Sonntag, 20. August 2017

Die Kerwe und was sie nicht mehr ist

Print Friendly, PDF & Email

Guten Tag!

Heddesheim, 20. Oktober 2010. Der Heimat- und Traditionsverein HTV h├Ąlt das Brauchtum der Kerwe hoch. Trotz aller Widrigkeiten. Und davon gibt es jede Menge.

Kommentar: Hardy Prothmann

„Die Kerwe geh├Ârt ins Ort“, sagt jeder, dem das Brauchtum wichtig ist. Seit gut einem Vierteljahrhundert ist das Brauchtum im Ort Geschichte, hat der „politische Wille“ entschieden.

Die Mitglieder des Heimat- und Traditionsverein trotzen dem, bei allen Widrigkeiten. Das Aufstellen des Kerwebaums am alten Rathaus hat nichts Feierliches mehr, sondern ist gehetzt. Gerade mal 20 Minuten wird die Kreuzung gesperrt, dann rollte der Verkehr. Das Publikum ist auf die engen B├╝rgersteiger verbannt. Gem├╝tlichkeit und Beisammensein geht anders.

Immerhin darf die Prozession durch ein paar Stra├čen f├╝hren – das hat man noch nicht verboten, sonst w├╝rde sicherlich auch der Sommertagszug sofort zur Debatte stehen.

Die Kerwe leidet auch darunter, dass es immer weniger Wirtschaften mit deutscher Kost gibt – fr├╝her war es selbstverst├Ąndlich, dass das Wellfleischessen dort stattfand. „Die Veranstaltung in der Nordbadenhalle ist ein gro├čes Fressen, dass nur f├╝r die Politik stattfindet. Da pr├Ąsentieren sich der B├╝rgermeister und andere Politiker. Mit unserer Tradition hat das nichts zu tun“, sagt ein HTV-ler. Deswegen geh├Ârt das aus Sicht vieler Mitglieder auch nicht zur Kerwe – da kann der Mannheimer Morgen Hofberichterstattung machen, wie er will.

Ebenso die Fahrgesch├Ąfte auf dem Noigent-Le-Roi-Platz: „Die Leute gehen da nicht so hin, als w├Ąre die Kerwe im Ort“, h├Ârt man allenthalben.“

Dieses Jahr hat man sich entschlossen, die Kerwe auf dem Dorfplatz zu begraben. Aus Kostengr├╝nden. Denn bislang fand das im B├╝rgerhaus statt. Zuletzt mit vielleicht 40-50 Personen. Zu teuer ist da die Miete. Auf den Dorfplatz kamen rund 80 Personen. Wie es in Zukunft gehabt wird, muss beim HTV noch beraten werden – keine Mietkosten und mehr Zuspruch sprechen f├╝r den Dorfplatz.

Auch wenn der B├╝rgermeister in der Dorfsch├Ąnke bei der Suche nach dem „Br├Ąutigam“ mitmachte, unterst├╝tzt f├╝hlt sich der 125 Mitglieder z├Ąhlende Verein von ihm nicht. Eher das Gegenteil: „Der wollte gute Stimmung machen, was ihm keiner glaubt.“

Niemand versteht, warum in anderen Orten Stra├čen gesperrt werden und die Tradition unterst├╝tzt wird und in Heddesheim nicht. Da gibt sich die Gemeinde ausgerechnet im letzten Jahr des Tabakanbaus in Heddesheim anhand von Tabakscheunen ein neues „Corporate Design“ und l├Ąsst 2010 eine neue Brosch├╝re im Tabakscheunen-Layout drucken, w├Ąhrend es immer weniger dieser Scheuen gibt und hat auf der anderen Seite weder Willen noch Sinn, den Heimat- und Traditionsverein tats├Ąchlich zu unterst├╝tzen. Klingt paradox? Ist aber so.

Die Kerwe, die aus der Kirchweih entstanden ist, hat vielleicht zu viel Volkeswillen in ihrer Tradition: „Wem geh├Ârt die Kerwe?“, wird gerufen, die Antwort: „Unser!“

Die Kirchen und auch die Politik waren schon nachweislich im 16. Jahrhundert oft gar nicht einverstanden mit diesem Fest – wegen der V├Âllerei. Und der Veralberei. „Kerweparre“, „Kerweredd“, „Schlumbl“ und eine feucht-fr├Âhliche Dorfgemeinschaft – da fehlte dem Klerus der Humor und die Kontrolle. Da hat sich bis heute nicht viel dran ge├Ąndert, so scheints.

Der kleine Verein HTV h├Ąlt die Tradition trotzdem hoch, so gut es eben geht. Unterst├╝tzung kommt vom Fischerverein und den Grumbe – es sind also weit mehr Menschen an der Kerwe interessiert als nur der HTV.

Ganz klar, der Kerwe fehlt der Grund, aus dem sie entstanden ist: Nach einer Kirchweihe auf einem weltlichen Fest nochmal mit eigenen Zeremonien zu feiern. H├Ąufig am Ende des Sommers, wenn die Ernte eingefahren war und man die Strapazen beim Feiern vergessen wollte und sich den Bauch vollgeschlagen hat. Die Kerwe war auch Anlass, famili├Ąre Zusammenk├╝nfte zu begehen und eine Art Heiratsmarkt – die jungen „Kerweborscht“ suchten sich ihre M├Ądchen. Im Rahmen einer feuchtfr├Âhlichen Feier war mehr erlaubt, als sonst, in der damaligen Gesellschaft.

Sicher ist das heute alles anders, k├Ânnte man argumentieren, es braucht keine Kerwe mehr. Dann m├╝sste man aber viele andere Fest wie Sommertagszug oder Martinszug ebenfalls abschaffen. Auch deren Grundlagen sind heute weitgehend irrelevant.

Das Schicksal der Kerwe ist ungewiss. Soviel ist klar: Unter B├╝rgermeister Michael Kessler kommt die Kerwe nicht „ins Ort“. Doch es wird auch eine Zeit nach diesem B├╝rgermeister geben und damit Hoffnung, dass die Kerwe wieder dahin kommt, woher sie stammt und wohin sie geh├Ârt: „Ins Ort.“

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • Kirchenkritiker

    Sehr treffender Kommentar. Wenn man schaut, was da seit Jahren in Feudenheim zeitgleich abl├Ąuft, fragt man sich, warum man die Kerwe in Heddesheim besuchen sollte. Wegen dem unpers├Ânlichen Rummel auf dem weit abgelegenen Badesee-Parkplatz bestimmt nicht. Das muss sich in der Innenstadt abspielen mit Stimmung und Musik auf dem Dorfplatz. Vereine k├Ânnten eingebunden werden und durch Verkaufsst├Ąnde finanziell etwas profitieren. Da muss ein neues Konzept her – das „mache mer so wie immer“ ist die falsche Strategie.

  • D. Weber

    Warum nur str├Ąubt sich Herr Kessler so gegen die Tradition? Danit k├Ânnte er doch wieder Boden gut machen in der Gemeinde. Und dass sich die „Prominenz“ in der Nordbadenhalle verschanzt, macht diese ganzen Figuren nicht sympathischer.

  • Thomas Ott

    Was bitte ist an den Grundlagen von Martinszug (N├Ąchstenliebe) und Sommertagszug (Fr├╝hling) „weitgehend irrelevant“?
    Wenn Sie das mit dem Sommertagszug ernst meinen, sollten Sie sich die Sache mit dem Weinheimblog noch mal ├╝berlegen. Uns sind Sommertagszug (und Kerwe) heilig!

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag!

      Herr Ott: Nichts ist irrelevant, genausowenig wie die Kerwe, wenn man Wert drauf legt.

      Bei uns schenken der B├╝rgermeister und einige Gemeinder├Ąte literweise Schnaps beim Sommertagszug aus und sch├╝tteln viele H├Ąnde – nicht, um den Winter zu verabschieden, sondern Stimmung f├╝r sich zu machen.

      Haben Sie den Martinszug absichtlich vergessen? Die N├Ąchstenliebe? Die spielt bei einigen CDU-Gemeinder├Ąten in Heddesheim keine Rolle mehr. Im Zuge der Auseinandersetzung haben beispielsweise die 1. B├╝rgermeisterstellvertreterin Ursula Brechtel und der CDU-Fraktionsvorsitzende Dr. Josef Doll entschieden, mir und einigen anderen noch nicht mal mehr die Hand zu geben.

      Bei der Kerwe lassen die sich nur zum Massenessen in der Nordbadenhalle sehen, helfen aus, schenken aus. Warum? Aus N├Ąchstenliebe, aus Tradition? Wohl kaum. Das ist Wahlstimmenpflege im gro├čen Stil.

      Herr Ott, ich freue mich auf Weinheim und auf die Liebe der Weinheimer zur Tradition ­čÖé

      Beste Gr├╝├če
      Hardy Prothmann

      • Weinheimer

        Herr Prothmann: Sie sind herzlich willkommen in Weinheim, wir k├Ânnen es „kaum erwarten“ bis es losgeht.

        Beste Gr├╝├če!

        M. Wilfurth

  • g├╝nter siegle

    G├╝nter Siegle
    Mannheimer Morgen, 16. Oktober 2006: „Ledeglich die Grumbe mit Guggemusik, Prinzessin Jenny und der Gardeabteilung, die Fu├čballer der Fortuna und die Marktfreunde hatten sich daran beteiligt.“ „…
    HTV … als auch die Marktfreunde, die in der Oberdorfstra├če einen Stand aufgebaut hatten und auf Schildern „Wir lassen die Kerwe im Dorf“ forderten…“.

    Mannheimer Morgen, 17. Oktober 2006: „… hatte schon G├╝nter Siegle von den Heddesheimer Marktfreunden am Sonntag mit Blick auf den gut besuchten Stand seines Vereins in der der Oberdorfstra├če gemutma├čt.“.

    Mannheimer Morgen, 26. Oktober 2006: „Mit seinen „Heddesemer Marktfreunden“ hatte er einen Stand in der Oberdorfstra├če“…
    „die Verwaltung, da├č sie k├╝nftig die Veranstaltung … nicht mehr genehmigen k├Ânne.“…“├ťberdies habe niemand damit rechnen k├Ânnen, da├č der Besucherzuspruch so gro├č ausfallen w├╝rde.“
    „Im Nachinein sei aber von verschiedenen Seiten an ihn (Ordnungsamt)herangetragen worden, da├č es an der Stra├če eng und f├╝r Fu├čg├Ąnger gef├Ąhrlich wurde.“.

    Schon damals hatten wir auf unseren Plakaten deutlich gefordert: DIE KERWE GEH├ľRT IN’S DORF.

    Und Jahre vorher, als die Stra├čen zum verkaufsoffenen Sonntag gesperrt waren und die Oberdorfstra├če mit unseren Freunden vom Wrestling-Club wirklich zu war, wurde auch schon, an uns, herangetragen: „Bei dem da oben stehen alle Leute, und bei uns ist fast niemand“.

    F├╝r das Jahr 2007 hatten wir f├╝r den Kerwe-Umzug wieder Teilnahme mit Kutsche, Sulky, Traktor Gutselwagen eingeplant. Nachdem wir aber mit unseren St├Ąnden in den Hinterhof abgeschoben werden sollten, verzichteten wir.

    Nach dem Kommentar von Herrn Prothmann und der Artikel des MM vermute ich, da├č nicht allen Vereinen Erfolg geg├Ânnt ist. F├╝r meine Vermutung spricht auch daf├╝r, da├č unser Flohmarkt in der Joh.-Lehmann-Stra├če von der Verwaltung nicht genehmigt wurde.

    „Ich bin Gott der Herr, Du darfst nur meine Meinung haben“. So oder ├Ąhnlich habe ich einen Spruch im Kopf.

    Gr├╝├če
    G├╝nter Siegle, Vorstand der „Heddesemer Marktfreunde e.V.“

    • Argus

      ├óÔéČ┼ôIch bin Gott der Herr, Du darfst nur meine Meinung haben├óÔéČ┬Ł

      Genau darauf l├Ąuft es `raus !
      Sobald man mit dem „Herrn“ nicht meinungskonform ist, wird Starrk├Âpfigkeit an den Tag gelegt.
      Beim „verkaufsoffenen Sonntag“ wurden die betreffenden Strassen gesperrt,da wird die Klientel bedient.

      Warum beim Kerwebaumstellen leider nur zu kurz ?
      Damit schadet die Verwaltung dem Brauchtum kolossal !

      Das Wellfleischessen dient m.E.├╝berwiegend der Selbstdarstellung der Politik-„Gr├Â├čen“ ?
      Deshalb auch der m├Ą├čige Besuch.

      • sven

        Was heisst hier „m├Ąssiger Besuch“ … laut MM war das Wellfleischessen nat├╝rlich wieder ein ├╝berragender Erfolg! ­čÖé

  • heddesheimerin

    Dass in einer so verkehrsgeplagten Gemeinde wie Heddesheim auch an den gerade mal 3 Kerwe-Tagen der Verkehr „regiert“, kann einen schon traurig stimmen. Wieder mal ein Beleg f├╝r die b├╝rgerfeindliche Haltung der Verwaltung.

    Witzig die Berichte von G├Ârliz und vor allem Jaschke: Bratwurst-Journalismus und Kessler-Speichelleckerei pur … Mahlzeit!

  • Der Leser

    Ich wohne jetzt seit 6 Jahren in Heddesheim und war noch nie auf der Kerwe. Warum??? Ich habe sie noch nicht gefunden. Vor drei oder 4 Jahren war ich mal in der Nordbadenhalle, das hat mich wirklich abgeschreckt. Heute gehe ich nach Feudenheim, Ilvesheim oder….., weil da gibt es noch eine Kerwe.

  • Hellesema

    Hallo zusammen,

    das die Kerwe ins Ort geh├Ârt, dar├╝ber braucht man nicht mehr zu streiten.
    Das ist Fakt und TRADITION !!
    Leider kommt diese Tradition in Heddesheim seit Jahren viel zu kurz!

    Warum?
    Weil die Gemeindeverwaltung nicht den Allerwetesten in die H├Âhe bekommt um sich die Meinung der B├╝rger bzw. des HTV anzuh├Âren und dementsprechend zu handeln und genehmigen.
    Wenn ich hier so lese, zeigt sich ja deutlich was die Heddesheimer B├╝rger wollen….N├Ąmlich die Kerwe ins Ort.

    Aber, das ist ja noch der achso tolle Festplatz, den kein Mensch braucht, der viel zu weit au├čerhalb ist und von Jahr zu Jahr schlechter besucht wird. Auch das Wellfleichessen in der Nordbadenhalle ist nur noch eine Veranstaltung der Gemeindeverwaltung um sich zu pr├Ąsentieren und verzweifelt die Fahrgesch├Ąfte auf dem Festplatz anzupreisen.
    Dies hat mit Tradition rein gar nichts zu tun !!!

    Fragen sollte man sich, warum unser B├╝rgermeister mit der Tradition so brechen will!??
    Was ist der Hintergrund?
    Antworten k├Ânnte man vielleicht einmal in einer ├Âffentliceh Diskusion finden…ob dies etwas bringen k├Ânnte wei├č ich nicht, aber einen bessren Vorschlag finde ich im Moment nicht.

    Fakt ist aber auch: Der HTV alleine, der sich Jahr f├╝r Jahr immer sehr bem├╝ht, kann es nicht schaffen.

    Herr B├╝rgemeister Kessler,
    vielleicht ist Ihnen in der letzen Jahren aufgefallen, dass viele Heddesheimer B├╝rger die Kerwe in Heddesheim gar nicht mehr besuchen wollen. Sie gehen lieber auw├Ąrts (Ilvesheim, Feudenheim, Seckenheim z.B.)….da ist die Kerwe im Ort, die Leute f├╝hlen sich dort wohl und k├Ânnen gemeinsam feiern und fr├Âhlich sein.
    Warum also brechen Sie mit dieser Jahrundert alten Tradition?
    Wenn sie doch merken, dass die B├╝rger etwas anderes m├Âchten ?
    Wie schon weiter obern erw├Ąhnt, f├Ąnde ich eine ├Âffentlich Diskussion eine geeignete Plattform um ├╝ber dieses Thema zu diskutieren. Mich w├╝rde wirklich sehr interresieren, wie viele B├╝rger sich tats├Ąchlich an so einer Runde betieligen w├╝rde…..

    Stellen Sie sich Ihren W├Ąhlern Herr Kessler, den sonst k├Ânnen wir die Eingangstore des Ortes in absehbarer Zeit zuschlie├čen und sowohl Tradition als auch B├╝rgermeinungen m├╝ssen drau├čen bleiben…..

    Vieleicht und ich w├╝rde es mir w├╝nschen, macht sich der ein oder andere Gedanken und es kommt tats├Ąchlich was in Gang.

    Mfg

    • Snake Plissken

      Leider scheint genau das die Hoffnung von MK zu sein. Die Meinung der B├╝rger bleibt vor dem Ort und nur die Tradition die Ihm selbst genehm ist samt seinen Lakaien und F├╝rredner darf die Gemeindetore passieren.
      Erinnert mich irgendwie an die Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 in Berlin. Ich glaube MK w├╝rde sich auch an so einem Bauwerk erg├Âtzen. Denn er ist ja die Gemeinde….und wer nicht seiner Meinung ist kann ja au├čerhalb leben.

      Traurig Traurig…

      • D. Weber

        Es ist in der Tat fatal, wie sehr sich ein B├╝rgermeister von der eigenen Gemeinde entfremden kann.

        Ich frage mich: Hat Michael Kessler ├╝berhaupt noch Bef├╝rworter und W├Ąhler in der Gemeinde? Wo sind sie? M├╝sste ein Politiker nicht die Konsequenzen ziehen, wenn er die Menschen nicht mehr hinter sich weiss, und sein Amt zur Verf├╝gung stellen?

        Andernfalls drohen uns Heddesheimern nun noch 4 Jahre mit einem fremden B├╝rgermeister „von einem anderen Stern“.