Montag, 23. Oktober 2017

Alles gut oder alles schlecht mit Pfenning in Heddesheim?

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Das Unternehmen pfenning logistics GmbH will ab 2010 mit dem Bau von Hallen n├Ârdlich der Benzstra├če beginnen und dort ein riesiges Logistik-Zentrum errichten. 2013 soll der Firmensitz vom hessischen Viernheim ins badische Heddesheim wechseln.

Geplant ist die Bebauung eines Areals n├Ârdlich der Benzstra├če in einer Gr├Â├če von 200.000 Quadratmetern. Ein zweiter Bauabschnitt k├Ânnte nochmals so gro├č werden, also insgesamt gut 400.000 Quadratmeter umfassen.

Der Heddesheimer B├╝rgermeister Michael Kessler freut sich Anfang Februar 2009: „Sie sehen einen insgesamt rundum gl├╝cklichen B├╝rgermeister“, zitiert ihn der Mannheimer Morgen. Und: „Wir sind stolz, so ein gro├čes und bedeutendes mittelst├Ąndisches Familienunternehmen f├╝r Heddesheim gewonnen zu haben.“ (Was „bedeutendes“ Unternehmen meint, l├Ąsst sich eindrucksvoll unter Was hei├čt bedeutend? nachlesen.)

Der Gemeinderat hatte das Projekt zuvor am 22. Januar einstimmig abgesegnet. Der Beschluss allerdings wurde in einer nicht-├Âffentlichen Sitzung gefasst, die Heddesheimer B├╝rgerinnen und B├╝rger erfahren von dem Projekt aus der Presse.

Frohe Botschaft?

Die Botschaft lautet: Heddesheim bekomme auf einen Schlag bis zu 1000 neue Arbeitspl├Ątze, Heddesheim k├Ânne stolz sein auf diese Akquisition, die kleine Gemeinde werde ein bedeutender Standort, die wirtschaftliche Entwicklung der Kommune werde gef├Ârdert. Heddesheim komme mitten in der Krise voran.

Kurze Zeit darauf zeigt sich aber, dass B├╝rgermeister und Gemeinderat ihre Rechnung nicht mit den B├╝rgern gemacht haben.

Was bedeutet das f├╝r uns?

Denn die haben Sorgen. „Was bedeutet das f├╝r uns?“, ist die Kernfrage. Die meisten meinen den Verkehr, viele die Gef├Ąhrdung durch den Verkehr, ebenfalls viele die Umweltbelastung durch Feinstaub, L├Ąrm und versiegelte Fl├Ąchen, manche Eigent├╝mer f├╝rchten einen Wertverlust ihrer Wohnungen, H├Ąuser, Grundst├╝cke.

Wer bis dato noch keine Meinung hatte, findet Anfang April ein „Flugblatt“ mit diesen Fragen in seinem Briefkasten.

Und pl├Âtzlich sind sehr viele Heddesheimer nachdenklich geworden, manche sind gar sauer auf ihren B├╝rgermeister und den Gemeinderat.

Denn sie f├╝hlen sich ├╝bergangen. (siehe einen Leserbrief aus dem Mannheimer Morgen).

Sie haben das Gef├╝hl, dass das Schicksal Heddesheims und damit ihr eigenes ├╝ber ihre K├Âpfe hinweg entschieden wird. Mit ungewissem Ausgang.

B├╝rgerbeteiligung als Farce

Sie f├╝hlen sich verraten, weil die „B├╝rgerbeteiligung“, bei der das Projekt vorgestellt wird, zur Farce wird. B├╝rger, die sich beteiligen, also ihre Ansichten ├Ąu├čern und Fragen stellen, bekommen von einem sichtlich mehr und mehr genervten B├╝rgermeister nur die Auskunft, dass kritische Fragen eines Flugblatts unwahre Behauptungen aufstellten und die Fakten nicht kennten und pfenning logistics nach Heddesheim kommen wird.

Manch einer der Fragesteller wird an diesem Abend von einem selbstgef├Ąlligen SWR-Moderator abgemeiert, der Stimmqualit├Ąt oder Ausdruck der fragenden B├╝rger bem├Ąngelt und dabei selbst wegen fortw├Ąhrenden Nuschelns oft schlecht zu verstehen ist. Der Moderator l├Ą├čt gar einem Redner gleich mehrfach das Mikrofon abdrehen. Nur die Buh-Rufe der versammelten B├╝rger bringen ihn zur Einsicht.

Und viele sind fassungslos, als Uwe Nitzinger, Gesch├Ąftsf├╝hrer des Unternehmens pfenning logistics, auf die Frage nach Gefahrstoffen wie beispielsweise Trennmitteln die Sachlage so erkl├Ąrt: Ja, Trennmittel lagere man auch, aber die seinen in der Industrie eben so notwendig wie das Fett, mit der die Hausfrau die Backform einstreicht, damit der Kuchen nicht haften bleibt.

Sind 100 Millionen Euro mehr wert als kritische Fragen?

Und viele der anwesenden B├╝rger f├╝hlen sich verkauft angesichts der Zahlen. 100 Millionen Euro will das Unternehmen pfenning logistics in den neuen Standort investieren.

100 Millionen Euro sind viel mehr als ein paar kritische Stimmen, denken sich viele und kapitulieren schon fast innerlich angesichts eines B├╝rgermeisters und eines Gemeinderats, die klar gemacht haben, was sie wollen.
„Was k├Ânnen wir dagegen schon machen?“, wird nach der Veranstaltung gefragt.

Widerstand leistet eine Interessengemeinschaft „Nein-zu-Pfenning“. Die Motive der Menschen, die sich gegen das Pfenning-Projekt wehren wollen, sind unterschiedlich. Angst vor dem Verkehr, Sorge um den L├Ąrm und die Umwelt sowie Verlust an Lebensqualit├Ąt in der Gemeinde waren anfangs die wichtigsten Gr├╝nde.

Die Initiatoren der Interessengemeinschaft haben nachvollziehbare Gr├╝nde f├╝r ihre Ablehnung. Einige sind Gewerbetreibende, die selbst im bereits bestehenden Gewerbegebiet gegen├╝ber dem geplanten Logistik-Standort wohnen und ganz egoistisch um ihre Wohn- und Lebensqualit├Ąt bei bis zu 1000 LKW-Fahrten in Spitzenzeiten pro Tag bangen – und dass nur in der ersten Ausbaustufe.
Andere sind Anwohner der Ringstra├če. Ihr Motiv ist im wesentlichen dasselbe wie auch das anderer Heddesheimer, die an den Achsen durch Heddesheim leben, also Viernheimer Stra├če, Unter- und Oberdorfstra├če, Muckensturmer Stra├če, Werderstra├če, Schaafeckstra├če und Gro├čsachsener Stra├če.

Sorgen und Frust

Aber ├╝berraschend viele B├╝rger, die dem Pfenning-Projekt skeptisch gegen├╝ber stehen, sind nicht direkt betroffen, sondern f├╝hlen mit, machen sich f├╝r andere Sorgen, denken an die Kinder, an die Alten, an die Umwelt und an die Gemeinde an sich.

Und sind erbost ├╝ber den Auftritt ihres B├╝rgermeisters und entt├Ąuscht ├╝ber die unkritischen Gemeinder├Ąte, die ihre Fragen nicht gestellt und in nicht-├Âffentlicher Sitzung f├╝r dieses Projekt gestimmt haben.

Bis heute fehlt von Seiten der Fraktionen „CDU“, „SPD“, „FDP“und „B├╝ndnis90/Gr├╝ne“ jede offizielle Stellungnahme zum Pfenning-Projekt. Ebenso wie auf der homepage der Gemeinde Heddesheim.

„Warum?“, fragen sich viele. Diese Nicht-Informationspolitik sch├╝rt die Bef├╝rchtungen, dass l├Ąngst nicht alle „Fakten“, au├čer dass Pfenning kommt, auf dem Tisch liegen. „Was wird uns verheimlicht?“, ist eine g├Ąngige Frage.

Als Grund f├╝r die Geheimhaltung nennt B├╝rgermeister Kessler die „selbstverst├Ąndlich“ zu sch├╝tzenden „Interessen“ des Investors. Dass auch seine B├╝rger Interessen haben, die es zu sch├╝tzen gilt und dass dies f├╝r einen B├╝rgermeister „selbstverst├Ąndlich“ sein sollte, f├Ąllt ihm nicht ein. Soviel B├╝rgerferne war selten.

„Nach der B├╝rgerbeteiligung“, die nach Ansicht der Mehrheit der anwesenden B├╝rger keine war, ist f├╝r diese nun „vor der B├╝rgerbeteiligung“ geworden. Sie wollen mitreden, zumindest Fragen stellen k├Ânnen und daf├╝r verst├Ąndliche Antworten erhalten.

Das versucht auch dieses Blog.

Eine Gemeinde ist so lebendig wie ihre B├╝rger. Sie braucht weder vertrauensselige Ja-Sager, noch notorische Nein-Sager. Sie braucht aktive B├╝rger, die sich f├╝r das eigene Wohl und das ihrer Mitb├╝rger interessieren.

Lesen Sie mit. Schreiben Sie mit. Diskutieren Sie mit. Denken Sie nach. Bringen Sie sich ein.

Sie sind herzlich eingeladen!

Ihr heddesheimblog

P.S.: Am 7. Juni 2009 ist Gemeinderatswahl. Gehen Sie hin oder w├Ąhlen Sie per Briefwahl.

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├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

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