Sonntag, 20. August 2017

Facebook-Ger√ľchtek√ľche - keine Hilfe, sondern Spam

Der vermisste Robin C. ist tot

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Ladenburg/Mannheim/Mainz/Rhein-Neckar, 28. Januar 2013. (red/pro) Aktualisiert. Die Polizei hat heute mitgeteilt, dass die Identität der bei Nackenheim gefundenen Wasserleiche feststeht. Es handelt sich um den seit dem 20. Dezember 2012 vermissten 24-jährigen Ladenburger Robin C. Nach Abschluss der kriminalpolizeilichen Untersuchungen gibt es keine Hinweise auf Fremdverschulden.

Urspr√ľnglicher Artikel:

Ladenburg/Mannheim/Mainz/Rhein-Neckar, 26. Januar 2013. (red/pro) √úber email, Kommentare und Facebook wurde uns in der Nacht und am Mittag mitgeteilt, dass der vermisste 24-j√§hrige Ladenburger Robin C. tot in einem Wald in der N√§he von Mainz aufgefunden worden sei. Unsere Recherche ergibt, dass die Ger√ľchtek√ľche auf Facebook und im Internet tobt. Wieder einmal zeigt sich, dass Menschen, die es vermeintlich „gut“ meinen, Schaden und Leid meistens nur noch verschlimmern. Die Polizei best√§tigt auf unsere Nachfrage, dass es sich bei einer bei Oppenheim gefundene Wasserleiche vermutlich um den vermissten Robin C. handelt. Sicherheit wird allerdings erst ein DNA-Abgleich in der kommenden Woche bringen.

Von Hardy Prothmann

In Facebook gibt es eine Seite „VermisstRobinC“, die 318 „Fans“ hat, am 29. Dezember 2012 erstellt worden ist und auf der heute folgender Eintrag zu lesen ist:

„Leider erreichte uns heute eine schmerzliche Nachricht. Robin ist nicht mehr am Leben. Er wurde in der N√§he von Mainz gefunden.

Er hinterl√§sst eine L√ľcke, die wir mit unseren Erinnerungen und Gedanken f√ľllen, aber niemals schlie√üen werden k√∂nnen.

Zur√ľck bleiben Trauer, Verzweiflung, Tr√§nen und die Fragen nach dem Warum.

In tiefer Trauer nehmen wir Abschied von Robin.

Wir danken euch allen herzlich f√ľr eure Mitarbeit und Unterst√ľtzung.“

Rund 40 Kommentatoren dr√ľcken bislang ihr Beileid aus.

Hinweise, falsche „Tatsachen“, Ger√ľchte

Uns wurde mitgeteilt, dass die Seite vom Vater des vermissten jungen Mannes erstellt worden sei. Wir k√∂nnen uns das nicht vorstellen – zu sachlich ist der Tonfall der Nachrichten auf dieser Seite. Die Information stellt sich als falsch heraus. Tats√§chlich erfahren wir aus einer zuverl√§ssigen Quelle, dass Bekannte von Robin die Seite eingerichtet haben, angeblich, um die Suche zu unterst√ľtzen. Tats√§chlich l√§sst der anonyme Seitenbetreiber Kommentare zu wie „vermutlich Schwulenszene oder Organhandel“. Wieso solche Eintr√§ge nicht sofort gel√∂scht werden kann man diese anonyme Person nicht fragen.

√úber Facebook teilt uns ein angeblicher Freund der Familie mit, dass der Vater ihn √ľber den Tod des Vermissten informiert habe. Dieser habe ihm via Telefon und Facebook mitgeteilt, dass der vermisste Sohn tot „in einem Waldst√ľck bei Mainz“ aufgefunden worden sei. Als wir nachfragen, sperrt uns dieser „Kontakt“. Ein anderer Kommentator will „indirekt“ √ľber die Familie beziehungsweise einen „Freund“ schon gestern Abend √ľber den Tod des Vermissten informiert worden sein.

Auch auf Google+ wurde ebenfalls am 29. Dezember eine Seite erstellt. Auch dort kommentiert ein „Marcus H.“, dass „uns eine traurige Nachricht“ erreicht hat. Der Seitenbetreiber kommentiert das mit „Ich wei√ü..“

Recherche und Tatsachen

Nat√ľrlich gehen wir Hinweisen nach. Noch in der Nacht teilt uns die Polizei in Mainz auf Nachfrage mit, dass es definitiv weder in der N√§he von Mainz noch in einem Wald einen Leichenfund gibt. Tats√§chlich wurde in Nackenheim eine Wasserleiche gefunden, deren Identit√§t nach Auskunft der Polizeien in Mainz und Mannheim noch nicht feststeht, da die Obduktion noch erfolgen wird.

Aus einer anderen Quelle erhalten wir die Information, dass die Obduktion bereits gestern stattgefunden habe. Ein Kriminalbeamter habe die Mutter am Telefon dar√ľber informiert, dass es sich mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ um den vermissten Robin handelt. Es fehle nur noch der DNA-Abgleich.

Der Kriminaldauerdienst in Mannheim wei√ü nach Aktenlage noch nichts von einer Obduktion. Hier ist der Fall immer noch offen, der junge Mann weiter als „vermisst“ registriert. Hinweise, dass es sich bei der Wasserleiche um den gesuchten Mann handeln k√∂nnte, liegen nach Auskunft der Polizei nicht vor.

Wir bleiben dran, am fr√ľhen Abend informiert uns dann der Polizeisprecher Holger Ohm dann, dass es sich bei der Leiche „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ um den gesuchten Robin C. handelt. Eine Obduktion habe stattgefunden. Mit Sicherheit lasse sich dies aber erst nach einem DNA-Abgleich feststellen. Dieser werde Anfang der Woche vorgenommen. Die Polizei agiert in solchen F√§llen normalerweise mit gro√üer Zur√ľckhaltung und Sorgfalt gegen√ľber den beteiligten Personen. Verwunderlich ist, dass die Kriminalpolizei nach unseren Informationen am Freitagnachmittag die Eltern „telefonisch“ √ľber den Ermittlungsstand informiert haben soll. √úberbringt man eine solche Nachricht, zumal, wenn sie noch nicht sicher feststeht, nicht eher pers√∂nlich? Die Polizei wird unsere Hinweise auf den Vorgang pr√ľfen, wie uns mitgeteilt wird.

Was die Polizei nun, nachdem der Leichenfund öffentlich kommentiert wird, weiter mitteilt, ist, dass es keine Hinweis auf ein Fremdverschulden gibt.

Falsche „Freunde“, falsche „Hilfe“

Obwohl wir als Internetzeitung selbst sehr intensiv und selbstverst√§ndlich soziale Netzwerke nutzen, sehen wir solche Aktionen wie Facebook-Suchseiten, exzessives Teilen von Fotos und vermeintlichen „Informationen“ sehr kritisch. Was haben Eintr√§ge wie „vermutlich Schwulenszene oder Organhandel“ auf solchen Seiten verloren? Denkt jemand √ľberhaupt nicht nach, ob das die Person besch√§digen kann? Oder ist gerade das gewollt? Ist es nur Dummheit oder nur Sensationsgeilheit, solche Eintr√§ge vorzunehmen? Wieso sollten viele aus dem Internet zusammengeklaubte Fotos die Suche mehr unterst√ľtzen als ein eindeutiges Profilbild, das von der Polizei zur Vermisstenmeldung herausgegeben worden ist? Was sollen Informationen bringen, wo sich Robin gerne aufgehalten hat, wo er studiert hat? W√§ren das wichtige Informationen, die die polizeiliche Suche unterst√ľtzen k√∂nnten, w√ľrde die Polizei so etwas mitteilen. Auf privaten Seiten ist das nichts anderes als Klatsch.

Umgekehrt k√∂nnte man fragen, wo denn der Unterschied zu unserer Berichterstattung ist? Ist das eine nicht wie das andere √∂ffentlich? Beides ist √∂ffentlich, das trifft zu. Der gro√üe Unterschied liegt in den Details. Wir pr√ľfen Informationen sorgf√§ltig und bereiten diese professionell auf. So ist die Aussage, dass der gesuchte Robin tot ist, solange nicht zutreffend, solange dies nicht sicher festgestellt ist. Die Aussage, man habe ihn in der N√§he von Mainz gefunden, ist nach unserer Recherche falsch. Ebenso der Hinweis auf einen Wald.

√Ėffentliches Interesse vs. privat

Privatpersonen anonymisieren wir im Anschluss, wenn diese tot oder lebendig gefunden worden sind. Aus Achtung vor den Pers√∂nlichkeitsrechten – die auch ein toter Mensch hat. Und aus R√ľcksicht auf die Angeh√∂rigen, die insbesondere, wenn es sich um Privatleute handelt, selbst entscheiden sollen, ob und welche √Ėffentlichkeit sie herstellen m√∂chten. Dabei w√§gen wir immer ab, welche Informationen einem „√∂ffentlichen Interesse“ dienen und welche in der √Ėffentlichkeit nichts zu suchen haben. Dass die Suchseite auf Facebook immer noch die Bilder des vermissten Robin C. zeigt, hat nichts mehr mit „√∂ffentlichem Interesse“ zu tun – hier wird nur noch Voyeurismus bedient. Die Angeh√∂rigen aber brauchen Ruhe und Kraft, um trauern zu k√∂nnen.

Verhindern k√∂nnen h√∂chstens Angeh√∂rige selbst solche Seiten, indem sie nach Kenntnis juristisch dagegen vorgehen oder die Polizei, wenn Straftatbest√§nde vorliegen. Muss man jemandem zumuten, dass er sich auch noch wehren muss, wenn er schon so sehr verletzt worden ist? Das Argument, wann wolle doch helfen, setzt die Frage voraus, ob man das auch verantworten kann: Ob eine solche Hilfe gew√ľnscht ist oder ob eine solche Hilfe sich nicht eher ins Gegenteil verkehrt? √úber diese Verantwortung sollte man vorher nachdenken.

Wir raten in solchen F√§llen Betroffenen immer, auf keinen Fall Informationen oder Fotos an Dritte herauszugeben, deren Gebrauch sie nicht mehr kontrollieren k√∂nnen. Professionelle Redaktionen achten auf einen sorgsamen Umgang mit solchen Informationen im Gegensatz zu anderen, die die Tragweite nicht √ľberblicken oder unter Umst√§nden sogar „niedere Ziele“ verfolgen.

Und Internetnutzer sollten sich immer im klaren dar√ľber sein, ob sie eine vertrauensw√ľrdige Quelle vor sich haben und was man wie teilt und kommentiert. Die einfache Frage: „Wie w√§re das f√ľr mich, wenn ich betroffen w√§re“, kann immer helfen, nicht alles mitzumachen, nur weil man es „einfach“ machen kann.

 

 

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.