Montag, 24. September 2018

„Ein guter Wein verdient sich seinen Preis.“

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Guten Tag!

Heddesheim, 22. Oktober 2009. Das Weingut Schröder setzt auf QualitĂ€t – zu Recht. Vor kurzem hat die Winzerin Judith Schmidt zehn Weine eingereicht und zehn Preise erhalten. Erfolgsquote: 100 Prozent. Die QualitĂ€t hat ihren Preis – Weine fĂŒr 2,99 Euro gibt es beim Weingut Schröder nicht – aber im Bereich von fĂŒnf bis vierzehn Euro jede Menge Weinerlebnisse, die ihren Preis wert sind.

Im Interview mit dem heddesheimblog spricht Winzerin Judith Schmidt ĂŒber harte Arbeit, hohe Handwerkskunst, die Liebe zur Natur und die Lust auf schöne ÃƓberraschungen. Die Frau ist Winzerin aus Leidenschaft.

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10 Weine - zehn Preise. Foto: hblog

Interview: Hardy Prothmann

Herzlichen GlĂŒckwunsch, Frau Schmidt. Sechs Mal Gold und vier Mal Silber bei zehn eingereichten Weinen ist eine 100-prozentige Erfolgsquote. Verraten Sie uns das Geheimnis Ihres Erfolgs?
Judith Schmidt (lacht): „Ganz ehrlich? Das schafft man nur mit einem enormen Arbeitsaufwand. Das ist der grĂ¶ĂŸte Teil des Geheimnisses.“

Was macht denn soviel Arbeit?
„Im Weinberg reißen wir zum Beispiel die Reihen auf, dass heißt, jede zweite Reihe wird von uns aufgelockert. Je nachdem, wie wir das machen, können wir den Wasserhaushalt der Reben steuern.“

„Das Blatt-FruchtverhĂ€ltnis muss stimmen.“ Judith Schmidt

Bekommen die Reben eine spezielle Pflege?
„NatĂŒrlich. Die Optimierung ist alles. Die Details zu erzĂ€hlen wĂŒrde zu lange dauern. Ein wichtiges Beispiel: Wir achten sehr auf eine gute Laubarbeit. Das heißt, in der Traubenzone machen wir die BlĂ€tter ganz weg. Auf dem „Rebziegeldach“ lassen wir sie bis auf die Ă€lteren BlĂ€tter stehen. Hier ist die Energiezentrale, die gleichzeitig als Sonnenschutz fĂŒr die FrĂŒchte funktioniert. Und unten gibt es genug Raum und Luft fĂŒr die Trauben. Das Blatt-FruchtverhĂ€ltnis muss stimmen.“

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Eheleute Steffen und Judith Schmidt vom Weingut & Obsthof Schröder. "FĂŒr mich zĂ€hlt die QualitĂ€t und das Erlebnis", sagt Judith Schmidt. Sie reicht 2009 zehn Weine ein und erhĂ€lt sechs Mal Gold und vier Mal Silber. Foto: hblog

Es geht darum, gerade so viele BlĂ€tter zu lassen, damit die „Produktion“ am besten lĂ€uft?
„UngefĂ€hr so kann man sich das vorstellen. Nach 40 Tagen ist ein Blatt nicht mehr so leistungsfĂ€hig, die holen wir raus: Wir schneiden die Triebe so, dass nichts herauswĂ€chst, sondern das Dach möglichst dicht ist.“

Wie wichtig ist die „Lage“, also der Weinberg fĂŒr die Produktion?
„Enorm wichtig. Wir haben einen ganz wunderbaren tiefgrĂŒndigen Lössboden in Weinheim. Ich sag immer: Da kommt mir kein Dornfelder drauf.“

Wir halten Sie es mit dem DĂŒngen?
„Davon halte ich gar nichts. Wir verwenden keinen DĂŒnger, der Boden hat genug NĂ€hrstoffe.“

„Unsere Weine sind ihren Preis wert.“ Judith Schmidt

Das heißt, Sie machen Öko-Wein?
„Nein, wir versuchen aber, den Prozess so ökologisch wie möglich zu steuern. Mein Ziel durch die intensive Arbeit an der Pflanze ist, dass die Trauben eine dickere Schale entwickeln. Der Vorteil ist: Die Traube wird resistenter gegen Krankheiten und SchĂ€dlinge und ich erhalte fĂŒr den Wein mehr Aromastoffe und mehr Frucht.“

Und das geht nur in Handarbeit?
„Genau – und das macht den enormen Arbeitsaufwand aus.“

Der sich dann auch im Preis niederschlÀgt?
„Ja. Unsere Weine sind aber ihre Preise wert. Schlechten Wein kann jeder machen, der kostet dann auch nicht wirklich was. Ein guter Wein verdient sich durch Arbeit seinen Preis. Die Arbeit mache ich ĂŒbrigens nicht alleine: Alle, mein Vater, der ĂŒberwiegend die Arbeit im Berg macht ĂŒber die Erntehelfer bis hin zu mir im Weinkeller und viele andere – jeder leistet seinen Beitrag.“

In jedem GeschĂ€ft gibt es Risiken. Was fĂŒrchten Sie am meisten?
„Dass das Produkt, was man sich ĂŒbers Jahr erarbeitet hat, durch einen einzigen Fehler Schaden erleidet.“

„Man kann Weine mit Tricks trinkbar machen oder schönen.
Wir können uns das nicht erlauben.“

Heißt was?
„Wenn die Trauben gelesen sind, werden Sie gepresst und kommen in unsere Tanks. Wenn man hier einen Fehler macht, kann innerhalb von Stunden eine gute Ernte vernichtet werden. Jeder Handgriff muss hier ĂŒberlegt sein und es gibt keine echte Routine, weil Wein ein Naturprodukt ist und jede Ernte anders.“

Alle Menschen machen Fehler.
„Ja, ich auch, aber mein grĂ¶ĂŸter Ehrgeiz ist, keine zu machen. Sicher kann man mit Tricks „verunglĂŒckte“ Weine noch trinkbar machen oder schönen. Aber das können wir uns nicht erlauben. Wir bestehen im Markt nur mit bester QualitĂ€t.“

Die haben Sie mit den vielen Medaillen gerade wieder bewiesen. Was lehnen Sie beispielsweise als „Schönung“ ab?
„Ganz klar die Beigabe von Chips. Unsere Barrique-Weine kommen ins Fass und erhalten daraus ihren Geschmack. Und ich nehme zum Beispiel auch in Kauf, dass unsere Weine manchmal Weinstein haben. Das ist natĂŒrlich und fĂŒr mich kein Grund mit Chemie zu arbeiten.“

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Judith Schmidt und ihre zehn MedaillentrĂ€ger aus 2009. Darunter ein SpĂ€tburgunder trocken - Collection "Heinrich" (Gold), den sie ihrem Urgroßvater gewidmet hat. Foto: hblog

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an Ihren Weinen?
„Ich arbeite eng mit der Natur. Dieses Jahr zum Beispiel haben wir bestimmt 30 Prozent weniger Ertrag, weil es zu wenig geregnet hat. Die Oechsle-Zahl liegt ĂŒber 105 und drĂŒber. Das heißt, ich habe viel Zucker und wenig Saft in den Trauben. Daraus mache ich den Wein, der möglich ist und biege mir nicht das hin, was die Kunden angeblich vielleicht eher wollen.“

Was zum Beispiel?
„Mein Mann wĂŒrde sagen: Der verkaufte Wein ist der beste Wein. (lacht) Der ist ja auch BWLer und der Verkauf ist seine Aufgabe. Mein Mann hat mir als Kaufmann gerade Druck gemacht, weil unser Barriquewein ausgegangen ist und gefragt hat, ob ich die neue Produktion nicht etwas beschleunigen könnte. Meine Antwort war ein klares Nein. Die Kunden mĂŒssen sich halt bis Dezember oder Januar gedulden – vorher ist der Wein nicht von sich aus fertig. FĂŒr ihn als Kaufmann ist das natĂŒrlich keine gute Botschaft – aber er versteht das am Besten, weil ich als „Lieferant“ und zufĂ€llig als Ehefrau dafĂŒr einstehe.“

„Wenn alles gleich schmeckt ist das doch grĂ€sslich.
Wo bleibt da das Erlebnis, die ÃƓberraschung?“ Judith Schmidt

WĂŒrden die Kunden den Unterschied wirklich schmecken?
„Das ist nicht das erste, was mich beschĂ€ftigt. Meine Kunden sollen wissen, dass unser Wein mit viel MĂŒhe und Liebe erarbeitet wurde und jeder Wein seine Zeit zur Reife braucht. Darauf können sich unsere Kunden verlassen. Die optimale QualitĂ€t ist das Ziel. Deswegen schmeckt unser Wein auch nie gleich – denn als GewĂ€chs ist er immer anderen Bedingungen ausgesetzt. Jeder Jahrgang hat seine individuelle Note und das schĂ€tzen unsere Kunden.“

In der Nahrungsmittelindustrie wird aber doch genau das versucht. Ein Produkt soll unbedingt wiedererkennbar sein.
„Das interessiert mich nicht. Weine, die immer gleich schmecken sind doch einfach schrecklich – auch wenn sie gut sind. Ich finde diese Gleichmacherei grĂ€sslich. Das macht doch keinen Sinn. Wo bleibt da das Erlebnis, die ÃƓberraschung?“

„Die diesjĂ€hrige Ernte hat praktisch nur SpĂ€tlese gebracht – die kommt direkt ins Barrique-Fass.“

Das verraten Sie uns bestimmt jetzt: Was passiert mit der diesjÀhrigen Ernte?
„Wir haben durch die hohe Oechslezahl dieses Jahr praktisch nur SpĂ€tlese im Keller. Die kommt komplett ins Barriquefass und reift dort mindestens zwölf Monate. Zur Zeit liegt der Wein noch auf der Hefe.“

Wie ist Ihre EinschÀtzung? Kommt da wieder ein preisverdÀchtiger Wein bei raus?
(lacht): „Das entscheiden die Preisrichter – aber ich gebe wie immer mein Bestes.“

Hintergrund:
Judith Schmidt, geborene Schröder, ist WeinkĂŒferin und seit 2000 Winzermeisterin. Sie und ihr Mann Steffen betreiben das Weingut & Obsthof Schröder in Muckensturm, wohin ihre Eltern 1984 aussiedelten. Frau Schmidt hat den Betrieb von ihrem Vater in 6. Generation ĂŒbernommen – seit ĂŒber 250 Jahren ist die Familie im Weinbau tĂ€tig.
Der Vater arbeitet in den Weinbergen der Lagen Stephansberg (LĂŒtzelsachsen) und Rittersberg (Weinheim), die Tochter macht den Wein und ihr Mann ist als Betriebswirt fĂŒr das „GeschĂ€ftliche“ zustĂ€ndig. Zusammen haben die beiden drei Kinder.
2009 reichte Frau Schmidt zehn Weine ein und bekam sechs Mal die Goldmedaille des Badischen Weinbauverbands sowie vier Mal die Silbermedaille. Ein 100-prozentiger Erfolg also – wobei die Schröderschen Weine auch in der Vergangenheit schon oft prĂ€miert wurden.
Rund 60 Prozent des Anbaus sind Rotweine wie SpĂ€tburgunder, Saint Laurent und Pinot Noir, als weiße Trauben werden Weiß- und Grauburgunder, Rivaner und Riesling angebaut. Mit nur 5 Hektar ist das Weingut Schröder eher ein kleines Gut – aber ein feines. Um sich zu behaupten, setzten die Schmidts ganz auf QualitĂ€t, die kostet fĂŒnf bis vierzehn Euro pro Flasche Wein.
ZusĂ€tzlich bieten die Schmidts auf dem Weingut & Obsthof Schröder natĂŒrlich Obst, Delikatessen, Essige, SĂ€fte, Senf, Liköre und EdelbrĂ€nde an.
Immer ausgebucht sind spezielle „Wein & Schokolade“-Seminare und Gesellschaften, Hochzeiten und Firmen buchen gerne die RĂ€umlichkeiten des mediterranen WohlfĂŒhlambientes des Weinguts fĂŒr Feste.

Link:
Schröder – Weingut & Obsthof

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.