Montag, 21. August 2017

„Dass ich sein kann wie ich bin“ – Lesung zu Hilde Domin

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Guten Tag!

Heddesheim, 28. November 2010. Die Lesung der Heidelberger Germanistin und Anglistin Marion Tauschwitz aus ihrer Biographie zu Hilde Domin war ein ganz besonderes Erlebnis fĂŒr die knapp 40 Zuhörer in den AusstellungsrĂ€umen der Heddesheimer Rathausgalerie (21. November 2010). Der Raum ist voll besetzt, StĂŒhle mĂŒssen dazu gestellt werden.

Von Sabine Prothmann

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Marion Tauschwitz - Freundin, Vertraute, Nachlassverwalterin und "kleine Schwester".

Marion Tauschwitz erzĂ€hlt ĂŒber Hilde Domin. Die Autorin Marion Tauschwitz liest aus: „Dass ich sein kann wie ich bin – Hilde Domin. Die Biographie“.
Und das macht sie so wunderbar, so persönlich, dass die Zuhörer ihr ĂŒber 90 Minuten gebannt lauschen. Als sie endet, will der Applaus nicht aufhören.

Eine Woche zuvor war die kleine Veranstaltungsreihe des Heddesheimer Kunstvereins zu Hilde Domin mit der Ausstellungseröffnung der Bilder von Veronika Drop zu Hilde Domin eröffnet worden.

„Es war eine intensive Zeit.“

Und auch am vergangenen Sonntag war die KĂŒnstlerin Drop wieder anwesend und begrĂŒĂŸte die Autorin Marion Tauschwitz, die als Vertraute, Nachlassverwalterin und „Schwester“, wie Domin sie immer nannte, die Lyrikerin in den letzten Jahren von 2001 bis zu ihrem Tod 2006 begleitet hatte.

„Es war eine intensive Zeit“, sagt Tauschwitz ĂŒber diese Jahre. Kennengelernt hat sie Hilde Domin nach einer Lesung. „Sie hat mich zum Essen eingeladen und daraus ist diese Freundschaft entstanden.“

Das Besondere an Domins Gedichten sei die Einheit von Leben und Poesie gewesen, so Tauschwitz. Entstanden aus persönlicher grĂ¶ĂŸter Not, auf die man laut Hilde Domin nur auf drei Arten reagieren konnte: Entweder man begebe sich auf die Couch des Psychiaters, man vertraue sich Gott an oder aber man verarbeite sie in der KreativitĂ€t.

Hocherotische Liebesgedichte.

Man habe lange den Tod der Mutter als den Schock gedeutet, der zu dem Beginn ihres schriftstellerischen Wirkens gefĂŒhrt habe. Doch, so Tauschwitz, die hocherotischen ersten Liebesgedichte, die entstanden sind, mĂŒssten in einen anderen Zusammenhang gestellt werden.

Tauschwitz hat nach dem Tod der Lyrikerin ihre Briefe entdeckt, darunter mehr als 2000 „Ehebriefe“, die Hilde Domin an ihren Mann Erwin Walter Palm geschrieben habe. „Sie hat ihrem Mann bis zu sieben Briefe am Tag geschrieben, die bis zu 17 Seiten hatten und in winziger Schrift geschrieben waren.“ Anders als bislang angenommen, habe das Ehepaar ĂŒber große Strecken getrennt gelebt.

„Mein Leben wird mal ein spannender Gegenstand fĂŒr die Literaturwissenschaft“

Vieles blieb zu Lebzeiten von der Dichterin verborgen, die eine KĂŒnstlerin in der „Selbstharmonisierung“ gewesen sei. „Mein Leben wird mal ein spannender Gegenstand fĂŒr die Literaturwissenschaft“, zitiert Tauschwitz Hilde Domin.

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Die Autorin Marion Tauschwitz liest aus der Biographie zu Hilde Domin.

Mit ihrer klaren, warmen Stimme beginnt Tauschwitz von Hilde Domins Leben zu erzĂ€hlen, von den frĂŒhen Jahren in Köln, von dem jĂŒdischen Elternhaus und der intensiven Beziehung zur Mutter. Im Elternhaus bekam sie das Urvertrauen vermittelt, das sie durch ihr schweres Leben getragen habe, so Tauschwitz.

Es folgt das Studium an Uni Heidelberg, wo Anfang der 30-er Jahre, die meisten jĂŒdischen Studentinnen eingeschrieben waren.

„Den Juden wird es schlimm ergehen.“

Ein Unfall, eine Brandwunde am Kopf, zwingt Hilde, damals noch Löwenstein, zur Genesung zurĂŒck ins Elternhaus. Ihre Studien fĂŒhrten sie zunĂ€chst an den UniversitĂ€ten in Köln und Bonn fort. Zum Wintersemester 1930 zieht es sie nach Berlin, wo auch ihre Politisierung stattfindet. Sie tritt in die SPD ein.

Der jungen Hilde wird schnell klar, nachdem sie „Mein Kampf“ gelesen und Hitler gehört hatte, „den Juden wird es schlimm ergehen“.

In Berlin lernt sie auch den jĂŒdischen Althistoriker Hans Georg Pflaum kennen, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verbindet. Aber er bleibt der „KĂŒmmerer“.

Hilde Löwenstein kehrt nach Heidelberg zurĂŒck. Dort begegnet sie dem charismatischen, extravaganten Erwin Walter Palm, einem jĂŒdischen Philologie- und ArchĂ€ologie-Studenten aus Frankfurt. Palm ist nur 1,62 Meter groß, er ist ein Paradiesvogel und im Alltag hilflos. „Da kam die Liebe.“

Italien wird zum ersten Exilland.

Seine Italiensehnsucht fĂŒhrt die beiden 1932 nach Italien – gegen den Widerstand ihrer Eltern -, zunĂ€chst nach Florenz, spĂ€ter nach Rom, wo sich beide an der Uni einschreiben.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wird Italien zum ihrem ersten Exilland.

Palm war glĂŒcklich, Hilde hielt ihm den RĂŒcken fĂŒr seine Studien frei und erteilte Deutschunterricht. „Objektiv und von außen betrachtet war dies eine Hundezeit“, so Tauschwitz.

1934 werden die ersten Rassengesetze in Italien erlassen, damit war Palms Lebenstraum passé. 1936 heiraten Hilde Löwenstein und Erwin Walter Palm. Doch schon da ist die Beziehung sehr problematisch, wie Marion Tauschwitz durch die Briefe belegen kann.

Flucht nach London.

Die Situation in Italien wird immer untragbarer, doch obwohl Hildes Familie schon lĂ€ngst im Exil in London lebt, verzögert sich die Ausreise der Palms immer wieder, da Erwin Walter Palm noch auf Hildes ÃƓbersetzung seiner Schriften wartet.

Im September 1938 gelingt ihnen doch noch die Flucht ĂŒber Paris nach London.

Zu dieser Zeit sind die meisten Fluchtwege schon verbaut und auch in London wird nach der Kapitulation Englands die Situation fĂŒr Juden sehr ungewiss.

Als der Diktator der Insel Hispaniola erklĂ€rt, dass er 100.000 FlĂŒchtlinge aufnehmen könne, machen sich Hilde Palm und ihr Mann auf den Weg in die Dominikanische Republik.

In diese Zeit fÀllt auch eine ungewollte Schwangerschaft. Palm wollte das Kind nicht, wie Marion Tauschwitz aus einem Brief an Hildes Bruder erfahren hat. Domin beugt sich dem Wunsch ihres Mannes.

Die Exiljahre in der Dominikanischen Republik sind gekennzeichnet von permanenter Geldnot und dem schwierigen VerhĂ€ltnis des Ehepaares. Erwin Walter Palm wird zum Experten der iberoamerikanischen Kunst und bleibt in der Hauptsstadt Santo Domingo wĂ€hrend Domin in die Berge flĂŒchtet.

Die Dominikanische Republik wird zum „InselkĂ€fig“

1947 hat Hilde Domin die Papiere fĂŒr die USA zusammen, doch Palm wollte nicht mit und Domin saß in den Bergen und tippte seine Aufzeichnungen. Hier in dieser Einsamkeit entstehen 1946 ihre ersten Gedichte. Es sind Liebesgedichte, „zerfressen von Sehnsucht“.

1951 stirbt die Mutter, diesmal hĂ€tte Hilde Domin eine StĂŒtze gebraucht, doch Palm will sie verlassen. Die Beziehung des Paares schien 1951 am Ende zu sein, Palm hat eine andere Frau kennenglernt. Hilde flieht nach Haiti.

1953 ermöglicht ein Guggenheim-Stipendium einen einjĂ€hrigen Aufenthalt des Ehepaars in New York. Anschließend gehen sie noch mal kurz in die Dominikanische Republik, aber ein DAAD-Stipendium ermöglicht 1954 die RĂŒckkehr nach Deutschland.

In Deutschland erwartet sie ein schwieriges politisches Klima und das Paar pendelt noch einige Jahre zwischen Deutschland und Spanien.

1955 erscheint ein kleines BĂŒchlein mit Gedichte von Erwin Walter Palm – endlich ein „spĂ€ter Dichterruhm“. Dem Verleger legt Hilde ein paar ihrer Gedichte bei und schon 1954 wird ihre Lyrik in Zeitschriften veröffentlicht. Hilde Palms Gedichte erscheinen unter dem Pseudonym Domin, damit möchte sie auch verhindern, dass der Erfolg ihres Mannes geschmĂ€lert wird: „Ich selbst rief mit dem Namen einer Insel.“

1960 erhÀlt Palm eine KW-Professur an der UniversitÀt Heidelberg.

In Deutschland tobt ein Kampf in der Literaturszene und Hilde Domin verliebt sich in einen Verleger, davon zeugen ihre Liebesgedichte. Aus Angst entdeckt zu werden, scheut sich der Verleger vor der Veröffentlichung ihrer Liebeslyrik.

„Einmal ein Preis, immer ein Preis.“

1968 erhĂ€lt Hilde Domin den Ida-Demel-Preis, ihren ersten Preis, viele folgen nach dem Motto: „einmal ein Preis, immer ein Preis“.

„1969 reicht ihr Palm die Hand zu Versöhnung“, erzĂ€hlt Tauschwitz, erst jetzt erkennt er ihre Leistung an und versteht sie nicht mehr als Konkurrenz.

Als am 7. Juli 1988 Erwin Walter Palm stirbt, ist das ein großes Drama fĂŒr Hilde Domin, so die Autorin. Wieder einmal flĂŒchtet sie sich in Arbeit. Sie ist inzwischen berĂŒhmt und eine begehrte Rednerin. Domin hat danach noch 18 Jahre gelebt und „sie hat sie genossen“.

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Die KĂŒnstlerin Veronika Drop begrĂŒĂŸt die Autorin Marion Tauschwitz.

Dann erzÀhlt Tauschwitz von dem 22. Februar 2006: Hilde Domin ging alleine in die Stadt, sie wollte Handschuhe kaufen. Sie nahm keinen Stock, auf den Gehsteigen waren Eisplatten.

„Ich bekam einen Anruf“, erinnert sich Marion Tauschwitz, „Liebes, ich habe meinen Fuß verstaucht“, sagte Hilde Domin, „kannst du ins Krankenhaus kommen“.

Hilde Domin hatte sich nicht den Fuß verstaucht, sie hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen und musste operiert werden. Sie ĂŒberlebt die Operation, aber am nĂ€chsten Tag erreicht Marion Tauschwitz der Anruf der Klinik, der Zustand Hilde Domins sei kritisch und sie solle kommen. Die Dichterin stirbt bevor ihre „jĂŒngere Schwester“ an ihrem Krankenbett ist.

Mit dem Tod von Hilde Domin endet die Lesung und der Vortrag. Der Applaus will gar nicht aufhören. Das Publikum ist tief bewegt, „meine Freundin hat weinend die Vorstellung verlassen“, erzĂ€hlt eine Zuhörerin.

Die Menschen in der Rathausgalerie haben fĂŒr einen kleinen Augenblick, fĂŒr 90 Minuten, an dem bewegten Leben einer faszinierenden Frau und Lyrikerin teilgehabt und die Nachlassverwalterin und Vertraute der Dichterin, die Autorin Marion Tauschwitz, hat diesen Einblick mit ihren Worten und Zitaten so ganz besonders gemacht.

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Das heddesheimblog

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.