Dienstag, 18. Februar 2020

Was darf man glauben?

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In Heddesheim hat am 26. August 2009 wieder der „Dialog“kreis getagt, zum dritten Mal. Wieder traten Experten mit ihren Gutachten auf. Es ist ein mĂŒhsamer Prozess. Aber er lohnt sich, weil hinter den versprochenen Fakten andere Informationen öffentlich werden.

Kommentar: Hardy Prothmann

Bei der 2. „Dialog“kreissitzung sagte Herr Nitzinger auf meine Frage, wann denn die Entscheidung fĂŒr Heddesheim gefallen sei: „Anfang Februar.“

Ich habe nachgebohrt, weil nach den von mir recherchierten Informationen bereits im Herbst 2008 ein Gleisanschluss bei der Bahn beantragt wurde. Herr Nitzinger sagte, das sei nur eine Anfrage gewesen. Nun gut, das kann man glauben oder nicht.

Vom Architekten GĂŒnter KrĂŒger wollte ich wissen, wie er denn innerhalb von etwas mehr als zwei Monaten so umfangreiche PlĂ€ne erstellen konnte, wenn die Entscheidung erst Anfang Februar 2009 gefallen sein soll. Der meinte, man habe fĂŒr drei oder vier (komisch, dass er nicht wusste ob drei oder vier) Standorte bereits Vorplanungen im Jahr 2008 gemacht und sich dann sehr angestrengt, die PlĂ€ne schnell zu erstellen. Die Entscheidung sei erst Anfang Februar 2009 gefallen.

Karl-Martin Pfenning wirbt fĂŒr BIMSch – das sind Lager, die unter die Störfall-Verordnung fallen.

Hinweis der Redaktion: Die unterstrichene Information im nachfolgenden Absatz ist nicht korrekt. Lesen Sie die Korrekturmeldung.

Jetzt erhĂ€lt die Redaktion einen Hinweis auf den Fachinformationsdienst CheManager und die Ausgabe 2/2009. Die ist am 29. Januar 2009, also eine Woche vor der Unterzeichnung des stĂ€dtebaulichen Vertrags erschienen. Zuvor musste sie bearbeitet und gedruckt werden. Der Redaktionsschluss war der 05. Januar, der Anzeigenschluss der 19. Januar 2009. Trotzdem befinden sich darin ein „Kommentar“ (der kein Kommentar, sondern nur eine Eigenwerbung ist) des Firmenchefs Karl-Martin Pfenning und eine Anzeige von Pfenning logistics fĂŒr ein Chemielager.

Im Text und in der Anzeige ist nicht von „haushaltsĂŒblichen“ Waschmitteln die Rede, wie Herr Nitzinger immer wieder dieses Chemielager schön redete. Hier wird ganz klar gesagt, dass es sich um ein Lager handelt, dass unter die „Störfall-Verordnung“ fĂ€llt und immense Sicherheitsauflagen erfĂŒllen muss. Karl-Martin Pfenning drĂŒckt die „Störfall-Verordnung“ sachlicher aus: BIMSch-fĂ€hige Lager seien das. Und das lobt er sogar aus, denn die gibt es wegen der SicherheitsansprĂŒche nicht an jeder Ecke.

Erst 1000 – dann 300-500 ArbeitsplĂ€tze. Je nach Bedarf.

„Pfenning“ hat den Standort beworben, weil es dort bis zu 1000 ArbeitsplĂ€tze geben sollte. 500 ArbeitsplĂ€tze wĂŒrde das Unternehmen aus der Region zusammenlegen – weitere wĂŒrden entstehen. Der aktuellste Stand ist, dass 300 ArbeitsplĂ€tze verlagert werden und je 100 Leiharbeiter und Subunternehmer nach Bedarf dazu gebucht werden.

Angeblich wollte „Pfenning“ nur zehn Prozent seines Verkehrs ĂŒber die Ringstraße und den Ort schicken. Plötzlich fĂ€hrt kein Lkw mehr durch den Ort und auch ĂŒber die Ringstraße soll keiner mehr fahren. Nachgefragt, murmelte Herr Nitzinger ein „Ja“ in seinen Bart und auf die Bitte, doch deutlich in einem Satz zu sagen: „Ich verspreche hiermit, dass kein Lkw ĂŒber die Ringstraße und durch den Ort fĂ€hrt“, blafft er nur: „Ich bin doch keine Sprechpuppe.“

Auch den Vorwurf, „Pfenning“ zahle schlechtere GehĂ€lter als andere bei gleichzeitiger Mehrarbeit und verstoße gegen arbeitsrechtliche Vorschriften wies Herr Nitzinger in der 2. „Dialog“sitzung empört zurĂŒck. Man habe alle Prozesse, ĂŒber die damals berichtet wurde (2000-2002, Anm. d. Red.), gewonnen. Ich habe Herrn Nitzinger gebeten, mir doch Kopien der Urteile zu schicken, was er bestĂ€tigt hat. Das war vor vier Wochen – bis heute habe ich keine Post und ich bin fast sicher, ich erhalte keine Post mehr von ihm.

Steuerzahler oder Steuersparer?

Angeblich ist „Pfenning“ ein großer Gewerbesteuerzahler. Trotzdem kauft die Phoenix 2010 GbR das GrundstĂŒck und lĂ€sst es bebauen und „Pfenning“ wird nur Mieter – vielleicht einer von vielen. Doch nur mit „Pfenning“ gibt es einen stĂ€dtebaulichen Vertrag, der laut BĂŒrgermeister Kessler nicht bindend, sondern nur eine „AbsichtserklĂ€rung“ ist. Dass Phoenix 2010 der Bauherr ist, habe „steuerliche GrĂŒnde“. ÃƓbersetzt heißt das, SteuerspargrĂŒnde.

Was soll man also glauben? Was darf man glauben? Unter den gegebenen UmstĂ€nden nichts. Denn alle Informationen, die gegeben wurden, stellten sich als problematisch dar. Entweder kamen sie nur zögerlich nach und nach ans Licht oder mussten gegen den Widerstand von „Pfenning“ und BĂŒrgermeister Kessler durch Recherche ermittelt werden.

Vertrauen ist eine zarte Pflanze.

Wenn man GeschĂ€fte macht, muss man immer auch Vertrauen haben. Anders geht es nicht. Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, ĂŒber das es viele negative Informationen gibt? Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, dass nur wenn es muss, Informationen herausgibt? Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, dass stĂ€ndig die eigenen Aussagen anpasst? Warum sollte man einem Unternehmen vertrauen, dem man nachweisen kann, dass es nicht die Wahrheit sagt?

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.