Donnerstag, 24. August 2017

Durchgerechnet: Was die Zahl 130 im Vergleich zu 910 verrät – oder ich weiß, wo du wohnst

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Guten Tag!

Heddesheim, 23. April 2010. Gegen das „Pfenning“-Projekt wurden 910 Einwendungen abgegeben – für die Verwaltung bedeutet das jede Menge Arbeit. Die wird in kleine Einheiten zerlegt. Theoretisch und praktisch. Ist der Ausgang berechenbar?

Von Hardy Prothmann

Mit Zahlen kann man viel machen. Zahlen sind faszinierend. Denn Zahlen an sich sind nichts – es kommt darauf an, was man aus Ihnen macht.

Wie man sie vergleicht, sie einordnet, interpretiert.

Kleine Zahlen können groß werden und große Zahlen klein – die Frage ist, was sie bedeuten?

910 Einwände.

910 Einwände sind nichts – wenn die typische Zahl für Einwände 50.000 beträgt. (910:50.000=1,82 Prozent)

Tut sie aber nicht. Es ist komplizierter. Es gibt keine typische Zahl.

Trotzdem wird eine Zahl von Einwänden interessant, sobald diese in die Dutzende gehen.

Die Zahl 910 Einwände ist gegenüber ein paar Dutzend Einwänden plötzlich eine gigantische Zahl.

Zu gigantisch für den Bürgermeister Michael Kessler.

Zahlen sind nur Zahlen. Oder Feind und Freund.

Ich hatte mehrere schlechte, aber auch ein paar ziemlich gute Mathematiklehrer. Einer, ein Tscheche, sagte mal: „Du musst Dir vorstellen Zahl wie Feind. Dann macht er Dir Angst, besonders wenn sehr große Zahl, dann sehr großer Feind. Wenn Du Dir Zahl zum Freund machst, machst Du Dir viele Freunde? Warum? Ganz einfach. Machst einen Feind zu zwei Freunden, die zu vier Freunden undsoweiter. Mach Dir soviel Freunde wie Du brauchst, dann hast Du keinen Feind mehr.“

Vielleicht hatte Herr Kessler ebenfalls Unterricht bei diesem Lehrer (vom Alter her würde es gehen) oder er hatte einen anderen guten Mathe-Lehrer oder ist selbst nicht ganz schlecht mit der Mathematik.

Herr Kessler wählt aber einen anderen Weg – zumindest laut Pressemitteilung. Er rechnet anders. Er „teilt“ im wahrsten Sinne des Wortes die Ergebnisse mit.

Und zwar zuerst die Teile, dann die Ausgangszahl.

Interpretierte Ergebnisse.

Herr Kessler interpretiert zuerst das Ergebnis, bevor er es nennt.

Und zwar mit bedenklichen Informationen.

Einzig interessant ist die Zahl der Einwände. Die beträgt 910.

Zulässig ist eine Aufschlüsselung auf rund 240 verschiedene Bürgerinnen und Bürger, die durch ihren Namen identifiziert, wohl mehrere Einwände formuliert haben. (Nebenbei bemerkt – für die Statistik – hat dann jeder rund 3,8 Einwände abgegeben.)

Dann informiert die Pressemitteilung aber die Zahl der Haushalte (160) und benennt „130 verschiedene Anschriften“.

Die erste Interpretation und wahrscheinlich auch der erste Gedanke ist: 130 ist gegenüber 910 ja richtig wenig.

Zahlen können unangenehm werden.

Ist die Zahl das? Nein. Denn wer die Reihe weiterrechnet, stellt die Frage: Was ist die nächst kleinere Einheit? Wohnviertel oder gleich Straße?

Und in der Straße „Hausnummern von-bis“?

Das wäre erschreckend. Es wäre.

Tatsächlich beschränkt sich die Gemeinde wohlweislich auf die „gebrochene 910“, nämlich „130 verschiedene Adressen“. 30 BürgerInnen waren auf dem Rathaus, um Einsicht zu nehmen.

Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass die Zahlen alle auf eigenen Angaben der Gemeinde beruhen.

Trotzdem. Ãœbersetzt heißt das:

„In der Tat gab es eine Menge von Einwendungen. Die gehen aber auf „nur“ 130 Adressen zurück.“

Anders ausgedrückt: Die vollkommen unverständliche und nichtsnützige „Information“ über die Zahl der Haushalte verrät den Gemütszustand eines Bürgermeisters, dem das demokratische Verständnis für Zahlen abhanden gekommen zu sein scheint.

Einwand ist Einwand – ohne Ansehen der Person.

Es ist vollkommen egal, ob 30, 300 oder über 900 Einwände abgegeben werden. Und es ist vollkommen egal, ob 130 „Adressen“ oder nur eine einzige für die Zahl der Einwände „verantwortlich“ sind.

Die kleinste vorstellbare Zahl ist ein Bürger, eine Bürgerin. Was, wenn ein einzelner Mensch über 900 Einwände schreiben würde?

Wäre das „weniger“ wert, als wenn über 900 Bürgerinnen und Bürger je einen Einwand abgäben?

Die einfache Formel lautet: 1×910=910×1

1×910=910×1

Einen Bürger kann man lächerlich machen. „Rund“ 240 Bürger nicht.

240 ist eine enorme Zahl.

Auch die kann man immerhin auf 130 „Adressen“ runter rechnen. Was immer noch eine „enorme“ Zahl ist.

Wer eine Information mitteilt, will informieren. Also “ in Form bringen“.

Klingt das zu folgerichtig?

Was heißt folgerichtig? Feind ausgemacht?

Die Lösung ist einfach:
Wer 910 „Einwände“ auf 240 „Personen“ auf 130 „Adressen“ herunter rechnet, will zeigen, dass er genau weiß, mit wem er es zu tun hat. Der „Feind“ 910 ist in Wahrheit nur 130 „Adressen“.

Und das ist beängstigend. Ob die Beängstigung nur eine Empfindung ist oder mehr, ist schwer zu beurteilen.

Die Erklärung, warum hier ein „Rechenfehler“ vorliegt, ist ganz einfach:

  • Während der Offenlage eines Bebauungsplans dürfen BürgerInnen und Bürger Einsicht nehmen. Sie müssen aber nicht.
  • Während der Offenlage eines Bebauungsplans dürfen BürgerInnen und Bürger Einwände, Anregungen sowie Vorschläge und Wünsche einreichen. Sie müssen aber nicht.
  • Während der Offenlage eines Bebauungsplans dürfen ausschließlich BürgerInnen und Bürger und nicht etwa „Haushalte“ oder „Anschriften“ sich schriftlich äußern. Sie müssen aber nicht.
  • Sie müssen aber auf alle Fälle Bürgerin oder Bürger sein.

„Haushalte“ und „Anschriften“ ist eine „ungemütliche“ Information.

Welchen Informationsgehalt hat also „Haushalte“ und „Anschriften“?

Als „Haushalt“ oder „Anschrift“ würde ich mir Gedanken machen, wie diese Zahlen, also 160 und 130, interpretiert werden müssen.

Denn sonst haben sie keinerlei Aussagegehalt.

Stimmt auch nicht ganz.

Diese Zahlen sagen sehr viel aus.

Nicht „130 Adressen“ müssen geprüft werden, sondern „910 Einwände“. Trotzdem wurde auf die Adressen geprüft.

Warum? Die Information ist sehr interessat. Die Verwaltung hat die Einwände „sorgfältig zu prüfen“ – denn dazu sind sie da. Die „Adressen“ sollten keine Rolle spielen – ja sie dürfen keine Rolle spielen.

Einwände sind per Gesetz an „Adressen“ gebunden.
Es gibt keine Informationspflicht über „Haushalte“, die „einwenden“.

Die Zahl „130“ ist vollkommen unbedeutend. Sie darf nicht „gedeutet“ werden. Nur ihre Inhalte. Darauf kommt es an.

Einwände haben nichts mit der „Adresse“ zu tun – sondern nur mit dem Inhalt.

Die Verwaltung hat 910 „Einwendungen“ zu prüfen. Sorgfältig – das steht auch so in der Pressemitteilung.

Sorgfältig ist wiederum ein Wort – kein mathematischer Begriff.

Statt Sorge zu tragen, kann man auch nur einfach „entfalten“. Beispielsweise die Intensität der Betrachtung. Der eine erkennt große „Rechenschwierigkeiten“ – und heftet sie unter „Schwierig“ ab. Andere sind banal – abheften unter „Banal“.

Kugelrechnung oder wie man sich etwas rund rechnet: Schwierig ist rot, banal grün. Von 130 Kugeln sind 30 rot.

Diese 30 rechnet man nun weiter…

Was sind 30 Einwände wert?

Diese Einwände werden geprüft und geprüft – nur vier Einwände scheinen „sehr schwierig“ zu sein.

Nochmals mit allem „Wohlwollen“ geprüft, denn die Rechnung stockt arg, bleibt ein Einwand übrig.

Der entscheidet die Rechnung.

Wird die „Mathematik“ hier zu theoretisch?

Ãœberhaupt nicht – Bürgermeister Michael Kessler rechnet soweit runter. Denn er ist bestimmt gut in Mathe.

0 oder 1 ist keine digitale Frage – sondern eine nach dem Schicksal.

Bleibt „1“ übrig, ist die Rechnung nicht aufgegangen.

Bleibt „0“ übrig, ist die Rechnung aufgegangen .

Das „0“-Ergebnis heißt – das Vorhaben kann weitergeführt werden.

Wenn man vom Rechnen und vor allem dem Interpretieren der Ergebnisse noch nicht genug hat, kann man sich ja fragen, was „1“ und „Null“ bedeuten…

Schicksal? „Null“ oder „1“?

Gute Fragen.

Die entscheidende Frage zur Pressemitteilung ist: Warum ist es notwendig, die Zahl von 910 Einwänden auf 240 Personen und dann noch weiter auf 130 „Adressen“ runter zu rechnen?

Siehe oben.

Die muss man jetzt nur noch ausrechnen…

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Heddesheimer

    Man könnte annehmen nach diesen Zahlenwerk, das man gerne nur die Einwände von Bürgern die zur Einsicht auf dem Rathaus waren für gültig erklären möchte.

    Oder für was ist die Zahl 30 von nutzen im Internetzeitalter?

    Danke an die Grünen für das bereitstellen der Dokumente um es den Mitbürgern zu erleichtern, wem ist es schon möglich ohne Urlaub in unseren schnellen Zeit die festen Öffnungszeiten vom Rathaus wahrzunehmen oder möchte in einer Statistik auftauchen die nicht eigentlich nicht Relevant ist.
    Die Dokumente auf der Internestseite der Gemeinde zu veröffentlichen wäre mal ein Anfang gewesen zum Überarbeiten der Webseite was man ja beabsichtigt gerne in Zusammenarbeit mit Bürgen wie ich es mal gelesen habe.

  • sven

    Ob 130 oder 240 oder 910 – mir erscheinen alle Zahlen in Anbetracht unserer kleinen Gemeinde relativ hoch. Mal sehen, was der BM nun draus macht.