Montag, 16. Juli 2018

Gastbeitrag: „Alles in allem leider lasch.“

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Guten Tag

Heddesheim, 25. September 2010. Ist die Diskussion um „Pfenning“ ein Kasperletheater? Sicher nicht. Es ist ein ernstes, wichtiges Thema. Es ist seit fast eineinhalb Jahren das dominierende Thema im Dorf. Wir veröffentlichen einen Gastbeitrag, der mit den Akteuren abrechnet – gut weg kommt keiner von ihnen.

Gastbeitrag: Die Verfasserin dieses Kommentars hat uns gebeten, anonym zu bleiben. Wie so oft werden persönliche Nachteile befĂŒrchtet. Wir haben deshalb der Bitte entsprochen, weil wir denken, dass der Beitrag an sich, wichtige und interessante Aspekte enthĂ€lt, die in die öffentliche Diskussion gehören. Die Verfasserin ist weder parteipolitisch aktiv, noch gibt es persönliche Verbindung zur Pro- oder Kontraseite, noch ist sie direkt vom Verkehr betroffen. Sie ist in Heddesheim geboren, lebt schon immer hier und möchte auch hier bleiben. Die Redaktion

„Nach langer Zeit der Verfolgung des Themas Pfenning hier auf dem blog, aus der ein oder anderen Diskussion im privaten Bereich, sehe ich mich an dieser Stelle des RĂŒckblicks von Hardy Prothmann veranlasst, mich zu dem ganzen „Kasperletheater“, als das es von außen gesehen wird, doch mal zu Ă€ußern.

Wie gesagt, ich verfolge das Geschehen um Pfenning wie wahrscheinlich fast jeder hier in Heddesheim. TatsĂ€chlich bin ich Ur-Heddesheimerin und kann mich dem Thema schon aus reinem Patriotismus gar nicht entziehen. Wer will schon LĂ€rm, Verkehr und Feinstaub, wenn er auf dem Land wohnt? Keiner natĂŒrlich.

Aber wenn ich in mich höre, kann ich mich zu einem „Nein zu Pfenning“ einfach nicht durchringen. Ich habe mich gefragt, warum? Zugegeben, zum Einen kommt bei mir die IG Nein-zu-Pfenning nicht sympathisch an. Aber gut, das wĂ€re ein kleines ÃƓbel, könnte ich voller ÃƓberzeugung „Nein“ sagen.

Kluge Dinge vom Fachmann.

Aber mir scheint, die Art des Aufbegehrens nicht stimmig. An der Stelle danke ich Ihnen, lieber Hardy Prothmann, fĂŒr die Retrospektive, vor allem fĂŒr das Interview mit Professor Hans-Georg Wehling.

Unter all den sehr klugen Dingen, die der Fachmann fĂŒr Kommunalpolitik sagt, ist eines m. E. besonders hervorzuheben, weil es in einer Art Umkehrschluss das Argument schlechthin fĂŒr ein klares und unmissverstĂ€ndliches „NEIN zu Pfenning“, zumindest fĂŒr mich, gewesen wĂ€re.

Ich zitiere: „Wer nichts anderes erarbeitet hat, greift auf das zurĂŒck, was er hat.“

Wehling meint damit BĂŒrgermeister Kessler, weil der nicht nur nichts anderes erarbeitet hat, sondern auch gar nichts anderes erarbeiten wollte. Keine Alternativen zu haben, macht sich fĂŒr einen BĂŒrgermeister wahrhaftig nicht gut.

Nichts anderes erwarten.

Aber Herrn Kesslers absolutistischer Regentschaftsstil gepaart mit einer gehörigen Portion Egomanie ist ja hinreichend erörtert und bekannt, und so dĂŒrfte es ja kaum verwundern, dass er keine AlternativvorschlĂ€ge fĂŒr eine sinnvolle Gewerbeansiedlung in der Schublade hat. So weit, so bekannt also.

„Nichts anderes erarbeitet zu haben“ macht sich jedoch mindestens genauso schlecht fĂŒr diejenigen, die zu einem Projekt lautstark „Nein“ sagen und dann nicht einmal auf etwas zurĂŒckgreifen können, was sie haben, weil sie eben nichts haben.

Damit meine ich, es gibt von den Gegnern keine alternativen PlĂ€ne und Konzepte zur gewerblichen Nutzung eines Areals, das als Gewerbegebiet ausgewiesen ist, um irgendwann seiner Bestimmung ĂŒbergeben zu werden. Mir jedenfalls ist in der gesamten Diskussion nicht der Hauch auch nur des Ansatzes einer Idee zu Ohren gekommen. Man möge mich unbedingt korrigieren, sollte ich das schlicht ĂŒbersehen, ĂŒberlesen oder ĂŒberhört haben. (Anmerkung der Redaktion: Diese Forderungen wurden immer mal wieder gestellt, haben sich aber in der Debatte nicht etablieren können. Beispiele: Video mit Michael Bowien (SPD) Wir brauchen ein Leitbild und 7 Thesen eines Sozialdemokraten zu Pfenning)

Jaja, sicher, es gibt gute ökologische Argumente gegen Pfenning , aber es gibt offenbar auch gute ökonomische Argumente pro Pfenning. Auch das ist mehr als hinreichend diskutiert. Das alles noch einmal aufzukochen, wurde bereits an anderer Stelle zu Recht, ich nenne es mal salopp „abgewatscht“.

Das wĂ€re auch mĂŒĂŸig. MĂŒĂŸig ist jedoch nicht, mal einen kleinen Moment lang darĂŒber nachzudenken, wenn sowohl die guten Argumente gegen das Projekt, die es ja durchaus gibt, als auch ein schlĂŒssiges, ökologisch vertretbares, in die lĂ€ndliche Umgebung passendes, ökonomisch mindestens so lukratives, wenn nicht mehr Gewerbesteuer und ArbeitsplĂ€tze bringendes Konzept vorgelegen hĂ€tte. Das wĂ€re ein scharfes Schwert gewesen, um es mal „militant“ auszudrĂŒcken, und hĂ€tte den „laschen Haufen“ „IG – Nein zu Pfenning“ praktisch unschlagbar gemacht.

Denn Professor Wehling, den ich mir noch einmal erlaube zu zitieren, interpretiert das Ergebnis der BĂŒrgerbefragung wie folgt: „Die Mehrheit der Heddesheimer will Entwicklung, die HĂ€lfte der BĂŒrgerschaft lehnt allerdings die Ansiedlung der Firma Pfenning ab.“

Keine Alternativen.

Nehmen wir mal bei Seite, dass natĂŒrlich nicht „die Mehrheit der Heddesheimer“ und „die HĂ€lfte der BĂŒrgerschaft“ gemeint sein können, sondern die Mehrheit und die HĂ€lfte der an der Befragung teilgenommen habenden BĂŒrger (5839 von 9077 Wahlberechtigten), so hĂ€tte spĂ€testens mit der Klarheit dieser Ergebnisinterpretation von Professor Wehling, also ab Oktober 2009, der unorganisierte, planlose Aktionismus des „laschen Haufens“ in der ernsthaften Ausarbeitung eines Alternativkonzepts mĂŒnden mĂŒssen.

Denn leider, leider will eine große Mehrheit (74,26 %) derer, die an der BĂŒrgerbefragung teilgenommen haben „Entwicklung“. Die konnten und können die Pfenning-Gegner nicht bieten.

Ich bin ĂŒberzeugt davon, dass es unter Ihnen einschlĂ€gig ausgebildete und versierte Profis gibt, die Alternativen (wenigstens eine!) hĂ€tten entwickeln können.

Ich möchte das so gerne glauben. Ich wĂ€re so gerne mein GefĂŒhl los geworden, dass sich die Interessengemeinschaft nicht ebenfalls nur aus Interessengruppen (Bewohner Ahornstraße mit noch herrlich freiem Blick auf die Bergstraße, Anwohner an Umgehungsstraßen, die viel befahrener wĂ€ren, PrivathĂ€usle-Besitzer im gĂŒnstiger zu bebauenden Gewerbegebiet, die aber auch hier idyllische LĂ€ndlichkeit nicht missen möchten etc.) formiert hat.

Aber das GefĂŒhl nimmt mir irgendwie keiner.

Denn statt Konzepte, gibt es auf der Basis von aus Stuttgart gewitterter Morgenluft nun neue FlugblĂ€tter mit einer Listung dessen, wogegen man alles sein sollte mit merkwĂŒrdigen, vermutlich als Zahlenspiel gesetzten Ausrufezeichen, hinter dessen Logik ich noch nicht gekommen bin.

MerkwĂŒrdig lasch.

Das „gegen Versprechen, die nicht eingehalten werden!!!!!!“ hat mit sechs Ausrufezeichen die meisten Exklamationsmarker bekommen, obwohl das Gegenargument momentan sicher am schwĂ€chsten ist.

Ob ein Versprechen eingehalten wird oder nicht kann ja nun mal erst zu Tage treten, wenn eben der Tag der Einlösung kommt.

Dagegen kommen echte grĂŒne Argumente wie Feinstaub und LĂ€rm anscheinend nicht ganz an (fĂŒnf und vier Ausrufezeichen), Verkehr und Logistik hĂ€lt man wohl mit nur einem und zwei Ausrufezeichen fĂŒr am wenigsten bemerkenswert. Und das bei einer drohenden Großlogistikansiedlung! MerkwĂŒrdig!

Vielleicht habe ich die Zeichensetzung auch völlig falsch interpretiert. Im Zweifelsfall hat sich da einmal mehr keiner etwas dabei gedacht.

Und anstatt nun zu einer wahrhaftigen, handfesten Demonstration aufzurufen und diese auch anzumelden, trifft man sich zu einer geselligen Tour de Flur, normalerweise bekannt als landwirtschaftliche, lustige Fahrradtour.

Da hat ein „KĂ€mpft dafĂŒr“ wirklich keine Kraft und wirkt – ich muss es so sagen -alles in allem leider lasch.“

Anmerkung der Redaktion:
GastbeitrĂ€ge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Die Autoren sind fĂŒr die Inhalte selbst verantwortlich.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.