Sonntag, 23. Juli 2017

Geprothmannt

Lektion erteilt bekommen

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Chefredakteur Hardy Prothmann kommentiert regelmĂ€ĂŸig in seiner Kolumne „Geprothmannt“ aktuelle Ereignisse.

Rhein-Neckar/Mannheim, 24. Juni 2013. (red) Vor gut einer Woche ist Chefredakteur Hardy Prothmann fast sich selbst „auf den ersten Blick“ aufgesessen, obwohl er eigentlich weiß, dass eine Bewertung auf den ersten Blick nicht immer den tatsĂ€chlichen UmstĂ€nden entspricht. Die wahre Begebenheit ist ein LehrstĂŒck, das bestimmt jedem mal so oder Ă€hnlich widerfĂ€hrt, wenn man bereit ist, eine Lektion erteilt zu bekommen.

Von Hardy Prothmann

Es ist spÀt, etwa 22:30 Uhr. Ich sitze noch in der Redaktion und bearbeite Texte.

Vor dem Haus versammeln sich rund zehn Jugendliche. Sie sind geschĂ€tzt zwischen 17 und 20 Jahre alt. Ein paar tragen eine „Batschkapp“, viele haben Piercings, rauchen, haben Alkohol dabei und trinken. Reden laut.

So eine Versammlung vor dem Haus habe ich hier noch nicht erlebt. Keinen von den Jugendlichen je gesehen. Ich bekomme Wortfetzen mit: „Wo sind wir hier?“ Mein erster Gedanke, weil die „hier falsch“ wirkten… Ist das vielleicht eine Facebook-Party? Zweiter Gedanke: Wie lange schaue ich zu, bis ich eine Ansage mache, dass sie stören?

Die jungen Leute laufen rein ins Haus und wieder raus. Telefonieren und gucken in Smart-Phones. Lachen. Irgendwie wirken sie aber gestresst. Ich höre: „…verletzte Person“. Ich denke: Ohja, das kann ja „lustig“ werden – haben sich jetzt zwei geprĂŒgelt oder sich jemand ins Koma gesoffen?

Ich rauche am Fenster. Einer guckt hoch und sagt: „Guten Abend, Entschuldigung, haben Sie vielleicht einen kalten Waschlappen? Im Haus sitzt eine alte Frau, die nicht mehr kann. Wohnt die hier?“

Unten wohnt tatsĂ€chlich eine Ă€ltere Frau, die schon mal vor ein paar Tagen kurz vor dem Haus umgekippt ist. Ich bringe den Lappen. Unten im Treppenhaus kĂŒmmern sich zwei junge Frauen um die Ă€ltere Dame.

Eine nimmt den Lappen, kĂŒhlt den Puls. Redet beruhigend auf die Ă€ltere Frau ein. Streichelt behutsam ihr Knie, spricht mit ihr, gibt ihr Aufmerksamkeit. Die Kumpels draußen haben einen Krankenwagen gerufen.

Die SanitÀter machen Ansprechtests, die alte Frau antwortet korrekt, wenn auch nuschelnd. Die SanitÀter können nichts machen, weil die Frau nicht ins Krankenhaus will. Nachdem die Frau es geschafft hat, in ihre Wohnung zu kommen, ziehen sie wieder ab.

Ich gehe raus zu den jungen Leuten und bedanke mich bei Ihnen fĂŒr den Einsatz – meine Vorurteile hatten eine Lektion erteilt bekommen. Die jungen Leute waren nur zufĂ€llig in der Gegend, haben die alte Dame bemerkt und sie bis vor die HaustĂŒr getragen, sich gekĂŒmmert. SelbstverstĂ€ndlich.

Der Psychologe Paul Watzlawick beschreibt in der „Anleitung zum UnglĂŒcklichsein“ so genannte „self fulfilling prophecies“, sich selbst erfĂŒllende Erwartungen. Vielleicht sollte jemand mal eine Anleitung zum GlĂŒcklichsein schreiben.

Ich jedenfalls habe mich fĂŒr meine „Vorverurteilung“ geschĂ€mt und finde es sehr klasse, wie sich die jungen Leute um die alte Frau gekĂŒmmert haben. Respekt!

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.