Dienstag, 12. Dezember 2017

Alemannen-Siedlung "Mitten im Feld"

Archäologen vermuten mehr Funde

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Backofenrest mit aufliegenden, fragmentierten Mühlsteinen. Er wird auf eine Zeit zwischen 300 bis 450 nach Christus datiert. Foto: rem

 

Heddesheim, 18. Dezember 2013. (red/ld) Schlummert unter der Gemeinde eine archäologische Sensation? Im November hatten Archäologen Reste einer Siedlung aus dem Frühmittelalter im enstehenden Neubaugebiet „Mitten im Feld“ gefunden, die den Alemannen zugeordnet wird. Das sei einmalig in Baden-Württemberg, sagt der begleitende Archäologe Dr. Klaus Wirth. Er rechnet mit weiteren Funden, wenn die Häuser gebaut werden.

Von Lydia Dartsch

Im Zuge der Erschließungsmaßnahmen für „Mitten im Feld“ war Dr. Klaus Wirth, Archäologe bei den Reiss-Engelhorn Museen Mannheim, vom Regierungspräsidium Karlsruhe damit beauftragt worden, die Arbeiten archäologisch zu begleiten. Bevor die Bagger zum Verlegen von Wasserrohren anrückten, buddelten er und seine acht ehrenamtlichen Helfer nach Überresten vergangener Zeiten.

Sie stießen auf eine Sensation: Mehrere kleine Gräben, die möglicherweise als Abgrenzungen von Grundstücken gedient haben könnten. Lehmfußböden mit darunter liegenden Holzpfosten lassen auf frühmittelalterliche Häuser schließen und Abfallgruben mit römischen Scherben (Terra Sigillata), Metallfragmenten, Spinngürtel und Glas. Die Fundstücke stammen aus der Zeit zwischen 300 und 450 nach Christus, sagt Dr. Wirth. Er ist sich sicher:

Hier gab es eine frühmittelalterliche Handwerkersiedlung.

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Die Fundstellen befanden sich nur ca. 100 m nördlich der Johann-S.-Bach-Straße. Auf Grundstücken angrenzender Wohnhäuser wurden bereits Gräber der Franken (Merowinger) aus dem 06. Und 07. Jahrhunderts gefunden. Foto: rem

Wie große diese war, sei anhand der Funde noch nicht abzuschätzen, sagt er. Nur 100 Meter nördlich der Johann-Sebastian-Bach-Straße fanden die Archäologen drei Gruben mit insgesamt zehn Backöfen, in denen Brot gebacken worden war. Dies verleitet zu der Annahme, dass die Siedlung groß gewesen sein könnte. Der Spinngürtel lässt auf Textilherstellung und -verarbeitung schließen. Gefundene Schlackereste und ein Ambossstein auf Metallverarbeitung.

Der Fund sei einmalig für Baden-Württemberg, sagt Dr. Wirth. Bisher hatte man in der Rhein-Neckar-Region vor allem Gräber von Alemannen gefunden. Aber keine Siedlungen. Solche Reste gab es bisher nur in Süddeutschland oder der Schweiz zu finden.

Um die Größe der frühmittelalterlichen Siedlung abzuschätzen, müsse man ein Gräberfeld finden. Auch das vermutet er unter „Mitten im Feld“ und sogar im angrenzenden Musikerviertel Heddesheims. Allerdings liegen diese Überreste tiefer, als bisher gegraben wurde. Wenn der Ortsteil bebaut wird, werde man sehen, sagt Dr. Wirth. Er werde die Bauarbeiten weiter begleiten. Zu Verzögerungen soll es dabei aber nicht kommen, sagt er:

Wenn die Bauherren mich rechtzeitig einbeziehen, können mein Team und ich fertig sein, bevor der Hausbau beginnt.

Die gefundenen Fragmente werden derzeit in den Reiss-Engelhorn-Museen gereinigt, fotografiert und dokumentiert. Dr. Wirth will zudem einen Artikel in der Fachzeitschrift „Archäologische Ausgrabungen Baden-Württemberg“ über den Fund in Heddesheim veröffentlichen.

Wie viele solcher archäologischen Schätze noch unter den Häusern Heddesheims schlummern, vermag er nicht zu sagen. Insgesamt würden nur wenige Baumaßnahmen archäologisch begleitet. Er allein sei verantwortlich für Baumaßnahmen im Bereich Stadt Mannheim. Alle könnten er und sein Team nicht begleiten. Dafür seien sie zu wenige Mitarbeiter.

Die Zusammenarbeit mit Heddesheim bezeichnet Dr. Wirth deshalb als Glücksfall. Von Beginn an habe er das Neubaugebiet archäologisch begleiten können. Wenn es nach ihm ginge, würde jede Baumaßnahme archäologisch begleitet. Andernfalls würden Überreste zerstört oder möglicherweise nie gefunden. Die Umsetzung scheitere bisher am Personal, sagt er:

Theoretisch bräuchte man Kreisarchäologen und Stadtarchäologen für jede größere Stadt.

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Blick in eine Arbeitsgrube mit seitlich angeschlossenen Öfen, die vermutlich dem Brotbacken dienten. Zentral zwei „Spolien“, Fragmente römischer Säulen, die eventuell als Ambosssteine dienten. Foto: rem

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Blick in eine kleine Arbeitsgrube mit seitlich gelagerten Öfen. Auf dem Versturz des Ofens Bild rechts Fragmente von Mühlsteinen, ein Hinweis auf die Verarbeitung von Getreide. Foto: rem

Über Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.