Mittwoch, 26. September 2018

Gabis Kolumne

Heiligabend – Warten auf das Wunder

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Guten Tag!

Heddesheim, 21. Dezember 2009. Weihnachten kann man entgehen. Selbst an weit entfernten Orten holt uns Weihnachten ein, sagt Gabi. Weihnachten ist bei uns der 24. Dezember. Ein ganz besonderer Tag. Aber auch einer, der ganz besonders stressig sein kann, wenn man ihn ĂŒberfordert. Dabei ist doch alles ganz einfach. Denn es geht nur um das Wunder der Liebe, sagt Gabi.

Man kann sich dieser Nacht einfach nicht entziehen. Man kann bis zum Ende der Welt fahren, eine Party feiern, alles, was mit Familie zu tun hat, ablehnen, man kann ins Bett gehen und den Abend verschlafen, man kann alles tun, aber man kann es nicht vergessen. Sie wissen sicher, was ich meine: Heiligabend.

Wir haben ein Idealbild im Kopf: Die ganze Familie harmonisch vereint vor einem großen mit Lichtern geschmĂŒckten Tannenbaum. Ein festliches Essen. Ein Gottesdienst, der die Herzen öffnet. Strahlende Kinderaugen. Gemeinsames Singen. Die Weihnachtsgeschichte – ein MĂ€rchen, wie in den Weichzeichner getaucht. Die Werbung suggiert uns, so feiern alle.

Weihnachten ist…

Doch die Probleme beginnen meist schon bei dem Wort Familie. Bei meinen Freundinnen wird oft schon unterschieden zwischen „meiner“ Familie und „seiner“ Familie und damit fangen jĂ€hrlich wiederkehrende Dramen an. Beide Familien zusammen an einen Tisch – eher nicht bis unmöglich. Ein Weihnachten hier, eins dort – ein fahler Kompromiss.

„Wir haben uns, als die Kinder klein waren, dafĂŒr entschieden, dass wir unter uns bleiben. Eltern und Geschwister treffen wir erst an den Weihnachtsfeiertagen“, erzĂ€hlte mir vor ein paar Tagen eine gute Bekannte. Das klingt doch ganz gut, dachte ich. „Aber seit ein paar Weihnachten frage ich mich, ob ich nicht doch gerne wenigstens meine Mutter dabei hĂ€tte“, meinte sie nachdenklich.

Eine andere, alleinstehende Freundin, fĂ€hrt immer weg. Letztes Jahr war es Thailand, „Am 24. war es tagsĂŒber super. Ich lag am Strand und Weihnachten war nicht prĂ€sent. Abends fanden sich aber nach und nach immer mehr Deutsche und andere EuropĂ€er an der Bar ein und ich habe dann doch irgendwie Weihnachten mit völlig fremden Menschen gefeiert. Ich glaube, dieses Jahr bleibe ich zuhause und feiere mit Freunden“, sagt sie.

…oft nicht einfach.

„Weihnachten war letztes Jahr schrecklich“, erinnert sich eine andere Freundin. „Meine Kinder waren bei meinem geschiedenen Mann und mein Freund und ich wollten es uns ganz gemĂŒtlich machen. Erst schön essen, dann bescheren, aber es kam keine Stimmung auf und wir landeten um 22 Uhr vor der Glotze.“

„SpĂ€testens ab Ende September gehen bei uns die Diskussionen los: Fahren wir zu meiner Familie oder zu der meines Mannes oder feiern wir lieber mit den Kindern alleine zuhause? Bisher haben wir immer spĂ€testens am 23. das Auto gepackt und sind losgefahren, meist dann doch zu meiner Familie, denn da ist es einfach schöner“, erzĂ€hlt eine andere Freundin.

Eine Kollegin hat eine alte Mutter in England. Sie wechselt sich mit ihrer Schwester ab. Jedes zweite Jahr packt sie viel zum Lesen ein und verbringt die Weihnachtsfeiertage mit ihrer Mutter. Die meiste Zeit vor dem Fernseher. Dort schaut sie BBC.

Jedes Jahr ist es mir schon Wochen vor dem Fest etwas klamm in der Brust. Wie wird es dieses Jahr werden? Wird es Streit geben? Misslingt das Essen? Sind alle mit ihren Geschenken zufrieden? Habe nur ich Freude am Kirchgang oder auch mein Mann (ausgetreten) und die Kinder?

… ist Hoffnung.

Ich habe schon alles erlebt. Den großen Krach. Die Gans, die nicht schmeckte. Das brennende Fondue. Geschenke, die nicht begeisterten. Schöne KirchgĂ€nge und solche, die ich schnell wieder vergessen habe, weil sie nichts bedeuteten.

Und doch spĂŒre ich am 24. Dezember morgens immer wieder diese Hoffnung. Dass der Abend dieses Tages ein ganz besonderer sein wird. Dass unsere Herzen aufgehen und wir zusammen ein wunderschönes Fest feiern. Und ich freue mich jedes Jahr wieder auf die Gemeinschaft mit meinen Lieben. Und ich weiß, egal, ob etwas nicht klappt, etwas schief geht oder sogar in einem Drama endet – ich freue mich auf meine Lieben.

Denn ich weiß, dass die Liebe stĂ€rker ist als alles andere. Das ist das Wunder. Das ist fĂŒr mich Weihnachten.

Das wĂŒnsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern.

Gemeinsam mit anderen Liebe zu geben und zu empfangen.

Frohe Weihnachten und
gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.