Montag, 14. Oktober 2019

Der Freund der Vögel

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Kurt Klemm ist ein leidenschaftlicher Mensch. Seine Begeisterung gilt der Natur. Seine Liebe zu den Vögeln hat er bereits als Junge entdeckt.

von Hardy Prothmann

„Ich versuche, den Menschen die Natur näher zu bringen“, sagt Kurt Klemm (62). Das klingt bescheiden, ist es auch, aber irgendwie auch nicht. Denn er versucht es nicht nur, sondern er hat Erfolg damit.

Kurt Klemm mit einem Spatz: das das Findelkind hat er groß gezogen. Bild: privat

Kurt Klemm mit einem Spatz: das "Findelkind" hat er groß gezogen. Bild: privat

1960 gründete sein Vater mit anderen den Verein der Vogelfreunde e.V. in Heddesheim. Heute, 49 Jahre später, unterhält der Verein seit 1973 ein Vogelschutzgebiet. 1978 kam der Vogelpark hinzu. Mit viel Mühe hat sich der Verein weiteres Gelände dazu erkämpft, eine Streuobstwiese und ein Stück naturbelassen Wald zwischen dem Park und dem Badesee. Der Wald wurde vom Verein erst aufgeforstet.

Das ist ein Naturschutzgebiet.“ Kurt Klemm

Die Gemeinde nennt das Gelände „Naherholungsgebiet“. Kurt Klemm sagt: „Das ist ein Naturschutzgebiet.“ Dieser Unterschied ist ihm sehr wichtig.

Kurt Klemm als Junge mit einer Krähe auf dem Arm. Bild: privat

Kurt Klemm als Junge mit einer Krähe auf dem Arm. Bild: privat

Das heddesheimblog trifft Kurt Klemm im Vogelpark. „Sehen Sie unsere Storchenkinder? Die sind jetzt drei Wochen alt. In zwei, höchstens drei Wochen werden sie flügge und das erste Mal ihr Nest verlassen“, sagt Kurt Klemm. Weiter erzählt er, dass die Jungstörche, solange sie noch im Netz hocken, „beringt“ werden müssen: „Die Jungen bekommen dann eine Nummer und zum Tag des Storchs können die Heddesheimer Kinder dann eine Patenschaft für den Storch erhalten. Sie erfahren dann, wie es ihrem Storch so geht und wo er gesichtet wird.“

Drei Junge hat das Paar, die werden bald beringt. Bild: pro

Drei Junge hat das Paar, die werden bald "beringt". Bild: pro

Allerdings müssen die Paten Geduld haben: „Wenn die Jungstörche groß genug sind und ihre lange Reise nach Afrika antreten, werden sie wahrscheinlich erst in drei Jahren wieder zurückkommen, dann sind sie geschlechtsreif und suchen sich hier einen Partner.“

Faszinierende Vogelwelt

Kurt Klemm führt durch den Park. Zu jedem Vogel hat er mindestens eine Geschichte zu erzählen. Manche Vögel hat der Verein angeschafft, andere wurden gebracht, manchmal verletzt in der Natur gefunden, oft aber abgegeben von ehemaligen Besitzern, die mit den Tieren überfordert waren.

„Guten Tag“, begrüßen uns die Mittelbeos. „Hallo.“ Beos sind die „Sprachkünstler“ unter den Vögeln und können erstaunlich echt andere Stimmen imitieren: „Was wenige wissen, fast alle Vögel sind sogenannte Spötter. Selbst ich falle manchmal drauf rein, wenn ich vermeintlich einen Pirol höre und in Wirklichkeit ist es ein Star, der den Pirol nachahmt.“

Der prachtvollste Heddesheimer: der Pfau im Vogelpark. Bild: pro

Der prachtvollste Heddesheimer: der Pfau im Vogelpark. Bild: pro

Plötzlich lacht der „lachende Hans“, der eigentlich in Australien lebt: „Die Aborigines sagen über den Hans, dass er die Aufgabe hat, den Menschen gute Laune zu bringen. Außerdem verehren sie ihn, weil er Giftschlangen frißt.“ Kurt Klemm hofft, dass zutrifft, was er vermutet: „Wenn mich nicht alles täuscht, hat das Pärchen ein Nest gebaut und brütet.“

Intensive Beziehungen zwischen Mensch und Tier

Kurt Klemms Augen leuchten – sie sind halt seine Leidenschaft, die Vögel. „Hier haben wir den Tschilp. Den Spatz habe ich aufgepäppelt. Wir versuchen zwar, Wildvögel wieder auszuwildern. Bei dem Piepmatz hat das nicht geklappt. Der ist nun schon drei Jahre bei uns und will einfach nicht mehr weg.“ Vögel können intensive Bindungen an den Menschen entwickeln. Umgekehrt gilt das auch, wenn man sich Kurt Klemm anschaut.

„Kennen Sie die? Das ist ein ganz ungewöhnlicher Vogel, die Streifengans. Die hält den absoluten Höhenrekord. Bei ihren Wanderungen überfliegt sie den Himalaya und schafft über 9000 Höhenmeter, weil sie es irgendwie hinkriegt, ihr Blut zu verdünnen und dadurch in der Lage ist, da oben noch zu atmen.“ Kurt Klemm schüttelt den Kopf: unvorstellbar, aber so faszinierend ist die Natur.

Während der Brutzeit werden die Störche mit Eintagesküken versorgt. Bild: pro

Während der Brutzeit werden die Störche mit "Eintagesküken" versorgt. Bild: pro

Jetzt kommt Ulrich Landenberger, im Hauptberuf Schulhausmeister, auch seine Leidenschaft gilt den Vögeln. Und mit ihm kommt der Papa Storch angeflogen. Die beiden Männer lachen: „Guck ihn Dir an, wahrscheinlich hat er schon mein Auto erkannt und weiß genau, dass es Futter gibt“, sagt Landenberger.
Er hat einen Eimer mit „Eintagesküken“ dabei. Er füttert Küken und manchmal Fische in der Brutphase zu, „damit die kleinen Störche auch genug von ihren Eltern bekommen, falls die Jagd mal nicht so erfolgreich ist“, sagt er.

Ulrich Landenberger bringt die Beute für die Störche: Eintagesküken.

Ulrich Landenberger bringt die "Beute" für die Störche: Eintagesküken. Bild: pro

Und tatsächlich, kaum sind die (toten) Küken in einem speziellen Eimer gelandet, kommen die Störche zum Fressen: „Wir mussten uns diese Lösung mit dem Eimer ausdenken, weil sonst die Krähen und die Elstern sich über die Küken hermachen würden“, sagt Landenberger. Der Eimer ist hoch und mit einem Deckel verschlossen. In der Mitte gibt es ein Loch, sodass nur die Störche mit ihren langen Schnäbeln die „Beute“ am Boden erreichen können.

Natur pur: das Biotop der Vogelfreunde

Jetzt geht es weiter ins „Biotop“, einem Feuchtgebiet hinter dem Vogelpark. Kurt Klemm redet unaufhörlich, kann zu jeder Pflanze, an der wir vorbei kommen, etwas erzählen: „Wir lassen das tote Holz liegen. Denn darin entwickeln sich Insekten, die wiederum sind die Nahrung für die Vögel.“

Kennt sich aus: Kurt Klemm im Feuchtgebiet. Bild: pro

Kennt sich aus: Kurt Klemm im Feuchtgebiet. Bild: pro

Wir kommen am Seeufer an, hier hat die Jugendgruppe der Vogelfreunde Bruthöhlen für den Eisvogel, den Vogel des Jahres 2009, Bruthöhlen gebaut: „Unsere Jugend ist wirklich klasse, die sind sehr aktiv“, sagt Klemm.

Irgendwelche Idioten schaden dem Eisvogel

„Vor zwei Jahren haben irgendwelche Idioten im geschlossenen Teil des Sees mit einem Stock ein Eisvogelweibchen erschlagen und die Brut zerstört. Dabei ist auch das Ufer abgerutscht, wo sie gebrütet haben, deswegen haben wir das hier gebaut. Allerdings zu spät für die diesjährige Brutzeit. Wir hoffen, dass im nächsten Jahr der Eisvogel kommt.“

Die Vogelfreunde-Jugend hat für den Eisvogel Bruthöhlen gebaut. Bild: pro

Die Vogelfreunde-Jugend hat für den Eisvogel Bruthöhlen gebaut. Bild: pro

Dann erzählt er, dass die Eisvögel „Schachtelbrüter“ sind. Sie haben immer zwei Brutröhren, das Weibchen legt ihre Eier in die eine und 14 Tage später nochmal welche in die zweite Höhle: „Das ist eine Ãœberlebensstrategie. Viele Eisvögel kommen nicht durch einen strengen Winter. Weil die Eltern sich die Aufzucht teilen, gibt es mehr Jungvögel und das sichert den Fortbestand.“ Natur ist eben nicht nur schön, sondern auch gnadenlos.

Ãœberall ist Kuckucksspucke

Nach dem Biotop geht es in die Streuobstwiese. Das Gelände hat der Verein ebenfalls von der Stadt gepachtet und „renaturiert“ es seit 1999. „Mittlerweile wachsen hier wieder verschiedenste Pflanzen, die wichtig für den ökologischen Kreislauf sind“, sagt Kurt Klemm und erklärt unaufhörlich redend, welcher Vogel welche Gräser und Beeren frisst und freut sich über die „Kuckucksspucke“, Nester, die überall bevozugt an Disteln hängen. Dort kleben sie und sind durch die Distel geschützt: In den Nestern entwickelt sich die Blutzickade. Die heißt so, weil ihre Farbe eben „blutrot“ ist und ist das Insekt des Jahres 2009.

In den weißen Spucke-Tropfen entwickelt sich die Blutzickade, das Insekt des Jahres 2009. Bild: pro

In den weißen "Spucke"-Tropfen entwickelt sich die Blutzickade, das Insekt des Jahres 2009. Bild: pro

„Es gibt zu wenig naturbelassene Wiesen. Die Bauern müssen auch ihr Brot verdienen, das ist ganz klar. Aber dadurch, dass sie die Wiesen wegen der Heugewinnung mähen, zerstören sie zwangsläufig auch viele Nester der Insekten“, sagt Klemm. Und rauben Schutzraum: „Wir haben in Heddesheim auch Feldrehe, das wissen nicht viele. Ich vermute, dass die auch gerne hier auf der Wiese vorbeikommen.“ Deswegen wird hier nur einmal im Jahr gemäht und zwar Ende August.  Dann ist die Brutzeit vorbei.

Dankbar für „Lärchenfenster“

Besonders freut er sich, wenn die Bauern seiner Bitte folgen, und auf ihren Feldern ein wenig Natur unberührt lassen: „Rainer Hege bin ich sehr dankbar, weil er ungefähr ein Dutzend „Lärchenfenster“ stehen gelassen hat“, sagt Kurt Klemm, der sich besonders darüber freut, dass die Vögel diese Bruträume sofort „bezogen“ haben. Die Fenster sind unbewirtschaftete, ein paar Quadratmeter große Stellen auf den Äckern, wo die Jungvögel Raum haben, sich zu entwickeln.

Hier auf der Streuobstwiese gibt es viele Angebote: „Sitzwarte“ für die Greifvögel, ein weiterer Horst für Störche, eine Trockenmauer für Eidechsen, Bienenstöcke, Nester für Hornissen und Erdhummeln. „Die sind noch nicht angenommen worden“, sagt Kurt Klemm. „Bei den Hornissen- und Hummelnestern werden wir nachhelfen müssen und den Imker fragen, ob er uns Völker da rein setzen kann.“

Vier Bienenvölker leben auf der Streuobstwiese. Hornissen und Erdhummeln sollen sich hier auch ansiedeln. Bild: pro

Vier Bienenvölker leben auf der Streuobstwiese. Hornissen und Erdhummeln sollen sich hier auch ansiedeln. Bild: pro

Umgeben ist die Wiese mit vielen Beerensträuchern. „Das ist unglaublich wichtig für die Vögel. Das ist alles Nahrung. Der Holunder, der Sanddorn, der Feuerdorn und der Weißdorn beispielsweise. Ohne ein solches Angebot kommen die Vögel nicht durch den Winter.

Nach drei Stunden ist der Rundgang mit Kurt Klemm zu Ende. Und er hat wieder mal erreicht, was ihm das Wichtigste auf der Welt ist: Die Natur den Menschen näher zu bringen. Mit Leidenschaft.

Die Vogelfreunde im Internet: hier.

Zur Person:
Kurt Klemm (62) ist ein gebürtiger Hellesemer, verheiratet und hat einen Sohn. Der gelernte Dreher arbeitete später als Kontrolltechniker und war die vergangenen 32 Jahre Angestellter der Gemeinde Heddesheim. 20 Jahre lang verwaltete er die Nordbadenhalle. Sein früheres Hobby Marathonlauf übt er nicht mehr aus, aber die Fotografie ist immer noch „sein liebstes Hobby“. Natürlich sind seine Lieblingsmotive die Vögel und andere Tiere.

Anmerkung der Redaktion:
Kurt Klemm ist Kandidat für die Gemeinderatswahl auf der Liste von Bündnis90/Die Grünen. Rainer Hege ist Kandidat auf der Liste der CDU.
Dieser Artikel steht in keinem Zusammenhang mit der Kommunalwahl 2009.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.