Dienstag, 18. Februar 2020

+++Verschlusssache+++ III

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Satire

An den BĂŒrgermeister K.
Ratlosplatz
Pfenningheim

Betreff: Ihre Anfrage
Int. Z. 08/15, Gutachten, nur fĂŒr den internen Gebrauch bestimmt
empfohlen als +++Verschlusssache+++

Sehr geehrter Herr K.,

haben Sie besten Dank fĂŒr Ihren an uns vergebenen lukrativen Auftrag.

WeisungsgemĂ€ĂŸ haben wir eine Persönlichkeitsanalyse aufgrund der uns vorhandenen Daten erstellt. Eine ausfĂŒhrliche Expertise mit ĂŒberzeugenden Grafiken und Bildern lassen wir Ihnen dieser Tage auf dem Ihnen bekannten Weg zukommen. Hier die Zusammenfassung:

Herr B. ist ein kleiner Mann. Vermutlich strebt er deshalb GrĂ¶ĂŸe an. Deswegen will er auch „reprĂ€sentativ“ sein. DafĂŒr spricht auch, dass er gerne bedeutungsvolle Wörter wie „systemisch“ verwendet.
Allerdings ist er nicht zu unterschĂ€tzen. Seine Aussage, „alle systemischen und vernĂŒnftigen GrĂŒnde sprechen dagegen“, hat eine innere Logik:
„Ein System (von griechisch ĂÆ’ĂÂĂÆ’Ăâ€žĂŽÂ·ĂŽÂŒĂŽÂ±, altgriechische Aussprache sĂƒÂœstema, heute sístima, „das Gebilde, Zusammengestellte, Verbundene“; Plural Systeme) ist eine Gesamtheit von Elementen, die so aufeinander bezogen sind und in einer Weise wechselwirken, dass sie als eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit angesehen werden können und sich in dieser Hinsicht gegenĂŒber der sie umgebenden Umwelt abgrenzen.“

Das wiederum entspricht nĂ€mlich den Tatsachen, wenn Sie das Gremium, also den GR, als System einer „Einheit“ betrachten, die auf sich bezogen ist und sich gegenĂŒber der Umwelt, also den Proletariern, abgrenzt. Diese Einheit, systemisch betrachtet, zu gefĂ€hrden, wĂ€re nicht „vernĂŒnftig“, wenn das System selbstreferentiell die Vernunft an sich darstellt.

Herr W. hingegen ist ein schwer einzuschĂ€tzender Fall. Nach langen internen Debatten mĂŒssen wir „mit Bauchschmerzen“ feststellen, dass es sich bei seiner Weltanschauung um einen wahrscheinlich fast aussichtslosen Fall von Determinismus handelt, was aber durchaus zu ihren Gunsten ist:
„Dem Determinismus liegt die Annahme zugrunde, dass alle Ereignisse, die geschehen, eine zwangslĂ€ufige und eindeutige Folge aus vorangegangenen Ereignissen sind (seine Partei hatte schon immer das Sagen, d. Verf.). Wenn der gesamte Zustand eines Systems zu einem beliebigen Zeitpunkt definiert ist und die darin geltenden Gesetze eindeutig sind – d. h. dass sie bei identischen Anfangsbedingungen immer das gleiche Ergebnis hervorbringen -, so ist der Zustand des Systems zu jedem zukĂŒnftigen Zeitpunkt festgelegt.“

Herrn W. ĂŒber diese Einsichtsgrenze zu bringen, halten wir fĂŒr ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, weil er das D in seinem Parteinamen eben „deterministisch“ definiert und als „demokratisch“ ĂŒbersetzt. Aber es ist ja auch nicht gewĂŒnscht, dass er den „Grenzsprung“ wagt.

Herr M. hingegen ist einfach nur eitel, das zeigt sein Äußeres ohne jeden Zweifel. Sie benötigen keine besonderen Strategien, um ihn bei der Stange zu halten. Loben Sie ihn und alles ist gut. Seine Zeit ist abgelaufen, was er allerdings noch nicht weiß. Danach kommt ein Ersatz:
Eitelkeit hat auch die abweichende, ursprĂŒngliche, aber heute veraltete Bedeutung: VergĂ€nglichkeit, Nichtigkeit, Leere und Vergeblichkeit (vgl. engl. idle oder dt. etwas vereiteln). Insbesondere im Barock war das LebensgefĂŒhl der Vergeblichkeit (siehe z.B. das Barocksonett Es ist alles eitel) jedes irdischen Strebens eine der zentralen Motive der Literatur.

Soviel zu den „Leadern“ der Gruppen. Die Einzelmitglieder benötigen keiner differentiellen Betrachtung. Ihr Herdentrieb ist ordentlich ausgeprĂ€gt, WiderstĂ€nde sind nicht zu erwarten.

Haben Sie nochmals besten Dank fĂŒr ihr Vertrauen in unsere Arbeit.

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen

Lauterwein und Partner

Anhang:
Rechnung
Analyse zur internen Verwendung
Spesenabrechnung

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.