Sonntag, 20. August 2017

Zu Risiken und Nebenwirkungen

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Guten Tag!

Heddesheim, 23. Oktober 2010. Wie aus einem „Wirbel“ eine „wĂŒnschenswerte Warnung“ werden kann, prĂ€sentiert uns der Mannheimer Morgen. Innerhalb einer Woche lernt die Zeitung, dass Hofberichterstattung kein gutes Mittel ist, um die öffentliche Meinung zu bekĂ€mpfen.

Von Hardy Prothmann

Das Thema ist ein leidiges. Kurt Klemm prangert immer und ewig einen zu radikalen Heckenschnitt durch die Gemeinde an, der den Lebensraum von Vögeln „beschneidet“ – der BĂŒrgermeister Michael Kessler nimmts zur Kenntnis und lĂ€sst die Gehölzer weiter auf das Maß roden, das ihm gefĂ€llt. Alles ĂŒber „HĂŒfthöhe“ scheint im suspekt, alles, was zu „wild“ wĂ€chst, lĂ€sst er „begradigen“, hat man den Eindruck.

Kurt Klemm redet ĂŒber „Futterpflanzen“, damit meint er nicht agrarwirtschaftlich-industriell angebaute „Superpflanzen“, sondern schlicht und einfach Brennessel und Disteln und andere KrĂ€uter. Krautige Pflanzen, die viele als „Un“kraut verstehen, die aber fĂŒr die Natur „Nutz“kraut sind.

Eine „Un“zahl von Raupen lieben die Brennessel und die Distel. Sie fressen sich satt und reif daran. Die Menschen freuen sich ĂŒber die flatternden Schmetterlinge, die BlĂŒte um BlĂŒte besuchen und bestĂ€uben. Dabei sind diese Schönheiten höchst gefĂ€hrdet. Sie werden als Raupen oder als Schmetterlinge von Vögeln gefressen oder an die Brut verfĂŒttert. Das nennt man „natĂŒrlichen Kreislauf“. Oder auch „Öko-System“.

Es gibt aber auch ein anderes System.

FĂŒr den Heddesheimer BĂŒrgermeister Michael Kessler sind diese „Natur“-KrĂ€uter einfach nur SchĂ€dlinge. Die lĂ€sst er wegspritzen. Abtöten. Kaputt machen. Ohne RĂŒcksicht auf Verluste. Dabei orientiert er sich vielleicht an den BedĂŒrfnissen von gewissen Bauern.

Wie auch immer.

Wie konsequent er das tut, konnte man in der vergangenen Woche erleben. NaturschĂŒtzer Kurt Klemm warnte mit „Gift-Schildern“ vor einer vergifteten Wiese, die BĂŒrgermeister Kessler mit „U46“ spritzen lies. Das Gift ließ Kessler spritzen und die Warschilder sofort entfernen.

Der Mannheimer Morgen berichtete zunĂ€chst: „VerblĂŒht seien die Disteln, sonst nichts.“

Das heddesheimblog stellte das in Frage, schrieb die Gemeinde an und forderte weitere Informationen und stellte die Berichterstattung des MM in Frage.

Gestern „legte“ der MM nach: „Öko-Institut: Warnung wĂ€re sinnvoll“ , ĂŒberschreibt die Zeitung einen Bericht, der sich mit einem Mal ganz anders liest. Plötzlich ist vom Gift die Rede, von „Hautreizungen“ und „ernsten AugenschĂ€den“.

Was ist passiert?

Ganz einfach. Das heddesheimblog hat Fragen gestellt und sich nicht „abwimmeln“ lassen.

Behörden, also auch die „Gemeinde Heddesheim“, mĂŒssen meistens Fragen der Presse beantworten.

Der MM, der erst von einem „Wirbel“ berichtet hat, stellte nun fest, dass eine „Warnung sinnvoll“ gewesen wĂ€re. Warum? Aufgrund eigener Fragen und Zweifel oder gar Recherche?

Oder aufgrund unserer Nachfragen, die oft viele Tage bis zu einer Antwort brauchen, wĂ€hrend der MM quasi eine Art „Standleitung“ ins BĂŒrgermeisteramt hat und so tut, als wĂŒrde die Zeitung „kritisch“ berichten?

Nun haben die Zeitung und ihre Re(d)akteurin Anja Görlitz so getan, als ob sie wirklich „aufklĂ€ren“ wollten. TatsĂ€chlich ist nur ein quasi-„kritischer“ Bericht dabei herausgekommen.

WĂ€hrend die erste Meldung noch so tat, als sei „alles in Ordnung“, tastet sich die zweite Meldung daran an, dass „wegen der möglichen Haut- und Augenreizungen“, die Öko-Institut-Expertin Rita Groß „einen Warnhinweis auf öffentlichen FlĂ€chen fĂŒr wĂŒnschenswert“ hĂ€lt. Also genau das bestĂ€tigt, was Kurt Klemm mit dem Einschlagen der Warnschilder getan hat und die Gemeinde Heddesheim, respektive ihr BĂŒrgermeister Kessler sofort wieder hat entfernen lassen.

Vermissen Sie eine Nachfrage der Zeitung gegenĂŒber der Gemeinde in der Sache? „Die Zeitung“ hat nicht nachgefragt, denn sie will „kein Fass aufmachen“.

BĂŒrgermeister Kessler und der MM beschreiben nie ohne Aufforderung, was die Risiken und Nebenwirkungen ihres Handelns bedeuten.

Um das zu erkennen, braucht es Experten wie Kurt Klemm und freie Medien wie das heddesheimblog.

Der Gift-Einsatz ist sicherlich aus Sicht des MM und der verantwortlichen Redakteurin Anja Görlitz „ausreichend“ berichtet. Aus Sicht des heddesheimblogs aber nicht.

Wir werden am Montag unsere Story dazu veröffentlichen, die mehr Fakten und Informationen ĂŒber U-46 und was die Gemeinde davon hĂ€lt, berichten wird.

Soviel ist sicher: Die anbiedernde Hofberichterstattung des MM und die „Pseudo“-Recherche der Redakteurin Anja Görlitz beweisen einmal mehr, dass der MM weit davon entfernt ist, eine journalistisch neutrale und qualitativ hochwertige Berichterstattung zu liefern.

Die Risiken und Nebenwirkungen sind bekannt.

Die konrekte Nebenwirkung heißt: Aktuell hat der MM wie schon seit Jahren zuvor an Auflage verloren.

Das Risiko heißt: Man möchte der Zeitung glauben, es gibt aber begrĂŒndete Zweifel, dass man das ohne Sorge tun kann.

„VerblĂŒht“ seien die Disteln? „Und sonst nichts“?

Das ist leider nicht so.

Frau Görlitz hat das Datenblatt vorliegen. Darin steht alles und mehr als „sonst nichts“. Ihre Berichte lassen vermuten, dass sie selbst nie in Augenschein genommen hat, worĂŒber sie „wertend“ berichtet.

Wir berichten am kommenden Montag ĂŒber „sonst nichts“.

Und das ist durchaus wörtlich gemeint.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Kurt Ziemke

    In meiner Heimatstadt spielte der BĂŒrgermeister mit dem Chefredakteur der Lokalzeitung Tennis – klar, dass da keine kritischen Berichte erschienen. So Ă€hnliche wird es wohl auch bei den Mannheimer SchlafmĂŒtzen sein, die sich nicht Journalisten nennen sollten, sondern „Verlautbarer“.