Sonntag, 20. August 2017

Glauben Sie alles, was in der Zeitung steht?

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Guten Tag!

Heddesheim, 25. März 2010. Im Mannheimer Morgen (MM) ist heute ein Text zu lesen, der wieder einmal falsche Informationen verbreitet. Der freie Mitarbeiter Dietmar Thurecht transportiert entweder aus Unkenntnis oder vorsätzlich falsche Behauptungen Рbeides ist schlecht.

Wenigstens eine Minimalrecherche sollte man als Abonnent des MM von der Zeitung erwarten können. Tatsächlich fehlt es daran immer wieder.

So schreibt der freie Mitarbeiter Dietmar Thurecht heute √ľber eine FDP-Veranstaltung: „Den hohen Stimmanteil (sic!) bei den Kommunalwahlen f√ľhrt Hasselbring auf zukunftsorientierte, konsequente und kontinuierliche Politik zur√ľck, zu der auch ein „Ja“ zur Pfenning-Ansiedlung geh√∂re.“

Na, das liest sich doch toll: „Hoher Stimmenanteil“, „zukunftsorientiert“, „konsequent“, „kontinuierlich“.

W√§re Herr Thurecht ein echter Journalist und nicht nur ein Aufschreiber, h√§tte er die Eigenwerbung des √∂rtlichen FDP-Chefs Frank Hasselbring √ľberpr√ľft.

Wie man einen Misserfolg zum Erfolg macht?
Man l√§sst den MM was schreiben…

Dabei hätte Herr Thurecht festgestellt, dass die FDP bei der Kommunalwahl 2004 drei Gemeinderatssitze gewinnen konnte. Thomas Christophel gewann damals die FDP-Liste mit 1.611 Stimmen, gefolgt von Roswitha Pilarczyk mit 1.593 Stimmen und Herrn Hasselbring mit 1.544 Stimmen.

Bei der Kommunalwahl 2009 gewann der parteilose Kandidat Hardy Prothmann die FDP-Liste mit 1.493 Stimmen, gefolgt von Frank Hasselbring und Ingrid Kemmet, die beide 1.242 Stimmen erhielten.

Damit hat Herr Hasselbring „erfolgreich“ 302 Stimmen verloren. Das ist ein Minus von 19,56 Prozent.

Zwar wurden zun√§chst wieder drei Pl√§tze an die FDP-Liste vergeben. Die drei „erfolgreichen“ Kandidaten erreichten 2009 insgesamt 3.986 Stimmen – gegen√ľber 4.748 Stimmen bei der Kommunalwahl 2004. Das ist ein „erfolgreiches“ Minus von 762 Stimmen oder rund minus 16 Prozent.

Nur bei der Zahl aller Stimmen erreicht die Heddesheimer FDP-Liste ein kleines Plus von etwa drei Prozent. Ist das ein „hoher Stimmenanteil“?

Der „hohe Stimmenanteil“ steht also nur im Text von Herrn Thurecht, der nicht recht tut, sondern seine Arbeit schlecht macht.

Denn tats√§chlich ist die Situation f√ľr die FDP noch dramatischer: Obwohl drei Kandidaten der FDP-Liste in den Gemeinderat einziehen konnten, besteht die FDP-Fraktion nur aus zwei Gemeinder√§ten, da Hardy Prothmann nicht bereit war, mit Herrn Hasselbring in einer Koalition zusammen zu arbeiten. Unterm Strich hat die FDP damit ein ganzes Drittel eingeb√ľ√üt – mehr als die CDU und die SPD.

Erfolgreiche FDP! Minus 20, minus 16, minus 33 Prozent.

Der Grund: Auf konkrete politische Inhalte angesprochen, konnte oder wollte Herr Hasselbring sich „konsequent“ nicht √§u√üern. „Zukunftsorientiert“ ging es ihm zun√§chst darum, sich zum Fraktionsvorsitzenden mit Kemmets Hilfe zu w√§hlen, sowie sich wechselseitig mit Frau Kemmet in die Aussch√ľsse zu w√§hlen.

Die Fraktion der Gr√ľnen hingegen hatte Erfolg, die verdoppelten mit einem „Nein“ zu „Pfenning“ glatt ihre Sitze von drei auf sechs. Das ist ein Plus von 100 Prozent.

Herr Thurecht schreibt auch: „Die √Ėkologie liege ihm am Herzen (…)“ √ľber Herrn Hasselbring. An dieser Stelle h√§tte Herr Thurecht fragen k√∂nnen, wie „√Ėkologie“ und das Fahrzeug des Herrn Hasselbring, ein Mercedes-Benz CLS 350 zusammenpassen? Diese Dreckschleuder pustet 241 g/km CO2-Emmission raus, bei einem Durchschnittsverbrauch von √ľber zw√∂lf Litern.

Zum Vergleich: Ein neuer Golf kommt gerade mal auf rund 150 g/km, bei 6,5 Liter Verbrauch. Deutschland und Frankreich streben ab 2012 einen durchschnittlichen Ausstoß von 120 g/km bei den jeweiligen nationalen Autoherstellern an Рweil gerade das CO2 als Klimakiller gilt.

Herr Hasselbring kann das Auto fahren, das er will. Und er kann auch davon reden, dass „ihm die Umwelt am Herzen liegt“, w√§hrend er ordentlich Gas gibt.

Journalisten können auch schreiben, was sie wollen Рallerdings darf man als LeserIn erwarten, dass es kein dummes Zeug ist.

Anmerkung der Redaktion: Hardy Prothmann ist verantwortlich f√ľr das heddesheimblog.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.

  • Visitor

    Herr Hasselbring halten Sie sich an Ihre Argumentationen von fr√ľher.
    SPIELENDE KINDER !
    Diese haben Sie in Ihrer Mittagspause gestört !!
    Bei den Nachbarn haben Sie sich dar√ľber f√ľrchterlich beschwert !!!
    Seit Sie politisch aktiv sind, haben Sie sich um 180 Grad gedreht.
    Pl√∂tzlich sind Kinder f√ľr Sie wichtig !!!!
    Wenn das ehrlich gemeint wäre, wäre es schön.
    Aber daran hege ich grosse Zweifel.
    Tun Sie was f√ľr die Kinder im Strassenverkehr !!!!!
    Sie haben die LkWs in der Hand !!!!!!

    • lutz

      Ich kenne in der Tat keinen Lokalpolitiker, bei dem Anspruch und Wirklichkeit derart auseinanderklaffen wie bei Hasselbring. Alles was er kann, ist Floskeln nachplappern, die er sich wahrscheinlich bei Westerwelle in Talkshows abgeguckt hat („Zukunftsorientiert – konsequent – kontinuierlich“ etc.)

      Habe mich schon immer gefragt, wie ihm das die Heddesheimer eigentlich abnehmen sollen, gerade in Bezug auf seine automobilen Vorlieben.

      Der Vorfall mit den Kindern ist mir neu, passt aber ganz gut in mein Bild von dem Mann.

  • A. Felis

    Ich habe mich schon oft √ľber die schlampigen und oberfl√§chlichen Berichte des Herrn Thurecht ge√§rgert. Diese Auffassung von Lokaljournalismus ist mit der Grund, dass der „Morgen“ inzwischen einen schlechten Ruf bei den Menschen in der Region hat.

    • Jochen Schust

      Wenn man sich das t√§gliche Elend der Lokalberichterstattung deutscher Lokalzeitungen ansieht, dann ist, f√ľrchte ich, Dietmar Thurecht eher bitterer Durchschnitt als Tiefpunkt. √úberall das gleich: Floskeln werden nachgebetet anstatt nachrecherchiert oder zumindest mal hinterfragt. Jedes d√ľnnpfiffige PR-Blabla schaffts bedenkenlos ins Blatt. Man fragt sich: Wenns schon der freie Mitarbeiter nicht kann, gibts dann nicht wenigstens ne Redaktion bzw. Ressortleitung, die mal kritisch nacharbeitet?

  • Argus

    Profilneurotiker drehen immer ihr Mäntelchen mit dem Wind!
    So d√ľrfte es auch hier der Fall sein!

  • Michael M√ľller

    Lokaljournalismus geht so: die Partei liefert ihre Pressemitteilung ab. Der Journalist macht eine √úberschrift dr√ľber – fertig. Sowas wie „Recherchieren“ ist da nicht vorgesehen. Ich spreche aus Erfahrung, war einige Jahre im dem Gewerbe t√§tig.

    • Jochen Schust

      Ja so eine Verwahrlosung der Sitten im Lokaljournalismus greift um sich. Es hängt sicher damit zusammen, dass die Resourcen in den Redaktionen immer geringer werden. Aber auch mit einer gewissen Bequemlichkeiten der Redakteure. Warum denken und recherchieren, wenn in der Pressemitteilung schon alles drin steht.