Donnerstag, 23. November 2017

Interview mit Christiane Köhler (NABU): „Amphibien erfüllen eine wichtige Funktion im Naturhaushalt“

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Krötenwarnschild am Straßenrand - Foto: NABU / H. May

Krötenwarnschild am Straßenrand - Foto: NABU / H. May

Guten Tag!

Rhein-Neckar, 24. März 2011. (cm) Jeder Autofahrer kennt sie. Kleine Zäune am Fahrbahnrand. Sie dienen dazu, Amphibien vor dem Ãœberqueren der Straße zu hindern, damit sie nicht zum Opfer vorbeifahrender Autos werden. Manchmal werden sogar ganze Straßen gesperrt. Doch wieso dieser Aufwand? Welche Funktion erfüllen diese Tiere im Ökosystem? Wir haben mit Christiane Köhler, Geschäftsführerin des Naturschutzbundes Deutschland für den Bereich Rhein-Neckar-Odenwald gesprochen.

Interview: Christian Mühlbauer

Jedes Jahr werden Straßen gesperrt oder Schutzzäune aufgebaut, um Krötenwanderungen zu ermöglichen. Wieso ist es so wichtig die Tiere zu schützen? Der Aufwand ist ja verhältnismäßig groß.

Christiane Köhler: „Zum einen ist es aus Tierschutz-Gründen wichtig, die Tiere nicht einfach sinnlos zu töten, indem Sie überfahren werden. Zum anderen erfüllen Amphibien eine wichtige Funktion im Naturhaushalt, sie tragen dazu bei, dass Schad-Insekten dezimiert werden und sind selbst wichtige Nahrung für viele Wirbeltiere.“

Was ist eigentlich die Ursache für die Wanderung?

Köhler: „Amphibien sind eine sehr ursprüngliche Tiergruppe am Ãœbergang vom Wasser- zum Landleben. Sie müssen zur Fortpflanzung noch das Wasser aufsuchen, da bei Ihnen eine sogenannte „äußere Befruchtung“ stattfindet. Das heißt, Eizellen und Spermien werden nicht im Körper übertragen, sondern sie werden ins Wasser abgegeben und treffen sich dort außerhalb des Körpers der Tiere. Auch die Kaulquappen benötigen Wasser zu ihrer Entwicklung. Andererseits können die erwachsenen Tiere, wenn sie sich an Land verteilen wesentlich mehr Nahrung finden, als wenn alle Tiere im Teich bleiben würden. Daher wandern sie nach der Paarung weg vom Teich.“

Die Kröten wandern ja stets über „diesselbe“ Route. Woher wissen die Tiere, wo sie hin müssen?

Köhler: „Das Wanderverhalten an sich ist gut untersucht, doch wie beispielsweise die Erdkröte, unsere häufigste Krötenart, Jahr für Jahr das gleiche Gewässer wiederfindet, ist noch nicht endgültig geklärt. Dass sie den Laichplatz sehen ist unmöglich, weil die Winterquartiere meist über einen Kilometer entfernt liegen. Da sie bei der Wanderung andere Gewässer durchqueren, ist die Orientierung anhand von „Feuchtigkeitswerten“ auszuschließen. Auch die Vermutung, dass sich Amphibien durch ihren Geruchssinn orientieren, ist durch Verfrachtungsversuche widerlegt worden. Weitere Vermutungen, wie die Orientierung auf Grundlage der Landschaftskenntnis, der Erdanziehung oder der Navigation anhand von Himmelskörpern konnten bis heute nicht bewiesen werden.“

Wie lange dauert so eine Krötenwanderung?

Köhler: „Die Dauer der Krötenwanderung insgesamt und auch die des einzelnen Tieres ist sehr stark von der Witterung abhängig. Kröten wandern in der Regel nur, wenn es abends zu Beginn der Dämmerung noch mindestens 7 Grad Celsius warm ist und wenn es feucht und nicht zu windig ist. Das liegt daran, dass alle Amphibien eine empfindliche feuchte Haut haben, die nicht austrocknen darf. Zudem sind sie wechselwarm und wären bei zu niedrigen Temperaturen einfach zu unbeweglich.
In der Regel dauert die Hinwander-Zeit zum Teich für eine gesamte Krötenpopulation etwa 14 Tage. Die einzelnen Tiere brauchen vom Winterversteck bis zum Teich mehrere Tage.“

Welche Entfernung legen die Kröten bei dieser Wanderung zurück?

Köhler: „Die Entfernung ist abhängig von der Entfernung des Winterversteckes zum Teich. Erdkröten können bis zu 1200 m weit wandern, die kleinen Molche nur wenige 100 m weit.“

Wie ist es um den Bestand der Kröten bestellt?

Köhler: „Die Populationsentwicklung der Krötenbestände ist lokal sehr unterschiedlich. Einzelne Vorkommen, die schon fast erloschen waren, haben sich in den letzten Jahren erholt. Einige konnten durch die Neuanlage von Teichen durch den Naturschutzbund gerettet werden. Insgesamt gesehen ist der Trend aber leider negativ. Die Autofahrer nehmen oft keine Rücksicht, auf den Straßen kommen jedes Jahr hunderte Amphibien um. Zudem werden die Populationen durch Nahrungsmangel, das Zuschütten von Kleingewässern und den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft geschwächt.“

Welche Funktion erfüllen die Tiere im Ökosystem?

Köhler: „Amphibien fressen eine Vielzahl von Insekten und Schnecken, welche zum Teil auch Schädlinge für den Menschen darstellen. Zudem sind sie selbst wichtige Nahrung für große Fische und Vögel wie zum Beispiel Graureiher und Storch.“

Kann eine Krötenwanderung auf nicht-gesperrten Straßen für Autofahrer auch gefährlich werden?

Köhler: „Falls es zu einer massenhaften Krötenwanderung auf bestimmten Strecken kommt, und sehr viele Tiere überfahren werden, kann es auch für die Autofahrer gefährlich werden. Die überfahrenen Tiere bilden schnell eine schmierige Masse auf der Straße, wodurch Autofahrer ins Schleudern kommen können.“

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.