Mittwoch, 23. August 2017

Gabis Kolumne

Eine Frage der Ehrlichkeit

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Guten Tag!

Heddesheim, 19. April 2010. Wie ehrlich sind wir im Umgang miteinander? Wie ehrlich sind wir mit uns selbst? Was ist uns Ehrlichkeit wert? Gabi stellt die Systemfrage.

Vor Kurzem traf ich mich mit einer Freundin, die gleich nach der BegrĂŒĂŸung jammerte: „Ich hab so viel zugenommen“. „Stimmt“, antwortete ich und merkte aber gleich, dass sie das nicht hören wollte.

So ist das mit der Ehrlichkeit.

„Sag, mir ganz ehrlich, wie du meinen neuen Haarschnitt findest?“, haben Sie diese (oder auch Ă€hnliche) Frage nicht auch schon oft gehört? Meistens antwortet man nun: „Das steht dir absolut gut. Sieht klasse aus.“ Und zwanzig Jahre spĂ€ter: „Das macht Dich viel jĂŒnger…“.

Ehrliche Momente?

Freunde von uns haben sich letztes Jahr ein Haus gekauft. Wir waren zur „House-Warming-Party“ eingeladen.

Stolz prĂ€sentierten die Hausbesitzer ihr neues Wohnzimmer und ich dachte nur, „Geschmackloseres habe ich noch nie gesehen“.

„Na, und wie gefĂ€llt’s dir“, fragte unser Freund. „Ja, doch, ganz schön“, stammelte ich etwas unbeholfen. „Klasse“, sagte mein Mann und zwinkerte mir dabei verschwörerisch zu.

Ja, und da gibt’s ja noch die Geschenke. Zu meinem letzten Geburtstag habe ich von einer guten Bekannten eine Vase geschenkt bekommen, die an Kitsch kaum zu ĂŒbertreffen war. Brav bedankte ich mich und sagte, ich fĂ€nde die Vase ganz besonders originell. Nicht wirklich ehrlich, aber auch nicht direkt gelogen.

„Das Ding willst du nicht wirklich aufstellen“, sagte mein Mann am Abend. „Sag’ deiner Freundin doch, sie soll es umtauschen“. Das Problem löste sich am nĂ€chsten Tag sehr schnell, meine Mutter war von der Vase begeistert und sie schmĂŒckt jetzt ihre Fensterbank.

HĂ€rter wird’s mit der Ehrlichkeit, wenn es um MĂ€nner geht. Eine Freundin, die lĂ€ngere Zeit alleine war, lernte einen Mann kennen und schwĂ€rmte von ihm in höchsten Tönen.

Nach der ersten Begegnung mit ihm, wusste ich genau: Das wird nichts. Ich machte bei ihr zaghafte Andeutungen, nach dem Motto: Bevor ich mehr dazu sagen kann, muss ich ihn erst besser kennen lernen.

Doch ihre Begeisterung ließ sich nicht bremsen. Drei Monate spĂ€ter war die Beziehung zu Ende und sie saß bei mir und konnte ihr UnglĂŒck kaum fassen.

Ehrlichkeit und die Folgen.

Dummerweise konnte ich mir ein eitles „Ich hab das von Anfang an gewusst, dass daraus nichts wird“, nicht verkneifen. „Was bist du fĂŒr eine Freundin, wenn du mir nicht die Wahrheit sagst?“, entgegnete sie vollkommen empört. Und jegliche Versuche, sie zu beschwichtigen, fruchteten nichts. Und sie hat zwei Wochen nichts mit mir gesprochen.

Haben sie schon mal die Kinder ihrer Bekannten und Freunde kritisiert. Und ich meine jetzt nicht auf der Heimfahrt im Auto bei ihrem Mann à la „Hast du gesehen, wie sich diese Kinder aufgefĂŒhrt haben ñ€©“. Sondern ganz offen und ehrlich.

Ich habe es kĂŒrzlich getan und habe seitdem Streit mit meiner Freundin. Seit Jahren beschwert sie sich immer wieder ĂŒber ihre Tochter. Sie sei so frech, habe kein Respekt, ließe sich nichts sagen und und und.

Nachdem ich dann selbst miterlebte, wie ihre Tochter sie behandelt, nahm ich sie zur Seite und bestĂ€tigte ihr, dass ich ihr vollkommen Recht gĂ€be, dies sei kein Benehmen und sie mĂŒsse jetzt rigoros durchgreifen.

Meine Freundin hat seitdem nicht mehr mit mir gesprochen.

Ein HĂ€rtetest fĂŒr Beziehungen sind auch immer wieder Lebenseinstellungen. Eine Freundin erzĂ€hlte mir, an Ostern sei es beim Familientreffen auf das Thema „Hartz IV“ gekommen und sie habe noch versucht durch Fußtritte unter dem Tisch ihren Mann zurĂŒckzupfeifen, aber das war erfolglos.

Man trennte sich nach einer hitzigen Diskussion und total zerstritten.

Da fragt man sich nun: Wie ist das mit der Ehrlichkeit?

Eine gute Freundin sagte zu mir: „Ich möchte von dir nicht kritisiert, sondern verstanden werden“.

Ist das die Lösung?

Ist es. Wer ehrlich wissen will, wie es ist, muss ehrlich fragen.

Und der andere muss ehrlich antworten.

Damit bleibt alles eine Frage der eigenen Ehrlichkeit.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.