Samstag, 19. August 2017

Gabis Kolumne

Zeit für Träume

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Guten Tag!

Heddesheim, 22. März 2010. Träume sind Schäume – oder doch nicht? Wir alle werden älter, die Welt ist globalisiert. Wohin im Alter? In den eigenen vier Wänden bleiben, in die Toskana, an den Lago, nach Thailand oder Miami? Wer sich mit Freunden über das Leben im Alter unterhält, wird überrascht – es gibt so viele Träume. Und je mehr die Zeit läuft, umso mehr werden die Träume, meint Gabi.

„Also ganz klar, wir gehen später mal auf die Kanaren“, sagten Freunde kürzlich bei einem Abendessen.

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Der Lago Maggiore - wie schön, seufz. Bild: hblog

„Hm“, denke ich, „nicht schlecht, aber möchte ich wirklich meinen Lebensabend mit anderen älteren deutschen Senioren in einer Bungalowsiedlung irgendwo am Meer verbringen?“

„Ich würde lieber, wenn die Kinder aus dem Haus sind, in eine Stadtwohnung ziehen, vielleicht nach Berlin. Da hat man das Theater, die Geschäfte, Ausstellungen und so weiter direkt vor der Haustür“, sagte eine andere Freundin.

Anonym im Alter oder mit der Familie?

„Auch nicht schlecht“, denke ich. Aber möchte ich dann ganz anonym leben, die Freunde und Kinder weit weg?

Sobald die ersten Kinder geboren waren, haben wir alle vom Eigenheim mit großem Garten auf dem Land geträumt.

Nach und nach haben wir uns unsere Träume verwirklicht. Zwar war der Garten nicht so groß oder auch nur ein Balkon. Und es war auch kein Landhaus in einem romantischen Ort in der Pfalz. Aber zumindest konnte man im Sommer den Grill rausstellen und den Kindern konnte man einen Sandkasten und eine Schaukel aufstellen.

Jetzt kommen die Kinder nach und nach in die Pubertät und mein Sohn erklärte mir schon vor zwei Jahren, „also in so einem Kaff will ich später bestimmt nicht mehr wohnen.“

Mein Mann und ich träumen gerne von einem Haus am Lago Maggiore.

Ah, der Lago.

Natürlich direkt am See mit Bootssteg. In einem kleinen Städtchen, so dass man abends durch enge Gassen bummeln und dann in einer kleinen Trattoria ein Glas Wein trinken kann.

Ja, das wäre nett.

„Aber Mensch, am Lago Maggiore ist es im Winter doch richtig kalt“, wirft eine Bekannte ein, „da kannste auch zu Hause bleiben. Ich geh’ lieber nach Thailand. Da ist es immer warm und du kriegst was für dein Geld.“

Auch keine schlechte Argumentation, denke ich.

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Eine thailändische Traumanlage - fern der Heimat, aber immer warm. Bild: hblog

„Wichtig für mich sind doch vor allem die Kinder, die Freunde und die Familie. Ist das nicht ziemlich schwierig mit Mitte Sechzig irgendwo noch mal ganz neu anzufangen?“, sagt ein Freund.

Man sollte zumindest die Sprache sprechen, auf diese Grundvoraussetzung können wir uns alle einigen. Na ja, und die Kultur sollte doch auch ähnlich sein. Damit streichen wir Thailand von der Liste.

„Wie wär’s denn mit Florida?“, fällt einer Freundin begeistert ein. „Englisch sprechen wir alle einigermaßen und die amerikanische Mentalität ist uns doch sehr ähnlich.“ „Nee“, entgegnet ein Bekannter, „bevor ich nach Florida ziehe, gehe ich gleich ins Altersheim.“

Ganz schön schwierig.

„Alles ganz schön schwierig“, denke ich. Da ist die Welt schon so groß, die Kinder sind bald erwachsen und arbeiten muss man irgendwann auch nicht mehr und dennoch finden wir an jeder Idee wieder genügend auszusetzen.

„Ich hab’s: Also ich hätte am liebsten eine kleine Stadtwohnung und zusätzlich ein Häuschen im Süden und optimal wäre natürlich, man könnte auch noch sein Haus behalten, so dass die Kinder alle an Weihnachten kommen können und man die Freunde treffen kann. Und im Winter, wenn’s hier so richtig kalt und trostlos ist, fährt man für vier Wochen nach Thailand“, erklärt freudestrahlend eine Freundin.

„Super Idee“, denke ich.

„Und wovon willst du das alles bezahlen. Renten kriegen wir kaum noch und im Moment zahlen wir alle noch an unseren Häusern ab“, wirft der Kanarenfan ein. Und überzeugt mich mit seiner Sachlichkeit sofort.

Klang schön, aber vollkommen unrealistisch.

„Das werden wir heute nicht mehr klären“, denke ich.

Es bleibt viel Zeit für Träume.

Nur gut, dass es noch einige Jahre dauert, bis die Kinder wirklich aus dem Haus sind und wir die nächsten 20 Jahre oder mehr eh’ noch arbeiten müssen.

Da bleibt noch viel Zeit für Träume.

Und obwohl die Zeit immer mehr drängt – vielleicht werden sie ja wahr.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.