Samstag, 19. August 2017

Gabis Kolumne

Non vitae, sed scholae discimus oder ists umgekehrt?

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Guten Tag!

Heddesheim, 21. Juni 2010. Lateinische Zitate sind vor allem etwas fĂŒr Profilneurotiker. So weit, so gut. Was nĂŒtzen Lateinkenntnisse im wahren Leben? Vor allem, um den eigenen Kindern zu helfen, meint Gabi.

Endlich weiß ich, warum ich sieben Jahr lang Latein in der Schule gelernt habe!

Nein, ich habe es nicht fĂŒr mein Studium gebraucht und es hat auch spĂ€ter keinen meiner Arbeitgeber interessiert, dass ich mein Großes Latinum, zwar mit Ach und Krach, aber dennoch bestanden habe.

Jetzt ĂŒber zwanzig Jahre spĂ€ter bin ich sehr froh darum. Bin dankbar, dass mein Vater mich mit öden Deklinationen und Konjugationen gequĂ€lt hat und sehe endlich einen Sinn darin – mal ganz abgesehen davon, dass ich seine stĂ€ndigen „lateinischen Weisheiten“ verstehe.

Sie fragen sich sicher, warum? Ganz einfach, um meinen Kindern beim Lernen zu helfen, um Fehler in der Korrektur der Lateintests zu entdecken und um mich mit Lateinlehrern auseinander zu setzen.

Die PÀdagogen unter Ihnen werden jetzt sagen, aber nein, das ist doch nicht die Aufgabe der Eltern. Die Kinder sollen selbstÀndig lernen, sie sollen in der Schule aufpassen und das Gelernte zu Hause wiederholen.

Ja, davon war ich auch ĂŒberzeugt bis der Schulalltag meiner Kinder mich eines Besseren belehrt hat.

Und seien Sie mal ehrlich, wer hat seinen Kindern noch nicht bei einem Referat, einer Buchvorstellung oder einer GFS (Gleichwertige Feststellung von SchĂŒlerleistungen) geholfen.

Vor ein paar Wochen war die Lateinarbeit in der Klasse meiner Tochter so schlecht ausgefallen, dass sich der Lehrer bemĂŒĂŸigt fĂŒhlte, den Eltern einen Brief zu schreiben, in dem er sie nicht nur bat, die Hausaufgaben zu kontrollieren, sondern auch die Lernmethoden der Kinder zu ĂŒberprĂŒfen. Ich wusste bis dato nicht, dass Lehr- und Lernmethoden in das Aufgabenfeld von Eltern fallen.

Nun wĂ€re es einfach, sich dem zu widersetzen. Wir alle haben unseren Job zu machen und ich kann schlecht meine Aufgaben an die Lehrer meiner Kinder delegieren. Doch welche Konsequenz hĂ€tte meine Verweigerung fĂŒr die schulische Entwicklung meiner Kinder? Fallen die durch das Raster deren Eltern nicht helfen wollen oder nicht helfen können!

Noch kann ich meiner Tochter in den meisten FĂ€chern helfen, aber bei meinem Sohn in Mathematik in der Oberstufe – keine Chance. Ich kenne kaum ein Kind, das das Gymnasium ohne den verstĂ€rkten Einsatz der Eltern oder die Zuhilfenahme von Nachhilfelehrern – oder wie das neudeutsch heißt: Trainern – durchlĂ€uft.

Wo bleibt denn da die Chancengleichheit? Fehlt es den Eltern an Zeit, Schulbildung und/oder Geld wird es fĂŒr viele Kinder ganz schön hart, wenn nicht unmöglich, ihr Abitur zu erreichen.

Dabei schreien unsere Politiker doch nach gut ausgebildeten Jugendlichen und laut Pisa liegen wir nicht gerade gut im europaweiten Vergleich, wenn es um das Erlangen der Hochschulzugangsberechtigung geht.

Ich kann fĂŒr mich nur sagen, bin ich mal froh, dass ich Latein hatte. Und wenn mich meine Kinder fragen, wofĂŒr sie das alles lernen sollen, habe ich jetzt auch immer ein gutes Argument.

Und hĂ€tte ich doch nur mal besser in Mathe aufgepasst! Das hat mein Mann – wir ergĂ€nzen uns also.

Die entscheidende Frage bleibt: „Non vitae, sed scholae discimus“, heißt es bei Seneca im Original. Nicht fĂŒr das Leben, sondern fĂŒr die Schule lernen wir. Der gute Mann hat das einstmals als Kritik an den Philosophenschulen seiner Zeit gesagt.

Heute kennt man das verdrehte Zitat: „Non scholae, sed vitae discimus“ – nicht fĂŒr die Schule, fĂŒr das Leben lernen wir.

Ist das so? Daran habe ich echte Zweifel.
gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.