Freitag, 22. Juni 2018

Herr Biedermann und sein Bericht – trübe Aussichten ohne „Defizite“

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Guten Tag!

Heddesheim, 21. April 2010. Die Jugendarbeit in Heddesheim hat einen Namen: Ulrich Biedermann. Damit ist der Inhalt der Sitzung des Jugendausschuss treffend wiedergegeben. Oder vielleicht nicht ganz: Berichtet wurde über die Jahre 2008 bis 2009. Die „Perspektiven“ für 2010 sind eher düster. Ulrich Biedermann erwartet noch mehr Arbeit, als er schon hat.

Kommentar: Hardy Prothmann

Gestern schrieb eine Leserin per email an die Redaktion. Sie bezog sich auf einen Artikel im Mannheimer Morgen und sah wichtige Fragen nicht beantwortet.

Da ging es ihr wie uns. Die Sitzung des Jugendausschusses war nicht einfach nur eine Sitzung – sie wirft Fragen auf. An den Antworten arbeitet die Redaktion. Dazu gehört auch, sich die Fragen von LeserInnen zu eigen zu machen.

Fragen einer Leserin.

Unsere Leserin, Mutter von drei Kindern, schreibt:

„Können Sie mir erklären, warum das Jugendhaus genau in der Zeit (Sommerferien), in der es Jungendliche nach meiner Meinung zum Teil dringender benötigen als sonst, immmer 4 Wochen schließt?“

Die Erklärung ist einfach: „In den Sommerferien hat das Jugendhaus Just vier Wochen zu. Dann ist auch für Sozialarbeiter und Just-Leiter Ulrich Biedermann Urlaubszeit“, schreibt der Mannheimer Morgen.

Was der MM nicht schreibt – wenn Herr Biedermann fehlt, ist auch das „Just“ zu.

„Selbst wenn berufstätige Eltern keinen gemeinsamen Urlaub machen würden, könnten Sie immer noch keine 13 Wochen Schulferien überbrücken.
Ich habe das jetzt schon einige Jahre immer wieder im MM gelesen und nie verstanden, warum dies angeblich niemanden stört. Aber vielleicht ist auch das eine Heddesheimer Spezialität – so wie das Ferienprogramm der Vereine, das meistens am Wochenende stattfindet.“

Heile Welt.

Die Antwort darauf ist auch einfach. Störend werden wohl eher kritische Fragen empfunden – das bietet der MM nicht, dafür aber eine heile Welt:

„Erfreulich hingegen: Auch einige zuletzt als problematisch aufgefallene Jugendliche hätten wieder den Weg ins Just gefunden, wie Walter Gerwien, CDU-Gemeinderat und Jugendsachbearbeiter im Polizeiposten Heddesheim, beobachtet hat.“

Bei dieser Berichterstattung sind leider zwei Dinge problematisch: Es wird etwas als „erfreulich“ eingestuft und unrecherchiert übernommen. Hätte eine Recherche stattgefunden, wäre dies mindestens mit einem Satz erwähnt worden.

Und dann wird halbrichtig etwas berichtet, dass sich zunächst positiv ließt: „Zugenommen hat laut Biedermann auch die Zahl der Eltern, die im Just Beratung in Erziehungsfragen suchen“, steht es im MM. Die Information, dass viele dieser Eltern „erscheinen müssen“, hätte vielleicht die positive Wirkung der „Information“ geschmälert.

Gänzlich seltsam ist es, wenn der MM berichtet:
„Bis 2006 wurde er, anstelle der „FSJ-lerin“, von Studentinnen im Praktikum unterstützt: alle sechs Monate eine „Neue“. Die Umstellung auf die Freiwilligen im Sozialen Jahr brachte mehr Kontinuität ins Just, wie Biedermann am Dienstagabend dem Jugendausschuss des Gemeinderats berichtete. „Eine Verbesserung“ folglich, denn gerade den Mädchen soll die Zweite im Team Vertrauensperson sein. 2008 schrumpfte das Just dennoch für ein paar Monate zur „One-Man-Show“: Der FSJ-Mitarbeiterin hatte sich vorzeitig eine Job-Möglichkeit geboten.“

Auch diese Wiedergabe ist der äußeren Form nach korrekt. Nachgedacht ist es nicht: „Eine Verbesserung“ folglich…schrumpfte das Just….zur „One-Man-Show.“

Verbesserung?

Was soll das heißen? Das System, das eine Verbesserung darstellen soll, führt dazu, dass Ulrich Biedermann plötzlich alle Aufgaben alleine bewältigen muss? Ist das folglich eine „Verbesserung“?

Damit überhaupt etwas funktioniert, braucht das „Just“ Unterstützung durch Vereine, ehrenamtliche Helfer und auch die Polizei.

Ulrich Biedermann trägt vor, was im und ums „Just“ geleistet wird. Das ist sehr viel.

Aber es ist auch deutlich zu wenig. Herr Biedermann benennt die Gründe – allerdings nur, wenn man aufpasst.

Eine „zweite im Team“ sollte also „Vertrauensperson“ für die Mädchen da sein – und wars dann nur kurz, weil sie irgendwo kein Praktikum, sondern einen Job gefunden hat. Ihr Egoismus ist nachvollziehbar.

Mädchen und Jungs – zwei Welten.

Nicht verständlich ist, dass keiner in der Sitzung hören wollte, was gesagt wurde: Die Mädchen nutzen das „Just“ sehr intensiv und bringen sich ein.

Viele der Jungs tun das nicht.

Der MM schreibt:
„Denn diese werden im Just eingebunden. Sie können (und sollen) auch Dinge in eigener Regie auf die Beine stellen: Partys, Konzerte, Sonntagsöffnung. Derzeit, räumt Biedermann ein, sei dies „aufgrund der Besucherstruktur weniger möglich“. Die Jugendlichen seien „nur noch partiell bereit, sich einzubringen.“

„Nur noch partiell bereit, sich einzubringen“ also. Was heißt das?

Das bedeutet Stress, Kampf, Geduld, Mut, Fantasie, Energie, Kraft.

Und Entmutigung, Motivation, Fremde.

Das erlebt ein Sozialarbeiter wie Ulrich Biedermann ständig. Als „One-Man-Show“. Als Mann nur bedingt als „Vertrauensperson“ für Mädchen (mit Migrationshintergrund) geeignet zu sein. Da kann er sich noch so anstrengen – als Mann bleibt er Fremder.

In der Sitzung fragt sich der Grünen-Gemeinderat Günther Heinisch, ob sich vor der Leistung eines Herrn Biedermanns nicht die Frage stellt, über eine Personalaufstockung nachzudenken?

Bürgermeister Michael Kessler hatte sichtbar keine Lust nachzudenken und sagte sehr unwirsch und streng, er könne keine Defizite erkennen. Worauf Heinisch zu recht sagte, dass er überhaupt nicht von Defiziten, sondern von Chancen für noch mehr gute und wichtige Jugendarbeit gesprochen habe.

Grenze der Belastbarkeit.

Kessler ließ das nicht gelten und gab CDU-Gemeinderat Walter Gerwien das Wort. Der ist Jugendsachbearbeiter im Polizeiposten Heddesheim. Gerwien bedankte sich und sagte: „Ich frage mich, wie der Mann das alles bewältigt. Und sehe ihn langsam an der Grenze der Belastbarkeit.“

Damit meinte er nicht Herrn Kessler, sondern Herrn Biedermann.

Bürgermeister Michael Kessler ließ diesen Beitrag unkommentiert und ging zum nächsten Tagesordnungspunkt über.

Im Zuschauerraum saß übrigens genau ein (älterer) Bürger, der sich für die vergangene und künftige Jugendarbeit interessierte.

Die „künftige“ Jugendarbeit war fast kein Thema, die vergangene macht acht Seiten aus – voller Aktivität, aber auch Problemen:

Der Bericht über die Aktivitäten des Jugendhauses ist 8,5 Seiten lang. Der interessanteste Teil steht am Ende unter „Perspektiven und Schwerpunkte“.

Darin heißt es:
„Das Förderungs- und Unterstützungsangebot der Jugendlichen in den Bereichen Schule, Arbeit, und Familie verbunden mit der Vermittlung lebenspraktischer Kompetenzen wird mittelfristig an Bedeutung gewinnen, da sich die Situation am Arbeitsmarkt eher noch dahingehend verschärfen wird, dass es immer weniger niederqualifizierte Stellen geben wird, deren Lohnentwicklung dem Mittellohnsektor hinterherhinken wird.“

Die Folge: Die Eltern haben „mehrere Arbeitsverhältnisse“, noch weniger Zeit für die Kinder, Erziehungsdefizit – Schulen, Kindergärten, noch Biedermann haben eine Chance, das „aufzufangen“.

Die „One-Man-Show“, Herr Biedermann, schreibt:

„In genau dieser Schnittstelle bewegt sich die Offene Jugendarbeit mit der Ausrichtung zukünftiger Förderangebote.“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.