Montag, 23. November 2020

Was Herr Doll lieber nicht zitiert…

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Guten Tag!

Heddesheim, 20. Juli 2009. Der Heddesheimer CDU-Fraktionsvorsitzende macht Werbung fĂŒr die Ansiedlung der Pfenning-Gruppe, wo er kann. Dabei zeigt er sich belesen und verweist auf „Studien“.
Nach diesen „Studien“ droht Heddesheim der Kollaps, wenn Pfenning mit seinen angeblichen Gewerbesteuerzahlungen nicht nach Heddesheim kommt.
Das
heddesheimblog hat sich diese „Studien“ angeschaut und festgestellt: Darin steht genau das Gegenteil von dem, was Herr Doll behauptet.

Das heddesheimblog

„Herr Doll ist ein Meister des Wortes“, sagte sein Parteifreund Rainer Hege voller Bewunderung auf einer CDU-Veranstaltung. Und: „Er kommt der Wahrheit am nĂ€chsten.“

Herr Doll begrĂŒndet seine Wahrheit gerne auf „Studien“. Mal zitiert er Studien, die es nicht gibt, mal zitiert er Studien, die nicht der gemacht hat, den Herr Doll als Urheber nennt und aktuell zitiert Herr Doll im Mitteilungsblatt aus einer Studie, die keine ist und verschweigt, dass es zu seinen zitierten Zahlen auch einen „Demographie-Bericht“ gibt.

Die von Herrn Doll genannten Zahlen gehören zu den „unsichersten“.

Dieser Bericht ordnet beispielsweise die von Herrn Doll (falsch) genannte Zahl von -16,4 % bei der „Arbeitsplatzentwicklung der vergangenen fĂŒnf Jahre 2006“ in den „methodischen ErlĂ€uterungen“ so ein: „SelbstverstĂ€ndlich bleiben Ungewissheiten. Sie sind umso grĂ¶ĂŸer , je kleiner die betrachtete Gebietseinheit ist. Betriebserweiterungen oder – schließungen …. wirken sich in kleinen Orten relativ viel stĂ€rker aus als in den grĂ¶ĂŸeren Gebietseinheiten.“

wegweiser

Jeder kann sich selbst ĂŒber die Daten zu Heddesheim bei "Wegweiser Kommune" informieren. Doch Vorsicht ist geboten, weil die Daten nicht vollstĂ€ndig erscheinen. Noch mehr Vorsicht ist geboten, wenn Herr Doll sie "interpretiert". Bild: hblog

Nach der Internet-Seite „Wegweiser Kommune“ gehört Heddesheim zum „Demographietyp 3“. Diesem Typ sind 361 Gemeinden zugeordnet.

Dass heddesheimblog fasst wichtige Kernaussagen in der Folge der Nennung in diesem Bericht zusammen.

Der Bericht „Suburbane Wohnorte mit rĂŒcklĂ€ufigen Wachstumserwartungen“ beschreibt zunĂ€chst die Ausgangslage: Die Mehrheit der betrachteten Orte liegen von Hessen abwĂ€rts im sĂŒddeutschen Raum. „Sie sind die typischen Gewinner der ersten Suburbanisierungswelle“. Im Bericht fĂ€llt negativ auf, dass gleich auf der zweiten Seite eine „positive Bevölkerungsentwicklung“ behauptet wird und einige Zeilen spĂ€ter kommt die Aussage „geringere BevölkerungszuwĂ€chse“.

„RĂŒcklĂ€ufige Wachstumserwartungen“ heißt ĂŒbrigens nicht, dass dies Gemeinden mit negativen Entwicklungen zu rechnen haben, sondern nur, dass viele positiv-sprunghafte Entwicklungen der Vergangenheit nicht mehr zu erwarten sind, also „rĂŒcklĂ€ufig“ sind. Insgesamt liest sich der Bericht sehr positiv fĂŒr die Zukunft der hier beschriebenen Gemeinden.

Das heddesheimblog will aber nicht die logischen Fehler des Berichts untersuchen, sondern darstellen, was drin steht. Denn die CDU und Herr Doll zitieren gerne aus dieser Quelle.

Nach dem Bericht wird die Bevölkerungsentwicklung in diesen Gemeinde positiv sein – sie wĂ€chst, mĂ€ĂŸig, aber positiv. Und die Bevölkerung ist im Vergleich gut gebildet und verfĂŒgt ĂŒber hohe Einkommen. Andererseits mangelt es an AttraktivitĂ€t fĂŒr die Jugend – bis zu 30 Prozent zwischen 18 und 24 Jahren wandern deswegen ab. NeubĂŒrger, die die Vorteile dieser Gemeinden suchen, gleichen das aber wieder mehr als aus.

Der Alterungsprozess nimmt zu. Im Vergleich aber weniger als in anderen Gemeinden. ArbeitsplĂ€tze gibt es vor allem im Dienstleistungssektor. Die Arbeitslosenquote ist mit 8 Prozent unterproportional. Die Arbeitsplatzentwicklung verlĂ€uft ĂŒberwiegend positiv. Die durchschnittlichen steuerlichen Einnahmen je Einwohner sind leicht ĂŒberproportional.

Vor allem der Wohn- und Freizeitwert ist wichtig fĂŒr diese Gemeinden.

„Aufgrund ihrer außergewöhnlich guten Standortbedingungen haben sie die große Chance, sich mit ĂŒberdurchschnittlichen HandlungsspielrĂ€umen auf die demographischen Prozesse angemessen vorzubereiten.“

Wichtig ist:

  • die AttraktivitĂ€t als Wohn- und Lebensort zu erhalten
  • die StĂ€rkung der Innenentwicklung
  • Familie und Beruf zu vereinbaren
  • zukunftsorientierte Seniorenpolitik
  • IdentitĂ€t der Einwohner mit der Gemeinde stĂ€rken

Dabei sollen die Kommunen, was die Infrastruktur angeht, sich mit anderen Kommunen koordinieren. Alle haben eine nur geringe ArbeitsplatzzentralitÀt, was in Ordnung ist, da sie andere Schwerpunkte setzen.

Bislang gibt es kaum einen Problemdruck. Die Kommunen können besonnen und ohne Hektik ihre Zukunft steuern.

Es muss ein Bauland-Controlling geben
und so wenig GrĂŒndland wie möglich verbraucht werden.

Die Siedlungsentwicklung erfordert nach dem Bericht ein „Bauland-Controlling“.

„Die Innenentwicklung geht vor Außenentwicklung“, sagt der Bericht. Viele lokale Akteure planen noch immer in Richtung Wachstum, was zukĂŒnftig falsch ist. Es soll weniger GrĂŒnland verbraucht werden und stattdessen auf Brachen und vorhandene, nicht genutzte FlĂ€chen zurĂŒckgegriffen werden.

Statt schnell, sollte sorgfĂ€ltig gehandelt werden. Die meisten Kommunen befinden sich noch in einer ordentlichen Verfassung und sollten eine „ausbalancierte Infrastruktur“ suchen. Dazu kann auch gehören, gewisse Infrastrukturen zu schließen oder umzuwidmen.

Wichtig ist die Balance zwischen Familie und Beruf.

Ganz wichtig ist der Erhalt und die Verbesserung der AttraktivitÀt der Ortskerne.

In Zahlen gesehen, steht Heddesheim nach einem Vergleich der Daten mit Ladenburg, Schriesheim oder Hembsbach durch das heddesheimblog gut da.

TatsĂ€chlich lassen sich einzelne Zahlen finden, die negativ im Vergleich ausfallen, aber es lassen sich viel mehr Zahlen finden, die dem Durchschnitt entsprechen oder im Gegenteil sogar ĂŒberdurchschnittlich sind.

Herr Doll zitiert lieber die negativen. Das ist gut zu wissen.

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das heddesheimblog

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.