Mittwoch, 23. August 2017

Gabis Kolumne

Wer navigiert mich sicher in den Süden?

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Guten Tag!

Heddesheim, 27. Juli 2010. Ein Navi an Bord ist heute schon fast Standard. Meist kommt man damit wunderbar ans Ziel. Meist, sagt Gabi, die immer noch ein „Backup“ dabei hat: eine Straßenkarte.

… und Mutter navigierte.

Erinnern Sie sich bitte. Wie war das damals als Sie als Kind mit Ihren Eltern in Urlaub gefahren sind, sagen wir mal nach Italien in den 70er Jahren? Sie saßen mit Ihren Geschwistern hinten, natürlich unangeschnallt und ohne Kindersitz, und Ihre Mutter saß auf dem Beifahrersitz während der Vater fuhr. Und was machte die Mutter? Richtig, sie navigierte

Jahrzehntelang wünschte sich mein Vater zu Weihnachten den neuesten Shell-Autoatlas und mit diesem Ungetüm auf dem Schoss lenkte ihn meine Mutter durch Schweizer Serpentinen und italienische Bergdörfer. Das war romantisch, das war eindeutig mehr reisen als rasen.

„Bei der nächsten Gelegenheit bitte wenden.“

Aber bevor ich nun in nostalgische Schwärmerei ausbreche, meist kam es schon kurz nach dem Grenzübertritt in Basel zum ersten Krach. „Kannst du mir mal sagen, wo wir eigentlich sind?“, raunzte mein Vater. Und „diese Ausfahrt gibt es bei mir auf der Karte nicht“, schnauzte meine Mutter zurück. Man hielt an der nächsten Parkmöglichkeit, zerrte weitere Karten aus dem Seitenfach der Autotür und stritt sich darüber, wohin man nun fahren sollte, wessen Schuld es sei. Dies endete regelmäßig damit, dass meine Mutter fuhr und sich mein Vater über ihren Fahrstil und das schlechte Kartenmaterial beklagte.

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Digital oder analog? Am besten beides, sagt Gabi.

In den 80er Jahren war ich zum ersten Mal allein mit Käfer und Freunden in Südfrankreich unterwegs. Natürlich mieden wir die Autobahn, da uns es an Geld für die Maut mangelte. Ich habe gelernt die Schilder mit „Toutes directions“ zu hassen und zu erkennen, dass es kein Problem ist – auch ohne Stau – zwei Stunde zu brauchen, um eine größere französische Stadt zu durchqueren – trotz Michelin-Karte.

Doch das ist jetzt Vergangenheit, vorbei die Zeiten, dass man verzweifelt die Straßenkarte, die immer zu groß und sperrig war, faltete und drehte, vorbei die Diskussionen, ob man eine Ausfahrt verpasst, eine Abzweigung übersehen hatte. Heute dröhnt es beharrlich aus einem kleinen Kasten: „Bei der nächsten Gelegenheit wenden – bitte wenden – jetzt wenden“.

So weit so gut, dieses Problem hätten wir gelöst, denken wir Menschen des 21. Jahrhunderts. Straßenkarten sind Reliquien einer längst vergangenen Epoche, Anfahrtsbeschreibungen können wir getrost zu Hause lassen.

„Diesen Job wollte ich auch nicht haben.“

Meine Großmutter fuhr vor einigen Jahren – da war sie schon über 90 – mit meiner Kusine in deren neuen Auto. Stolz präsentierte diese ihr GPS. Während „die zweite Ausfahrt bitte rechts abfahren“ und „biegen sie bei der nächsten Möglichkeit links ab“ ertönte, wurde meine Oma immer ruhiger und irgendwann meinte sie: „Diesen Job wollte ich auch nicht haben, das muss ja unheimlich anstrengend sein, wenn die Dame dir immer erklären muss, wo du hinfahren sollst.“

Auch wir haben seit ein paar Jahren ein Navigationsgerät, dass immer weiß, wo wir sind und wohin wir wollen. „Blech-Else“, wie das GPS von unseren Kindern liebevoll genannt wird, leitete uns in den Süden Frankreichs, an die italienische Riviera, nach Paris – „Blech-Else“ war eine treue Begleiterin in jedem Urlaub.

Vergangenes Jahr fuhren wir dann nach Holland, erste Station Amsterdam. Tolle Stadt, aber das ist heute nicht mein Thema. Um es kurz zu machen, in Amsterdam wurde unser Auto aufgebrochen. Geklaut wurden das Radio und unser Navigationssystem. Dumm gelaufen, denn wir wollten noch an die Küste. Straßenkarte – Fehlanzeige. Zu unserem Ferienhäuschen fanden wir mit Hilfe des Reiseführers, nicht digital, sondern aus festem Papier, noch relativ problemlos. Bei der Rückreise machten wir einen Schwenker über Belgien und schauten uns Brügge und Gent an, das ging noch gut. Von da an wurde es schwieriger. Schließlich sind wir über Luxemburg zurück gefahren – ein Blick auf die Karte genügte, zu Hause natürlich, um fest zu stellen, dass wir einen Umweg von mindestens 200 Kilometern gemacht hatten.

Es war klar, ein Ersatz für „Blech-Else“ musste angeschafft werden. In den Pfingstferien fuhren wir nach Österreich. Unser nagelneues GPS lenkte uns pflichtgetreu an den Urlaubsort, alles war Bestens. Von dort hatten wir einen Abstecher zu Freunden in die Schweiz geplant.

Ich will doch nicht nach Montenegro

„Nee, du brauchst mir keine Anfahrtsbeschreibung geben, wir haben ein Navi“, hatte ich meiner Freundin am Telefon erklärt. „Alles kein Problem“, so dachte ich zumindest. Wir starteten in Österreich und stellten fest, dass unser Navi über Karten von Litauen und Montenegro verfügte, aber, Sie können es sich denken, die Schweiz existierte im Kartenmaterial unseres GPS nicht. Und, wie könnte es anders sein, wir hatten keine Straßenkarte im Auto und unsere Freunde waren auch nicht telefonisch zu erreichen. Wir sind dort angekommen und wir haben mehr von der Schweiz gesehen als geplant – und das war auch echt schön. Nichts desto trotz, in zwei Wochen fahren wir nach Italien und ich habe schon mal vorsorglich eine Straßenkarte gekauft, man weiß ja nie.

gabi

Anmerkung der Redaktion: Gabi macht jetzt Urlaub und kommt wieder am 13. September 2010.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.