Dienstag, 25. September 2018

Mariettas Kolumne: Zwischen Wechseljahren und Midlife Crisis – oder einfach nur in der Lebensmitte?

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Rhein-Neckar, 24. Juli 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben Рmanchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der Realität. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich da manchmal die Sphären. Und wie ist das mit den Wechseljahren, der Midlife Crisis und mit den Männern? Kompliziert. Soviel steht fest.

Von Marietta Herzberger

Schwaches Geschlecht?

Mit ungefähr Mitte vierzig ist es erstrebenswert, persönliche Ziele, soweit vorhanden, annähernd erreicht zu haben oder sich zumindest in einem gewissen Zustand der Zufriedenheit zu befinden.

Gehen wir davon aus, das Projekt „Zielerreichung“ oder „angenehmer Zufriedensheitspegel“ wurde in weiten Teilen umgesetzt, so lehnt man sich zur√ľck, schaut sich das Ganze bewusst an und res√ľmiert: Alles wunderbar. Kann so bleiben.

Dann erwischt sie dich, die Erkenntnis, dass du massiv auf die Wechseljahre zusteuerst oder schon direkt drin bist. So genau kann das keiner sagen, weil diese individuellen Befindlichkeiten bei Frauen gut 15 Jahre dauern k√∂nnen. Die Grenzen zwischen Beginn und Ende sind flie√üend und k√∂nnen nicht mal hundertprozentig √ľber einen Hormontest fixiert werden. Je nach Tageszeit, Laune, Fett- und Antibiotikumgehalt der Vortagesmahlzeit.

Mal ehrlich: Haben wir als Frau nicht sowieso schon, und v√∂llig ungerechtfertigterweise, den Stempel des schwachen Geschlechtes? Kurz aufgelacht. Wir pubertieren im Laufe eines weiblichen Lebens gleich zweimal und zwischendrin bekommen wir im schlimmsten Fall einmal im Monat schreckliche Bauchkr√§mpfe, welche sich immer den besten Zeitpunkt, wie zum Beispiel den j√§hrlichen Urlaub, aussuchen. In jungen Jahren werden wir schlagartig mit √Ėstrogenen zugesch√ľttet, die Br√ľste wachsen, die H√ľften werden rund, die Pickel sprie√üen. Nach einer Weile lichtet sich das Hormonchaos und wir haben uns daran gew√∂hnt, mehr oder weniger.

Totale Fehlplanung

Knappe drei√üig bis f√ľnfunddrei√üig Jahre sp√§ter spult der Film r√ľckw√§rts. Das √Ėstrogen hat keine Lust mehr und zieht sich zur√ľck. Der langsame R√ľcklauf jedoch funktioniert nicht in allen Bereichen so wie wir es gerne h√§tten. Ich gebe zu, die Zeit ohne diesen monatlichen Dorn stelle ich mir recht angenehm vor. Die d√§mlichen Begleiterscheinungen jedoch m√ľssten nicht sein. Hat das √Ėstrogen damals Brust und H√ľften wachsen lassen, l√§uft das jetzt nicht unbedingt umgekehrt. Bl√∂de Sache. Der Br√ľste schrumpfen zwar, das Gewebe aber bleibt und zieht nicht nur deine Selbstachtung nach unten. Die H√ľften schrumpfen allerdings nicht. Sch√∂n w√§re es. Nein, sie wachsen weiter, weil der sich der Stoffwechsel ohne sein √Ėstrogen auch nicht mehr so frisch f√ľhlt und in aktive Altersteilzeit wechselt. Er ist zwar noch da, arbeitet jedoch nur noch anteilig. Wir setzen mehr Fett um die K√∂rpermitte an, um das in kalten Wintern zu sch√ľtzen, was wir dann sowieso nicht mehr brauchen. Totale Fehlplanung.

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K√∂nnten wir nicht auf die letzten Meter noch mal sch√∂n schlank, glatt und gestrafft sein? Nein, k√∂nnen wir nicht, weil die Natur vorsieht, nur die Geb√§rfreudigen und -f√§higen ins Beuteschema fallen zu lassen. Verabschiedet sich bei uns das letzte Ei, k√∂nnen die Herrschaften noch so lange Nachwuchs zeugen, bis sie tot √ľberm Pissoir h√§ngen. Das ist der Gipfel der Evolutionsunversch√§mtheiten. Wenn dann kein finanzielles Polster zur besonderen Verf√ľgung tr√§ge auf dem Konto liegt, um die Vielfalt der Sch√∂nheitschirurgie auszutesten, wird man sich weise und erhaben dem ganz nat√ľrlichen Prozess √ľberlassen m√ľssen. Wenn ich es mir so recht √ľberlege, ich das angesichts der zuhauf in den Medien vertretenen Botox-Monster sicher nicht das Falscheste.

Wir Frauen m√ľssen irgendwann mal w√§hrend der Sch√∂pfung ganz laut „Hier!“ geschrien haben. Hier, wir nehmen das k√ľnftige Leid aller Menschen auf uns, sind einmal im Monat unrein und geb√§ren unter Schmerzen unsere Kinder – so wurde es zumindest – und wird es manchmal auch immer noch, von den verschiedenen Religionen gepredigt. Ein gut funktionierendes Modell? Nach dem Motto: „Never change a running system“?
Und die M√§nner? Das starke Geschlecht? Meine lieben Damen, liebe M√ľtter und Verb√ľndete. Mal ehrlich, wie vielen M√§nnern gebt ihr die Chance eine Geburt zu √ľberleben? Richtig. Keine. Die Menschheit w√§re ausgestorben, w√ľrden wir diesen Part dem starken Geschlecht √ľberlassen!

Wechseljahre oder Midlife Crisis. Was ist besser?

In der Jugend kämpfen sie ebenfalls mit der Pubertät, den sprießenden Pickeln und Рdavor bleiben wir verschont Рdem einhergehenden Stimmbruch. Kommen wir in die Wechseljahre, kommen sie in die Midlife Crisis. Das klingt besser. Ist es auch.

Haben wir Schwei√üausbr√ľche, weil die Hormone versuchen, sich auf Teufel komm raus gegenseitig zu ersetzen, haben sie Schwei√üausbr√ľche, wenn die nette junge Nachbarin ein zartes, junges „Hallo“ haucht. Haben wir Schwindelanf√§lle, weil der K√∂rper sich umstellt, ist ihnen schwindelig, wenn sie zu viel trinken oder sich mit Mitte f√ľnfzig noch mal ins Cabrio setzen (das sie sich erst jetzt leisten k√∂nnen) und zu schnell fahren.

Was f√ľr uns der T√∂pferkurs zur Selbstfindung, ist f√ľr sie die neue junge Frau mit der Wahnsinnsfigur. Ist die Midlife Crisis nichts anderes, als der verzweifelte Versuch eines alternden Mannes, seine Samen nochmals erfolgreich in die Welt zu streuen? Das Res√ľmee in der Lebensmitte? Reichen ihm Frau und Kinder? Ist der Job der richtige? Hat er alles getan, was er tun konnte? War es das jetzt? Er stellt seine Erfolge in Frage und sich in Szene. Einige setzen dann noch mal ganz neu auf.

Wenn ich detailliert dar√ľber nachdenke, dann haben wir Frauen nicht nur die Wechseljahre sondern zu allem √ÉŇďberfluss die Midlife Crisis gratis dazu. Auch wir ziehen Res√ľmee und so manche fragt sich, ob es das jetzt war, mit dem ehemaligen Adonis, der inzwischen gesch√§tzte 120 Kilos auf die Waage bringt, auf dem Sofa sitzt und weder seinen Geist noch seinen Hintern hochbekommt.

Wir versuchen, uns zu erhalten. Sie versuchen, sich zu vermehren. Ganz simpel eigentlich, wenn man es schwarz-wei√ü sieht. Tun wir aber nicht, daf√ľr sind wir Frauen. Wir sind verst√§ndnisvoll und beleuchten immer alles von allen Seiten, um es allen anderen und uns selbst Recht zu machen. Wir sind stolz darauf, was wir sind und insgeheim wissen wir, dass das vermeintlich „starke Geschlecht“ unterhalb von Weicheiern begrenzt ist. Und trotzdem lieben wir es!

Warum erzähle ich das alles? Nun ja, mit Mitte vierzig ist man eben keine dreißig mehr.
In diesem Sinne

Eure Marietta

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.