Donnerstag, 24. August 2017

Ende 2011 stehen die Hallen, die „Pfenning“ schon heute vermietet. Ist das so? Eine Zwischenabrechnung.

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Guten Tag!

Heddesheim, 21. Juni 2010. Im August 2009 pries das Logistikunternehmen seine neuen Hallen in Heddesheim fĂŒr das Jahr 2010 an. Aktuell werden diese Hallen fĂŒr Ende 2011 angeboten. Der erste Zeitplan hat nicht funktioniert – der zweite soll funktionieren. Vielleicht tut er das, vielleicht auch nicht. Unterm Strich ist das Projekt schon vor dem Start gescheitert, denn alle schönen Argumente sind hinfort – was bleibt, ist die realexistierende ErnĂŒchterung, dass es so etwas wie eine politische oder unternehmerische Kultur in der Sache in Heddesheim nicht gibt. Oder anders. Es gibt beides – als Unkultur.

Von Hardy Prothmann

immopfenning

Ab August 2011 werden in Heddesheim Logistikhallen vermietet - so verkauft sich "Pfenning", bislang ohne eine gĂŒltige Baugenehmigung. Weiß "Pfenning" mehr als die, die darĂŒber zu entscheiden haben? Quelle: immowelt.de

Wie gerne hĂ€tte ich Herrn Karl-Martin Pfenning geglaubt, dass er ein „Familienunternehmer“ sei und ein „Pfundskerl“ dazu. Einer, der sich sorgt. Einer, der es gut meint. Einer, dem gute Nachbarschaft wichtig ist. Einer, dem man vertrauen kann. Ein Unternehmer, der Verkehr erzeugt, aber fĂŒr seinen „Standort“ diesen vermeidet. (Siehe Video-Dokumentation, wie Herr Pfenning das alles und den Spagat verspricht).

Denn damit ist Herr Pfenning hausieren gegangen. Regional verwurzelt sei er, der Familienunternehmer. 1.000 ArbeitsplÀtze wolle er schaffen. Seinen Beitrag leisten. Viel Gewerbesteuer zahlen. Ein guter Nachbar werden. In Heddesheim.

Leider ist das alles eher nur ein MĂ€rchen. Denn es geht ums GeschĂ€ft. Beim GeschĂ€ft haben MĂ€rchen keinen Platz – außer, um leichtglĂ€ubige Menschen von etwas zu ĂŒberzeugen.

In Heddesheim hat Herr Pfenning besonders leichtglĂ€ubige MĂ€rchenfreunde gefunden. Die glaubten an viele ArbeitsplĂ€tze, hohe Gewerbesteuerzahlungen, einen Gleisanschluss und vor allem daran, dass sie durch den Familienunternehmer eine glor- und glanzreiche (eigene) Zukunft finden wĂŒrden.

Die 1.000 ArbeitsplĂ€tze sind eine MĂ€r, ebenso wie die „hohen Gewerbesteuerzahlungen“ und genauso der Gleisanschluss. Die MĂ€rchenfreunde im Heddesheimer Gemeinderat wollen das alles bis heute nicht wahrhaben – aber darum geht es schon lĂ€ngst nicht mehr.

Es geht schon lĂ€ngst darum, „sein“ Gesicht nicht mehr verlieren zu wollen, was lĂ€ngst verloren ist. Auch das nur ein hohler Wunschtraum, der funktioniert wie die Lindenstraße. Jede Woche gibt es eine neue Folge und immer etwas, was bewegt. Und immer bleibt die Hoffnung, dass es gut wird. Denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

In Heddesheim wird sie sterben, wenn das Bauvorhaben beginnt, die „bis zu“ 1.000 ArbeitsplĂ€tze sich auf wenige „saisonal“ oder „konjunkturell“ begrenzte hundert Niedriglohnverdingungen reduzieren, die erhoffte Gewerbesteuerzahlung aufgrund „außerordentlicher Ereignisse“ doch nicht so hoch ausfĂ€llt und die Verkehrsbelastung leider „deutlich“ ausfĂ€llt.

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Karl-Martin Pfenning: Nachbar, Familie, Region... viele Worte, wenig Zeichen. Bild: heddesheimblog

Angeblich um das Wohl der Gemeinde bemĂŒhte GemeinderĂ€te werden sich in nĂ€her Zukunft keiner noch so hohlen Ausrede zu schade sein, um ihre Fehlentscheidung zu begrĂŒnden. Denn sie haben weder zu Beginn, noch wĂ€hrend dieses „Ansiedlungsprozesses“ Verantwortung ĂŒbernommen. Und sie werden es auch in Zukunft nicht tun. Denn, wer Verantwortung ĂŒbernimmt, stellt zuerst einmal Fragen – das ist großen Teilen des Heddesheimer Gemeinderats unbekannt.

Bereits im vergangenen Jahr hat die Unternehmensgruppe „Pfenning“ im FrĂŒhjahr begonnen, seine weder genehmigten, noch gebauten Hallen zu vermarkten. Ein Skandal, den nur bemerkt, wer sich Fragen stellt.

Sicher ist, es gab eine mehrheitliche Auffassung im Gemeinderat, diese Unternehmensansiedlung fĂŒr Heddesheim zu wollen. MittrĂ€ger dieser Entscheidung waren die „GrĂŒnen“ – damals noch mit drei GemeinderĂ€ten vertreten.

Doch dann tauchten Fragen auf. Kritik. Sorgen.

Die GrĂŒnen haben diese aufgenommen und sind als absoluter Wahlsieger hervorgegangen. Mittlerweile stellen sie sechs GemeinderĂ€te und sind zweitstĂ€rkste Fraktion im Gemeinderat.

Leider nĂŒtzt ihnen das gar nichts, auch nicht die UnterstĂŒtzung einzelner Stimmen der CDU und SPD, denn der „entscheidende“ Rest, also 12 Stimmen klammern sich an etwas, an das sie lĂ€ngst nicht mehr glauben.

Der Skandal ist leicht begrĂŒndet: Jeder aufrechte Demokrat hĂ€tte bemerken mĂŒssen, dass es ĂŒberhaupt nicht angehen kann, dass seine vorweggenommene Entscheidung schon vermarket wird.

Als durch Recherchen des heddesheimblogs die aktive Vermarktung der weder genehmigten, noch gebauten Hallen im Sommer 2009 bekannt wurde, hĂ€tten der BĂŒrgermeister Kessler und der Gemeinderat, besorgt um das Wohl der Gemeinde, sich eine Frage stellen mĂŒssen: „Moment, wir sind in einem Entscheidungsprozess, oder ist der vorweggenommen? Denn bei jedem Entscheidungsprozess kann man sich dafĂŒr oder dagegen entscheiden. Die Option, sich dagegen zu entscheiden, scheint man uns nicht mehr zuzutrauen. Kann das sein?“

Es kann nicht sein.

pfenningwerbung

Hallen werden vermietet - ganz klar. Quelle: "Pfenning"

Bei allem Wohlwollen gegenĂŒber einer Unternehmensansiedlung kann es einfach nicht sein, dass das Unternehmen, in diesem Fall „Pfenning“, selbstverstĂ€ndlich davon ausgeht, dass alle Entscheidungen in seinem Sinne getroffen werden und man nicht den demokratischen Entscheidungsprozess abwartet, sondern vorwegnimmt. „Pfenning“ vermarktet seine Hallen, weil das Unternehmen davon ausgeht, dass das eintritt, was es will.

Und das ist der Skandal. Diese unternehmerische Unkultur, die sich mit der politischen vereint.

Das kann doch nicht sein?

Das ist so.

Allein diese Haltung ignoriert, verachtet und beschÀdigt den Status eines jeden einzelnen Gemeinderatsmitglieds zum Stimmvieh, dessen freie MandatstrÀgerschaft, dessen freies Gewissen, dessen persönlicher Verantwortung keine freie Entscheidung mehr erwartet.

Seit der „politischen Bewertung“ der „MehrheitsverhĂ€ltnisse“ durch die BĂŒrgerbefragung im September 2009, als 40 Stimmen „mehr“ oder 50,35 Prozent gegen 49,65 Prozent eine „Zustimmung“ signalisieren sollte, ist „Pfenning“ im Ort nicht mehr wirklich gesehen worden.

Schon gar nicht der gute Nachbar und Familienunternehmer und „regional verwurzelte“ Herr Karl-Martin Pfenning.

Das „Ding“ war durch, die „Ja-Sager-ohne-Fragen-Fraktion“ stellte keine Fragen, hob die Hand an der richtigen Stelle und macht bis heute so weiter – aus Sturheit, Trotz, gekrĂ€nkter Ehre oder welchen nicht-bekannten GrĂŒnden auch immer. Ein Grund ist die Demonstration von Macht – koste es was es, wolle. GlaubwĂŒrdigkeit, Ehre, Verantwortung. All das spielt schon lĂ€ngst keine Rolle mehr.

Der BĂŒrgermeister Michael Kessler hĂ€tte schon lĂ€ngst einen Schritt weiter sein können, der „100-Millionen-Euro-Kessler“ zu werden, wĂ€ren ihm und seiner Verwaltung, der er die „Marschrichtung“ vorgibt, nicht Fehler unterlaufen.

Wer angebliche „100-Millionen“ Euro investiert, wird ĂŒber die Kesslerschen Fehler „not amused“ sein. Man darf vermuten, dass ein Investor, der so viele ArbeitsplĂ€tze schaffen will und ganz schnell „betrĂ€chtliche“ Gewerbesteuerzahlungen zahlen möchte und so viel Geld als guter Nachbar, als Familienunternehmer und als „regional-Verwurzelter“ investieren möchte, mindestens „irritiert“ sein wird.

Denn diese „Irritation“ wird erhebliches Geld kosten – erst den Unternehmer und spĂ€ter jemanden anderen, von dem der Unternehmer sich das Geld wiederholen wird. Da wird der „freundliche Herr und Nachbar“ nachverhandeln und Fragen stellen, also das tun, was die „Zwölfer-Fraktion“ eher nicht tut. Am Ende wird er seinen „Schaden“, weil er doch nur „Gutes“ will, bezahlt bekommen haben – um weiter „Gutes“ zu tun. „So lĂ€ufts bizness“.

Dass ein Herr Pfenning mal eben ein paar hunderttausende oder mehr Euros einfach so „schießen“ lĂ€sst, weils in Heddesheim nicht so lĂ€uft, wie er sich das vorstellt, glauben nur die MĂ€rchenfanatiker.

All das wird am kommenden Donnerstag im Gemeinderat kein Thema sein. Schon gar nicht bei den MĂ€rchenfreunden.

Keiner der „Ja-Sager-zu-allem-Fraktion“ wird eine gewichtige Frage stellen, sondern „schmunzelnd“ die gewisse Hand der Macht heben. Ob die linke oder rechte oder die freie spielt keine Rolle. Es wird kribbeln dabei. Es werden GefĂŒhle genossen werden. Der Genugtuung. Der Rache. Der Macht. Mit Sicherheit keins der gewissenhaften Verantwortung.

Leider wird es angesichts der Tatsache, dass das „Handheben“ schon lĂ€ngst anderswo beschlossen wurde, keine Frage an sich selbst geben, was der Unterschied zwischen einem freien, verantwortlichen und unabhĂ€ngigen MandatstrĂ€ger und der eigenen „RealitĂ€t“ ist.

RealitÀten sind nicht mehr gefragt, nur Rollenspiele.

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Auch 1a-Immobilien verkauft schon "Pfenning"-Hallen. Quelle: 1a-Immobilienmarkt.de

Das Schlimme ist: Die Rollenspieler halten das Theater, dem sie sich hingegeben haben, lĂ€ngst fĂŒr eine RealitĂ€t.

Noch schlimmer ist: Das Rollenspiel ist die RealitÀt.

Fragt sich nur, ob das Publikum eine Zugabe möchte.

SpĂ€testens 2014 zur nĂ€chsten BĂŒrgermeister- und Kommunalwahl wird ein neuer Spielplan aufgestellt werden mĂŒssen.

Der gute Nachbar, der Herr Pfenning, wird sich sicherlich auch dann genausowenig blicken lassen, wie jetzt schon. Denn Heddesheim ist ihm egal, mitsamt seiner BĂŒrgerInnen und deren Leben.

Ob Herr BĂŒrgermeister Kessler nochmal zur Wahl antritt? Wer weiß? Vielleicht gibt es fĂŒr ihn andere lukrative Angebote? Die Realisierung seiner beruflichen Chancen ist ihm grundgesetzlich garantiert.

In irgendeiner Kneipe werden sich irgendwelche Ex-GemeinderĂ€te daran erinnern, wie sie es irgendjemandem mal so „ordentlich“ gezeigt haben und noch ein Bier bestellen.

Andere werden „ums Verrecken“ jede noch so unbedeutende Veranstaltung besuchen, um am Mythos ihrer „Bedeutung“ zu arbeiten.

Und Herr Pfenning, der regional-verwurzelte Familienunternehmer? Was macht der? Sich woanders vorstellen, als regional verankert, beispielsweise in RumÀnien, wo er schon zehn, zwanzig Jahre vor Ort investiert ist?

Spannende Fragen – wir werden sie und die „Antworten“ erleben.

Der ursprĂŒngliche „Spielplan“ von „vermieteten Hallen“ im Jahr 2010 kann nicht mehr gehalten werden – die Nachspielzeit wurde auf 2011 ausgeweitet.

Es könnte sein, dass es so kommt – es kann aber auch ganz anders kommen.

Fest steht schon heute – wĂ€re der Ansiedlungswunsch der Unternehmensgruppe „Pfenning“ ehrlicher und transparenter gelaufen, hĂ€tte man sich viel Ärger, Frust, Streit, ZerwĂŒrfnis und Kosten sparen können.

Doch dieser Wunsch hat etwas mit der Frage des „Stils“ zu tun.

Wer „Hauruck“ etwas durchsetzen will, muss eventuell „Ruckzuck“ lernen, dass das so nicht geht.

Der GeschĂ€ftsfĂŒhrer Uwe Nitzinger, der sich immer „dialogbereit“ gab, das aber nie war, ist auf GemeinderĂ€te getroffen, die dasselbe vorgaben. Deren Sprachlosigkeit, deren Dialogfeindschaft produziert vor allem eines: enorme wirtschaftliche Kosten und gemeindliche SchĂ€den.

Viel unnötiges Geld wurde aufgrund sturer Management- und politischer Entscheidungen verbrannt. Die politische und wirtschaftliche Kultur ohne Sinn und Verstand beschÀdigt.

All das ist ein Grund, um Pfenning als misswirtschaftliches Prinzip grundsĂ€tzlich abzulehnen – denn angesichts des erneuten Vermarktungsversuchs ist ein Wille auf Einsicht und Besserung auch nicht im Ansatz erkennbar.

Schon gar kein „nachbarschaftliches“, „familiĂ€res“ oder „verantwortliches“ Verhalten.

Es geht ums „GeschĂ€ft“ – vermutlich nur fĂŒr einen Unternehmer. Im Ort gĂ€rt es schon lĂ€ngst, ob es nur fĂŒr einen „lukrativ“ ist.

Bislang sieht das so aus – umso mehr muss man sich die Frage stellen, was das mit dem „Wohl der Gemeinde“ zu tun haben soll.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Schubi

    Die GrĂŒnde Ihres Artikels fĂŒr eine „Zustimmung“ der GemeinderĂ€te am Wahltag sind gut nachvollziehbar (Sturheit, Trotz, gekrĂ€nkter Ehre, Demonstration von Macht). Wer möchte schon so offen seine UnfĂ€higkeit zur Schau stellen? Keiner.
    Aber solche BeweggrĂŒnde des Handelns können eine Gemeinschaft/Gesellschaft nur in den Abgrund fĂŒhren, bestenfalls in die Lethargie.

    Auch wenn die betreffenden GemeinderĂ€te Ihren Artikel vermutlich nicht lesen werden kann ich nur an das Gewissen appellieren. Denn wie können sie noch ruhig schlafen? Eigentlich kann man nur den Kopf voller Mitleid schĂŒtteln, hoffen & beten, dass viele zur Vernunft kommen. Hoffen wir mal auf die Evolution, dass sich die Besten durchsetzen… 😉

    Und ein Dankeschön an Ihre Berichterstattung aus dem fernen Niedersachsen!!!

    • heddesheimerin

      „Auch wenn die betreffenden GemeinderĂ€te Ihren Artikel vermutlich nicht lesen werden kann ich nur an das Gewissen appellieren.“

      Ich bin sicher, die Herrschaften lesen den Artikel sehr genau. Nur bewegen wird es wohl leider wieder einmal nichts.

  • Powerbiene

    Es ist nicht zu fassen. jeden Tag kommen weitere Details ans Tageslicht, die das Projekt eigentlich unhaltbar machen. Warum traut sich keiner von den GemeinderĂ€ten der „großen Volksparteien“ (man beachte die Ironie!) endlich mal die Notbremse zu ziehen?

    Wer sich jetzt ein Herz fasst und die Fehlentscheidung zugibt, der muss sich ein paar Wochen lang Schelte anhören. Wer weiter an diesem Titanic-Projekt festhĂ€lt, wird jahrelang mit dem Vorwurf leben mĂŒssen, das Falsche getan zu haben.

    Powerbiene