Montag, 30. November 2020

Gabi´s Kolumne: Fasnacht – oink, oink!

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Guten Tag!

Heddesheim, 23. November 2009.

Die Schweinegrippe macht vor niemandem Halt – außer den Geimpften natürlich. Und Gabi macht sich Sorgen. Denn es gibt eine besonders gefährdete Person. Wenn die sich ansteckt – müssen viele andere darunter leiden. Gemein wäre das, findet Gabi. Und sie weiß wovon sie redet: sie hatte sie bereits.

Vor ein paar Tagen habe ich die Inthronisation einer Faschingsprinzessin im Fernsehen gesehen und mir wurde schlagartig klar, die darf sich keine Schweinegrippe leisten. Was da umarmt und gebusselt wurde, ließ alle Hygienemaßnahmen außer Acht. Da stellt sich mir die Frage: Werden eigentlich alle Faschingsprinzessinen qua Inthronisation zur Impfung verpfichtet?

Ãœberhaupt ist das mit der Schweinegrippe so eine Sache.

Die Pandemie – ein Ausdruck, der unbedingt zum Unwort 2009 gekürt werden sollte und den ich bis vor ein paar Monaten noch nicht kannte – schlägt immer wieder neue Kapriolen. Die Verwirrung ist komplett. Seit dem 14. November ist der H1N1-Virus nicht mehr meldepflichtig, getestet wird nicht mehr und der Impfstoff ist knapp.

Dieser Tage las ich in einer Zeitung, es handle sich hierbei eindeutig um eine Jugendseuche. Wie muss ich das jetzt verstehen, nur oder vor allem junge Menschen sind davon betroffen oder nur oder vor allem junge Menschen geben den Virus weiter?

Risikogruppen sollten sich impfen lassen, sagen die Gesundheitsämter, doch, was hilft’s, wenn der Virus mutiert, war das ganze Impfen umsonst. Zudem liest man so einiges über Impfschäden.

Jetzt aber der Reihe nach. Wenn mein Kind über Kopf- und Bauchschmerzen klagt, plötzlich Fieber auftritt, soll ich den Arzt anrufen und keinesfalls einfach die Praxis aufsuchen – klar, wegen der Ansteckungsgefahr. Der Arzt wird den Patienten dann außerhalb der normalen Sprechzeiten zu sich bestellen, um dann nach eingehender Befragung und Untersuchung die Symptome der Schweinegrippe festzustellen.

Testen oder würfeln?

Getestet wird nur noch bei Risikopatienten! Was da heißt, bei Leuten mit chronischen Erkrankungen, Herzinfaktgefährdung etc. Wer unbedingt getestet werden will, muss ordentlich in die Tasche greifen. Manche Ärzte lassen sich dafür gut bezahlen, wie mir eine Kollegin berichtete: 170 Euro wollte der Arzt, der für mich ein Halunke ist.

Das Testergebnis erhält man dann nach 3-4 Tagen. Das ist der größte Witz. Denn dann ist die Grippe ja eigentlich auch schon fast wieder rum. Deutlich günstiger sind die Schnelltests, doch dann könne man auch gleich würfeln, wie mir ein befreundeter Mediziner anvertraute, denn die Wahrscheinlichkeit ein richtiges Ergebnis zu bekommen, läge bei etwa 50 Prozent.

Ist nun die Diagnose anhand der Symptome festgestellt, gibt es die Möglichkeit, der Virus mit Paracetamol und Bettruhe auszukurieren oder das Wundermittel Tamiflu zu verabreichen. Was, wie könnte es anders sein, nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt wird und zudem – vertraut man den Google-Funden – stark umstritten ist, zum einen weil es nicht sicher gegen den Virus wirkt und zum anderen, weil die Nebenwirkungen beachtlich sind.

Küssen verboten – erst recht auf dem Schulhof.

Bei meinem Sohn in der Klasse sind zehn Kinder krank, bei meiner Tochter acht – alles Schweinegrippe? Was ist mit den Geschwisterkindern, was mit den Eltern? Müssen wir jetzt alle in Quarantäne? In Hessen wurden Schulen geschlossen, auch in Nürnberg und Stuttgart. Die Schüler in der Schule meiner Kinder werden sonst von ihrem Direktor jeden Morgen mit Handschlag begrüßt – das wurde jetzt vorsorglich eingestellt. Eine Mutter fragte mich kürzlich besorgt, ob sie jetzt erst Mal sicherheitshalber den Gutenachtkuss weglassen sollte.

Darf ich als Arbeitnehmer zuhause bleiben, wenn in meiner Familie ein Schweinegrippenfall aufgetreten ist? Laut Internet-Recherche wäre das Arbeitsverweigerung! Andererseits soll mein Arbeitgeber verlangen können, dass ich mit Mundschutz arbeite? Wäre demnach die Lösung zunächst alle Schulen zu schließen, die Kinder alle in Quarantäne zu nehmen und die Erwachsenen mit Mundschutz auf die Straße zu schicken? Soweit kommts noch.

Wie viel Prozent der aktuell diagnostizierten Schweinegrippeerkrankungen sind stinknormale grippale Infekte, die jedes Jahr um diese Zeit auftreten? Aber vielleicht versteckt sich hinter einem „normalen“ Infekt ja dann doch der Virus. Keiner weiß nichts Genaues.

Schenkt man den Medien Glauben, verläuft die Erkrankung meist sehr harmlos, aber immer wieder werden wir dann doch mit Todesfällen aufgerüttelt.

Mundschutz statt Orden.

Nach all’ diesen Ãœberlegungen kann ich den Faschingsprinzessinen nur raten, sich schleunigst impfen zu lassen oder anstelle von Orden in der diesjährigen Kampagne an jeden einen Mundschutz zu verteilen. Denn sonst heißt es: Fasnacht – oink, oink!

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.