Mittwoch, 23. August 2017

Serie: Salvatore (20 Jahre) hat ein Problem

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Guten Tag!

Heddesheim, 25. M√§rz 2010. Sexualit√§t ist immer noch f√ľr viele Menschen ein gro√üer Mythos, schreibt unsere Autorin Antonia Scheib-Berten. Gerade junge M√§nner lassen sich oft unter Druck setzen – unn√∂tigerweise.

Von Antonia Scheib-Berten

Salva*, wie er von seinen Freunden, deutschen und italienischen, genannt wird, wurde in Mannheim geboren. Er f√ľhlt sich als deutscher Italiener.

Nach der mittleren Reife absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Salva wohnt noch bei seinen Eltern, teilt sich mit seinem zwei Jahre j√ľngeren Bruder ein Zimmer.

„Das ist √ľberhaupt kein Problem. Wir arbeiten beide Schicht. Oft sehe ich Marco tagelang nicht,“ meint er. Und „Ich werde erst dann ausziehen, wenn ich eine Freundin habe, mit der ich dann zusammenziehen kann.“

Ejaculatio Praecox

Salva fährt einen Golf GTI und hat ein Problem.

Der erste Kontakt mit Salva fand √ľber den Anrufbeantworter statt. Eine junge M√§nnerstimme sprach etwas unsicher „Guten Tag, hier spricht Herr G. Ich brauche bei ihnen einen Termin f√ľr eine Beratung. Sie k√∂nnen mich auch unter Handy zur√ľckrufen…“

Beim Anruf der Beraterin kam er nach einigem Z√∂gern auf sein Problem zu sprechen. „Ich habe einen vorzeitigen Samenergu√ü. K√∂nnen sie mir da helfen?“
Die Diagnose Ejaculatio Praecox hatte er, wie sich auf R√ľckfrage ergab, selbst gestellt. Wir vereinbarten einen Termin.

Ja, er war schon beim Urologen, hatte sich untersuchen lassen. Organisch sei alles bei ihm in Ordnung, berichtete der smart aussehende junge Mann, der mir einige Tage sp√§ter gegen√ľber sa√ü.

Seiner Mutter habe er auch schon von seinem Problem erzählt, sonst noch niemandem.

Gro√üe √É‚Äěngste, allein zu bleiben.

Derzeit habe er keine Freundin, leider. Als eine seiner drei gr√∂√üten √É‚Äěngste nennt er „die Angst alleine zu bleiben, keine Frau zu finden“. Was war passiert?

Salva hatte „versagt“.

„Bei Steffi kam ich schon, als ich sie nur nackt sah. Sie tr√∂stete mich und zog sich wieder an. Das wars dann.“

Salva war damals 18. Mit 20 lernte er Nicole kennen. Sie war 17 und Jungfrau.

„Ich war total unter Druck, ob ich wieder „nicht kann“. Sie √ľberlie√ü mir alles, dachte ich h√§tte Erfahrung. Ja, die hatte ich: Erfahrung, aber schlechte,“ sinniert er voller Selbstzweifel.

„Nat√ľrlich ging es wieder schief. Ich f√ľhlte mich beschissen. Wir haben es danach nicht mehr probiert. Kurze Zeit sp√§ter machte sie mit mir Schluss. Seitdem habe ich Angst. Ich traue mich gar nicht mehr, mit einem M√§dchen n√§her in Kontakt zu kommen.“

Einmal versagt – immer Versager?

Verzweifeltes Macho-Image.

Die Zweifel an seiner männlichen Potenz konnte Salva schnell genommen werden. Er berichtete von spontanen Erektionen, von regelmäßiger Masturbation.

„Wenn ich alleine bin, dann ist das alles ganz locker. Zwar geht es auch da ziemlich schnell, aber das ist ja auch okay. Nicht, dass sie denken, ich sei verklemmt. Sex ist toll“, meint Salva und h√§lt damit sein Macho-Image verzweifelt aufrecht.

Auf meine Frage, was denn typisch m√§nnlich sei, antwortet er: „Versuchen, das starke Geschlecht darzustellen. Ein Auto haben. Viel Geld haben. In jungen Jahren das Leben auskosten.“ Und: „Jeder junge Mann will eine Familie, Kinder, ein Haus. Manche wollen dies fr√ľher, manche sp√§ter.“ Als typisch weiblich bezeichnet er: „Leicht Ziele aufgeben. Freundlich sein. Treu sein. Familienwunsch.“

Salva hat Angst; Angst wieder zu versagen. Er setzt sich unter einen enormen Druck, berichtet, dass er sich und seine Erregung ständig beobachtet.

Männer Рdas starke Geschlecht?

Sex ist toll. M√§nner sind allzeit bereit und immer potent. M√§nner sind das starke Geschlecht – f√ľr Salva nur auf Video. „Ich als Italiener und „keine Amore“? Und meine Ehre?“

Ja, hier geht es um mehr, als nur ein gest√∂rtes sexuelles Erlebnis. F√ľr Salva ist sein „Versagen“ eine Trag√∂die, es geht um seine Identit√§t als Mann.

Doch hat er √ľberhaupt versagt? War es nicht eher so, dass er durch Stress, Unkenntnis, Unsicherheit und dem hohen M√§nnlichkeits-Anspruch an sich selbst unter Druck stand und sein K√∂rper recht gesund reagierte, n√§mlich diesen Druck abbaute?

„Der Mann ist nat√ľrlich daf√ľr verantwortlich, dass die Frau einen Orgasmus bekommt.“, verk√ľndet er. „Wie √§u√üert sich der Orgasmus einer Frau √ľberhaupt? Woran sp√ľre ich, dass sie einen Orgasmus hat?“ fragt er etwas kleinlaut hinterher.

„Muss ich direkt nach dem Geschlechtsverkehr und dem Abziehen des Pr√§servativs mein Glied waschen? Das ist bei uns daheim so kompliziert, weil ich √ľber den Flur muss und da sind ja auch noch meine Eltern,“ erz√§hlt er.

Gut, er benutzt Kondome. Ich lobe ihn und relativiere seinen Reinlichkeitssinn.

Männliche Identität bei jungen Migranten
dritter Generation und sexuelle Dysfunktionen.

Gerade junge Migranten und auch ihre deutschen Altersgenossen mit geringem Bildungsniveau definieren sich √ľber Zilbergelds „Mythen der M√§nner“ (Zilbergeld, 1994).

Solche Thesen wie: „Beim Sex zeigt ein wirklicher Mann was er kann“, „Beim Sex geht es um einen steifen Penis und was mit ihm gemacht wird“ und „Ein Mann muss seine Partnerin ein Erdbeben erleben lassen“, setzen gerade junge M√§nner enorm unter Druck und bilden einen guten N√§hrboden f√ľr psychisch verursache, sexuelle Dysfunktionen.

„Die Mythen lassen immer gro√üe √É‚Äěngste … aufkommen. Sie tragen dazu bei, da√ü sexuelle Probleme √ľberhaupt erst entstehen … und stehen ganz allgemein … einfach gutem Sex im Wege“, meint Zilbergeld.

Im Kreise der Gleichaltrigen wird √ľber Schw√§che, Versagen oder Probleme nicht gesprochen – der junge Mann steht mit dem R√ľcken zur Wand. Es geht um seine M√§nnlichkeit, es geht um seine Ehre.

Ein F√ľnftel der deutschen M√§nner
leidet unter „Schnellsch√ľssen“.

Salva, der deutsche Italiener aus unserem Beispiel, fand den Weg zur herzwerkstatt. Er erfuhr, dass etwa ein F√ľnftel der deutschen M√§nner unter „ungewollten Schnellsch√ľssen“ leidet.

Er lernte, dass befriedigende Sexualität nicht nur Genitalität ist, sondern viel mehr.

Salva wei√ü heute, dass Z√§rtlichkeit, Verst√§ndnis und N√§he von Frauen weitaus mehr gesch√§tzt und gew√ľnscht werden als „stundenlanges Rammeln“.

Er fand im Laufe der Beratungen heraus, dass er ein liebenswerter und begehrenswerter Mann sein kann, auch wenn er nicht immer alles besser kann und weiß als seine Partnerin.

Er √ľbte Techniken der Ejakulationskontrolle und erfuhr, wie wichtig ein gesch√ľtzter Rahmen (Zeit, Ungest√∂rtheit…) f√ľr befriedigende Sexualit√§t ist.

Au√üerdem erhielt er Entlastung: Der Mann ist nicht alleine f√ľr die Befriedigung der Partnerin zust√§ndig. Auch sie tr√§gt ihren Anteil bei.

Zum guten Schluss bekam er noch „Coolness und Humor“ mit auf den Weg. Sollte er in Zukunft wieder einmal mit zuviel „Speed“ bei der Sache sein, so wurde ihm empfohlen, dies mit einem „Ups…Du bist einfach zu genial“ zu kommentieren, keinen Stress aufkommen zu lassen und es nach einem z√§rtlichen Zwischenspiel mit der Partnerin neu anzugehen.

*Name von der Redaktion geändert

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters.

Auch Menschen im mittleren Lebensalter, √É‚Äěltere oder Angeh√∂rige finden bei ihr fachliche Unterst√ľtzung. Die Beratung findet im gesch√ľtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.