Dienstag, 17. Juli 2018

Die Kerwe und was sie nicht mehr ist

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Guten Tag!

Heddesheim, 20. Oktober 2010. Der Heimat- und Traditionsverein HTV hÀlt das Brauchtum der Kerwe hoch. Trotz aller Widrigkeiten. Und davon gibt es jede Menge.

Kommentar: Hardy Prothmann

„Die Kerwe gehört ins Ort“, sagt jeder, dem das Brauchtum wichtig ist. Seit gut einem Vierteljahrhundert ist das Brauchtum im Ort Geschichte, hat der „politische Wille“ entschieden.

Die Mitglieder des Heimat- und Traditionsverein trotzen dem, bei allen Widrigkeiten. Das Aufstellen des Kerwebaums am alten Rathaus hat nichts Feierliches mehr, sondern ist gehetzt. Gerade mal 20 Minuten wird die Kreuzung gesperrt, dann rollte der Verkehr. Das Publikum ist auf die engen BĂŒrgersteiger verbannt. GemĂŒtlichkeit und Beisammensein geht anders.

Immerhin darf die Prozession durch ein paar Straßen fĂŒhren – das hat man noch nicht verboten, sonst wĂŒrde sicherlich auch der Sommertagszug sofort zur Debatte stehen.

Die Kerwe leidet auch darunter, dass es immer weniger Wirtschaften mit deutscher Kost gibt – frĂŒher war es selbstverstĂ€ndlich, dass das Wellfleischessen dort stattfand. „Die Veranstaltung in der Nordbadenhalle ist ein großes Fressen, dass nur fĂŒr die Politik stattfindet. Da prĂ€sentieren sich der BĂŒrgermeister und andere Politiker. Mit unserer Tradition hat das nichts zu tun“, sagt ein HTV-ler. Deswegen gehört das aus Sicht vieler Mitglieder auch nicht zur Kerwe – da kann der Mannheimer Morgen Hofberichterstattung machen, wie er will.

Ebenso die FahrgeschĂ€fte auf dem Noigent-Le-Roi-Platz: „Die Leute gehen da nicht so hin, als wĂ€re die Kerwe im Ort“, hört man allenthalben.“

Dieses Jahr hat man sich entschlossen, die Kerwe auf dem Dorfplatz zu begraben. Aus KostengrĂŒnden. Denn bislang fand das im BĂŒrgerhaus statt. Zuletzt mit vielleicht 40-50 Personen. Zu teuer ist da die Miete. Auf den Dorfplatz kamen rund 80 Personen. Wie es in Zukunft gehabt wird, muss beim HTV noch beraten werden – keine Mietkosten und mehr Zuspruch sprechen fĂŒr den Dorfplatz.

Auch wenn der BĂŒrgermeister in der DorfschĂ€nke bei der Suche nach dem „BrĂ€utigam“ mitmachte, unterstĂŒtzt fĂŒhlt sich der 125 Mitglieder zĂ€hlende Verein von ihm nicht. Eher das Gegenteil: „Der wollte gute Stimmung machen, was ihm keiner glaubt.“

Niemand versteht, warum in anderen Orten Straßen gesperrt werden und die Tradition unterstĂŒtzt wird und in Heddesheim nicht. Da gibt sich die Gemeinde ausgerechnet im letzten Jahr des Tabakanbaus in Heddesheim anhand von Tabakscheunen ein neues „Corporate Design“ und lĂ€sst 2010 eine neue BroschĂŒre im Tabakscheunen-Layout drucken, wĂ€hrend es immer weniger dieser Scheuen gibt und hat auf der anderen Seite weder Willen noch Sinn, den Heimat- und Traditionsverein tatsĂ€chlich zu unterstĂŒtzen. Klingt paradox? Ist aber so.

Die Kerwe, die aus der Kirchweih entstanden ist, hat vielleicht zu viel Volkeswillen in ihrer Tradition: „Wem gehört die Kerwe?“, wird gerufen, die Antwort: „Unser!“

Die Kirchen und auch die Politik waren schon nachweislich im 16. Jahrhundert oft gar nicht einverstanden mit diesem Fest – wegen der Völlerei. Und der Veralberei. „Kerweparre“, „Kerweredd“, „Schlumbl“ und eine feucht-fröhliche Dorfgemeinschaft – da fehlte dem Klerus der Humor und die Kontrolle. Da hat sich bis heute nicht viel dran geĂ€ndert, so scheints.

Der kleine Verein HTV hĂ€lt die Tradition trotzdem hoch, so gut es eben geht. UnterstĂŒtzung kommt vom Fischerverein und den Grumbe – es sind also weit mehr Menschen an der Kerwe interessiert als nur der HTV.

Ganz klar, der Kerwe fehlt der Grund, aus dem sie entstanden ist: Nach einer Kirchweihe auf einem weltlichen Fest nochmal mit eigenen Zeremonien zu feiern. HĂ€ufig am Ende des Sommers, wenn die Ernte eingefahren war und man die Strapazen beim Feiern vergessen wollte und sich den Bauch vollgeschlagen hat. Die Kerwe war auch Anlass, familiĂ€re ZusammenkĂŒnfte zu begehen und eine Art Heiratsmarkt – die jungen „Kerweborscht“ suchten sich ihre MĂ€dchen. Im Rahmen einer feuchtfröhlichen Feier war mehr erlaubt, als sonst, in der damaligen Gesellschaft.

Sicher ist das heute alles anders, könnte man argumentieren, es braucht keine Kerwe mehr. Dann mĂŒsste man aber viele andere Fest wie Sommertagszug oder Martinszug ebenfalls abschaffen. Auch deren Grundlagen sind heute weitgehend irrelevant.

Das Schicksal der Kerwe ist ungewiss. Soviel ist klar: Unter BĂŒrgermeister Michael Kessler kommt die Kerwe nicht „ins Ort“. Doch es wird auch eine Zeit nach diesem BĂŒrgermeister geben und damit Hoffnung, dass die Kerwe wieder dahin kommt, woher sie stammt und wohin sie gehört: „Ins Ort.“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.