Montag, 24. September 2018

Blutsauger überwintern im Haus

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Heddesheim, 27. November 2009. In Heddesheimer Haushalten gibt es zur Zeit eine „Schnakenplage“, haben uns Leser geschrieben. Die Redaktion hat den renommierten Zoologen Norbert Becker zum Thema interviewt: Die Culex pipiens oder auch „Hausmücke“ ist durch die warmen Temperaturen länger aktiv als gewohnt – wird sich aber bald zum Winterschlaf zurückziehen.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Becker, die Redaktion wurde informiert, dass in manchen Heddesheimer Haushalten eine „Schnakenplage“ herrsche. Was für Stechmücken sind das und wieso tauchen die gerade jetzt auf?
Dr. Norbert Becker: „Ich habe die Tiere nicht gesehen, gehe aber davon aus, dass es sich um Culex pipiens, zu deutsch die „Hausmücke“ handelt. Die Weibchen sind eventuell länger als gewohnt durch die milden Temperaturen aktiv, ziehen sich aber bald in ihre Winterquartiere zurück, die sie im häuslichen Bereich finden.“

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Ein Weibchen der asisatischen Tigermücke. Bild: KABS

Wo überwintern die Stechmücken besonders gerne?
Becker: „Früher in den Lehmkellern, da war es feucht und nicht zu kalt und nicht zu warm. Beheizte Keller mögen die Mücken nicht. Aber sie lieben Abflussrohre, Garagen, Altreifen, Dachböden und alle weiteren Stellen, die keinem Frost ausgesetzt sind.“

Die Weibchen kommen mit einem „Fettpolster“ über den Winter.

Wie schaffen es die Tiere über den Winter?
Becker: „Nur die Weibchen überwintern. Die haben sich eine Art Fettpolster angefuttert und reduzieren ihren Stoffwechsel soweit, dass sie nur wenig Energie verbrauchen. Meist kommen Sie so gut über den Winter. Wenn das Polster nicht reicht – gehen Sie auf die Jagd nach Blut. Im März/April fahren sie dann ihren Stoffwechsel wieder hoch und da die meisten befruchtet sind, legen sie dann ihre Eier. Ende April schlüpfen die ersten Mücken dann.“

Wie bekommt man die Schnaken aus dem Haus?
Becker: „Am besten helfen Sprays, die den Stoff Permethrin enthalten. Man kann damit die Räume gut aussprühen. Am besten morgens vor der Arbeit oder der Schule. Danach sollte man aber lüften. Hier helfen Netze vor den Fenstern, damit nicht wieder neue Mücken eindringen können.“

Gewässer mit Fischbeständen sind als Brutgewässer unproblematisch.

Sind Teiche im Garten Mückenbrutgewässer? Oder der Heddesheimer Badesee?
Becker: „Nein, Gewässer mit Fischbeständen sind unproblematisch. Die Fische freuen sich über die Beute. Im Hausbereich sind vor allem Regentonnen problematisch sowie alle anderen Gefäße, in den sich stehendes Wasser befindet.“

Wie viele Mücken können sich in einem haushaltsüblichen Eimer befinden?
Becker: „Ein Gelege hat bis zu 400 Eier. Nehmen wir mal 300 Eier an und fünf bis sechs Gelege, da kommen Sie also auf 1500-1800 Stechmücken in nur einem Wassereimer. Dabei kommt es nicht auf die Wassermenge an, sondern auf die Wasserfläche, da die Larven sich dort sammeln, um atmen zu können.“

Tigermücke und Buschmoskito sind Mücken mit Migrationshintergrund.

In Rheinfelden/Lörrach wurde aktuell neben der asiatischen Tigermücke nun auch der japanische Buschmoskito entdeckt. Drohen hier Gefahren durch Krankheiten für den Menschen?
Becker: „Grund zur Sorge besteht bis jetzt eher nicht. Wir konnten zwar schon Krankheitserreger in den Mücken feststellen, haben aber bislang keine Kenntnis, dass es durch die Tiere bereits Infektionen gab.“

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Autsch. Massenspeisung. Bild: KABS

Wie kommen die von Japan aus zu uns? Hat das mit dem Klimawandel zu tun?
Becker: „Der japanische Buschmoskito ist zwar eine ausländische Mücke, sozusagen mit Migrationshintergrund, findet bei uns aber ähnliche Bedingungen wie in seiner Heimat. Er ist keine Tropenmücke. Deswegen spielt hier der Klimawandel eine geringe Rolle, entscheidend ist der Welthandel. Die Tiere gehen mit Schiffen oder Lkw auf Reisen und steigen dann dort aus, wo es ihnen gut gefällt. Entlang des Rheins findet er für ihn ideale Bedingungen.“

In Italien hat die asiatischen Tigermücke aber 2007 immerhin 300 Menschen mit dem Chikungunya-Fieber infiziert…
Becker: „Ja und ein Mensch ist tragischerweise daran gestorben. Die Mücke gibt es aber schon seit 1990 in Italien und siebzehn Jahre später gab es diesen insgesamt eher kleinen „Outbreak“.“

Die KABS bekämpft jedes Jahr die Mücken. Erfolgreich?
Becker: „Dieses Jahr konnten wir 98 Prozent der Populationen vernichten, zwei Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr. Dieses hohe Niveau können wir halten und helfen damit den Menschen der am Rhein gelegenen Kommunen zur mehr Lebensqualität, die sonst von den Plagegeistern mächtig eingeschränkt würde.“

Hintergrund:
Privatdozent Dr. Norbert Becker ist wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V. (KABS) in Waldsee. Der Zoologe ist einer von vielleicht einem Dutzend Stechmücken-Experten in Deutschland.

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Stechmücken-Experte Becker. Bild: ICYBAC GmbH

Genau 100 Kommunen entlang des Rheins sind Mitglieder der KABS, die 1976 gegründet wurde. Größere Städte zahlen um 45.000 Euro, kleine Gemeinden ab 1.500 Euro für diese Mitgliedschaft: „Umgerechnet sind das etwa 1,30 Euro pro Bürger der Kommunen, die gegen die Schnakenplage investiert werden.“ Insgesamt verfügt die KABS über einen Haushalt von rund drei Millionen Euro – den sie im Kampf gegen die Schnakenplage auch benötigt.

Das „Kampfgebiet“ reicht über 300 Rhein-Kilometer zwischen Bingen im Norden und Sasbach/Kaiserstuhl im Süden, mit einer Fläche von über 6.000 km² und einer Bevölkerung von rund 2,7 Millionen Menschen.

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Mückenlarven. Bild: KABS

Die KABS hat zwei Hubschrauber und plant die Anschaffung eines dritten. Rund 30 Mitarbeiter sind festangestellt, in der Bekämpfungszeit April-September arbeiten bis zu 300 Personen mit. Vor allem nach Hochwassern (2008: 12, 2009: 7) werden die Ãœberflutungsgebiete mit dem Mittel Bti (Bacillus thuringiensis israelensis) besprüht, das auch von der Weltgesundheitsorganisation in Afrika und Asien gegen die dortigen Stechmücken eingesetzt wird. Das Mittel bekämpft die Mücken im Larvenstadium.

Die beiden Hubschrauber waren in diesem Jahr an 40 Tagen im Einsatz und besprühten rund 13 000 Hektar Brutgewässer. Am Boden behandelten Mitarbeiter und Saisonkräfte rund 5500 Hektar.

Wie effizient die Bekämpfung war, misst die KABS in „Referenzgebieten“, also beispielsweise Vogelschutzgebieten, wo kein Lärm durch Hubschrauber oder Menschen verursacht werden darf: „Wir stellen dort Fallen mit Trockeneis auf. Das zieht die Weibchen an. Zum Vergleich: Während wir in diesen Gebieten am Spitzentag, dem 07. August, dieses Jahr 15.000 Stechmücken gezählt haben, gingen uns in einem behandelten Gebiet nur knapp 100 in die Falle. Daraus leiten wir unsere Effizienzberechnungen ab.“

Weltweit gibt es etwa 3200 Stechmückenarten, in Europa 102 und in Deutschland 48 Arten. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz findet sich vor allem am Rhein die nach dem Fluss benannte Rheinschnake, wobei Schnake eine Dialektausdruck ist. Korrekt heißen die Tiere Stechmücken.

Im Herbst 2009 entdeckte die KABS zum ersten Mal Populationen des japanischen Buschmoskitos am Oberrhein. 2008 wurde in Deutschland auch die asiatischen Tigermücke entdeckt, die 2007 in Italien rund 300 Menschen mit dem Chikungunya-Fieber infiziert hat.

Link:
Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V. (KABS)
research eu: Europäisches Forschungsmagazin
Youtube-Video Mückenlarven Culex pipiens
Youtube Video: Geburt einer Mücke

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.