Montag, 13. Juli 2020

„Wir kommen hier nicht weg.“

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In zwei Wochen sind Kommunalwahlen. Die Themen, fĂŒr die sich die Parteien einsetzen wollen, sind vielfĂ€ltig. Die „Jugend fördern“ wollen alle. In den Programmen steht das zumindest drin. Nur wie genau die Jugend gefördert werden soll, dazu steht wenig bis gar nichts drin.

Das heddesheimblog hat sich mit Jugendlichen getroffen und sie gefragt, wie es fĂŒr sie so ist in Heddesheim.

Das heddesheimblog: Gibt es genug Angebote fĂŒr die Jugend in Heddesheim?
Dominic (15): „Es gibt fast gar nichts in Heddesheim fĂŒr uns. Klar, im Sommer gehen wir an den Badesee und im Winter auf die Eisbahn. Das ist schon gut. Aber sonst? Bleibt nur die Straße.“
Okan (16): „Es gibt auch kaum CafĂ©s oder irgendwas, wo wir uns treffen können. Kneipen sind sowie nichts fĂŒr uns.“
Mohammed (17): „Es gibt nur wenig PlĂ€tze, wo wir uns treffen können, wie hier an der Schule. Ab 22:00 Uhr kommt aber meistens die Polizei und schickt uns weg.“

„Wir fĂŒhlen uns ungerecht behandelt.“

Das heddesheimblog fragt nach, wie die Jugendlichen das erleben. Einer sagt: „Wir fĂŒhlen uns ungerecht behandelt, wenn wir weggeschickt werden und echt leise waren. Wir wĂŒrden es ja kapieren, wenn wir laut gewesen wĂ€ren, sind wir aber meistens nicht. Und wenn dann noch ein Polizist kommt und uns richtig blöd anmacht, dann können wir das nicht verstehen. Es gibt aber auch Polizisten, die sagen das so, dass wir uns nicht blöd fĂŒhlen mĂŒssen.“

Es gibt kaum Angebote fĂŒr uns, sagen Jugendliche.

"Es gibt kaum Angebote fĂŒr uns", sagen jugendliche SchĂŒler und Azubis. Bild: pro

Katrin (17): „Eigentlich können wir nirgendwo hin. SpielplĂ€tze sind nicht erlaubt, ab 22:00 Uhr gehts nicht mehr hier an der Schule.“
heddesheimblog: „Aber es gibt doch das JUZ?“
Alle lachen. Der Witz muss gut gewesen sein.
Mohammed: „Montag, Mittwoch und Freitag. Mittwoch ist ab 20:00 Uhr Schluss.“
Marvin (17): „Und in den Ferien ist es zu.“
Danny (16): „Ab und zu gehen wir mal hin. Billard spielen. Aber ehrlich, dass Angebot ist nicht gerade toll.“

Party? Fehlanzeige!

Alle stimmen zu. Diskutieren ein wenig, dann ist klar: Das JUZ ist nicht wirklich das, was ihnen gefÀllt.
„Seit der SchlĂ€gerei vor zwei Jahren oder so gibt es auch keine Partys mehr“, sagt einer. „Genau, das waren aber nicht wir, das waren die vor uns. Egal, fĂŒr uns gibts das halt nicht mehr“, sagt ein anderer. „Vielleicht fĂŒr die 10-12jĂ€hrigen, aber nicht fĂŒr uns.“

Wer „Party machen will“, muss raus aus Heddesheim. Manche gehen nach Heidelberg, zum Beispiel in die Diskothek „Nachtschicht“: „Hinkommen ist nicht so schlimm, aber zurĂŒck geht es nur mit dem Taxi.“ Das kostet 40 Euro. Plus Eintritt und GetrĂ€nke sind da schnell 20-30 Euro weg – aber nur, wenn vier sich das Taxi teilen, sonst wird es richtig teuer.

„Wir kommen hier nicht weg.“

„Wir kommen hier nicht weg“, sagen alle. Der letzte Bus nach Ladenburg fĂ€hrt um sechs Uhr, sagen sie: „Angeblich, damit es keinen Dreck und Stress gibt. Durch Heddesheimer, die nach Ladenburg fahren oder andersrum. Das ist doch Quatsch. Wir können auch laufen oder mit dem Rad fahren. Wer Stress machen will, macht den. Wir wollen keinen Stress machen, sondern einfach nur mal raus, was erleben.“

Dann erzĂ€hlen sie Geschichten. Wie sie immer wieder weggeschickt werden. Dass sie keinen Platz haben. Die PlĂ€tze, wo sie keinen Stress – von wem auch immer haben - wollen sie nicht sagen: „Sonst schicken die uns da auch weg.“ Die, das sind die „Wegschicker“, irgendwer halt, der die Polizei ruft.

Die Vereine, ja klar, die sind da und jeder war mal schon in einem oder ist es noch: „Aber das ist nicht alles. Wir kicken, turnen, machen sonst was, aber wir wollen uns auch einfach nur treffen, abhĂ€ngen oder Spaß haben und dafĂŒr gibt es hier fĂŒr uns nichts“, sagt einer.

„Um 04:15 Uhr aufstehen, ist hart, aber ich muss um 5:00 Uhr die Bahn bekommen.“

Das heddesheimblog fragt nach, wie ihre BerufswĂŒnsche sind. Und welche Möglichkeiten sie haben.
Mohammed: „Ich habe nach der Schule ein Praktikum gemacht. FĂŒnf von 80 Bewerbern um eine Lehrstelle sind genommen worden, ich habe eine bekommen. Hart ist nur, dass ich fĂŒr die Arbeit um 04:15 Uhr aufstehen muss, weil ich um 5:00 Uhr die Bahn zur Arbeit bekommen muss.“
Katrin: „Ich hatte keine Schwierigkeiten, eine Ausbildungsstelle zu bekommen.“
Marc (17): „Ich habe eine Ausbildung als Speditionskaufmann angefangen, das war aber gar nichts. Ich mache jetzt wieder Schule.“

„Die Politiker sagen doch sowieso alle dasselbe.“

Das heddesheimblog fragt nach, ob die Jugendlichen Politiker kennen oder denken, dass diese etwas fĂŒr sie tun und ob sie spĂ€ter wĂ€hlen wollen?
Max (Name geĂ€ndert, d. Red.) (18): „Weiß noch nicht. Die Politiker sagen doch sowieso alle dasselbe. Ich weiß noch nicht, ob ich wĂ€hlen gehe.“
Die anderen sagen nichts. Sie können ja noch nicht wÀhlen und sind Àhnlich unsicher.

Zum Text:
Das heddesheimblog hat Jugendliche auf der Straße angesprochen und um ein GesprĂ€ch gebeten und darum, Freunde mitzubringen. Wer Lust und Zeit hatte, sollte kommen. Gekommen sind rund ein Dutzend Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahre alt.
Der Treffpunkt war schnell gewĂ€hlt. Weil es nicht viel gibt, treffen sie sich oft an der Johannes-Kepler-Schule. Hier ist fĂŒr sie spĂ€testens um 22:00 Uhr Schluss, dann werden sie vertrieben.
Das JUZ bietet zu wenig und raus aus Heddesheim kommen sie zwar, aber nicht mehr zurĂŒck: Das ist ihr dringendstes Problem: Busverbindungen.
Gerne wĂŒrden Sie auch im Ort ab und zu „eine Party machen“. Aber dafĂŒr gibt es keine Möglichkeiten.
Sie warten also, bis sie 18 Jahre alt sind, den FĂŒhrerschein und ein Auto haben. „Was sollen wir sonst tun?“, fragt einer und zuckt mit den Schultern.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.