Freitag, 15. Dezember 2017

Größte Alemannensiedlung Baden-Württembergs?

„Heddesheim steigt in die Champions League der Archäologie auf“

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Spuren einer Alemannensiedlung wurden bei Ausgrabungen gefunden – und das vor den Toren Heddesheims.

Heddesheim, 25. Februar 2014. (red/jsc) Die Ausgrabungen für das entstehende Neubaugebiet „Mitten im Feld“ werden nun auf der anderen Seite der Kreisstraße weitergeführt. Auch hier finden sich zahlreiche Befunde. Archäologe Dr. Klaus Wirth vermutet eine Sensation: die größte Alemannensiedlung Baden-Württembergs.

Von Julia Schmitt

Acht Hektar Neubaugebiet entstehen vor den Toren Heddesheims. Bei den Erschließungsmaßnahmen der dort geplanten Straßen zwischen Musikerviertel und Kreisstraße waren die Archäologen schon tätig. Und sind fündig geworden. Sie haben Siedlungsreste aus alemannischer Zeit gefunden.

„Das ist das erste Mal in Heddesheim, das hier alemannische Funde gemacht wurden. Das ist etwas Tolles“, sagt der zuständige Archäologe Dr. Klaus Wirth. Denn solche Funde sind rar.

Das wird in Baden-Württemberg Furore machen.

Am 15. Februar haben sie ihre Arbeiten dort abgeschlossen. Seit dem 17. Februar arbeiten sie nun auf der anderen Seite der Straße weiter. Dort soll auf etwa 30 mal 70 Metern ein Regenrückhaltebecken entstehen. Doch vorher muss die Fläche archäologisch untersucht werden. Das ist nach dem Denkmalschutzgesetz klar geregelt.

Da die Ausgrabungen erst mit den Bauarbeiten begonnen haben, stehen die Wissenschaftler unter Zeitdruck. „Wir haben sehr wenig Zeit“, sagt Dr. Wirth. Bis Ende März müssen sie dort fertig sein.

Ohne ehrenamtliche Helfer geht es nicht

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Zehn ehrenamtliche Helfer unterstützen die Archäologen.

Der Archäologe der Reiss-Engelhorn-Museen (REM) Mannheim ist hier im Auftrag der archäologischen Denkmalpflege des Regierungsprädiums Karlsruhe. „Dort liegt die Leitung, ich bin hier der Beauftragte für die ehrenamtlichen Mitarbeiter.“ Denn ohne diese geht es nicht. „Wir arbeiten überwiegend mit ehrenamtlichen Helfern“, sagt er. Da sie nicht viel Zeit haben, brauchen sie jede Hilfe, die sie kriegen können.

Schnell sind die Archäologen und ihre Helfer fündig geworden. Rund 100 Befunde kamen zum Vorschein. Sie stammen vor allem aus der Römerzeit, zwischen dem 1. und dem 5. Jahrhundert nach Christus, wie Dr. Wirth erklärt.

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Dr. Klaus Wirth zeigt Funde die gemacht wurden: Lehm und Tonscherben.

Vor allem so genannte Lehmentnahmegruben haben sie bislang entdeckt. Dort haben die Menschen Lehm für den Bau ihrer Häuser entnommen. (Kennt jeder Heddesheimer als „Lellebollem“.) Später wurden sie wieder mit Abfall aufgefüllt. Zum Glück der Archäologen. Denn diese „Abfälle“ sind die heutigen Funde: Tierknochen, Ziegel und Keramikscherben.

„Villa rustica“ in der Nähe vermutet

Aus den bisherigen Befunden schließen die Archäologen auf eine ländliche Siedlung aus reiner Holzarchitektur, die argraisch orientiert war. Dr. Wirth erklärt: „Die muss in Verbindung mit einer Villa Rustica gestanden haben.“ Also einem größeren Landgut, das in direkter wirtschaftlicher Verbindung zu der gefundenen Siedlung stand. Herr Wirth vermutet diese in der Nähe der Ausgrabungsstelle. Er hat schon davon gehört, dass Landwirte in der Nähe beim Pflügen schon des Öfteren größere Steine gefunden haben. Das ist ein Anhaltspunkt. Der Wissenschaftler hofft, dass er beim nächsten Mal, wenn dies passiert, die Steine näher in Augenschein nehmen kann.

Neben den römerzeitlichen Gruben, finden sich auch Gruben aus der Bronzezeit oder sogar ein Brunnen, der nach  Gebrauch wieder zugeschüttet wurde. Dass unter dem Ackerland diese Befunde auftreten würden, konnte man zuvor nicht sehen. Durch die Oberflächenfunde, die im Laufe der Jahre gemacht wurden, wusste man jedoch, dass das Gebiet archäologisch relevant ist.

Verschiedene Erdschichten erkennbar

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Beim Brunnen aus der Römerzeit erkennt man am „Profil“ gut die einzelnen Schichten.

Wo sich die Gruben in der Antike befanden, erkennen die Archäologen an den Verfärbungen im Erdreich. Nachdem die Umrisse nachgezeichnet wurden, teilen sie sie der Länge nach. Eine Seite wird dann ausgegraben und nach Funden durchsucht. Die zweite Seite bleibt unangerührt. In der entstandenen Seitenwand ist nun das sogenannte „Profil“, die einzelnen Erdschichten, zu erkennen. Sind diese gezeichnet und fotografiert wird auch der Rest der Grube ausgenommen und nach Funden durchsucht.

Am Ende wird geschlachtet,

beschreibt der Archäologe diesen Prozess.

Aus Zeitnot machen das die Bagger der Baufirma. Da dies eine Rettungsgrabung ist und die Wissenschaftler wenig Zeit haben, müssen sie ihre Methoden dementsprechend anpassen.

Die Funde kommen in die Reiss-Engelhorn-Museen. Dort werden sie aufbereitet und archiviert. Freie Kapazitäten für eine eigene „Heddesheimer Ausstellung“ hat das Museum zwar nicht, aber Herr Wirth kann sich durchaus vorstellen, dass einige der Funde in die neue Dauerausstellung kommen werden.

Gute Zusammenarbeit mit der Baufirma

Für Dr. Klaus Wirth beginnt der Tag schon frühmorgens im Museum. Dort muss er erste Vorbereitungen für die Ausgrabung treffen. Um 9 Uhr beginnt dann die Arbeit auf dem Heddesheimer Feld. Dort wird gegraben bis es dunkel wird – danach geht es wieder ins Museum. „Das sind lange Arbeitstage“, sagt er.

Gerade auch deshalb ist Klaus Wirth glücklich über die Zusammenarbeit in Heddesheim. „Wir stehen in gutem Einvernehmen mit der Baufirma hier vor Ort“, erklärt er. „Ohne das gute Auskommen zwischen den Beteiligten, wäre es schwer diesen Erfolg zu haben.“ Auch Dirk Lutz, Mitarbeiter der Firma Reif und Chef der Baustelle, bestätigt das: „Es ist eine hervorragende Zusammenarbeit.“

Nächtliche Besucher sind ein Problem

Neben dem Zeitdruck stellen ein weiteres Problem die nächtlichen Besucher dar. „Nachts kommen kulturhistorisch interessierte Leute und kratzen die Oberflächen der Befunde ab“, erzählt Herr Wirth. Ob sie dabei etwas finden und mitnehmen, weiß der Archäologe nicht. Wichtige Spuren werden dabei jedoch zerstört. „Für uns ist das einfach blöd.“

Und nicht immer bleibt es bei kleinen Schäden – es gab auch Vorfälle, die schlimmer hätten ausgehen können. Der Archäologe erinnert sich:

Ein Vollidiot hat eine Granate ausgebuddelt und offen hingelegt. Zufällig wurde die gefunden, aber es hätte Schlimmes passieren können.

Am Tag jedoch können gerne Besucher kommen und sich informieren. Viele Leute nutzen das auch, wie der Archäologe weiß: „Nach zehn Jahren hat sich das eingespielt.“ Archäologische Arbeiten sind für die Gemeinde nichts Neues mehr. „Es ist eine reiche Fundregion“, sagt der Klaus Wirth.

Für die nächsten Baumaßnahmen hofft er, dass alles seinen üblichen – und damit vorzeitigen – Gang geht. Erst werden die Kampfmittel geräumt, dann kommen die Archäologen und danach erst die Bagger. „Wenn wir weg sind, sind wir weg. Dann kann auch ganz in Ruhe geplant werden.“

Sensation für das Land

Über die derzeitigen Grabungen und deren Ergebnisse hat Klaus Wirth bereits zwei Artikel für Fachzeitschriften geschrieben. Wenn die Artikel in der „Archäologie in Deutschland“ und in der „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg“ erscheinen, wird er hier auf dem Feld neben der Kreisstraße längst fertig sein.

Klaus Wirth hofft, dass er in Heddesheim die größte Alemannen-Siedlung in Baden-Württemberg findet: „Es gibt in ganz Baden-Württemberg nicht so viele Befunde wie hier.“ Und was passiert, wenn das wirklich so ist?

Damit steigt Heddesheim in die Champions-League der Archäologie auf.

Anm. d. Red.: Unsere Autorin Julia Schmitt (28) ist Redaktionsvolontärin der Main-Post in Würzburg. Sie hospitiert im Austausch mit unserer Volontärin Lydia Dartsch im Februar bei uns. Frau Schmitt hat selbst an der LMU München Klassische Archäologie studiert und unter anderem in der Türkei „gegraben“.

  • Peggo

    Zeitdruck? Wieso Zeitdruck? Die Freilegung und Sichtung einer archäologischen Fundstätte hat doch wohl absoluten Vorrang vor der termingerechten Umsetzung eines Baugebietes, das ohnehin keiner wollte – oder täusche ich mich da?

    Peggo

  • hardyprothmann

    Es handelt sich um eine sogenannte „Rettungsgrabung“ – das erzeugt immer Zeitdruck.