dr├╝cken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche H├╝rden sie dabei zu ├╝berwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch f├╝r alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdr├╝cken“. Die erste Woche – als Fast-Nichtraucher.

Von Marietta Herzberger

Nur dieses eine Mal ...

Haben auch Sie Angst, aufzuh├Âren? Das Rauchen sein zu lassen und sich keine mehr anzustecken? Finden Sie tausend verschiedene Gr├╝nde, weiter zu rauchen? Willkommen im Club der Meister der Selbstl├╝ge.

Ein Beispiel, wie sehr sich der Mensch selbst und mit wachsender Begeisterung in die Tasche l├╝gen kann, ist Karla.

Sie ist eine entfernte Verwandte von mir und schon seit ich sie kenne mal mehr, mal weniger ├╝bergewichtig und Raucherin. Sie erz├Ąhlte mir, dass sie irgendwann mal aufgeh├Ârt und spontan f├╝nf Kilo zugenommen hatte. Dann fing sie wieder an, um nicht weiter Gewicht aufzubauen. Damals fragte ich sie, ob sie die f├╝nf Kilo wieder abgenommen h├Ątte. Nein, h├Ątte sie nicht. Aber zugenommen habe sie seitdem auch nicht mehr. Deswegen w├╝rde sie ja rauchen, um essen zu k├Ânnen.

Sie raucht also, um essen zu k├Ânnen? Um ruhig zu bleiben. Um sich zu konzentrieren. Um├óÔéČ┬Ž

Wir Menschen sind Meister, wenn es darum geht, uns selbst in die Tasche zu l├╝gen.

Diese ├âÔÇ×ngste waren immer mein Hemmschuh auf den halbherzigen Wegen zum Nichtrauchen. ├âÔÇ×ngste, die mich Dinge glauben lie├čen wie: Ich genie├če es. Ich rauche gerne. Es beruhigt mich├óÔéČ┬Ž

Diese ├âÔÇ×ngste sind auch heute noch stellenweise bei mir und dicke befreundet mit Zoppo, meinem Rauchelf, der alles versucht, mich wieder an die Giftst├Ąngel zu fesseln.

Nur dieses eine Mal …

Sie fl├╝stern mir dann Dinge in mein offenes Ohr wie: „Komm. Wenn du jetzt keine rauchst, dann isst du diesen Schokoriegel. Denke dran: Wenn du diesen Schokoriegel isst, dann wirst du zunehmen! Das ist echter Hunger. Kein Hunger auf Nikotin. Vertreibe ihn, den echten Hunger. Komm, nur ein paar Z├╝ge. Du kannst es doch jederzeit wieder lassen. Nur dieses eine Mal.“

Vor einigen Tagen hastete ich durch Termine verschiedenster Art, meine Tochter bekam spontan schulfrei, mein Hund musste zum Tierarzt, mein Auto ging nicht mehr an, es regnete in Str├Âmen, der Akku meines Notebooks gab den Geist auf und meine Kaffeedose war leer. Mein Mann war beruflich unabk├Âmmlich und die Gro├čeltern meines Kindes in Urlaub. Und was tat ich?

Ich lief auf Notstrom. Was tat ich in solchen Situationen sonst noch? Richtig. Runterkommen. Sammeln. Fokussieren. Erst mal Pause machen. Sprich: Eine rauchen. Und ich tat es. Bis zur H├Ąlfte. Dann ging es mir besser. Bl├Âd, war aber so. Warum ging es mir dann besser? Keine Ahnung. Wahrscheinlich das Grundbed├╝rfnis, etwas Vertrautes als Tr├Âsterchen zu nutzen, wenn alles um einen herum augenscheinlich im Chaos versinkt. Leider hielt dieses Gef├╝hl: „Mir geht es jetzt besser“ nur so lange an, bis ich die Zigarette ausgedr├╝ckt hatte. Dann ├Ąrgerte ich mich ├╝ber mich selbst.

Ich ├Ąrgerte mich so sehr, dass ich am Abend auf einem Konzert dem Caipirinha dankbar zusprach und dazu rauchte. So war es gut, so war es schon immer und morgen w├╝rde ich das wieder lassen. Der Selbstbetrug ging so weit, dass ich den Abend richtig genoss.

Tr├Âste mich Zigarette, ich hatte einen Schei├čtag!

Der fahle Geschmack am n├Ąchsten Morgen war ekelhaft. Das Gef├╝hl, versagt zu haben, noch schlimmer. Das Wissen, dass ich diesen R├╝ckschritt niederschreiben sollte, machte meine Laune nicht wirklich besser.

Was habe ich nun davon?
Entzugstechnisch befinde ich mich wahrscheinlich wieder auf Tag Eins. Auf alle F├Ąlle f├╝hlt es sich so an.

Und ich nehme mir vor: Bis auf weiteres werde ich bei Festivit├Ąten eher dem Wasser als dem Alkohol zusprechen.

Der Weg zum Nichtraucher ist steinig und mit vielen pers├Ânlichen und ganz individuellen Steinen gepflastert. Manchmal ist man zu m├╝de und die Beine zu lahm, um sie noch ├╝ber die Steine zu heben. Dann latscht man einfach drauf oder stolpert, statt anzuhalten, kurz Luft zu holen, um Kraft zu sammeln und dann das Bein zu heben. Gehen Sie zur├╝ck auf „Los“!

Zur├╝ck auf „Los“? Eigentlich nicht. Ich mache dort weiter, wo ich vor dem „Rauch-Ausrutscher“ war. Beim Nichtrauchen.

Im August werde ich in Urlaub gehen und mein Tagebuch nur f├╝r mich schreiben. Es wird seit sehr langer Zeit ein rauchfreier Urlaub werden. Darauf freue ich mich. Ich freue mich darauf, ganz entspannt am Flughafen auf den Flug zu warten. Ich werde nicht ├╝berlegen m├╝ssen, wo ich im Flughafen rauchen kann. Nicht panisch werden m├╝ssen, weil ich im Flieger keine rauchen kann. Ich werde die Reise einfach genie├čen k├Ânnen. Darauf freue ich mich. Ich werde ab Mitte September wieder berichten. Schonungslos ehrlich.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und h├Ârt auf, Raucherin zu sein. Dar├╝ber schreibt sie so, wie sie das m├Âchte. Am Anfang schrieb sie t├Ąglich, sp├Ąter immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Jetzt geht sie erst mal in Urlaub und wir sind schon gespannt, was sie uns danach berichten wird.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • Oha, das habe ich auch schon hinter mir. Was habe ich nicht f├╝r Tricks angewendet, um von dem Stoff los zu kommen! Ich habe mit dem Laufen angefangen, quasi eine Droge gegen die andere ausgetauscht. Ich bin aber immer noch nicht hundertprozentig weg vom Glimmstengel. Beim Bier, auf Parties und sonstigen Gelegenheiten werde ich immer noch schwach.

    Dennoch w├╝nsche ich weiterhin viel Erfolg beim Selbstversuch.

    Beste Gr├╝├če

    J├Ârg Levermann

  • Marietta

    Party und Co. machen uns zuk├╝nftigen Nichtrauchern mehr zu schaffen, als vieles andere. Gerade letzte Woche war ich auf einer Privatfeier und machte Bekanntschaft mit „Fetenrauchern“. Hut ab, wers kann. Ich kann nur ganz oder gar nicht;-)
    Dann w├╝nsche ich uns weiterhin starke Nerven und ruhige H├Ąnde;-)

    Nette Gr├╝├če
    Marietta

  • Sam Ament

    Liebe Marietta,
    du wei├čt, ich verfolge dein „Leiden“ seit Beginn an und hoffe jeden Tag, an dem ich hier nichts lesen kann, dass du f├╝r DICH stark geblieben bist!
    Am Dienstag feiere ich meinen 100. Nichtrauchertag und kann dir nicht sagen, wie froh ich dar├╝ber bin! Gut, ich hatte nie diese Probleme, wie sie bei dir auftauchen; ich WOLLTE aufh├Âren! Nur f├╝r mich und meine Gesundheit; nicht mehr stinken, nicht den S├╝chten fr├Ânen, mehr Leben!!!
    Und ich kann dir sagen: Es funktioniert! Ich vermisse nichts!

    Ich w├╝nsche dir einen sch├Ânen Urlaub und dass du nicht immer wieder mit Tag 1 beginnnen musst ­čśÇ

    Erhol├é┬┤ dich gut ­čÖé

    Sam

  • weinheimblog

    Guten Tag!

    Heute ein Text von Malte Wedding in der Berliner Zeitung ├╝bers Aufh├Âren und die Gunst des Anfangens, um Aufh├Âren zu k├Ânnen.

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/vermischtes/rauchen-leben/353668.php

    Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
    Das weinheimblog

    • Renate Fernando

      Hallo weinheimblog,

      vielen, vielen Dank f├╝r das Aufst├Âbern dieses wunderbaren Artikels von Malte Wedding.

      Ein Genuss! Wie ein Glas guten Rotwein zu einem perfekt gebratenen Rinderfiletsteak und einem Espresso mit Zigarette danach.

  • Isidora

    Ich
    denke das gr├Â├čte Problem wen man mit dem Rauchen aufh├Ârt ist das
    man extrem an Gewicht zulegt. Ich habe in den ersten Monat 7 Kg
    zugelegt.
    Lg aus Wien