Dienstag, 27. Juni 2017

Offener Brief an Jochen Tscheulin von der IFOK

Guten Tag!

Heddesheim, 21. Januar 2011. Die IFOK feiert den „Dialog“ in Heddesheim als Erfolg. Auf einem Logistik-Kongress. Die angeblich „neutrale“ Firma verdient ihr Geld damit, in scheinbar ergebnisoffenen „Dialogen“ den „Dampf“ aus strittigen Projekte zu bekommen. Hardy Prothmann schreibt in einem offenen Brief an einen der IFOK-Gesch├Ąftsf├╝hrer, Jochen Tscheulin. Denn die beiden haben mal zusammen studiert und w├Ąren fast Freunde geworden.

Von Hardy Prothmann

Lieber Jochen,

ich hoffe, es geht Dir gut. Wir haben uns ja schon gut sechszehn Jahre nicht mehr gesehen. Erst 2009 habe ich erfahren, dass Du erfolgreich Karriere gemacht hast und einer der IFOK-Gesch├Ąftsf├╝hrer bist.

Unsere Freundschaft damals war noch nicht gereift und ich dachte mir, dass es besser ist, im Frieden verschiedene Wege zu gehen, weil wir teils doch sehr unterschiedliche Einstellungen hatten.

Das hat sich viele Jahre sp├Ąter best├Ątigt – ich auf der einen Seite mit einem „lokalen Blog, das kritisch berichtet„, wie Ihr das in Eurem Vortrag beim „Logistik Kongress 2010“ in Stuttgart bezeichnet und auf der anderen Seite Du mit Deinem Spin-Doctor-Unternehmen, das angeblich „neutral“ Konflikte l├Âst.

Ich bin nicht entt├Ąuscht – ├Ąrgere mich aber ein bisschen.

Ganz ehrlich? Ich bin nicht entt├Ąuscht, sondern sehe mich in meiner Haltung Dir gegen├╝ber best├Ątigt. Ein bisschen ├Ąrgert mich, dass Deine Firma, die ohne die „kritische Berichterstattung eines lokalen Blogs“ niemals diesen Auftrag in H├Âhe von 35.000 Euro (oder sogar mehr?) bekommen h├Ątte, nicht einmal in der Lage ist, das Wort „heddesheimblog“ zu schreiben.

Soviel Anstand h├Ątte ich schon erwartet. Auf ein Danke-Sch├Ân f├╝r das viele Geld bestehe ich da gar nicht. Aber Ro├č und Reiter zu nennen sollte doch f├╝r eine Firma m├Âglich sein, die sich angeblich dem „offenen Dialog“ verschrieben hat. Und auch die Erw├Ąhnung der j├Ąmmerlichen Berichterstattung im Mannheimer Morgen w├Ąre einen Satz wert gewesen, aber wahrscheinlich ist das nicht im Sinne der Auftraggeber und auch nicht in Deinem.

Ihr schreibt das wirklich h├╝bsch auf und analytisch brillant, wie und warum es zu Konflikten kommt und habt da eine lukrative Gesch├Ąftsidee vermarktet: Die bornierte Sturheit von machtbesessenen B├╝rgermeistern, Politikern und sonstigen Funktion├Ąren oder verst├Ąndnislosen Gesch├Ąftsf├╝hrern oder „Investoren“ bietet jede Menge „Beratungsbedarf“, der sicherlich sehr, sehr, sehr gut bezahlt wird. Immerhin gehts bei solchen Projekten ja auch um sehr viel Geld.

Aber selbst die besten machen Fehler. So auch Du und Deine Dialog-Truppe.

F├╝r wen war was eigentlich schon "klar"? Solche S├Ątze k├Ânnen auch als Hohn aufgefasst werden. Quelle: IFOK

Erst zu behaupten, es g├Ąbe keine Abh├Ąngigkeit vom Auftraggeber (Gemeinde Heddesheim, respektive der B├╝rgermeister Michael Kessler) ist schon wenig glaubw├╝rdig gewesen. Dann aber auf einem Logistik-Kongress einen Vortrag ├╝ber den „Erfolg“ in Heddesheim zu halten, das ist ein strategischer Fehler. Denn damit ist allen, selbst den begriffstutzigsten Menschen klar, dass der „Erfolg“ das Erreichen einer „knappen Mehrheit“ von B├╝rgerstimmen f├╝r das Projekt war.

Nicht mehr und nicht weniger.

Viel Geld f├╝r Blabla.

Oder w├Ąret Ihr auch zu dem Logistik-Kongress eingeladen worden, h├Ątte eine „knappe Mehrheit“, konkret 40 B├╝rgerstimmen oder 0,7 Prozent der abgegebenen Stimmen gegen das Projekt gestimmt? Wohl kaum. Und im ├╝brigen haben wir beide dasselbe studiert, deswegen wei├č ich, dass Du wei├čt, dass ein solches Votum als nicht erfolgreich gesehen werden muss und keine demokratische Legitimation haben kann, denn das Projekt wird gegen die H├Ąlfte des Ortes durchgef├╝hrt.

Da sind weitere Konflikte programmiert und so ist das auch gekommen. Soviel zum Erfolg.

Ihr von der IFOK habt das Geld genommen, ein bisschen Blabla gemacht, Schaubilder gezeichnet und gebetsm├╝hlenhaft den „offenen Ausgang“ beschworen – wie man sieht, sind der Wirtschaftsminister Pfister, der Logistik-Lobbyist der Dualen Hochschule Mannheim Schr├Âder und nicht zuletzt Karl-Martin Pfenning so sehr zufrieden, dass Ihr (sicher nochmals gegen Geld) einen Vortrag halten durftet.

Und irgendwie stellt sich dann heraus, dass die „Pfenning-Gegner“ ├╝berhaupt keine Chance hatten, aber ihre Erregung derart bedrohlich war, dass das Netzwerk, in dem Du aktiv bist, alles aufbieten musste. Regionalverband, Metropolregion Rhein-Neckar, Heinrich-Vetter-Stiftung, Duale Hochschule, Wirtschaftsministerium. Schon beeindruckend.

"Erfolg" enttarnt: "Umsetzung sicherstellen" ist das Ziel der IFOK. Nichts anderes. Daf├╝r wird sie bezahlt. Und sie macht ihren Job. Der "Erfolg" f├╝hrt ├╝ber einen "Dialog" - f├╝r viel Geld macht die IFOk eine "Einigung" m├Âglich. Quelle: IFOK

Ich lade Dich herzlich dazu ein, hier in Heddesheim (ohne Geld) mal vor den Projektgegnern ├╝ber diesen Erfolg zu referieren. ├â┼ôber die Arbeitspl├Ątze, die nicht kommen, die Gewerbesteuer, die ein M├Ąrchen ist, den fehlenden Bahnanschluss und, und, und. Du h├Ąttest es auch gar nicht mal weit von Bensheim hierher, ich bin mir aber irgendwie sicher, dass Du Dich das nicht traust.

Ist der „Dialog“ auch „erfolgreich“, wenn ein Projekt stirbt?

Und mal ganz ehrlich, Jochen! Was w├╝rde passieren, wenn die n├Ąchsten drei, vier Dialogverfahren auch „erfolgreich“ sind, aber dazu f├╝hren, dass die Projekte nicht umgesetzt werden? W├╝rde Euch dann noch einer engagieren, f├╝r das viele Geld, das Ihr nur bekommt, weils in der H├╝tte brennt?

Ich kann mich noch genau an Dich erinnern, wie Du immer fein gel├Ąchelt hast, wenn wir hei├če Diskussionen hatten und Dir die Argumente ausgegangen sind. Und ich kann mich gut erinnern, wie wir damals die „Westpoint-Absolventen“ f├╝r ZUMA (Zentrum f├╝r Umfragen, Methoden, Analysen) untersucht haben und Du Dich ├╝ber die kaputten Typen totgelacht hast. Und wie Deine Augen gestrahlt haben, als es ums Gesch├Ąftliche ging – die haben echt viel Geld f├╝r diese Untersuchung bezahlt und die Uminterpretation der Ergebnisse in eine „freundliche Lesart“ war echt harte Arbeit.

F├╝r mich sind das alte Zeiten – Du bist den Umfragen, Methoden und Analysen treu geblieben. Schlie├člich kann man damit viel Geld machen und muss keine s├Ąckeweise gehorteten „Bundeswehr-Verpflegungsmittel“ futtern. Die Kekse waren echt komplett geschmackfrei – aber wie Du sagtest, mit Kaffee konnte man die „essen“, selbst noch Jahre ├╝ber das Verfallsdatum hinaus, wie Du mir erkl├Ąrt hast. Und nahrhaft waren sie auch. Du konntest dadurch im Studium viel Geld sparen.

Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Eins m├Âchte ich Dir noch gerne mitteilen: F├╝r mich war es das erste „Dialog-Verfahren“ in meinem Leben. Und ich habe dabei viel gelernt. Und nachdem ich ein wenig dr├╝ber nachgedacht habe, ist mir die Idee gekommen, dass ich auch ganz gut damit Geld verdienen k├Ânnte. Sicher nicht soviel wie Du, denn Du und Deine ├╝ber 100 Berater und den teuren Stundens├Ątzen arbeiten ja schlie├člich f├╝r „Investoren“ und jede Menge Geld.

Aber, wie Ihr treffend in Eurer Werbebrosch├╝re schreibt: Der Widerstand ist l├Ąngst nicht mehr Sache von Chaoten, sondern in der b├╝rgerlichen Mitte angekommen. Ein einzelner hat viel Geld, aber viele haben auch ne Menge Geld. Crowd-Sourcing nennt man das, glaube ich.

Und warum sollte ich das nicht einsammeln, ein paar clevere Analytiker davon bezahlen und dann bei k├╝nftigen Dialogen f├╝r die Projektgegner in den Dialog eintreten? Das wird sicher ein Riesenspa├č. Du kennst den Spruch: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

Vor allem aber k├Ânnte es durchaus sein, dass der „Erfolg“ dann ganz anders aussieht. Deswegen hoffe ich f├╝r Dich, dass Du Dir ein paar Bundeswehrkekse aufbewahrt hast – f├╝r schlechte Zeiten.

Es gr├╝├čt Dein fr├╝herer Kommilitone
Hardy

Anmerkung der Redaktion: Der IFOK-Gesch├Ąftsf├╝hrer Jochen Tscheulin und Hardy Prothmann, freier Journalist und verantwortlich f├╝r das heddesheimblog, haben zusammen in Mannheim Politische Wissenschaften studiert und gemeinsam gut zwei Jahre beim Institut ZUMA als studentische Hilfskr├Ąfte gearbeitet.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • Ich habe mich schon immer gefragt, f├╝r was die vielen Politikwissenschaftler_innen in Deutschland gut sein sollen – Dank des offenen Briefes ist nun auch(!) meine Frage redundant geworden, wobei ich den hiesigen Blogbetreiber von der so gegebenen Antwort ausdr├╝cklich ausgeschlossen wissen m├Âchte.

  • kompakter

    hallo,

    haha, das mit den keksen ist echt lustig. der rest ist nicht lustig, aber eine gute arbeit. und wieder mal dem mm gezeigt, wos langgeht, wenns um journalismus geht.
    und das mit dem vetter und dem vorwurf, sich an juden bereichert zu haben, wusste ich nicht. auf den seiten der vetter-stiftung gibt es dazu keinerlei informationen oder habe ich die nicht gefunden?

    gru├č

  • F├╝r die Gr├╝ndung einer Beratungsgesellschaft f├╝r „ergebnisoffene Dialoge“ kann ich gerne noch einige Kontakte aus Mannheim vermitteln, die bereits praktische Erfahrungen mit Jochen gesammelt haben ­čśë

  • Holger Karsten Schmidt

    „Faktenkl├Ąrung durch Joint Fact Finding“.
    Gro├čartig.
    Ich sitze gerade an einem Drehbuch bei einer Figur, die sich selbst als studierter Idiot outen soll.
    Danke an das heddesheimblog f├╝r diese L├Âsung.

    Herzliche Gr├╝├če.

  • Holger Karsten Schmidt

    „Faktenkl├Ąrung durch Joint Fact Finding“.
    Gro├čartig.
    Ich sitze gerade an einem Drehbuch bei einer Figur, die sich selbst als studierter Idiot outen soll.
    Danke an das heddesheimblog f├╝r diese L├Âsung.

    Herzliche Gr├╝├če.

    • Fr├╝her nannte man das noch „gemeinsamer Sockenschu├č“ oder neudeutsch „Brain storming“. Aber eine Grossbank sucht mittlerweile sogar „Volunteers“ statt Freiwillige…