Sonntag, 20. August 2017

Der gläserne Gemeinderat: Der Markt belebt den Gemeinderat

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Guten Tag!

Heddesheim, 25. Januar 2010. Während ein Großprojekt wie „Pfenning“ trotz neuer Erkenntnisse inhaltlich seit Monaten nicht mehr diskutiert wird, gab es vergangene Woche erstmals eine umfangreiche Diskussion an der sich viele Gemeinderäte inhaltlich beteiligten: Die SPD beantragte die Etablierung eines Wochenmarktes auf dem Dorfplatz.

Von Hardy Prothmann

Die SPD-Fraktion hat in der Sitzung vom 20. Mai 2010 den Antrag eingebracht, auf dem Heddesheimer Dorfplatz einen wöchentlichen Markt zu installieren, damit der „Marktplatz mit neuem Leben gefüllt wird“, wie SPD-Fraktionschef Jürgen Merx sagte.

Zumindest mehr Leben als gewohnt brachte allein der Antrag in die Debattenkultur des Gemeinderats. Tatsächlich äußerten sich auch GemeinderätInnen, die man sonst nur sehr selten hört.

Und das ist gut so.

Ich habe den Vorschlag der SPD gerne unterstützt. Denn die Meinung im Ort über den Dorfplatz ist klar: er ist neu und er ist leblos. Deswegen hat die SPD ja auch den Antrag eingebracht: „Damit der Platz mit neuem Leben erfüllt wird.“

Neues Leben für den Ort und im Gemeinderat.

Der Bürgermeister lobt gerne, wie toll doch dieser Dorfplatz geraten ist. Es geht der Unkenruf, dass Herr Kessler, alles, was leblos und leer ist, so bewertet.

Vielleicht war er deshalb auch stellenweise so gereizt in der Sitzung. Immerhin diskutierte die GemeinderätInnen zum ersten Mal seit ihrer konstituierenden Sitzung vom 22. Juli 2009 in einer konstruktiven Art und Weise miteinander.

Klar, dass die SPD-Gemeinderäte den Antrag unterstützten. Rainer Hege (CDU) erklärte sich für befangen.

Erst war unklar, wo die Reise hingeht, dann wurde durch die Wortbeiträge von Herrn Kemmet, Herrn Kielmayer und Herrn Schaaf deutlich, dass die CDU eher keinen wöchentlichen Markt will – sondern, wenn, dann einen pro Quartal. Als „Themenmarkt“ – auch das eine Idee, die man diskutieren kann.

Die Fraktion Bündnis90/Die Grünen war geteilter Meinung – nicht bei der Unterstützung des SPD-Antrags, aber was die sinnvollste Lösung und wie diese zu erreichen ist.

Den Vorschlag von Herrn Hasselbring nahm niemand auf: „Wenn das da ist, sehen wir, wo das hingeht.“

Die Heddesheimer und andere zurückholen.

Herr Hasselbring sagte aber noch etwas anderes: „Wenn ich in Ladenburg im neuen Edeka einkaufen gehe, treffe ich dort jede Menge Heddesheimer.“ Dem stimmte nicht nur Frau Hoffmeister-Bugla (SPD) mit einem „genau“ spontan zu. Es gab viele, die nickten.

Soviel war einigen Gemeinderäten klar: Die Heddesheimer gehen gerne auf Märkte, in Ladenburg, in Viernheim und anderswo. Und vielen Heddesheimern ist die Ortsmitte schnuppe, sie fahren die drei Kilometer nach Ladenburg, wo es sich in je einem moderner Edeka-, Aldi- und DM-Markt mit vielen Parkplätzen trefflich einkaufen lässt. Die Kunden nehmen dieses Angebot gerne an – weil die Sortimente sich ergänzen, die Wege kurz sind und auch oder gerade ältere Menschen gerne mit dem Auto vorfahren wollen.

Die teils chaotische Verkehrssituation in der Heddesheimer Ortsmitte, den eher nicht besonders gut geführte Edeka-Markt hingegen kritisieren sogar manche Gemeinderäte – dass dann aber lieber hinter vorgehaltener Hand.

Im Ort ist man längst verärgert über die Führung des Edekamarktes, die Parkplatzsituation und den mysteriösen Umstand, dass sich für den früheren „Treff“-Laden anscheinend kein Mieter mehr findet. Das Gerücht, dass Edeka die Miete für den leeren Laden zahlt, um Konkurrenz zu verhindern, ist längst im Ort rum.

Kein Gerücht ist, dass Schlecker zu einem Schlecker XL-Markt umgebaut wird – überall im Land gibt es Arbeitsgerichtsprozesse und Proteste der Gewerkschaften gegen die Niedriglohnpolitik des Discounters.

Protektionismus der CDU.

Doch gehört der Discounter ebenso wie Edeka zu den wenigen Geschäften, die Produkte des täglichen Bedarfs anbieten. So werden durch die CDU protektionistische Argumente ins Feld geführt, die nur scheinbar ernst gemeint sind.

Vor allem die These von Herr Kielmayer (CDU), Kunden würden sich auf dem Markt beim Anschauen der Produkte Appetit holen, um dann beim Lebensmittel-Discounter einzukaufen, ist doch eher sehr konstruiert. Man stelle sich das vor: Eine Familie fährt in die Ortsmitte, sucht einen Parkplatz, läuft über den Markt, holt sich Appetit, erklärt den Kindern, dass das Gemüse schön, aber zu teuer ist und fährt dann ins Gewerbegebiet oder nach Ladenburg, um dort „billigere“ Frischware einzukaufen? Na ja.

Martin Kemmet (CDU) forderte, die Händler und den Bund der Selbstständigen (BdS) mit ins Boot zu nehmen – der BdS unterstützt den Antrag der SPD allerdings bereits.

Herr Hege könnte mit seinem Hofladen Konkurrenz erhalten – er könnte sich dieser aber auch stellen und selbst einen Stand auf dem Markt halten. Auch dieser Situation wurde durch die CDU begegnet: Doppelte Lohnkosten für Geschäft und Markt – ruinöser Wettbewerb – Pleiten und Geschäftsaufgaben könnten die Folgen sein. Das hörte sich an wie der Untergang des Abendlandes.

Ladenburg zeigt, wie es geht.

Wenig wahrscheinlich – wahrscheinlicher eher, dass die Läden und Geschäfte von neuem Leben in der Dorfmitte profitieren könnten. Sind die Kunden erstmal im Ort, könnten sie noch auf die Idee kommen, andere Dinge zu erledigen.

Deshalb will man den Markt auf den Donnerstag legen, da haben Bank und Rathaus länger auf. Wenn es gelänge, mehr Kunden für die Ortsmitte zu interessieren, könnten auch vielleicht wieder andere Geschäfte in den Ort zurückkommen, die längst abgewandert sind.

So wie in Ladenburg – da gibt es gar dienstags und freitags ein Marktangebot mit acht bis neun Ständen. Lokale Erzeuger und ergänzende Angebote. Der Markt funktioniert stabil, seit Jahren hat es keine Standwechsel gegeben. Stadt und lokaler Handel sind sehr zufrieden: „Die Kunden schätzen den Markt sehr“, heißt es aus dem Rathaus.

Tatsache ist heute: Heddesheim ist kein sehr attraktiver Einkaufsstandort. Die Tante-Emma-Läden sind tot, immer mehr Kneipen und Wirtschaften machen zu, der Dorfplatz ist ohne Leben und die Gemeinde hat zu lange zu wenig getan, um daran etwas zu verändern. Und wer sich außerhalb einer fünf Minuten „Fußreichweite“ zu Ortsmitte befindert, kann gleich das Auto nehmen und ist in Ladenburg oder im Gewerbegebiet besser bedient.

Es braucht flankierende Maßnahmen.

Der Markt alleine wird deshalb nicht reichen, um die Ortsmitte als attraktiven Einkaufsstandort zu entwickeln. Da müssen mehr Ideen her als ein Wochenmarkt, der nur einmal die Woche acht Stunden vor Ort ist und schon mit dem Antrag zumindest durch die CDU stark angezweifelt wird.

Ãœberall da, wo Märkte gewollt werden, funktionieren sie auch – vor allem, wenn auf die Bedürfnisse der Konsumenten Rücksicht genommen wird. Es gilt nunmal Angebot und Nachfrage in der freien Marktwirtschaft.

Mein erweiterter Antrag, Pro- und Kontra-Argumente der Gemeinderäte, des Bunds der Selbstständigen, der Händler und vor allem der BürgerInnen zu sammeln, wollten die meisten Gemeinderäte nicht unterstützen – übrigens haben auch Grüne dagegen gestimmt, aber das nur fürs Protokoll. Nicht überrascht hat mich Herr Hasselbring, der sagte: „Von einer Befragung der Bürger rate ich dringend ab.“

Dass der Antrag der SPD letztlich mit sechszehn Ja-Stimmen, einer Nein-Stimme und einer Enthaltung angenommen wurde, hat mich auch nicht überrascht. Es ging ja nur um eine „grundsätzliche“ Zustimmung, die sich Herr Merx sehnlichst wünschte.

Sollte der Markt kommen und funktionieren, wird auch die CDU dafür gewesen sein wollen, kommt er nicht oder kann er sich nicht etablieren, weil flankierend zu wenig dafür getan wird, wird man darauf verweisen, dass die SPD dies „grundsätzlich“ wollte -trotz der mahnenden Stimmen der CDU.

Wie auch immer: Im ersten Fall gibt es zwei Gewinner, im zweiten nur einen Verlierer. Das muss die SPD noch lernen.

Insgesamt hat durch diese Sitzung aber die Hoffnung ein wenig gewonnen, dass der Gemeinderat sich in öffentlicher Debatte austauschen kann. Auch, wenn es ein erster zaghafter Versuch war.

hardyprothmann

Anmerkung der Redaktion:
Hardy Prothmann ist partei- und fraktionsfreier Gemeinderat und verantwortlich für das heddesheimblog.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Günter Siegle

    Guten Tag!

    „Wenn ich in Ldbg. einkaufen gehe, sehe ich viele Heddesheimer“ und
    „Es gab viele, die nickten“

    Glaubt denn jemand, daß bei einem Heddesheimer Wochenmarkt unsere Gemeinderäte dann auch in Heddesheim einkaufen? Warum kaufen Sie jetzt
    nicht, um die Heddesheimer (kleinen) Geschäfte zu unterstützen? Solange mein Getränkehandel angemeldet war, durfte ich in den ganzen 35 Jahren genau 2 (Zwei!)Gemeinderäte als Dauerkunde bedienen.
    Frdl. Grüße

  • heddesheimerin

    „Tatsache ist heute: Heddesheim ist kein sehr attraktiver Einkaufsstandort. Die Tante-Emma-Läden sind tot, immer mehr Kneipen und Wirtschaften machen zu, der Dorfplatz ist ohne Leben und die Gemeinde hat zu lange zu wenig getan, um daran etwas zu verändern. “

    Diese Situation hat sich ueber viele Jahre aufgebaut und ist heute nur schwer ertraeglich. Hier sollte der GR mal ansetzen anstelle uns einen Logistikriesen vor die Nase zu setzten.

  • Snake Plissken

    Ein Wochenmarkt birgt immer Risiken. Sogar das Risiko das er angenommen wird. Was spricht dagegen einmal die Woche am besten regionale Produkte anzubieten. Klar ist Herr Hege befangen, aber sind seine Produkte nicht gerade das was die Bürger/Innen dann auch auf dem Wochenmarkt kaufen würden?? Und zwar ohne lang Wege gehen zu müssen. Ist doch schon schlimm genug das ältere Menschen schon den weiten Weg in die Ortsmitte gehen müssen, da es anscheinend nicht mehr möglich ist den alten Treffladen wieder mit Leben zu erwecken. Da sollte man mal nach Sandhausen schauen, da wurde ähnliches auch vollbracht. Ein Verein behinderter Menschen führt den Laden mit allem was das tägliche Leben braucht http://www.cap-markt.de/index.php?id=119&tx_hgcapmarkt1_pi1%5BshowUid%5D=27&cHash=260e7c84fb. Natürlich nicht so umfangreich wie ein Discounter aber ausreichend für Jedermann. Aber wie das eben so ist, man kann Konkurrenz als Ansporn nehmen oder verdammen. Und ob dem fehlenden Schleckermarktes ist es nicht verwunderlich das viele jetzt nach Ladenburg fahren, haben Sie doch tatsächlich alles auf einem Fleck. Sogar noch wunderbar mit dem Fahrrad erreichbar . ( die öffentlichen Verkehrsmittel lassen wir mal am besten außen vor ).

  • sämmle

    Heddesheim hat ja so viele große ungelöste Probleme.
    Jetzt auch noch der Wochenmarkt !

    Was ist eigentlich mit den existenziellen Problemen ???
    Ist das Heddesheimer Abwassernetz marode ?
    Oder einfach nur mittlerweile zu klein ?

    Diese Frage habe ich mir heute nacht so gegen 1Uhr in meinem Keller gestellt.
    Der war nämlich vollgelaufen mit Wasser aus der Kanalisation !
    Die letzten Jahre ist das immer wieder mal passiert,aber so heftig wie heute Nacht war das noch nie.
    Es hat in Heddesheim auch vor 30 Jahren heftigst geregnet,aber da lief komischerweise kein Keller voll!
    Zumindest nicht in meiner Straße und meines Wissens.
    Wurde seitens der Gemeinde im Laufe der Heddesheimer Vergrößerung eigentlich alles getan um die Abwasser Entsorgung zu sichern???
    Kann ich Schadensersatz von der Gemeinde verlangen?
    Oder muss ich Teilbeträge bei der Frisch-Abwasser Rechnung einbehalten ???
    Irgendwie kommt mir das ganze nicht mehr so koscher vor.
    Ich werde in den nächsten Tagen einen GM meines Vertrauens befragen und mir auch rechtlichen Rat einholen.
    Ich finde die Gemeinde kommt hier Ihrer Aufgabe und Verpflichtung nicht mehr in angemessener Weise nach !
    MFG

  • TJ

    Endlich mal ne gute Idee von der SPD…;-)
    Zur Beruhigung von Herrn Hege. In der Stadt aus der ich komme, war es durchaus üblich (und ist es heute noch), dass die kleinen O&G Geschäfte am Markttag zu hatten und auf dem Wochenmarkt waren. Alle Stammkunden trafen sich dann dort. Kleiner Plausch, Käffchen (was sich in Heddesheim durch den ansässigen Italiener auch noch anbietet), ein rundum schöner Einkauf! Und eins ist klar, die Stände auf dem Markt waren und sind begehrt! Das Gewinde der CDU gehört halt auch zum Ritual… :-))