Donnerstag, 19. Juli 2018

Gef√§hrdet ein Zuckerw√ľrfel die √∂ffentliche Ordnung?

„Der macht aus ein paar Bienchen einen Verwaltungselephanten“

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Heddesheim, 26. Juli 2013. (red) B√ľrgermeister Michael Kessler liefert mal wieder Anlass zum Fremdsch√§men. In der Gemeinderatssitzung am Donnerstag f√ľhrte er lang aus, wieso das Objekt des Heddesheimer K√ľnstlers Kurt Fleckenstein ein √∂ffentliches √Ąrgernis darstelle und eine unzumutbare Gefahr darstelle. „Unglaublich viele Bienen“ w√ľrden den W√ľrfel anfliegen und damit sei die Sicherheit von Spazierg√§ngern massiv bedroht. Und ob man aus Lebensmitteln Kunst machen m√ľsse, sei auch eine Frage, meinte B√ľrgermeister Kessler, der offensichtlich kein besonderes Kunstwissen hat.

Von Hardy Prothmann

Gestern stand er noch da, der Zuckerw√ľrfel. Kantenl√§nge etwa 80 Zentimeter. 250 Kilogramm schwer. Ein dynamisches Kunstobjekt, das im Rahmen der Kunstausstellung am See aufgestellt worden war. Wei√ü leuchtete er und fand viel Aufmerksamkeit – als „zergehende“ Kunst.

F√ľr B√ľrgermeister Michael Kessler, der es mit der Kunst und der Natur bekanntlich nicht so hat und der ein, sagen wir mal, gespanntes Verh√§ltnis international erfolgreichen Heddesheimer K√ľnstler Kurt Fleckenstein hat, ein √Ąrgernis. Das weggemacht werden muss. Ein Gefahr f√ľr die √Ėffentlichkeit.

Beseitigungsverf√ľgung

Er lies eine dreiseitige „Beseitigungsverf√ľgung“ schreiben, Geb√ľhr 50 Euro, beschwor die Gefahr, die Sicherungspflicht der Gemeinde, begr√ľndete die Verf√ľgung mit der Verantwortung als Polizeibeh√∂rde. Zudem werde der Boden „verunreinigt“.

Kurt Fleckenstein ist die Sache zu dumm:

Ich habe mir √ľberlegt, ob ich in einen Rechtsstreit gehe. Aber das ist mir zuviel Aufwand, ich zahle lieber die Kosten, als meine Nerven wegen dem da zu opfern. Ich kann nur mit dem Kopf sch√ľtteln. Der macht aus ein paar Bienchen einen Verwaltungselephanten. Die √Ėffentlichkeit wird sich ihre eigene Meinung √ľber diesen B√ľrgermeister machen.

Am Donnerstagabend labten sich ein paar hundert Bienen an dem W√ľrfel. Aus Sicht des B√ľrgermeisters eine hochgef√§hrliche Ansammlung gef√§hrlicher Tiere, die Spazierg√§nger, Sportler und Radfahrer darstelle. Deswegen habe man „gro√üfl√§chig“ abgesperrt. Und es bestehe Gefahr, dass noch weiteres Ungeziefer angelockt werde, Ratten beispielsweise.

Todesmutige Vor-Ort-Recherche

Naja, gro√üfl√§chig geht anders. Bis auf zwei Meter konnte man an den W√ľrfel herantreten. Als todesmutiger Reporter habe ich mich in den Gefahrenbereich begeben und tats√§chlich ohne einen einzigen Stich oder auch nur den Hauch einer Aggression seitens der Insekten erlebt. Die waren mit Zuckerschlecken viel zu besch√§ftigt. Auch kamen Spazierg√§nger, Sportler und Radfahrer vorbei, warfen unterschiedlich lange Blicke auf den Kunstw√ľrfel und zogen weiter.

Mal schauen, wann der B√ľrgermeister den Bienenstock auf der beim Vogelpark gelegenen Streuobstwiese abr√§umen l√§sst. Der ist zwar gesch√§tzt etwa 15 Meter vom parallel verlaufenden Weg um den Badesee entfernt und damit ganz so nah an „potentiellen Opfern“ wie der Zuckerw√ľrfel. Aber immerhin befinden sich dort tausende von Bienen, die als Fluginsekten die Sichtschutzhecke mal locker √ľberfliegen k√∂nnen.

Bis das entschieden ist, sollte Herr Kessler vielleicht einen Warnhinweis am Weg anbringen: „Betreten auf eigene Gefahr – mit angreifendem Ungeziefer (Bienen) ist zu rechnen.“

zuckerwuerfel

B√ľrgermeister Michael Kessler bef√ľrchtete einen Angriff der Killerbienen.

 

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.