Donnerstag, 23. November 2017

Zur Sache: Die „unselige“ Berichterstattung im Mannheimer Morgen

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Schere, Kluft, Arm, Reich - wichtiges Thema. Beim "MM" von "außen besetzt". Quelle: MM

Mannheim/Rhein-Neckar, 20. Juli 2011. (red) Die Entwicklung ist dramatisch – sowohl fĂŒr BeschĂ€ftige mit niedrigen Einkommen als auch fĂŒr Abonnenten des Mannheimer Morgen. In der heutigen Ausgabe benennt die Zeitung „Geringverdiener zu Verlierern“, berichtet weiter auf Seite 5 unter „Wirtschaft“ zu „Kluft zwischen Arm und Reich wĂ€chst“ und kommentiert die „unselige Schere“. Dahinter steckt sehr viel „Unseligkeit“. Auch eine journalistische. Und einen nicht vorhandene Transparenz.

Von Hardy Prothmann

Der MM „berichtet“ also und „kommentiert“ – so scheint es zumindest.

TatsĂ€chlich steht auf Seite 1 ein Text von „unserem Korrespondenten“ Wolfgang Mulke. Der kommentiert auch auf Seite 5. Dort steht ein weiterer Bericht „von dpa-Korrespondenten (sic!) Bernd Röder“.

Diese Berichterstattung ist keine eigene, redaktionelle Leistung des Mannheimer Morgens. Sie ist eingekauft. Von der Agentur „die-korrespondenten.de„, bei der Wolfgang Mulke arbeitet und bei dpa, der Deutschen Presse-Agentur.

„Dein“, „Mein“, „Unser“ – der „MM“ ist fĂŒr „uns“ alle da – oder doch nicht?

Mal abgesehen von dem Grammatik-Fehler bei Herrn Röder… – ist Herr Mulke tatsĂ€chlich „unser Korrespondent“, wie der MM das behauptet? TatsĂ€chlich arbeiten „die-korrespondenten.de“ fĂŒr viele Zeitungen. Ebenso wie dpa.

Das geht auch in Ordnung.

Wer sich diese Dienstleistung als „unser“, sprich „eigene“ aneignet, ist aber nicht wirklich ehrlich gegenĂŒber den Leserinnen und Lesern.

Denn es ist keine eigene, redaktionell-journalistische Leistung der Zeitung. Beim GemĂŒsehĂ€ndler wĂŒrden man unter „unser Anbau“ erwarten, dass der Apfel auch aus „unserem“ Garten kommt. Bei der Zeitung ist das „abstrakter“.

Es scheint, als informierten Korrespondenten exklusiv fĂŒr die Zeitung. TatsĂ€chlich ist der MM nur eine von vielen Zeitungen, die tagtĂ€glich bei Dienstleistern Informationen einkaufen und diese verbreiten. „Unser Korrespondent“ ist aber eine gewagte Behauptung. Denn „unser“ signalisiert „ExklusivitĂ€t“. TatsĂ€chlich ist das meistens nicht so.

Das aktuelle Thema beschĂ€ftigt sich mit der „Lohnschere“ und Wolfgang Mulke schreibt einen wirklich guten Kommentar. Kritisch, auf den Punkt. Immer mehr Menschen werden in Billigjobs gedrĂ€ngt: „Sie sind trotz Arbeit arm dran.“ Der Satz beschreibt Lebensschicksale.

Wir haben schon „gestern“ darĂŒber berichtet – schneller und mit eigener Recherche:
http://rheinneckarblog.de/2011/07/19/diw-kaufkraft-sinkt-wer-wenig-hatt-hat-noch-weniger/

„Lebensschicksale“ werden vermutlich auch bei der Zeitung Mannheimer Morgen beschrieben, ohne dass sie benannt werden:

„Denn immer mehr BeschĂ€ftige bekommen nur schlecht bezahlte Stellen“,

ist eine treffende Analyse und dĂŒrfte auf alle ZeitungsaustrĂ€ger und viele „freie Mitarbeiter“ der Zeitung zutreffen.“

„Lebenschicksale“ – schlecht, schlechter, noch schlechter bezahlt gilt vor allem fĂŒr „freie Mitarbeiter“. Von Zeitungen.

In den vergangenen Wochen haben ver.di und der Deutsche Journalistenverband zu Streiks aufgerufen – Zeitungsabonnenten haben das an den „dĂŒnnen“ Ausgaben festgestellt.

Denn die deutschen Zeitungsverleger wollen nicht nur keine „Lohnanpassungen“ vornehmen – nein, ganz im Gegenteil, sie wollen teils bis zu 25 Prozent weniger fĂŒr BerufsanfĂ€nger zahlen. Sie sind aktiver Teil des Systems, dass Menschen Arbeit gibt, die trotz BeschĂ€ftigung „arm dran sind“.

Gleichzeitig wollen diese Verleger eine Leistungsschutzabgabe erstreiten, eine Art LizenzgebĂŒhr, die alle Teile der Wirtschaft, der Verwaltung, insgesamt die gesamte Öffentlichkeit trifft: Sobald jemand eine „Zeitung“ zitiert, soll Geld fließen. An die Verleger. Das ist zwar sehr vereinfacht dargestellt, aber im Prinzip das, was sich die Verleger wĂŒnschen. Dieser „Leistungsschutz“ kommt aber niemals bei den „Urhebern“ an, also den Schreibern, sondern bei den „Verbreitern“, also den Verlegern.

Die allermeisten Lokalzeitungen zahlen Zeilenhonorare, die jenseits von „Gut und Böse“ sind, wenn man das Geld auf „Mindestlohn pro Stunde“ umrechnet. Wer auf sechs Euro pro Stunde kommt, kann sich glĂŒcklich schĂ€tzen. Fotografen sollen beim MM beispielsweise fĂŒr Fotos fĂŒr die Online-Galerien genau nichts erhalten. Das ist eine „Service-Leistung“, die erwartet wird. Wer der nicht nachkommt, muss damit rechnen, dass „bezahlte Jobs“ weniger werden.

Große Teile der Zeitung sind mittlerweile „Discount-Ware“. Irgendwo hergestellt und massenhaft verbreitet – die Leserinnen und Leser können diese „Nachrichten“ umsonst und zuhauf ĂŒberall im Internet finden. Selbst scheinbar „exklusive“ Themen sind nichts weiter als „zugeschickt“ verbreitete Informationen von Ämtern, Vereinen oder Firmen.

Trotzdem gibt es immer noch genug gutglĂ€ubige „Abonennten“, die fĂŒr „ExklusivitĂ€t“ zwanzig bis dreißig Euro pro Monat zahlen. Wer sich „kundig“ macht, stellt den Preis in Frage.

Zeitung heute? Sowas wie ein „Ein-Euro-Shop“.

Kein Wunder, dass immer mehr Abonnenten kĂŒndigen – „QualitĂ€tsjournalismus“ wird schon lange nicht mehr geboten.

Stopp. Der Kommentar von Wolfgang Mulke ist guter QualitÀtsjournalismus. Er benennt Fehlentwicklungen. Prangert an.

Leider fehlt es an der Transparenz in der eigenen Zeitung, was man Herrn Mulke nicht vorwerfen kann. Soll er etwa thematisieren, wie es um die „Niedriglohnpolitik“ des MM bestellt ist? Und sich Ärger einhandeln und nicht mehr „gebucht“ werden? Auch Herr Mulke muss sein GeschĂ€ft machen.

Ich selbst war auch mal „freier Mitarbeiter“ des Mannheimer Morgen. Von 1991-1994. Damals habe ich fĂŒr 55 Pfenning „die Zeile“ geschrieben. In einem Monat habe ich mal rund 1.400 Mark „verdient“. Im „Schnitt“ bedeutete das pro Tag ein bis zwei „Artikel“. Rund eine Stunde hin und zurĂŒck zum Termin. Ein bis drei Stunden vor Ort. Eine Stunde Vorbereitung. Ein Stunde Schreiben. Oder vielleicht  mehr. Zwei, drei, vier Stunden, GesprĂ€che, Telefonate, Treffen – wenn mir das „Thema“ wichtig war.

Und die „Themen“ waren wichtig – zumindest mir. Und den Menschen, die „betroffen“ waren.

Einige Texte waren nur 40-Zeiler. Einige lĂ€nger, vielleicht 120-Zeiler (drei bis vier Spalten-Texte). Mit echter „Recherche“, viel Aufwand, stundenlangen GesprĂ€chen. Terminen. Die Arbeit war sehr aufwĂ€ndig, hat aber „Spaß“ gemacht.

Wenn es „gut“ lief, waren das also vier Stunden fĂŒr 25 Mark oder rund sechs Mark die Stunde. Wenn es schlecht lief, waren es sechs oder mehr Stunden. Also nur vier Mark die Stunde. Das war 1994.

„Berechenbare Information?“ – Klar, auf dem Niveau von 55 Pfenning. Pro Zeile.

Oft haute die „Rechnung“ auch nicht hin. Dann war es „Berufsethos“. Ruhm und Ehre. Wichtiger als Geld.

Wenn man das „System“ kapiert oder „im Stoff stand“, konnte man die „Stunde Vorbereitung streichen“ und wenn man clever war, „hin und zurĂŒck“ mit möglichst vielen Terminen verbinden – was meistens Wochend- und Abendtermine beinhaltete.

Und wenn man „noch besser“ verstanden hatte, „dichtete“ man irgendwelchen Blödsinn, Hauptsache, alle waren zufrieden, es war ein tolles Ereignis, es war schön und nochmal, alle waren zufrieden. Um der „Erwartung“ der Redaktionsleitung zu genĂŒgen, aber auch, um wenigstens ein bisschen anstĂ€ndig zu verdienen, schreibt man dann halt solchen Mist.

Die Verlage haben in dieser Zeit zweistellige Umsatzrenditen geschrieben.

Am 20. Juli 2011 lese ich im Mannheimer Morgen einen Kommentar ĂŒber die „unselige Schere“. Der Kommentar trifft den Punkt. Er ist kritisch und korrekt. Er beschreibt Lebensschicksale. Der Journalist Wolfgang Mulke hat einen korrekten Job gemacht.

Gibt es eigentlich keine Journalisten beim MM, die genauso hÀtten schreiben können? Das ist meine Frage. Wieso ist die Redaktion nicht in der Lage, das Thema zu berichten und zu lokalisieren?

Schupsen die „Redakteure“ nur noch Bratwurstfeste und gute Stimmungen oder haben sie noch irgendeinen Funken Ehrgeiz in sich, wirklich gute Journalisten zu sein?

Eine der hĂ€rtesten „Branchen“ in Sachen „Mindestlöhne“ ist der Journalismus.

Oder ist es die Schockstarre, dass sie Teil des Systems sind und niemals ehrlich ĂŒber Mindestlöhne, Ausbeutung und unhaltbare ZustĂ€nde ĂŒber andere berichten können, ohne sich selbst zu meinen?

Mir tun die „Kollegen“ wirklich leid, aber ich habe kein Mitleid mit ihnen.

Ich kann jeden verstehen, der seinen „Vorteil“ retten will, aber ich verachte auch jeden, der sich dabei noch „Journalist“ nennt und so tut, als sei er im Auftrag der „Öffentlichkeit“ unterwegs.

Der MM ist Teil dieser Ausbeuter-Wirtschaft, die Menschen „Arbeit gibt, mit der sie arm dran sind“. Das muss man sagen. Das muss man aufschreiben.

Aber das wird man niemals in dieser Zeitung lesen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Guter Artikel. Übrigens: Dieses ominöse Leistungsschutzrecht (alleine schon der propagandistische Name!) steht ja schon im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP, wurde aber noch nicht umgesetzt. Wieder ein Beispiel fĂŒr Klientelpolitik ohne Sinn und Verstand, Ă€hnlich dem Steuergeschenk fĂŒr die Hotelbranche.

  • Jochen Schust

    Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, andere BlÀtter zahlen Freie noch sehr viel schlechter als mit 55 Pfennigen

  • Jochen Schust

    Wohin schlechter Journalismus fĂŒhrt, zeigt sich in der Aulagenentwicklung. Demnach hat der MM im 2. Quartal 2011 innerhalb von nur 3 Monaten ĂŒber 1500 Abonnenten verloren! (Quelle IVW Website). Das zeigt auch dass der „Mehr Lokal“ Relaunch vom Herbst rein gar nix gebracht hat. Die Leser laufen weiter in Scharen davon.

    • heddesheimblog

      Guten Tag!

      Danke fĂŒr den Hinweis – das sind herbe Verluste, die sicherlich einerseits mit der Unzufriedenheit der Abonnenten zu tun hat, andererseits aber auch mit alternativen Angeobten wie unseren Blogs.

      Bei der Interpretation der IVW-Zahlen kann man natĂŒrlich QuartalszeitrĂ€ume vergleichen, typischerweise vergleicht man aber immer dieselben Quartale, weil man davon ausgeht, dass hier „Ă€hnliche“ Bedingungen herrschen, z.B. Jahreszeit.

      Im Vorquartalsvergleich 1/2011 zu 2/2011 sind es 1.541 Abos, die verlustig gingen, also -2,08 Prozent. GegenĂŒber 1.049 im Zeitraum 1/2010-2/2010 oder -1,39 Prozent.

      Im Jahresvergleich sind die Zahlen noch dramatischer. WĂ€hrend der MM im Vergleich 2/2009 zu 2/2010 1.839 Abos oder -2,41 Prozent verloren hat, sind es im Vergleich 2/2010 zu 2/2011 -2,6 Prozent oder 1.933 verlorene Abos.

      Die Zahlen betreffen die Ausgabe A Montag-Samstag.

      Vergleicht man das mit der tĂ€glichen „Eigenwerbung“, mit denen die Zeitung um Abos buhlt wie ein Marktschreier, ist das schon sehr bitter.

      Wie geben Ihnen absolut recht, dass die QualitÀt des Produkts nicht stimmt. Die Redaktion brÀuchte dringend eine neue Leitung, da Chefredaktion und Ressortleitungen vollstÀndig ideenlos sind.

      Die „Kampagne“ „Mehr Seiten, mehr Lokales, mehr Fotos“ hat nicht nur nichts gebracht, sondern unseres Erachtens nach die Abo-KĂŒndigungen sogar beschleunigt. Die Zeitung wollte damit zeigen, „wo der Hammer hĂ€ngt“ und hat sich den selbst auf den Kopf gehauen.

      Wenn die Entwicklung so weiter geht, darf man gespannt sein, ab wann die ersten Entlassungen stattfinden und ab wann der MM zu einem Übernahmekandidat wird. Leider fĂŒhrt beides meist nicht zu „Verbesserungen“ der QualitĂ€t, sondern eher zum Gegenteil.

      SpÀtestens, wenn Aldi und Lidl als Millionen-Umsatz-Werbekunden abspringen, wird es richtig heftig werden.

      Unser Angebot an einige gute Kollegen gilt nach wie vor – schnell das sinkende Schiff zu verlassen und mit uns das regionale Online-Netzwerk zĂŒgig aufzubauen. Denn eines ist klar: Wer heute zwischen 20 und 45 Jahren alt ist, hat ganz schlechte Karten, beim MM das „Rentenalter“ zu erreichen. Und wer online nicht fit ist und die nötigen Vorausseztungen nicht mitbringt, den will keiner mehr.

      In diesem Sinne.

      Einen schönen Tag wĂŒnscht
      Das heddesheimblog

      • Jochen Schust

        … wobei man vielleicht noch anmerken sollte, dass es sich beim aktuellen dramatischen Auflagen-Schwund um kein spezifisches MM-PhĂ€nomen handelt. Ähnliche Horrorzahlen finden sich bei den allermeisten Lokalzeitungen.

  • D. Weber

    Man fragt sich, woher die MM Redakteure die Frechheit nmehmen, nun bei dieser allgemein schlechten Leistung auch noch fĂŒr mehr Geld zu streiken. Wenn ich mir diese TarifgehĂ€lter so ansehe, muss ich sagen, ich werde wohl nie soviel verdienen wie ein langjĂ€hriger MM-Redakteur (Der fĂŒr CentbetrĂ€ge freie Journalisten beauftragt und sie damit in die Armut treibt!)

    • heddesheimerin

      Ist Frau Görlitz auch im Streikeinsatz? Vielleicht mit dem Plakat „QualitĂ€t kostet“ unterwegs? Das wĂ€r ja mal ein Witz.

      • lutz

        Ich glaube auf Frau Görlitz Schild steht eher „Gewissenlose Blogger stören unseren wohlverdienten Redaktions-Trott“ oder so.

      • Heddesheimerin

        Einfach irre: heute im MM Teil heddesheim der Bericht zum Jugendradfahren schon mit BratwĂŒrsten in der Überschrift. Das muss trotz sein.