Montag, 24. September 2018

„Das Thema Alkoholmissbrauch wird immer jünger“

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Guten Tag!

Heddesheim, 21. November 2009. Die betrunkenen, 12-jährigen Mädchen auf der Heddesheimer Eislaufbahn sind kein Einzelfall. Ãœberall im Land und im Kreis steigen die Fälle von Alkoholmissbrauch bedenklich an. Während die Gemeindeverwaltung lieber angeblich „im Hintergrund“ tätig wird, gehen andere Städte und Kommunen das Problem offensiv an. Mit Erfolg – wie die Sucht-Expertin Astrid Zapf-Freudenberg weiß. Sie wirbt für eine „Alkohol-Politik“.

Interview: Hardy Prothmann

Frau Zapf-Freudenberg, zwei 12-jährige Mädchen werden stark alkoholisiert auf der Eisbahn in Heddesheim aufgegriffen. Die Gemeinde Heddesheim versucht den Vorfall zu verschweigen, angeblich, um diese Kinder zu schützen. Können Sie das nachvollziehen?
Zapf-Freudenberg: „Ja – weil zunächst ein Imageverlust befürchtet wird und man sich fragt: wer ist oder soll sich hier verantwortlich fühlen? Dieser Vorfall sollte in der Gemeinde dazu benutzt werden, kritisch zu fragen: Wie wird mit Alkohol umgegangen auf Wein-, Gassen-, Straßenfesten? Wird der Jugendschutz gelebt auf Fasnacht-, Tanz-, Diskoveranstaltungen? Gibt es Probleme in Zusammenhang mit Alkoholkonsum in Jugendtreffs/Jugendclubs? Entstehen Störungen, wie Lärmbelästigung, Vandalismus, Gewalt, Verschmutzung an so genannten inoffiziellen Jugendtreffs, wie Bushäuschen, Spielplätze, Flussufer, Wäldchen, Sportplätzen?“

Das sind jede Menge Fragen.
Zapf-Freudenberg: „Ich war noch nicht fertig: Gibt es Handlungsbedarf aus Jugendschutzsicht beim Ausschank: Schulung von Thekenpersonal, Einlass-, Alterskontrollen, Weitergabe von Spirituosen an unter 18-Jährige? Gibt es Flatrate-Alkoholkonsumangebote, öffentlich veranstaltete Trinkspiele, Happy Hour-Angebote für Jugendliche/junge Erwachsene? Ist der sichere Heimweg für Festbesucher geregelt? Wird der Jugendschutz bei Alkoholverkauf in Tankstellen, Kiosken eingehalten?“

„Das Thema Alkoholmissbrauch wird immer jünger.“ Astrid Zapf-Freudenberg

Wie sollte eine Gemeinde mit dem Thema Alkohol und Jugendliche umgehen?
Zapf-Freudenberg: „Kritisch und offensiv. Hinschauen, denn Wegschauen ist hier keine Lösung. Gemeindepolitik und-verwaltung, die Vereine, die Gastronomen, die Schulen, das Jugendamt, Kriminalprävention und Polizei, Vertreter des öffentlichen Nahverkehrs, Präventionsfachkräfte aus Suchtberatungsstellen und die Eltern müssen zusammenwirken, um der bedenklichen Entwicklung entgegen zu wirken, dass das Thema Alkoholmissbrauch immer „jünger“ wird.“

Welche Tendenz stellen Sie fest?
Zapf-Freudenberg: „Die deutsche Hauptsstelle für Suchtfragen gibt in ihrem Jahrbuch Sucht 2008 an, dass 92 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12-25 Jahren Erfahrungen mit Alkohol haben, 14 Prozent davon trinken „riskant“, das heißt mehr als 120g reinen Alkohol pro Woche (ca. 374 ml Wodka) und laufen damit Gefahr, sich vielfältig zu schädigen, vor allem das Gehirn, und die Anwartschaft auf eine Alkoholabhängigkeit zu erwerben.“

Gibt es ein kritisches Alter?
Zapf-Freudenberg: „Die Alkoholrauscherfahrung sind bei den 16-17-Jährigen am häufigsten. Die alkoholbedingten Behandlungsfälle haben sowohl im Land als auch im Kreis von 2007 auf 2008 um über zehn Prozent zugenommen. Im Rhein-Neckar-Kreis waren es im Jahr 2008 offiziell 151 Fälle. Das ist die Spitze eines Eisberges, der zeigt, dass wir uns kümmern müssen.“

„Es wird immer noch zu wenig getan.“

Sie sagen, man müsse zusammenwirken, um das Problem Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen in den Griff zu bekommen. Gibt es dafür positive Beispiele?
Zapf-Freudenberg: „Ja, leider kann ich nicht sagen, „jede Menge“, weil immer noch viel zu wenig getan wird.

Ein positives Beispiel ist ein Veranstalter großer Events in Mannheim. Der Geschäftsführung fiel auf, dass Jugendliche bereits im Vorfeld von Veranstaltungen auf dem Gelände „vorglühten“ und alkoholisiert Störungen verursachten. Kriminalprävention, Polizei, Beschäftigte des Verkehrsverbundes Rhein-Neckar, Jugend- und Gesundheitsamt, Fanclubs, Präventionsmitarbeiter der Suchtberatungsstellen und Veranstalter bildeten so genannte Jugendteams und zeigten auf dem Gelände und in der Halle Präsenz, sprachen Jugendliche an und informierten darüber, dass der Jugendschutz auf der Veranstaltung eingehalten wird.“

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Die Sucht-Expertin Astrid Zapf-Freudenberg fordert eine "Alkohol-Politik": "Wegschauen hilft nicht." Foto: privat

Und die Jugendlichen haben gleich alles verstanden und alles war gut?
Zapf-Freudenberg: „Nein. Einigen alkoholisierten Besuchern wurde Platzverweis erteilt. Und ja: Diese Aktion lief einige Male und die Auffälligkeiten wurden sichtbar geringer. Ähnliche Erfahrungen wurden in Mannheim auf zwei Kerwe-Veranstaltungen gemacht, die durch Gewaltaufkommen infolge Alkoholkonsum Handlungsbedarf forderten. Das ist ein toller Erfolg und ein sehr gutes Beispiel, dass die Mühe sich lohnt.“

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Jugendlichen, die Alkohol missbrauchen, immer jünger werden?
Zapf-Freudenberg: „Es ist eine Entwicklungsaufgabe des Jugendalters neben vielen anderen, zu lernen, mit Alkohol umzugehen. Wir erwarten das ja auch von unseren jungen Menschen. Dabei wird experimentiert und ausgetestet. Normalerweise verliert sich diese Risikobereitschaft beim Alkoholkonsum mit Eintritt ins Berufsleben und der Partnerwahl. Einige Jugendliche haben keine förderliche Ausgangsbasis und werden hilfebedürftig, weil sie diese Entwicklungsaufgabe nicht allein bewältigen können.

Alkoholkonsum wird von Jugendlichen als Eintritt in das Erwachsenensein betrachtet, ist also ein Attribut des Erwachsenen. Alkoholkonsum im Jugendalter ist auch als Bewältigungshandeln und Suche nach Entlastung des Jugendlichen zu sehen.“

Eine „Alkohol-Politik“ gibt den Jugendlichen Leitplanken.“ Astrid Zapf-Freudenberg

Entlastung wovon?
Zapf-Freudenberg: „Die Kinderzeit wird immer kürzer. Wir erwarten von unseren Sprösslingen immer früher Erwachsenenverhalten: sich der Norm anzupassen, Wünsche/Bedürfnisse aufzuschieben, zu verzichten, sachlich und zielorientiert zu handeln, vor allem leitungsorientiert, usw. Gleichzeitig verlängert aber sich die Jugendzeit. Der Eintritt in die wirtschaftliche Unabhängigkeit wird bis in das dritte Lebensjahrzehnt verzögert.

Unsere jungen Menschen sind dabei einem Bombardement von Werbung der Tabak- und Alkoholindustrie ausgesetzt, die mit ihren Produkten als Lifestyle werben und ins Schwarze treffen. Und unsere jungen Menschen stehen immer weniger unter dem Einfluss ihrer Eltern. Deswegen ist es dringend angeraten, eine Alkoholpolitik zu betreiben und Kindern und Jugendlichen auch auf Gemeindeebene Leitplanken zu geben.“

Was ist eine „Alkoholpolitik“?
Zapf-Freudenberg: „Es ist der erklärte Wille der kommunalen Gebietskörperschaft den exzessiven Alkoholkonsum und seine Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen lösungsorientiert zu bekämpfen, sich hierfür zuständig zu fühlen und zu handeln. Voraussetzung ist die Problembeobachtung und -beschreibung und die weitere Vernetzung und Diskussion am runden Tisch. Teilnehmer können Gemeindeverwaltung und -politik, Polizei und Kriminalprävention, Jugendamt, Jugendtreffs, Einrichtungen der Jugendhilfe, Schule, Elternschaft, Suchtberatungsstellen, Vereine, Gastronomie sein.

Es sollte eine lokale Agenda mit Maßnahmen und der Umsetzung verabschiedet werden. Ferner muss auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen geholfen werden. Das beginnt durch ein Gespräch mit alkoholvergifteten Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern und dem Angebot weitere Hilfestellungen im Krankenhaus. Ferner muss es weitere Maßnahmen für junge Menschen mit Risikoprofil geben. Hier bietet das Projekt HaLT (Hart am Limit) des Präventionszentrums Villa Schöpflin eine gute Lösung.

Link:
Baden-Württembergischer Landesverband für Prävention und Rehabilitation: Lokale Alkoholpolitik.

Zur Person:
Astrid Zapf-Freudenberg ist Diplom-Sozialarbeiterin und arbeitet in Mannheim in der Fachstelle Sucht des Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation gGmbH (bwlv).
Die bwlv „Fachstelle Sucht“ bietet durch drei Sozialarbeiter/Sozialpädagoginnen und einem Psychologen Mannheimer Bürgerinnen und Bürgern Suchtberatung und ambulante medizinische Rehabilitation, Vermittlung in stationäre medizinische Rehabilitation und Nachsorgebehandlung, Nikotinentwöhnung, Tagesstätte für suchtkranke Menschen, alkoholfreies Café, sechs Selbsthilfegruppen, eine offene Info-Gruppe.
Frau Zapf-Freudenberg ist Leiterin der Fachstelle und als Fachkraft für Suchtprävention informiert, berät und unterstützt sie Betriebe/Verwaltungen, Vereine, Schule, Kindergärten, Gemeinwesen bei der Umsetzung von Suchtpräventionsprogrammen.

Info:
stern: Blaue Briefe gegen den Suff

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.