Donnerstag, 24. August 2017

Journalist vs. katholische Kirche

Geprothmannt: Solidarität mit Aigner

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Der Regensburger Dom – Sinnbild der Meinungsverachtung und des Schweigegelds. Quelle: Regensburg-digital.de

Rhein-Neckar/Regensburg, 24. September 2012. (red) Der Regensburger Journalist Stefan Aigner ist jemand, der genau hinschaut. Jemand, der sich um Opfer kümmert. Jemand, der die längst vergessene Kunst der Sozialreportage im Lokalen wieder aufleben lässt. Jemand, dem es nicht egal ist, ob man „Streumunition“ als „intelligente Wirksysteme“ bezeichnet. Und immer wieder wird der Journalist von Konzernen verklagt: Ob von Waffenfabrikanten wie „Diel“, ob von Glaubensfabrikanten wie der „Diözese Regensburg“ oder von einer XXL-Möbelfabrikantenkette. Die katholische Kirche will Stefan Aigner exkommunizieren und geht bis vors weltlich jüngste Gericht. Der Glaubenskonzern will dem Regensburger Journalisten verbieten lassen, im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch Geldzahlungen als „Schweigegeld“ zu bezeichnen.

Von Hardy Prothmann

Die Diözese Regensburg hat die Widerwärtigkeit als Glaubensprinzip entdeckt. Der juristische Glaubenskampf eines Bischofs Müller ist an Erbärmlichkeit nicht zu überbieten. Über Jahrzehnte  hat die katholische Kirche den Missbrauch von Schutzbefohlenen „gedeckt“.

Der Skandal des mannigfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern Jugendlichen durch katholische Priester oder sonstige Angestellte dieser Kirche hat nicht nur die Glaubensgemeinde, sondern das ganze Land erschüttert. Eine glaubhafte Aufklärung durch die Verantwortlichen hat nicht stattgefunden. Die Missbrauchsopfer wurden durch diese Kirche nochmals verhöhnt und öffentlich vergewaltigt.

„Beigeschmack“

Der Regensburger Journalist Stefan Aigner hat sich vor Ort „um das Thema gekümmert“. Und Zahlungen an ein vergewaltiges Opfer als „Beigeschmack von Schweigegeld“ bezeichnet. Wie auch der Spiegel. Das Magazin formulierte härter: Schweigen gegen Geld. Von „Beigeschmack“ ist da keine Rede.

Die Diözese Regensburg hat im Zuge des „fliegenden Gerichtsstands“ dann in Hamburg gegen Spiegel und Aigner geklagt. „Fliegender Gerichtsstand“ meint – da das Internet überall ist, sucht man sich das Gericht aus, bei dem man sich die besten „Chancen“ ausrechnet. Was das über eine Gerichtsbarkeit „im Namen des Volkes“ aussagt, soll hier nicht debattiert werden.

Das Landgericht Hamburg hat erwartungsgemäß sowohl den Spiegel als auch Aigner verurteilt, die Behauptung von „Schweigegeldzahlungen“ zu unterlassen. Doch das Oberlandesgericht hat das Urteil des Landgerichts kassiert. Das passiert oft, aber nur, wenn man es sich leisten kann. Stefan Aigner konnte das, weil er rund 10.000 Euro Spendengelder einwerben konnte, um sich zu wehren. Sonst wäre er ruiniert gewesen. Im Sinne der Kirche. Denn Aigner hatte vorher versucht, eine Einigung zu erzielen. Sowas wollte das Bistum nicht. Bischof Müller steht für Inquisition.

Verfassungsbeschwerde gegen „Schweigegeld“

Gegen das Urteil des Oberlandesgericht hat die Diözese Regensburg nun laut einem Bericht von regensburg-digital.de „Verfassungsbeschwerde“ eingelegt. Bischof Müller als Verantwortlicher will also vom höchsten deutschen Gericht klären lassen, ob Zahlungen an die Familie eines von einem katholischen Priester zweifelsfrei missbrauchten Jungen als „Schweigegeld“ bezeichnet werden darf oder nicht.

Abseits jeder juristischen „Einordnung“ macht das fassungslos. Jede Scham fehlt. Jedes Schuldbewusstsein. Jede Verantwortlichkeit. Selbst wenn es kein Schweigegeld gewesen wäre, vermisst man bis heute Demut und Anstand bei der Diözese Regensburg. Vielleicht „stinkt der Kopf vom Fisch her“ hier besonders von der Person Müller, aber insgesamt ist das Verhalten der katholischen Kirche in Sachen Aufklärung in ganz Deutschland auf ungläubiges Entsetzen gestoßen.

Um auch das festzustellen: Die „ungeheuerliche“ Klage richtet sich allein gegen einen großen Verlag, den Spiegel und gegen einen freien Journalisten, Stefan Aigner. Auch das erstaunlich oder auch nicht. Die vor Ort „etablierte Presse“ hat entweder gar nicht oder im Sinne der Kirche berichtet. Eine kritische Berichterstattung hat es hier nicht gegeben. Vor Ort soll alles seinen Gang gehen wie immer, Kritik ist nur „in Maßen“ erwünscht, was sich häufig in Maßbierberichterstattung bestätigt, die Tageszeitungen bedienen teuer bezahlende Kunden gut und der Rest findet nicht statt.

Regensburg ist überall

Regensburg ist überall. Genau wie Heddesheim, Ilvesheim oder Weinheim. Was anders ist: Es gibt neue, freie und unabhängige journalistische Angebote. Die sich trauen, hintergründig zu berichten. Und immer öfter finden sie Themen, die deutschlandweit Interesse finden, während Lokalzeitungen in ihrer Instant-Bratwurst-Soße schwimmen. Im Gegensatz zu denen, die sich nichts in den Block diktieren lassen, sondern auf dem Blog anprangern, was schief läuft.

Teilen Sie diesen Artikel, informieren Sie Ihre Freunde und Bekannten über neue Möglichkeiten. Fragen Sie sich, was Ihrer Meinung nach „öffentlich“ sein muss. Informieren Sie wirklich kritische Journalisten. Helfen Sie mit Ihrem Interesse Stefan Aigner – denn der macht das nicht für sein Bankkonto, sondern aus Überzeugung. Ich halte ihn für einen ganz herausragenden Journalisten, der mit Herzblut und einer nach Artikel 5 Grundgesetz bestimmten Haltung eine Stütze unserer Demokratie ist. Einen Preis wird er für seine engagierte Arbeit vermutlich nie gewinnen. Denn er ist kein Teil des „Print-Preis-Systems“, das sich nur selbst huldigt.

 

 

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Huemeyra

    Was macht der Aigner eigentlich mit dem Geld, das wir ihm gespendet haben? Ich habe ihm auch 5 € geschickt, damit er Geld für den Prozess hat. Im November letzten Jahres hat er dann gewonnen, die Kosten muss der Verlierer tragen und die 10.000 € braucht er nun nicht mehr. Bis jetzt wusste er ja angeblich nichts vom Verfassungsgericht. Gemeldet hat er sich aber nicht.

    • Liebe(r) Huemeyra,

      die Kosten mussten wir zunächst einmal bezahlen.

      Dann kam im Oktober das Urteil des Oberverwaltungsgerichts, wo wir gewonnen haben.

      Daraufhin, also nachdem das Urteil rechtskräftig geworden ist, hat unser Rechtsanwalt das Geld zurückgefordert.

      Die Diözese hat nun vor drei Wochen angekündigt, einen Teil des Geldes zurückzuzahlen. So haben wir überhaupt erst von der Verfassungsbeschwerde erfahren.

      Mittlerweile (vor fünf Tagen) ist ein Teilbetrag eingegangen. Einen Teil des Geldes werden wir vermutlich einklagen müssen oder überhaupt nicht mehr zurückbekommen. Die Diözese verzögert und verschleppt die Zahlungen, wo sie nur kann.

      Die gerichtlichen Abläufe habe ich regelmäßig auf regensburg-digital.de veröffentlicht. Ebenso, dass wir im Zuge der Rückforderung von der Verfassungsbeschwerde erfahren haben, das Geld also zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht hatten.

      Jeden einzelnen Spender anzuschreiben – es waren etwa 400 – können Sie wohl nicht ernsthaft verlangen.

      So lange das Bundesverfassungsgericht nun nicht entschieden hat, liegt das Geld auf einem Konto. Es kann ja theoretisch immer noch passieren, dass wir sämtliche Prozesskosten zahlen müssen.

      Sobald das Verfassungsgericht entschieden hat – und ich hoffe schwer, dass diese Beschwerde abgewiesen wird – wird es einen Modus geben, wie das Geld an diejenigen, die es uns als „Darlehen“ gegeben haben, zurücküberwiesen wird. Auch dabei wird nicht jeder Spender einzeln angeschrieben.

      Dafür, dass das jetzt länger dauert, tragen allerdings nicht wir die Verantwortung.

      Auf 1.000 bis 2.000 Euro an Kosten werden wir übrigens so oder so sitzen bleiben. Ein finanzielles „Profit-Geschäft“ war die ganze Geschichte nicht.

      Ich hoffe, damit sind alle Fragen beantwortet.

      Darüber hinaus kann ich nicht einmal nachvollziehen, ob Ihre Aussage, Sie hätten auch gespendet überhaupt stimmt. Sie benutzen ja leider ein Pseudonym. Und ich wage ein wenig daran zu zweifeln, dass Sie tatsächlich gespendet haben.

      Dieses Pseudonym wurde bereits bei regensburg-digital.de und auf anderen Seiten (carta,info, opalkatze etc.) in Zusammenhang mit dem Fall bereits verwendet – Zufall?

      Dabei ging es in aller Regel darum, mich im Zusammenhang mit dem Schweigegeld-Fall der Lüge zu bezichtigen und die Halbwahrheiten der Diözese Regensburg zu verbreiten.

      Seien Sie versichert, dass wir in nächster Zeit mehr zum aktuellen Stand berichten werden und auch darüber, warum der Steuerzahler hier Kosten für die klagende Diözese Regensburg übernehmen muss.

      Beste Grüße,

      Stefan Aigner