Sonntag, 20. August 2017

Zentralorgan MM vermeldet weiter positive Nachrichten

Neues von der Baustelle – Folge 15: Was von den Versprechungen übrig bleibt

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Während der Mannheimer Morgen ein zugeschicktes Bild abdruckt, auf dem alles pikobello sauber aussieht, hat unser Reporter gestern dieses Foto gemacht. Ist halt immer eine Frage der Perspektive.

 

Heddesheim/Viernheim/Rhein-Neckar, 20. Oktober 2012. (red/pro) Die erweiterte Pressestelle Der Mannheimer Morgen „berichtete“ vor einigen Tagen mal wieder mit einem „Hurra“-Artikel über „ein neues Kapitel in der 80-jährigen Unternehmensgeschichte“ von „Pfenning“. Garniert mit einem „zugeschickten“ Bild (zg). Wie immer klebt die Zeitung an Aussagen des Geschäftsführers Uwe Nitzinger – ein Blick ins eigene Archiv oder eine Recherche bei anderen Informationsquellen scheint keine Rolle zu spielen.

Von Hardy Prothmann

Was für eine Erfolgsmeldung. Angeblich ist der neue Standort so gut wie ausgelastet und angeblich entstehen hier 600 neue Arbeitsplätze. Das ist eine interessante Information – denn genau diese Zahl hatten wir schon früher als Höchstwert berechnet. Dass man 400 Arbeitsplätze, also 40 Prozent unter den Versprechungen bleibt (bis zu 1.000 Arbeitsplätze), ist dem Mannheimer Morgen keine Zeile wert. Es ist ja auch nicht Aufgabe der Zeitung, die Öffentlichkeit unabhängig und kritisch zu informieren, sondern die Firmen- und Amtsbotschaften unters Volk zu bringen. Das stört auch die Frage, wie denn, wenn angeblich voll ausgelastet und angeblich 600 Arbeitsplätze, es möglich sein soll, bis zu 1.000 Arbeitsplätze zu schaffen?

Echte Zahlen lesen sich anders

Die echten Zahlen lesen sich anders. Zwischen 2007 und 2010 hat „Pfenning“ rund elf Prozent der Arbeitsplätze abgebaut. Laut Bilanz waren 2007 insgesamt 1.865 und 2010 nur noch 1.673 bei Pfenning beschäftigt. Davon rund 230 in der Verwaltung, der Rest sind eher einfache bis sehr einfache Arbeitsplätze.

Noch dramatischer sind die Umsatzzahlen. Für 2008 gab Pfenning angebliche 220 Millionen Euro Umsatz an. Die konnten wir in keiner Bilanz finden, dafür aber knappe 155 Millionen Euro im Jahr 2010. Das entspricht einem Umsatzverlust von 30 Prozent.

Über 800 Meter strecken sich die Betonhallen des „Multicube“ in die Landschaft. Edeka wird ebenso neue Hallen bauen. Was für den Moment „in Vergessenheit“ geraten ist – „Pfenning“ hat sich bis 2015 die Option gesichert, ein nochmals fast so großes Gelände zu bebauen. Auf den Ortskern und den südlichen Teil Heddesheims bedeutet das eine enorme Verkehrsbelastung.

 

Erfolgreiche Entwicklung?

Ein „Jobmotor“ oder eine „erfolgreiche geschäftliche Entwicklung“ sieht anders aus. Während im Jahr 2009 noch 1,39 Millionen Konzernüberschuss ausgewiesen worden sind, beträgt der Überschuss 2010 noch klägliche 613.000 Euro. Das entspricht einer Umsatzrendite von 0,4 Prozent. Anders ausgedrückt. Von jedem umgesetzten Euro bleibt nicht mal ein halber Cent als Gewinn.

Wie sich daraus „erhebliche Gewerbesteuerzahlungen“ ergeben sollen, wissen nur die Wunschträume von Bürgermeister Michael Kessler und der Ja-Sager-Gemeinderäte. Der Mannheimer Morgen scheint keine Wirtschaftsjournalisten mehr zu beschäftigen, bei denen sich die Lokalreporterin mal kundig machen könnte, ob das denn tatsächlich alles so toll ist, wie sie das immer wieder beschreibt.

Ein weiteres Hauptargumente für die Ansiedlung, die Schienenanbindung, ist, jaja, weiter möglich, tatsächlich aber nicht vorhanden.

Halbwahrheiten bis Lügen

Die Konzentration der regionalen Lagerstandorte hat nicht stattgefunden. Das Argument, ohne diese Konzentration müsse „Pfenning“ sich woanders neu konzentrieren und die Region verlassen, entpuppt sich wie so viele anderen Aussagen als Halbwahrheit oder Lüge.

Sehr interessant ist diese Aussage:

Für den Neukunden übernimmt Pfenning neben Lagerung und Kommissionierung auch den Displaybau sowie Transporte zu größeren Lagerstandorten – darunter den der ein paar Hundert Meter entfernten Edeka Südwest (Nitzinger: „Da könnten wir mit Gabelstaplern hinfahren“).

Das deutet daraufhin, dass unsere Annahme eintreffen wird. Wir haben das Unternehmen mehrmals angefragt, für welche Märkte die Waren denn bestimmt sind. Die Antwort war ein beharrliches Schweigen. Wahrscheinlich ist: Der Neukunde Mondelez (so heißt Kraft Foods Europa seit kurzem, in Amerika weiterhin Kraft Foods) lagert bei Pfenning Waren ein, die dann über Edeka in der Region verteilt werden. Edeka hat sich kategorisch gegen einen „Verkehrslenkungsvertrag“ ausgesprochen und weder Bürgermeister Michael Kessler noch die Abnicker-Gemeinderäte haben diese eingefordert: Sprich – es können Edeka-Lkw jeder Größe durch den Ort brummen, um Märkte in der Region zu beliefern. So ist auch die Edeka Teil dessen, was man unter dem Begriff „jemandem eine Nase drehen“ verstehen kann.

Neues Kapitel?

Was die Nachricht bedeutet, „der Firmensitz“ werde mit Ende der Bauarbeiter Mitte Dezember von Viernheim nach Heddesheim verlegt, darf man gespannt abwarten. Welche der vielen „Pfenning“-Firmen ist gemeint? Die Phoenix 2010 GbR über die Firmen-Chef Karl-Martin Pfenning angeblich eine „Generationeninvestition“ über 100 Millionen Euro getätigt hat? Wir haben im Juli exklusiv herausgefunden, dass es sich nur um eine Projektfirma handelte – tatsächlich soll die Immobilie an einen Fonds verkauft werden. Auch hier hat die Firma die Öffentlichkeit belogen.

Mitte Dezember soll der Bau abgeschlossen sein – bis alles fertig ist, wird es vermutlich noch länger dauern. Wo „Pfenning“ draufsteht, ist aber nicht „Pfenning“ drin. Der Bau soll an einen Immobilienfonds verkauft werden.

 

Oder wird es die Pfennig Logistik GmbH sein? Oder tatsächlich die KMP-Holding, also die Muttergesellschaft? Oder wird irgendeine neue Gesellschaft gegründet? Man darf gespannt sein, wie dieses „neue Kapitel“ aussehen wird.

Insgesamt ist eine „Wertschöpfung“ und ein Gewinn für die Gemeinde Heddesheim bislang nicht zu sehen – ebensowenig für die Region. Am 18. September 2012 haben wir bei der Bauunternehmung Max Bögl nachgefragt, welche Firmen vor Ort mit welchem Auftragsvolumen denn beim Bau des Klotzes beteiligt worden sind:

Sehr geehrte Damen und Herren,
die Bauarbeiten „Multicube“ in Heddesheim sind weit fortgeschritten
und stehen vermutlich in den kommenden Monaten vor dem Abschluss.
Wir würden gerne erfahren, welche lokalen, regionalen Unternehmen und
Gewerbetreibende mit in die Arbeiten einbezogen waren und welche
Summe an den Bauarbeiten der Wertschöpfung vor Ort in etwa zugekommen
ist.
Mit freundlichen Grüßen
Hardy Prothmann
Chefredakteur Heddesheimblog.de

Wir haben bis heute noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung erhalten. Damit ist die Frage nicht beantwortet. Wie die Antwort vermutlich lautet, kann sich jeder selbst überlegen.

Auch, was es bedeutet, wenn große „etablierte“ Medien ihrer Aufgabe einer kritischen, unabhängigen Berichterstattung nicht mehr oder nur noch ungenügend nachkommen.

Anm. d. Red.: Wenn für Sie das Thema neu ist – auf dem Heddesheimblog finden Sie hier über 400 Artikel seit Mai 2009 zu „Pfenning“.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Hanna

    Erst Pfenning, dann Edeka und dann vllt. sogar nochmal Pfenning ?! :O

    hier wird wirklich alles zugebaut, den Tieren wird der Lebensraum genommen, die Ackerflächen verschwinden und woanderst hungern die Menschen….
    Eine Ausgleichsfläche für die Natur wäre dringend nötig- und zwar eine große…

    Auf die lkws im Ort „freue“ ich mich jetzt auch schon. noch mehr Verkehr, noch weniger Sicherheit im Straßenverkehr für Radfahrer, noch mehr Lärm. noch mehr kaputte Straßen und damit noch mehr Baustellen.

    Bisher war Heddesheim eigentlich ein schöner Ort, mit großen Teilen Natur, aber jetzt…

    Und wofür das ganze? Für einen Haufen Lügen, leerer Versprechungen und einen riesigen die Landschaft verschandelnden klotz….

  • Jürgen

    Wir meiden Heddesheim seit dieser nachhaltigen Verschandelung. Kein Hallenbad mehr, keine Eisbahn, kein Lidl.

    Frechheit den Radfahrern im Sommer einen abgehobelten Acker anzubieten und den Radweg ohne Ankündigung als Sackgasse auszubilden. In Stuttgart kann man sehen wie die Bürger reagieren. Anders scheint das wohl nicht verstanden zu werden.

    • Radfahrer

      Und trotzdem sind es gerade auch die Grünen, die das Radwegproblem nicht lösen wollen. Schade!

      • Klaus.E

        Wir haben nun mit diesen Weg ca alle 500m eine Querung mit gleichen Ziel in richtung Autobahnunterführung. Wen man eine neue PKW Zufahrt zu einem Betriebsgelände (Pfenning) ohne Gehweg und Radweg erschließt liegt das Radwegproblem sicher nicht bei den Grünen.

        • Klaus.E

          Außerdem wie komme ich über den 60000€ Weg zukünftig sicher zur S-Bahn um das Bahn fahren zu fördern? Gar nicht, man benötigt dafür einen Radweg über die Benzstraße oder Am Bundesbahnhof.

      • Kurt Klemm

        Sie machen es sich als „Radfahrer“ wirklich leicht, einfach mal so zu behaupten dass die Grünen das Radwegproblem nicht lösen wollen. Von nicht wollen zu diesem Problem, kann überhaupt keine Rede sein denn eine der ureigensten Einstellungen der Grünen, das lösen von Radwegproblemen steht ganz weit oben. Aber wenn Sie sich gerne einbringen möchten und gar eine Lösung zu diesen Problemen parat haben, sind Sie bei uns gerne eingeladen mitzuarbeiten.
        Es tut uns Grüne schon weh, einen Radweg wie der vor einer Ausleichfläche bei Pfenning abzulehnen, aber wir sind auch der Natur gegenüber verpflichtet sich um diese zu kümmern. Zumal wir in der Feldflur wirklich ein sehr gutes ausgebautes und sicheres Radwegenetz haben.
        Eine der Gründe den der Bürgermeister mit vorbrachte, war nämlich der in der Zukunft aufkommende starke Verkehr bei Pfenning würde auf diesem, von Ihm kreierten Radweg sicherer sein, obwohl immer behauptet wurde, das ein stark aufkommender Verkehr in diesem Gebiet nie stattfinden würde, Zweizüngiger kann man nicht sprechen.
        Aber im Moment macht uns Grünen das sichere Fahren mit dem Rad innerorts mehr Probleme bei dem jetzigen Verkehr und genau für dessen Lösung wären die 60.000 Euro besser angebracht als die Asphaltierung eines sinnlosen Radweges.

        • Radfahrer

          Ich weiß nicht wie die aktuelle Lage ist, aber das Problem ist doch das, dass ich als Radfahrer, momentan nur die Alternative habe, wenn ich den Schotterweg nicht benutzen kann, entweder über die von Autos befahrenen Straße über Muckensturm nach Hohensachsen oder schlimmer noch über den Autobahnzubringer incl. der 2 Kreisel fahren muss. Diese Umwege mögen einen fitten Freizeitradler nicht unbedingt stören, aber ansonsten sehe ich gerade für Radfahrende Berufspendler oder sonstige Radfahrer die nach oder von Großssachsen fahren ein Problem, dass da mancher dafür aufs Auto umsteigt kann doch auch nicht die Sache sein. Von daher kann von einem sinnlosen Radweg nicht wirklich die Rede sein. Da sollte eine Lösung her, politische Hintergründe interessieren da einen Radfahrer weniger. Und was das sonstige Verkehrsproblem in Heddesheim angeht, ich habe die Verkehrsumfrage der Grünen gesehen, die Gefahrenpunkte kann ich nachvollziehen, die Probleme mit Geschwindigkeitsüberschreitungen auf den Außerortsabschnitten der Ringstraße interessieren mich da weniger, mich wundert das keine besonderen Punkte der Geschwindigkeitsübertretungen im Ort auftauchten. zB auch in der Lissenstraße, oder Ortsausgang Großsachsener Straße, wo dauernd etwas passiert.

          • Kurt Klemm

            Hallo Radfahrer,
            ich helfe Ihnen gerne den sichersten Radweg zu finden, unter der Autobahnbrücke durch nach Großachsen oder Hohensachsen. finden.
            Von Heddesheim komment gibt es zwei Möglichkeiten,erstens Sie fahren den Betonweg hinter dem Friedhof entlang bis zur Ringstraße, dort ist Achtung geboten, dann fahren Sie gerade aus weiter, sie stoßen dann im Industriegebiet auf die Benzstraße, dort bitte nicht nach links zum Schotterradweg abbiegen, denn dann müssen Sie an der Betriebseinfahrt von Pfenning vorbei wo immer starker Verkehr herrschen wird.Fahren Sie immer gerade aus die Benzstraße weiter, dann kommen Sie unter der Brücke durch.
            Die zweite Variante währe die Ahornstraße gerade aus weiter am Badesee und den Aussiedlerhöfen vorbei bis zum Mooshof, dort bitte nicht nach links abbiegen, sondern nach rechts und gerade weiter, dieser Weg führt sie auch sicher unter der Autobahnunterführung durch.
            Diese Wege waren während der Bauzeit von Pfenning gesperrt, sind aber jetzt wieder frei.
            Die anderen Problem die Sie angesprochen hab en werden wir uns genauer ansehen um dort Abhilfe zu schaffen.

  • Kurt Klemm

    Hallo Hanna,
    ihrem Kommentar kann ich nur zustimmen, was die Größe der Ausgleichfläche betrifft. Für 20ha Ackerbodens Güteklasse 1 und zubetonierten Flächen für die Hallen eines Logistikers, ist die Ausgleichfläche im nördlichen Teil nur ein Klacks. Bei der Vorstellung von Biotopvernetzungen in unserem Land auf der Landespressekonferenz am 24.April, bei der unser Minister für Ländlichen Raum Alexander Bonde und Ministerpräsident Winfried Kretschmann anwesend waren, heißt es: „Der Schutz der verbleibenden Freiräume, insbesondere großer, noch zusammenhängender und verkehrsarmer Gebiete sowie die Vernetzung von Lebensräumen sind für den Erhalt überlebensfähiger Lebensgemeinschaften von besonderer Bedeutung. Durch die Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft stellt sich für viele Arten das Problem der „Verinselung“ ihrer Lebensräume-durch Straßen oder Gebäude isoliert von den Artgenossen findet der genetische Austausch nicht mehr statt, das Risiko des Artensterben steigt. Eine Vernetzung der jeweiligen Lebensräume der jeweiligen Arten, beispielsweise durch sogenannte Trittsteinbiotope, die eine Verbindung von einem Lebensraum zum nächsten bilden, stellt den Artenaustausch sicher. Doch diese Botschaft ist bis heute bei unserem Rathauschef Bürgermeister Kessler nie angekommen, sonst wäre die Planung seines wirklich unnötigen Radweges direkt vor diese kleine Ausgleichsfläche nie zustanden gekommen oder sollte man sie eine Biotopvernetzung nach Bgm.Kessler benennen. Auch die Fraktionen von CDU, SPD und FDP bekleckern sich wahrlich nicht mit Ruhm, wenn sie dem auch noch zustimmen. Unsere Feldflur wird artenmäßig immer ärmer und wird letztendlich ganz verschwinden. Und man muss sich tatsächlich fragen, wie lange solche Fehlplanungen unsere Natur noch aushält, immerhin ist auch sie eine Schöpfung Gottes und diese Menschen sollten nicht versuchen, seine Stelle auch noch einzunehmen.