Montag, 09. Dezember 2019

Wider einer verantwortlichen Berichterstattung

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Heddesheim, 27. Juli 2009. Der Mannheimer Morgen berichtete am Samstag auf einer ganzen Seite ĂŒber die erste Sitzung des Heddesheimer Gemeinderats. Leider sind diese Berichte voller Fehler und zeugen von einem nur mangelhaften journalistischem Handwerk – meint unser Kolumnist.

Kommentar: Helle Sema

Nein. Frau Görlitz. Ihren Berichten muss ich impulsiv widersprechen. Gerade hatte ich Sie gelobt und nun bin ich enttÀuscht, weil Sie Ihre Leser (ent-)tÀuschen.


Sondergebiet ermöglicht Feinsteuerung“ ĂŒberschreiben Sie den grĂ¶ĂŸten Bericht auf der „Sonderseite“ Heddesheim am 25. Juli 2009.

Nach Ihrer „kuscheligen“ Einleitung, dass die Gutachter „dem ein oder anderen Gast bekannt vorgekommen sind“ (Hey, schön Euch wiederzusehen), „frischten die das Gesagte auf“ (vom 21. April – schon so lange her, wie war das noch mal?), „ergĂ€nzt durch die Entwicklung“ (achso, ja klar, haha, ja genau), „kritisch hinterfragt von einigen GemeinderĂ€ten“.

Was man bei Ihnen liest, ist alles nicht so dramatisch.
Ist das so, Frau Görlitz?

Warum schreiben Sie nicht, welche GemeinderÀte das waren und welchen Parteien diese angehören oder nicht angehören? Das ist sonst doch immer wichtig? So hat man den Eindruck, dass es auch bei der CDU, der FDP oder der SPD kritisch fragende GemeinderÀte geben könnte, was zumindest in dieser Sitzung nicht der Fall war.

Ich war auch auf der Sitzung und habe mitgeschrieben:
Als es um das Gewerbegebiet „Nördlich der Benzstraße“ ging, haben sich alle Mitglieder der Fraktion der GrĂŒnen (6) mit kritischen Fragen mehrfach zu Wort gemeldet, aus der Fraktion der SPD (5) kamen vier Wortmeldungen, darunter eine Frage von Herrn Lang, der wissen wollte, ob man schon ĂŒber „stille Örtchen fĂŒr Lkw-Fahrer“ nachgedacht hĂ€tte.

Aus der „Fraktion“ der FDP, die in diesem Fall wegen Befangenheit der GemeinderĂ€tin und 3. stellvertretenden BĂŒrgermeisterin Ingrid „Ines“ Kemmet, nur aus einem Mitglied bestand, kam eine nicht-kritische Frage und eine Feststellung, aus der Fraktion der CDU (8) kamen acht Wortmeldungen von drei Mitgliedern (6+1+1), darunter zwei nicht-kritische Fragen.

Sie haben detailverliebt mitgeschrieben, das „BImSCHV“, „Sondergebiet I“ und „$11 BauNVO“ alles regelten oder besonders „strenge“ Vorschriften seien, welchen Hintergrund diese Vorschriften aber haben, das schreiben Sie nicht auf. Denn das erfordert Recherche. Vielleicht haben Sie ja auch recherchiert, dann haben Sie Ihr Wissen unterschlagen. Beides ist nicht in Ordnung.

Besonders enttĂ€uscht bin ich ĂŒber die Passage mit den Verkehrszahlen. Sie lassen den Gutachter zwar sagen, „wie er anhand der von Pfenning genannten Zahlen … zu den berechneten Verkehrsströmen kommt“. Dass er aber selbst eingerĂ€umt hat, dass er sich nur auf „Angaben“, nicht aber auf Wissen bezieht, das schreiben Sie nicht. Im Gegenteil lassen Sie den Rechtsanwalt Burmeister folgern: „Wenn das wirklich 20 sind, dann klingt das nicht so dramatisch.“ Reife Leistung, Frau Görlitz.

Die von Ihnen gewĂ€hlte ÃƓberschrift „Sondergebiet ermöglicht Feinsteuerung“ haben Sie als Zitat gewĂ€hlt.

Haben Sie sich umgekehrt einmal die Frage gestellt, wie „fein“ diese Steuerung ist und was die Konsequenzen sind? NĂ€mlich, dass nichts ausser „Logistik“ auf diesem GelĂ€nde möglich ist? Ich nenne das eher eine eindimensionale Steuerung.

An nicht einer Stelle erwĂ€hnen Sie, dass der Gemeinderat, der beispielsweise die „Feinsteuerung“ beschlossen hat, nicht mehr derselbe ist, der aktuell getagt hat.

Es hat keinen Tenor gegeben. Diese Information ist glatt gelogen.

Und ihre Behauptung, es habe einen „Tenor“ im Gemeinderat gegeben, dass man mit Hilfe des Juristen zu einer „vertraglichen Regelung“ ĂŒber „Lenkungsmaßnahmen“ kommen wolle, ist glatt gelogen. Es gab keinen solchen Tenor. Der Jurist hat darĂŒber geredet, eine einheitliche Auffassung oder eine abschließende Haltung des Gemeinderats gab es hingegen nicht.

Und die Bildunterschrift: „Was macht, darf, kann, soll die Pfenning-Gruppe, wenn Sie nach Heddesheim kommt? ÃƓber solche Fragen diskutierte der Gemeinderat am Donnerstagabend“, ist ebenfalls eine Falschinformation. Ein Leser könnte meinen, dass Pfenning definitiv kommt und man schon beim „Fein-Tuning“ sei. Das aber ist nicht der Fall.

Recherchieren Sie auch mal, Frau Görlitz?
Oder ist das zu anstrengend?

Weiter geht es mit Ihrem Bericht: „Sondersitzung zur BĂŒrgerbefragung„. Darin schreiben Sie, dass die SPD der BĂŒrgerbefragung „positiv gegenĂŒberstehe“. Deren Vorsitzende wolle sich aber nicht zu einer „Befragung auf Ja oder Nein zur Pfenning-Ansiedlung beschrĂ€nken, sondern einen Fragenkatalog ausarbeiten“.

Haben Sie schon mal zu BĂŒrgerbefragungen recherchiert, Frau Görlitz? Die sollen gerade mit einer möglichst einfachen Frage genau ein Ja oder Nein klĂ€ren und keine sozialwissenschaftliche Studie sein. Und warum haben Sie die SPD nicht gefragt, was die eigentlich in der Sache schon „ausgearbeitet“ hat? Weil Sie die Antwort „nichts“ nicht aufschreiben wollten?

Im Text „Zufriedenstellendes Jahr“ schreiben Sie: „Die imaginĂ€re Zielvorgabe von einer Million Euro fĂŒr Erhaltungsinvestitionen sei damit erreicht.“ Auch das ist falsch. Die Zielvorgabe waren 760.000 Euro. Die Zielvorgabe wurde somit um fast ein Drittel „ĂŒbertroffen“, wĂ€re die korrekte Information gewesen.

Sind Sie noch im Thema oder wird Ihnen alles zu viel?

Und beim Text „Die RĂŒcklage schrumpft“ schreiben Sie gleich im ersten Absatz etwas ĂŒber „Dramatische Zahlen“ und Panik und erinnern irgendwie an Herrn Doll von der CDU. Der Inhalt dieses ersten Absatzes hat nichts mit Heddesheim zu tun, sondern mit Schriesheim. Warum schreiben Sie das so, Frau Görlitz? Und vor allem im Zusammenhang mit einem von Ihnen vor kurzem verfassten Artikel „Schriesheim zieht die Notbremse“, in dem Sie schreiben, dass Schriesheim ein Problem hat, andere Gemeinde aber noch „gelassen“ sind?

Und was soll der Schlusssatz bedeuten: „Bei der Haushaltsaufstellung mĂŒsse man „besondere Sorgfalt walten lassen.“ Das ist doch selbstverstĂ€ndlich, nicht nur in schwierigen Zeiten oder schreiben Sie in guten Zeiten: „Es lĂ€uft gut, deswegen kann man das Geld zum Fenster rauswerfen?“

Am Ende der Seite schreiben Sie: „Was muss im Gemeinderat öffentlich beraten werden, was nichtöffentlich? Eine oft gestellte Frage im Zusammenhang mit der Pfenning-Diskussion (…).“ Sie schreiben aber nicht, wer diese Frage stellt und wer nicht. Der alte Gemeinderat hat sie bis auf die GrĂŒnen nicht gestellt. Sondern die BĂŒrger und die IG neinzupfenning. Ihre Zeilen sind wider einer verantwortlichen Berichterstattung.

Recherche ist keine Zumutung, sondern Teil des Jobs, Frau Görlitz.

Warum muss die IFOK ihr Honorar nicht offenlegen?“ haben Sie fĂŒr den Text als ÃƓberschrift gewĂ€hlt, die Antworten auf diese Frage bleibt ihr Text schuldig. Sie schreiben zwar, dass der BĂŒrgermeister Michael Kessler sagte, „die Frage sei geprĂŒft worden, die Leistungen der IFOk fielen in den Bereich der VOF und der VOL (Verdingungsordnung fĂŒr Leistungen bzw. freiberufliche Leistungen), darin gebe es Regelungen, die dem Schutz von Wettbewerbern dienten und eine Veröffentlichung von Honoraren nicht zuließen.“

Leider haben Sie auch hier wie gewohnt, eine Recherche als „Zumutung“ empfunden. Denn sonst hĂ€tte Sie sich kundig gemacht und erfahren, dass in der VOL steht:

㤠2
GrundsÀtze der Vergabe
1. (1) Leistungen sind in der Regel im Wettbewerb zu vergeben.“

Was heißt das, Frau Görlitz?
Die Frage und die Antwort sollten Ihr Job sein.

Und dann hĂ€tten Sie sich gefragt: „War das so, gab es einen Wettbewerb? Und stimmt es, dass man die Honorare nicht veröffentlichen darf? Sie verlassen sich lieber drauf, was Ihnen jemand sagt, das schreiben Sie ohne Nachfrage auf. „Verlassen“ fĂŒhlen dĂŒrfen sich damit aber auch die Leser Ihrer Texte.

Die Diskussion nach der Frage der Tendenz, immer öfter wesentliche Beratungen nicht-öffentlich abzuhalten, haben Sie zwar im Text einigermaßen zutreffend wiedergegeben. Konkret am Beispiel der IFOk wurde die Frage an den BĂŒrgermeister so beantwortet: „Sie ist immanent bei der Aufstellung der Tagesordnung.“ Doch was heißt das, Frau Görlitz?

Es heißt, der BĂŒrgermeister hat geprĂŒft, wie er das immer tut sollte. Ist er dabei aber verantwortlich vorgegangen oder hat er sich rĂŒckversichert? Diese Frage ist nicht in der Sitzung und auch nicht durch eine Recherche von Ihnen beantwortet worden: „Es folgte eine eine kurze, hitzige Diskussion, an deren Ende Prothmann festhielt, dass ihn die BegrĂŒndung nicht ĂŒberzeuge.“

Stellt sich fĂŒr mich die Frage, wer Sie „ĂŒberzeugt“ hat, solch „ĂŒberzeugende“ Texte zu verfassen.

Anmerkung der Redaktion:
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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.