Donnerstag, 23. November 2017

Mariettas Kolumne: Zwischen Wechseljahren und Midlife Crisis – oder einfach nur in der Lebensmitte?

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Rhein-Neckar, 24. Juli 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der Realit├Ąt. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich da manchmal die Sph├Ąren. Und wie ist das mit den Wechseljahren, der Midlife Crisis und mit den M├Ąnnern? Kompliziert. Soviel steht fest.

Von Marietta Herzberger

Schwaches Geschlecht?

Mit ungef├Ąhr Mitte vierzig ist es erstrebenswert, pers├Ânliche Ziele, soweit vorhanden, ann├Ąhernd erreicht zu haben oder sich zumindest in einem gewissen Zustand der Zufriedenheit zu befinden.

Gehen wir davon aus, das Projekt „Zielerreichung“ oder „angenehmer Zufriedensheitspegel“ wurde in weiten Teilen umgesetzt, so lehnt man sich zur├╝ck, schaut sich das Ganze bewusst an und res├╝miert: Alles wunderbar. Kann so bleiben.

Dann erwischt sie dich, die Erkenntnis, dass du massiv auf die Wechseljahre zusteuerst oder schon direkt drin bist. So genau kann das keiner sagen, weil diese individuellen Befindlichkeiten bei Frauen gut 15 Jahre dauern k├Ânnen. Die Grenzen zwischen Beginn und Ende sind flie├čend und k├Ânnen nicht mal hundertprozentig ├╝ber einen Hormontest fixiert werden. Je nach Tageszeit, Laune, Fett- und Antibiotikumgehalt der Vortagesmahlzeit.

Mal ehrlich: Haben wir als Frau nicht sowieso schon, und v├Âllig ungerechtfertigterweise, den Stempel des schwachen Geschlechtes? Kurz aufgelacht. Wir pubertieren im Laufe eines weiblichen Lebens gleich zweimal und zwischendrin bekommen wir im schlimmsten Fall einmal im Monat schreckliche Bauchkr├Ąmpfe, welche sich immer den besten Zeitpunkt, wie zum Beispiel den j├Ąhrlichen Urlaub, aussuchen. In jungen Jahren werden wir schlagartig mit ├ľstrogenen zugesch├╝ttet, die Br├╝ste wachsen, die H├╝ften werden rund, die Pickel sprie├čen. Nach einer Weile lichtet sich das Hormonchaos und wir haben uns daran gew├Âhnt, mehr oder weniger.

Totale Fehlplanung

Knappe drei├čig bis f├╝nfunddrei├čig Jahre sp├Ąter spult der Film r├╝ckw├Ąrts. Das ├ľstrogen hat keine Lust mehr und zieht sich zur├╝ck. Der langsame R├╝cklauf jedoch funktioniert nicht in allen Bereichen so wie wir es gerne h├Ątten. Ich gebe zu, die Zeit ohne diesen monatlichen Dorn stelle ich mir recht angenehm vor. Die d├Ąmlichen Begleiterscheinungen jedoch m├╝ssten nicht sein. Hat das ├ľstrogen damals Brust und H├╝ften wachsen lassen, l├Ąuft das jetzt nicht unbedingt umgekehrt. Bl├Âde Sache. Der Br├╝ste schrumpfen zwar, das Gewebe aber bleibt und zieht nicht nur deine Selbstachtung nach unten. Die H├╝ften schrumpfen allerdings nicht. Sch├Ân w├Ąre es. Nein, sie wachsen weiter, weil der sich der Stoffwechsel ohne sein ├ľstrogen auch nicht mehr so frisch f├╝hlt und in aktive Altersteilzeit wechselt. Er ist zwar noch da, arbeitet jedoch nur noch anteilig. Wir setzen mehr Fett um die K├Ârpermitte an, um das in kalten Wintern zu sch├╝tzen, was wir dann sowieso nicht mehr brauchen. Totale Fehlplanung.

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K├Ânnten wir nicht auf die letzten Meter noch mal sch├Ân schlank, glatt und gestrafft sein? Nein, k├Ânnen wir nicht, weil die Natur vorsieht, nur die Geb├Ąrfreudigen und -f├Ąhigen ins Beuteschema fallen zu lassen. Verabschiedet sich bei uns das letzte Ei, k├Ânnen die Herrschaften noch so lange Nachwuchs zeugen, bis sie tot ├╝berm Pissoir h├Ąngen. Das ist der Gipfel der Evolutionsunversch├Ąmtheiten. Wenn dann kein finanzielles Polster zur besonderen Verf├╝gung tr├Ąge auf dem Konto liegt, um die Vielfalt der Sch├Ânheitschirurgie auszutesten, wird man sich weise und erhaben dem ganz nat├╝rlichen Prozess ├╝berlassen m├╝ssen. Wenn ich es mir so recht ├╝berlege, ich das angesichts der zuhauf in den Medien vertretenen Botox-Monster sicher nicht das Falscheste.

Wir Frauen m├╝ssen irgendwann mal w├Ąhrend der Sch├Âpfung ganz laut „Hier!“ geschrien haben. Hier, wir nehmen das k├╝nftige Leid aller Menschen auf uns, sind einmal im Monat unrein und geb├Ąren unter Schmerzen unsere Kinder – so wurde es zumindest – und wird es manchmal auch immer noch, von den verschiedenen Religionen gepredigt. Ein gut funktionierendes Modell? Nach dem Motto: „Never change a running system“?
Und die M├Ąnner? Das starke Geschlecht? Meine lieben Damen, liebe M├╝tter und Verb├╝ndete. Mal ehrlich, wie vielen M├Ąnnern gebt ihr die Chance eine Geburt zu ├╝berleben? Richtig. Keine. Die Menschheit w├Ąre ausgestorben, w├╝rden wir diesen Part dem starken Geschlecht ├╝berlassen!

Wechseljahre oder Midlife Crisis. Was ist besser?

In der Jugend k├Ąmpfen sie ebenfalls mit der Pubert├Ąt, den sprie├čenden Pickeln und – davor bleiben wir verschont – dem einhergehenden Stimmbruch. Kommen wir in die Wechseljahre, kommen sie in die Midlife Crisis. Das klingt besser. Ist es auch.

Haben wir Schwei├čausbr├╝che, weil die Hormone versuchen, sich auf Teufel komm raus gegenseitig zu ersetzen, haben sie Schwei├čausbr├╝che, wenn die nette junge Nachbarin ein zartes, junges „Hallo“ haucht. Haben wir Schwindelanf├Ąlle, weil der K├Ârper sich umstellt, ist ihnen schwindelig, wenn sie zu viel trinken oder sich mit Mitte f├╝nfzig noch mal ins Cabrio setzen (das sie sich erst jetzt leisten k├Ânnen) und zu schnell fahren.

Was f├╝r uns der T├Âpferkurs zur Selbstfindung, ist f├╝r sie die neue junge Frau mit der Wahnsinnsfigur. Ist die Midlife Crisis nichts anderes, als der verzweifelte Versuch eines alternden Mannes, seine Samen nochmals erfolgreich in die Welt zu streuen? Das Res├╝mee in der Lebensmitte? Reichen ihm Frau und Kinder? Ist der Job der richtige? Hat er alles getan, was er tun konnte? War es das jetzt? Er stellt seine Erfolge in Frage und sich in Szene. Einige setzen dann noch mal ganz neu auf.

Wenn ich detailliert dar├╝ber nachdenke, dann haben wir Frauen nicht nur die Wechseljahre sondern zu allem ├â┼ôberfluss die Midlife Crisis gratis dazu. Auch wir ziehen Res├╝mee und so manche fragt sich, ob es das jetzt war, mit dem ehemaligen Adonis, der inzwischen gesch├Ątzte 120 Kilos auf die Waage bringt, auf dem Sofa sitzt und weder seinen Geist noch seinen Hintern hochbekommt.

Wir versuchen, uns zu erhalten. Sie versuchen, sich zu vermehren. Ganz simpel eigentlich, wenn man es schwarz-wei├č sieht. Tun wir aber nicht, daf├╝r sind wir Frauen. Wir sind verst├Ąndnisvoll und beleuchten immer alles von allen Seiten, um es allen anderen und uns selbst Recht zu machen. Wir sind stolz darauf, was wir sind und insgeheim wissen wir, dass das vermeintlich „starke Geschlecht“ unterhalb von Weicheiern begrenzt ist. Und trotzdem lieben wir es!

Warum erz├Ąhle ich das alles? Nun ja, mit Mitte vierzig ist man eben keine drei├čig mehr.
In diesem Sinne

Eure Marietta

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen ├╝ber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos ├╝berzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k├Ąmpft, kann verlieren. Wer nicht k├Ąmpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir w├╝nschen unseren Lesern viel Lesespa├č mit ihren Texten!

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.