Dienstag, 12. Dezember 2017

Besichtigung des Lernbüros der Karl-Drais-Schule

Offenes Lernen und individuell fördern

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HIR KDS Lernbuero 2013 09 19  

 

Hirschberg, 20. September 2013. (red/sw) In Hirschberg werden bekanntermaßen am Sonntag nicht nur die Mitglieder des Deutschen Bundestages gewählt, sondern auch darüber abgestimmt, ob die Karl-Drais-Schule (KDS) in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt werden soll. In den letzten Wochen wurde dieses Thema während etlicher Veranstaltungen, über die wir auch berichtet haben, kontrovers diskutiert. Gestern Abend konnten die Lernbüros und Klassenräume der Karl-Drais-Schule besichtigt werden. Schüler, Kollegium und Rektor standen für Fragen zur Verfügung. Unsere Autorin Susanne Warmuth schildet aus ihrer subjektiven Sicht ihren Eindruck.

Von Susanne Warmuth

Die Karl-Drais-Schule Hirschberg ist schon jetzt erfolgreich mit ihrem Konzept des offenen Lernens, das im letztem Schuljahr mit den neunten Klassen gestartet wurde. Schüler und Lehrer bestätigen unabhängig von einander, dass seither alle viel entspannter sind. Das Lernen und Lehren macht Spaß, individuelle Förderung und Forderung steht im Vordergrund. Der Kontakt Lehrer – Schüler – Eltern ist viel intensiver, war er doch vorher vor allem aus Zeitgründen kaum möglich. Der Leistungsdruck hat sich auf ein erträgliches Niveau reduziert.

Mit Beginn des aktuellen Schuljahres werden die Fünftklässler nach den neuen pädagogischen Methoden unterrichtet. In Hirschberg wurde auch für diese 20 Kinder ein Lernbüro eingerichtet. Hier hat jedes Kind seinen eigenen Arbeitsplatz mit einem Rollcontainer, in dem Materialien und Unterlagen aufbewahrt werden. Im Lernbüro werden gestellte Aufgaben, die als Wochenplan-Arbeiten vergeben werden, selbständig erledigt. Arbeiten nach einem Wochenplan bedeutet, dass ein komplettes Aufgabenpaket am Anfang der Woche vergeben wird. Die Schüler sollen lernen, ihre Zeit selbst einzuteilen. Diese Aufgaben betreffen hauptsächlich die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik.

Input

HIR KDS Lernbuero Klasse 5 2013 09 19

Jeder Schüler der Klasse 5 hat einen Arbeitsplatz im Lernbüro.

Das Arbeiten im Lernbüro nimmt etwa 1/3 der Unterrichtszeit in Anspruch. In die Lernbürozeiten fallen auch sogenannte Input-Phasen, bei denen Lerninhalte dem Schüler nahe gebracht werden, die anschließend selbständig geübt oder vertieft werden. Diese Input-Phasen lassen sich flexibel gestalten: Entweder nimmt die ganze Klasse teil oder auch nur eine Gruppe von Schülern, je nach den Erfordernissen und dem individuellen Leistungsstand. Ein weiteres Drittel dient dem Fachunterricht aus den Fächerverbünden Materie-Natur-Technik (MNT), Wirtschaft-Arbeit-Gesundheit (WAG), Welt-Zeit-Gesellschaft (WZG) oder Musik-Sport-Gestalten (MSG). Das letzte Drittel Unterrichtszeit ist dem Kursunterricht vorbehalten, bei dem die Schüler auf verschiedenen Angeboten wählen können. Hierzu gehören Kooperationen mit örtlichen Vereinen ebenso wie AGs der verschiedensten Art.

Ein nicht zu leugnender Vorteil des offenen Lernens ist die Möglichkeit, jedem Kind seine individuelle Entwicklung zuzugestehen. Schwache Schüler können gefördert werden, starke gefordert ohne Klassenkameraden zu benachteiligen. Leistungskontrollen finden möglichst dann statt, wenn die Schüler das gesteckte Ziel erreicht haben – das muss nicht zwangsläufig für alle zum gleichen Termin sein. Die Beurteilung erfolgt nicht nach Noten, sondern orientiert sich an einem Kompetenzraster. Darin wird optisch dargestellt, wo sich der Schüler in Relation zu den Anforderungen des Bildungsplanes befindet. Es ist in der Gemeinschaftsschule durchaus denkbar, dass ein Kind zum Beispiel in Deutsch auf Gymnasial-Niveau befindet, in Mathematik dagegen auf Realschul-Niveau oder gar Hauptschul-Niveau. Rückmeldegespräche zum Leistungsstand finden zwischen Lehrer und Schüler alle zwei Wochen statt, mit den Eltern mindestens drei mal im Schuljahr.

Offenes Lernen beinhaltet auch in hohem Maße eine Förderung sozialer Kompetenzen. Die Schülerinnen und Schüler sind dazu angehalten, sich zunächst gegenseitig zu helfen. Für viele Fachbereiche gibt es Schülerexperten. Partner- und Team-Aufgaben werden ebenfalls oft gestellt. Auch die Fähigkeit zur Selbstorganisation ist wichtig und wird unter anderem durch selbstständige Arbeitsplanung geschult.

Eine für alle – die Gemeinschaftsschule

HIR KDS Lernbuero Drescher Roesch Huebschen 2013 09 19

Rektor Jens Drescher (hinten rechts), Christoph Hübschen (Mathematiklehrer Klasse 5), Mechthild Rösch (Lehrerin der Klasse 10)

Wäre die Karl-Drais-Schule bald eine Gemeinschaftsschule, dann würde auch Realschülern und Gymnasiasten die Türen offen stehen zu diesem innovativen Konzept. Mit dem Prinzip des offenen Lernens könnte jede Schülerin und jeder Schüler die Leistungen erbringen, die ihm möglich sind. Mit Zielen, die auf den Einzelnen abgestimmt sind und nicht auf die Klasse, hat jeder Erfolge vorzuweisen und das motiviert. Natürlich würde das Lehrer-Kollegium um Pädagogen ergänzt, die eine für Realschulen und / oder Gymnasien erforderliche Fachkompetenz haben. Nach Abschluss der Gemeinschaftsschule soll ja – entsprechende Eignung des Schülers vorausgesetzt – ein problemloser Übergang in die Klasse 10 eines allgemeinbildenden oder Fach-Gymnasiums möglich sein.

Gut 40 Interessierte kamen am Donnerstag Abend, um sich hautnah einen Eindruck über die Karl-Drais-Schule zu verschaffen – leider, so hatte es den Anschein, alles Leute, die bereits von dem neuen pädagogischen Konzept überzeugt waren. Die Gegner machten sich nicht die Mühe, zu erscheinen. Auch ich kam gerne, nicht nur um meine Arbeit zu verrichten, sondern auch als Mutter. Bereits letzte Woche bei der Informationsveranstaltung konnte mich Jens Drescher, Schulleiter der KDS, von den positiven Lehrmethoden und dem Lernumfeld in seiner ersehnten Gemeinschaftsschule überzeugen.

Volle Motivation voraus

Nie zuvor, weder in meiner eigenen Schulzeit, noch in der meiner Kinder, habe ich ein Lehrer-Kollegium erlebt, das so hoch motiviert ist und so für seine Ziele einsteht. Auch die Schüler und eine Schülerin, allesamt aus der 10. Klasse, überraschten mich. Eine so positive Einstellung zur eigenen Schule haben nur wenige Jugendliche in diesem Alter. Auch hatten sie keinerlei Hemmungen, vor einer Gruppe Erwachsener zu sprechen. Einstimmig versicherten sie, die Schule vor der neunten Klasse auch auf „herkömmliche Art und Weise“ kennengelernt hatten, dass sie seit Einrichtung des Lernbüros viel motivierter seien. Auf die Frage nach dem „Warum?“ antwortete Julia stellvertretend für alle:

Die Lehrer sehen genau, was jeder einzelne von uns leistet. Lob gibt es für meine Leistungen, nicht nur für die Leistungen der ganzen Klasse.

Sicher, ob die Gemeinschaftsschule eine Zukunft im Deutschen Schulsystem haben wird, bin ich mir noch immer nicht. Ganz sicher weiß ich jedoch, dass die Gemeinschaftsschule in der Karl-Drais-Schule sicher eine Zukunft haben könnte, wenn die Bürger beim Bürgerentscheid am Sonntag für deren Finanzierung stimmen. Denn das Kollegium in Hirschberg trägt diese Entscheidung gemeinsam und einstimmig und wird die Idee der Gemeinschaftsschule weiter zum Wohle der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen weiterentwickeln, um aus möglichst allen verantwortungsvolle junge Erwachsene zu machen!

Nicht vorenthalten möchte ich unseren Lesern einige Zitate zum offenen Lernen im Lernbüro:

Was ich in dieser Klasse erlebe ist außergewöhnlich! Die Kinder motivieren sich gegenseitig. Sie erarbeiten sich selbständig Wissen und sagen nicht mehr einfach „Das weiß ich nicht“!

Kurt Arnold, Vorsitzender des Fördervereins der KDS

Mein Vater war erst sehr skeptisch, als er von dem neuen Konzept erfuhr. Jetzt ist er begeistert!

Julia, Klasse 10

 

Die Gemeinschaftsschule erfordert eine veränderte Lehrerrolle. Wir machen nicht vor der Klasse den Alleinunterhalter, sondern arbeiten mit den Schülern zusammen.

Mechthild Rösch, Lehrerin

Meine Noten haben sich um einiges verbessert!

Flo, Klasse 10

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.