Freitag, 10. Juli 2020

„Der gläserne Gemeinderat“: Geisterbahn

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Guten Tag!

Heddesheim, 23. Juli 2009.

Der Bürgermeister hat eine wirklich gute Rede gehalten.

„Vertrauensvoll, sachlich und kooperativ“ hat er sich das „Arbeitsklima“ gewünscht.

Kaum hatte er es gesagt – trat der Wunsch ein.

Frau Brechtel wird vom Herrn Doll als 1. stellvertretende Bürgermeisterin vorgeschlagen und bekommt nicht 100 Prozent aber doch 22 von 23 Stimmen bei einer Enthaltung.

Und kaum schien der Wunsch des Bürgermeisters auf Kooperation erfüllt, trat das Gegenteil ein.

Bei der Wahl um Stellvertreter Nummer 2 war es dann Aus mit dem „vertrauensvoll, sachlich und kooperativ“.

Der Fotograf war zuvor sympathisch bemüht, alle  Gemeinderäte lachend ins Bild zu bekommen. Zu Lachen hat hier aber keiner was – das ist mir heute klar geworden.

Der überwiegende Teil meiner neuen „Kollegen“ ist wenigstens in der Lage mir die Hand zu geben und mir in die Augen zu schauen. Andere hingegen nicht.

Zum Beispiel Frau Brechtel, die alte und neue 1. stellvertretende Bürgermeisterin.

Die habe ich fast heute zwingen müssen, über den Glückwunsch zu ihrer Wahl, damit sie mir die Hand gibt, die sie mir vor kurzem noch verweigert hat. Sie hat mir ihre Hand gegeben – als hätte ich eine ansteckende Krankheit.

Beim Herrn Doll habe ich das nicht versucht, dem musste ich ja auch zu nichts beglückwünschen. Wenn das mal so sein sollte, werde ich auch ihm die Hand reichen, meinetwegen auch mit Gummi-Handschuhen.

Ganz nebenbei, ich habe keine ansteckende Krankheit.

Die Wahl der stellvertretenden Bürgermeisterinnen ist erfolgt und sie ist als Wahl anzuerkennen.

Ich persönlich bin maßlos enttäuscht. Ich dachte nämlich, dass den Heddesheimern etwas wie Tradition und Respekt gilt.

Gilt es aber nicht – zumindest Teilen des Gemeinderates, also allen Vertretern der CDU, der SPD und der FDP, um genau zu sein – und ich meine alle Vertreter.

So haben sich die drei Wahlverlierer, die CDU, mit den beiden anderen Verlierer-Parteien SPD und FDP, zusammengetan, um es der Gewinner-Partei der Grünen „mal so richtig zu zeigen“.

Wie kleingeistig ist das, frage ich mich? Der 2. und 3. Stellvertreter sind keine wirklich wichtigen Posten. Es wäre ein Zeichen der „Kooperation“ gewesen, den Grünen als zweitstärkster Fraktion den Posten anzuerkennen, der nur symbolisch wichtig ist.

Die Allianz der Wahlverlierer hat sich anders entschieden. Stur und hinterhältig. Die einzig anständigen waren die Grünen. Die haben nicht etwa die Kompetenz der Frau Brechtel anerkannt, sondern nur die Stärke der Fraktion und traditionsbewusst ohne Zweifel ihre Stimme gegeben.

Die anderen haben jede Tradition mit Füßen getreten und tun wahrscheinlich so, als ginge es um Kompetenzen. Dabei geht es nur um einen Machtanspruch. Auch wenn es der einer Verliererkoalition ist.

Entsetzt war ich, als ich gehört habe, was Karin Hoffmeister-Bugla im Anschluss zu einer Person über die „Stellvertreter-Wahlen“ zu sagen hatte: „Wir haben jetzt klar gemacht, was die Wähler nicht erreicht haben.“

Das ist nicht nur irritierend, sondern beschämend und in jeder Weise geeignet, ihr sofort und umgehend die Funktion der 2. stellvertretenden Bürgermeisterin ohne Diskussion wieder abzuerkennen.

Ich werde morgen diese Aussage zur Diskussion im Gemeinderat stellen und fragen, wie Frau Karin Hoffmeister-Bugla (SPD) diesen Satz verstanden wissen will und ob sie sich dem Amt als 2. stellvertretende Bürgermeisterin gewachsen fühlt.

Sie werden wie ich vermuten, dass sie abstreiten wird, den Satz gesagt zu haben.

Vielleicht habe nicht nur ich diesen Satz gehört.

Lassen wir uns überraschen.

Wir werden im Gemeinderat sicherlich vertrauensvoll, sachlich und kooperativ darüber reden können.

Ihr

hardyprothmann

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.